Posts mit dem Label John Fisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label John Fisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 11. Oktober 2020

560. »Gilgamesch und Golem«

Teil 560 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ein angebliches
Gilgamesch-Relief.
Meine Recherchen in Sachen Golem führten mich zurück zu meinen ersten Veröffentlichungen, die vor über vierzig Jahren erschienen sind. So wurde meine Beschäftigung mit dem Golem für mich eine persönliche Reise in die eigene Vergangenheit, bevor ich zu ergründen versuchte, was vor Jahrtausenden geschah.

John Fisch (*1942; †1984) gab 1979 erstmals sein grenzwissenschaftliches »Magazin 2000« heraus. Ich war einer der ersten Autoren dieses Blatts. Am 14. Juni 1979 berichtete ich in München über »Die Sache mit den Urtexten«. Nach meinem Vortrag sprach mich John Fisch an. Er fragte mich, ob ich nicht ein Buch für seinen jungen Verlag schreiben wolle. Stolz berichtete ich dem sympathischen John Fisch, dass ich »kürzlich« ein Manuskript zum Thema »Astronautengötter« abgeschlossen hatte. John Fisch bat mich, ihm das Manuskript zu schicken. Zu meiner unbeschreiblichen Freude entschied er, das Buch zu publizieren. Ich beschloss, mein Theologiestudium abzubrechen. Bereits Weihnachten 1979 erschien mein erstes Buch, »Astronautengötter – Versuch einer Chronik unserer phantastischen Vergangenheit« im Verlag von John Fisch, Luxemburg. Im Oktober 2013 erschien eine neuerlich überarbeitete und aktualisierte Ausgabe meines Erstlings im Verlag von Werner Betz als eBook (2).

Einige meiner Ex-Kommilitonen empörten sich über den Passus: »Den Robotern begegnen wir aber
Foto 2: »Astronautengötter«
(Originalausgabe 1979).
nicht nur in der griechischen Mythologie, sondern auch im Alten Testament, wo sie als Gehilfen der Götter gefährliche Aufgaben erfüllen müssen. … Einige Menschen werden vor der atomaren Vernichtung von Sodom und Gomorrha in die beiden Städte geschickt, um Lot und dessen Familie sowie seine nächsten Verwandten zu warnen und zu retten. Ebenso im Auftrag der Astronautengötter bewachen mit fürchterlichen Waffen ausgerüstete Cherubim Gebiete, die von Menschen nicht betreten werden dürfen. Mit dem ›flammenden blitzenden Schwert‹ sind sie den Menschen mit ihren primitiven Waffen haushoch überlegen.«

Vom legendären Gilgamesch-Epos existieren verschiedene Fassungen. Diverse Fragmente wurden gefunden. Als Gesamtepos ist es ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. bekannt. Älter freilich ist die sumerische Erzählung »Gilgamesch und Ḫumbaba«, die von den Redakteuren des Gilgamesch-Epos verarbeitet wurde.

Es gibt keine Statue aus alten Zeiten, die definitiv Gilgamesch darstellen soll. Im Louvre kann man in der »Abteilung für orientalische Altertümer« im Richelieu-Flügel (Erdgeschoss, Raum 4) ein Flachrelief bestaunen, das gern als Darstellung des legendären Gilgamesch bezeichnet wird. Paul-Émile Botta hat das Kunstwerk bei Ausgrabungen in den Jahren 1843 und 1844 gefunden. Das Flachrelief gehörte einst zur Fassade des Thronsaals im assyrischen Palast von Sargon II in Khorsabad Dur Šarrukin (Assyrien, heute Irak). Es soll im 8. Jahrhundert v.Chr. entstanden sein.

Vor rund vier Jahrtausenden verbreitete »Ḫumbaba«, das wissen wir aus der mesopotamischen Mythologie, Angst und Schrecken. Wer oder was war »Ḫumbaba«, alias »Ḫubaba«, alias »Ḫuwawa«? Mir scheint, das wussten die Verfasser der mysteriösen Texte (3) vor vier Jahrtausenden nicht. Das monströse Wesen, so überliefern es die alten Texte, wurde von Gott Enlil eingesetzt, um Menschen am Betreten einer Region am Libanon zu hindern. Warum?

Enlil genoss höchstes Ansehen, galt er doch als Hauptgott des sumerischen und akkadischen Pantheons. Er wurde als »König von Himmel und Erde, König der Länder, Vater der Götter« gepriesen und in verschiedenen Heiligtümern angebetet. Nippur (sumerisch Nibru, akkadisch Nibbur) war eine sumerische Stadt, deren Geschichte bis in 5. Jahrtausend v. Chr. zurückgeht. Sie liegt etwa 180 km südöstlich des heutigen Bagdad (Irak). Wie bedeutsam der Gott einst war, das verrät sein Ehrentitel, der da lautete »König von Himmel und Erde, König der Länder, Vater der Götter«.

Enlil setzt nun ein Monster zum Schutz einer bewaldeten Region, heute im Libanon gelegen, ein. Lesen wir nach bei James B. Pritchard (4) im Kapitel »Akkadian Myths and Epics« (»Akkadische Mythen und Epen«):

»Um den Zedernwald zu schützen,
als Terror für die Sterblichen hat Enlil ihn ernannt.
Ḫumbaba – sein Brüllen ist die Sturmflut,
sein Mund ist Feuer, sein Atem ist Tod.«

Foto 3: Mein Erstling
»Astronautengötter«
in der Ullstein Taschenbuchausgabe.
Dietz-Otto Edzard (*1930; †2004) gilt als einer der führenden deutschen Altorientalisten des 20. Jahrhunderts. Am 5. Februar 1993 hielt er einen Vortrag für die »Bayerische Akademie der Wissenschaften«: »Gilgames und Ḫuwawa«. Dietz-Otto Edzard enthüllt einige Details über den Kampf zwischen Gilgames(ch) und Ḫuwawa. So verfügt Ḫuwawa über einige Waffen, die eher zu einem Kampfroboter als zu einem mythologischen Wesen passen. Bis heute sind Altorientalisten mit der Übersetzung der entsprechenden Passen überfordert. Technische Lösungen für wundersame Waffen werden erst gar nicht in Erwägung gezogen. Mit Bedacht werden Ausdrücke, die eher in die Beschreibung modernster Waffentechnologie als in einen mythischen Text passen, vermieden. Zog Gilgamesch in den Kampf gegen ein Monster aus Fleisch und Blut oder gegen einen Roboter? Wie man den Text auch versteht: Die Kreatur Ḫuwawa verliert. Interessant ist ein Hinweis auf Ḫuwawas Waffen. 

Dietz-Otto Edzard (6): »Gilgames(ch) wird von einem ›Schrecken‹ oder ›Glanz‹ getroffen, den der aufgescheuchte Waldwächter losläßt.« In einer Fußnote versucht Dietz-Otto Edzard zu erklären (7): »Version ›A‹ verwendet nf-te ›Angst‹ für die Strahlen, mit denen sich Ḫuwawa schützt und mit denen er einen Feind bekämpfen kann. Für die dem Totenhaupt Ḫuwawas noch anhaftenden ›Auren‹ gebraucht Version ›A‹ den Ausdruck ›me-läm‹ ›(Strahlen)glanz‹. Version ›B‹ bietet dagegen me-läm für den gegen Gilgames ausgesandten ›Glanz‹ sowie für die ihm später ausgehändigten Schutzstrahlen.«

Ḫuwawa lässt also etwas gegen Gilgames(ch) los: »Schrecken« oder »Glanz«, »schützende Strahlen«, die sowohl der Verteidigung als auch dem Angriff dienen können. Offensichtlich geht von diesen Waffen noch Gefahr aus, als Ḫuwawa schon besiegt danieder liegt.

Bei dem »Glanz« handelte es sich nicht um eine optische Verschönerung, sondern um eine Waffe (8): »Kam der Glanz des Ḫuwawa wie ein Speer herangeflogen.« Insgesamt verfügte Ḫuwawa über sieben dieser Glanzwaffen. Als Ḫuwawa Gilgamesch und seinen Begleiter Enkidu bemerkt, feuert er seinen ersten »Schreckensstrahl« ab. Unklar ist, ob Ḫuwawa Waffen ablegt oder abfeuert. 

Nach wie vor sind die verschiedenen Textfassungen nur bruchstückhaft erhalten. Es fehlen immer wieder Teile, wenn Fragmente von Tontafeln wieder zusammengesetzt werden. Selbst wenn längere Textpassagen erhalten sind, sind da und dort ganze Zeilen oder nur Wortfragmente unleserlich geworden. Leider verschlechterte sich der Zustand der kostbaren Texttafeln in den vergangenen Jahrzehnten. Samuel Noah Kramer (*1897; †1990), Autor eines Bestsellers über Sumer (9), fertigte 1947 mit großer Sorgfalt Kopien der altehrwürdigen Texte an. Seither bröckelten leider Teile der Tafeln ab. 

Es bleibt einiger Raum für Spekulationen. In der Wissenschaft versucht man, Textlücken zu schließen. Man ergänzt. Aber wie? Das Problem: Je nachdem, wie man die Textlücken füllt, kann bei jedem Interpreten etwas ganz anderes herauskommen. Je nachdem wie man die Textfragmente übersetzt, können wiederum ganz unterschiedliche Bedeutungen herauskommen. Je größer die Schäden am Text, je größer die Lücken im Text sind, desto mehr Fantasie kommt zum Einsatz, um einen Text zu komplettieren. Meiner Meinung darf man keine Interpretation eines Textes von vornherein ausschließen.

1969 schlug Erich von Däniken in seinem zweiten Weltbestseller »Zurück zu den Sternen« vor, dass es sich bei Ḫuwawa um einen Roboter gehandelt haben könnte (10). Ich teile seine Meinung.

Heftige Diskussionen löste »Kapitel 10« meines Buches »Astronautengötter« aus: »Kampfmaschinen der Götter?« Besonders intensiv debattiert wurde über das Unterkapitel »Roboter in der Mythologie verschiedener Völker!« Ich widmete in meinem Erstling »Astronautengötter« vorzeitlichen Robotern ein eigenes Unterkapitel »Roboter in der Mythologie verschiedener Völker« und forderte schließlich (11): 

Foto 4: »Astronautengötter«
(polnische Ausgabe).
»Es ist endlich an der Zeit, dass sich Fachgelehrte einmal heilige Bücher und Mythen nochmals in der Originalsprache vornehmen. Oftmals sind die heute benutzten Übersetzungen 100 und mehr Jahre alt. Sie entstanden zu Zeiten, in denen technische Gerätschaften wie Roboter und Kampfmaschinen vollkommen unbekannt waren. Noch so korrekte Übersetzer waren schlichtweg überfordert, wenn es darum ging, etwa Beschreibungen technischer Apparaturen vom Griechischen ins Deutsche zu übersetzen. Mit dem Hintergrundwissen unserer Tage müssen die alten Texte nochmals neu übersetzt werden – ohne Scheu vor kühnen Gedanken!«

Man muss allerdings die Frage stellen, wie groß die Bereitschaft ist, bislang anerkannte Übersetzungen zu verwerfen und durch neue zu ersetzen. Wer in der wissenschaftlichen Welt der Universitäten Karriere machen möchte, wird darauf verzichten, als gesichert geltende Übersetzungen anzuzweifeln und womöglich fantastisch anmutende Übersetzungen zu bevorzugen. Wer im Elfenbeinturm der Wissenschaften empor steigen möchte, baut auf altbewährte Fundamente auf und zieht sie nicht in Zweifel. Der Universitätsdozent mit Ambitionen möchte Professor werden. Also wird er in seinen Publikationen die Ansichten »seines« Professors nicht anzweifeln, sondern bekräftigen. Der Professor wird ihn dann fördern. Andersdenkende, die offen zu neuen Ideen und Vorstellungen gehen, werden hingegen gern lächerlich gemacht. Was altehrwürdige Texte angeht, so haben neue, vermeintlich kühne Übersetzungen zunächst so gut wie keine Chance.

Nach Erscheinen meines Erstlings »Astronautengötter« erhielt ich immer wieder Einladungen. Man bat mich, über mein Buch den einen oder den anderen Vortrag zu halten. Besonders heftig wurde im Anschluss meiner Vorträge darüber diskutiert, ob es sich bei Ḫuwawa tatsächlich um einen Roboter gehandelt haben kann, der mit fürchterlichen Waffen ausgestattet war. Zu meiner großen Verblüffung erklärte mir ein Besucher eines meiner Vorträge in Unterfranken, als fast alle übrigen Teilnehmer schon gegangen waren: »Ḫuwawa kann natürlich ein Roboter gewesen sein! Der echte Golem war ja ganz bestimmt einer!« 

War Ḫuwawa auch ein Roboter, eine Art Golem?



Fußnoten
(1) Langbein, Walter-Jörg: »Astronautengötter – Versuch einer Chronik unserer phantastischen Vergangenheit«, Luxemburg 1979. Das Buch erschien zunächst als gebundene Ausgabe, später – auch bei John Fisch – als überarbeitetes Softcover, schließlich bei Ullstein als Taschenbuch und in diversen fremdsprachigen Übersetzungen.
(2) https://www.amazon.de/Astronauteng%C3%B6tter-Walter-J%C3%B6rg-Langbein-ebook/dp/B00FVTXRT6/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=Langbein+Astronauteng%C3%B6tter&qid=1593362877&s=digital-text&sr=1-1
(3) Pritchard, James B.: »Ancient Near Eastern Texts«, Princeton University Press, Princeton, 1969. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein.
(4) Ebenda, Seite 79, rechte Spalte, »Tablet III, IV. Originalzitat:
»To safeguard the Cedar Forest,
As a terror to the mortals has Enlil appointed him.
Ḫumbaba - his roaring is the storm-flood,
his mouth is fire, his breath is death.«
(5) Dietz-Otto Edzard: »Gilgames(ch) und Ḫuwawa/ Zwei Versionen der sumerischen Zedernwaldepisode nebst einer Edition von Version ›B‹«, Bayerische Akademie der Wissenschaften/ Philosophisch-Historische Klasse, Sitzungsberichte Jahrgang 1993, Heft 4, Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Kommission bei der C. H. Beck’schen Verlagsbuchhandlung München, 1993
(6) Ebenda, Seite 10, 8.-10. Zeile von oben
(7) Ebenda, Seite 10 unten und Seite 11 unten, Fußnote 25
(8) Ebenda, Seite 24/67.
(9) Kramer, Samuel Noah: »Die Geschichte beginnt mit Sumer«, Frankfurt a.M. 1959
(10) Däniken, Erich von: »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche«, Düsseldorf 1969, Seite 269, 8. Zeile von unten bis Seite 270, 11. Zeile von unten
(11) Langbein, Walter-Jörg: »Astronautengötter/ Die Chronik unserer phantastischen Vergangenheit«, Ullstein-Taschenbuch, Berlin 1995, Seite 91, 3.-14. Zeile von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Ein angebliches Gilgamesch-Relief. Foto Wikimedia commons/ public Domain/ Jastrow
Foto 2: »Astronautengötter« (Originalausgabe 1979). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mein Erstling »Astronautengötter« in der Ullstein Taschenbuchausgabe. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Astronautengötter« (polnische Ausgabe). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


561. »Von der Magie des göttlichen Namens«,
Teil 561 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 18. Oktober 2020

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 27. März 2011

62 »Die Tänzer von Zurla oder....«

Kino für die Steinzeitmenschen«,
Teil 62 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Weihnachten 1979 erschien mein erstes Buch: »Astronautengötter – Versuch einer Chronik unserer phantastischen Vergangenheit«. John Fisch, der Initiator und Herausgeber von »Magazin 2000«, brachte es heraus. Am »Heiligen Abend« traf das erste Exemplar druckfrisch aus Luxemburg bei mir ein. Das Coverfoto hatte ich mit einfachsten Mitteln selbst erstellt. Dieses Coverfoto erinnert mich an eine meiner ersten Reisen auf den Spuren der Geheimnisse unseres Planeten....
.
Cover meines ersten Buches,
1979 erschienen
Die zermürbende Situation ist mir sehr lebhaft präsent. Es regnet in Strömen. Die Kleidung klebt mir am Körper. Ich stecke meine Kamera unters Hemd, um sie etwas zu schützen. Ich rutsche und stolpere weiter. Bis ich schließlich aufgebe und mich erschöpft und enttäuscht auf einen flachen Stein am Boden niederlasse. Sobald der Regen etwas nachlässt, will ich mich auf den Rückweg machen. Der Regenschauer hält aber unverändert an. Ich suche nach der Bleistiftzeichnung mit der Karte, vergeblich. Ich schimpfe vor mich hin. Die »Tänzer von Zurla« hatten mich ins Val Camonica gelockt.... und nun sollte ich sie nicht finden... wenn es denn Tänzer sind. Im Lauf der Jahre habe ich eine ganze Reihe von Bezeichnungen gelesen. In der Fachliteratur wird oft von »Tänzern« gesprochen, aber auch von »Priestern« mit ihren »rituellen Geräten«. Oder sind es doch »Jägern mit Pfeil und Bogen«? Oder wurden da »Musiker mit Instrumenten«, »Magier bei rituellen Beschwörungen« oder »Wesen im Weltraumanzug mit mathematischen Symbolen« in den Stein geritzt?
. 
Tänzer, Gott oder Astronaut
 So sehr ich mich auf die geheimnisvolle Gravur von Zurla gefreut habe, so enttäuscht bin ich jetzt. Ich will aufstehen, aus der unbequemen Hocke hochkommen und stütze mich mit dem rechten Arm ab. Der vom Regenwasser überschwemmte flache glatte Stein hat nun eine dunkelgraue, matt glänzende Farbe angenommen. Mein Blick fällt... auf einen der »Zurla Tänzer«. Die uralte Gravur ist etwa so groß wie eine Hand. Was stellt sie dar? Die Ähnlichkeit mit einem schwerelos im All schwebenden Astronauten ist verblüffend. Es bedarf keiner überhitzten Fantasie, um den etwas plump wirkenden Raumanzug auszumachen. Sogar der Helm ist zu erkennen. Was die einen vielleicht als »göttlichen Strahlenkranz« ausmachen.... interpretieren andere als gläserne Kuppel eines Raumfahrerhelmes. Dahinter zeichnet sich schemenhaft das Gesicht eines … Gottes oder Astronauten ab? Ich bemerke nicht, dass der Regenschauer nun sintflutartige Ausmaße annimmt... Ich fotografiere. Der zweite »Tänzer von Zurla« ist etwas schwächer zu erkennen. Ein Riss im Fels hat einen Teil der kleinen Ritzzeichnung beschädigt. Ich gehe in die Knie und zeichne mit Kreide Millimeter für Millimeter nach. Mit dem Fotografieren muss ich mich beeilen, den der massive Regen spült die sanft aufgetragene Kreide wieder weg. 
. 
Der Zweite im plumpen Anzug
 Wesen mit »Strahlenkranz« - oder »Helm« - sind so selten nicht im Val Camonica. So gibt es ein ein zweites Pärchen, fast identisch mit den »schwebenden Gestalten« von Zurla. Etwa einen halben Kilometer westlich von Capo di Ponte entdeckten Archäologen bei Zurla eine steinzeitliche Stele. Sie ist, ich habe es ausgemessen 80 Zentimeter breit und 1,30 Meter hoch. Während die Steinzeitkünstler über die Jahrtausende hinweg ihre Gravuren fast ausschließlich auf natürlichen Felsplatten am Boden verewigten... wurde hier so etwas wie ein aufrecht stehendes Denkmal geschaffen. Auf der Vorderseite stehen zwölf menschliche Gestalten in drei Reihen. Sie machen auf mich den Eindruck eines Komitees, das aus feierlichem Anlass zusammengetreten ist. Die zwölf Personen fassen sich an den Händen und begrüßen – oder verabschieden – eine dreizehnte Gestalt. Auf der Rückseite haben sich fünfzehn Personen versammelt, in ganz ähnlicher Positur. Auch sie haben sich in Reihen – es sind vier – aufgestellt. Auch sie, so wirkt es auf mich, sind zu Ehren dieser einen großen Gestalt angetreten. Und dieses eine Wesen trägt – wie die »Tänzer von Zurla« - einen helmartigen Strahlenkranz!

.
Detail der Begrüßungsszene
Im Verlauf der letzten vierzig Jahre war ich wiederholt im Val Camonica. Viele Kilometer habe ich zum Teil in unwegsamem Gelände zurückgelegt und dabei immer wieder neue Steingravuren entdeckt. Viele waren schon so stark verwittert, dass kaum noch etwas zu erkennen war. Es überwiegen Alltagsszenen: Menschen bei der Jagd, Menschen im kriegerischen Kampf, Menschen in dörflich-ländlicher Umgebung vor Pfahlbauten. Verewigt wurden auch Tiere, vermutlich die Jagdbeute der Menschen der Steinzeit. Vereinzelt entdeckte ich seltsame Zeichnungen, die Fragen aufwerfen... die bis heute nicht beantwortet werden konnten. So fotografierte ich eine seltsam geometrische Darstellung. Jahre später zeigte ich einige meiner Fotos dem Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy. Der Gelehrte machte mich auf ein Detail aufmerksam, das mir beim Fotografieren gar nicht aufgefallen war... Was hat da ein Steinzeitkünstler in den Fels geritzt? Ich sah zwei merkwürdige, geometrisch wirkende Objekte. Sie passten so gar nicht in die Welt der Steinzeitmenschen vor Jahrtausenden. Über diesen kuriosen Gegenständen aber befindet sich – winzig klein – die Darstellung eines kurios anmutenden Tieres.
.
Geometrische Formen mit einem
seltsamen Tier darüber
Prof. Hans Schindler-Bellamy kommentierte: »Das Tier sieht... wie ein Saurier aus!« So fantastisch der Gedanke auch anmutet, tatsächlich ist die Ähnlichkeit mit einem Tier der Urzeit auffallend. Der Körper wirkt massiv und gedrungen. Die kurzen Beinchen haben schwere Last zu tragen. Der winzige Kopf sitzt an einem langen dürren Hals... wie bei einem Saurier! Wie aber soll ein Steinzeitkünstler vor einigen Jahrtausenden dazu in der Lage gewesen sein, einen Saurier abzubilden? Die Antwort scheint einfach zu sein: Kein Steinzeitmensch kann je einen Saurier gesehen haben. Kein Steinzeitmensch kann also ein solches Urmonster in den Fels geritzt haben. Und doch existiert das rätselhafte Bild! Wenn wir doch nur die Botschaft der Bibliothek vom Val Camonica wie ein Buch lesen könnten! Vielleicht muss man gar nicht versuchen, die unzähligen Bilder zu lesen! Vielleicht muss man sie betrachten: wie einen Kinofilm! Dr. Frederick Baker und Dr. Christopher Chippindale (beide Universität Cambridge) ließen mit einer völlig neuartigen Interpretation der Bilder aus der Steinzeit in ganz ungewohntem Licht erscheinen! Nach Ansicht der Gelehrten fügten sich die unzähligen Einzelbilder im Hirn der steinzeitlichen Betrachter zu einem Film zusammen! Spielte in einem dieser »Filme« ein Saurier mit?
.

Das kuriose Tier
Dr. Frederick Baker fasst die These vom »prähistorischen Kino« so zusammen: »Die Felszeichnungen sind unserer Meinung nach keineswegs bloße Bilder, sondern aktiver Teil einer audiovisuellen Performance.« Mag sein, dass die Steinzeitmenschen über mehr Fantasie verfügten als wir ach so intelligenten Kinder des dritten Jahrtausends nach Christus. Mag sein, dass sie im Geist die einzelnen Bilder zu einem »lebenden Film« zusammenfügen konnten, während wir heute nur unzählige Einzelbilder sehen.... Mit modernster Computertechnologie sollen demnächst die Steinzeitbilder wieder zum Laufen gebracht werden, wie ein Comicfilm.

Welche Rolle die Akustik für die Steinzeitmenschen spielte, soll noch erforscht werden. Es hat den Anschein, dass das Val Camonica dank seiner ganz besonderen Lage im Tal über eine ungewöhnlich gute Akustik verfügte, die von den »Filmmachern« vor Jahrtausenden genutzt wurde. Man darf im laufenden Jahr auf konkrete wissenschaftliche Ergebnisse hoffen!

Fotos 2-6: Copyright Walter-Jörg Langbein

»Die Externsteine... ein vorchristliches Observatorium?«
Teil 63 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03.04.2011

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)