Sonntag, 2. August 2015

289 »Maria Magdalena?«

Teil 289 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak

Vor rund 900 Jahren wurde das kleine Wehrkirchlein zu Kirchbrak im Weserbergland geweiht. Bis zum heutigen Tag ungeklärt ist das Geheimnis des Altars.

Ein unbekannter Künstler verewigte auf dem geschnitzten und bunt bemalten Abendmahlbild dreizehn Jünger. Dreizehn Menschen scharen sich da um Jesus. Wer aber ist der überzählige, der dreizehnte Jünger? Oder anders gefragt: Wer aus der Schar der Jünger fällt aus dem Rahmen?

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak
Die von künstlerischer Hand sorgfältig herausgearbeiteten Teilnehmer am Gedächtnismahl Jesu sind bunt bemalt. Ungewöhnlich für eine solch fromme Darstellung sind zwei Hunde im Vordergrund. Sie tragen goldene Schmuckstücke. Dahinter befindet sich ein relativ kleiner Tisch. Jesus sitzt auf einem goldenen Thron, die rechte Hand zum Friedensgruß erhoben. Es mutet seltsam an, dass er als eigentliche Hauptperson so weit in den Hintergrund gerückt wurde. Um den Tisch haben sich die Jünger Jesu versammelt. Wie auf den Darstellungen von Leonardo da Vinci und von Philippe de Champaigne bilden sie kleine Grüppchen, die miteinander in Gespräche vertieft sind. Jesus wirkt allein gelassen, ja einsam.

Wie viele Personen nehmen am Abendmahl teil? Wir erwarten deren dreizehn: Jesus und seine zwölf Gefährten. Wir zählen und kommen zu einem verblüffenden, unerwarteten Resultat. Haben wir uns vertan? Nochmals lassen wir unseren Blick mit Jesus beginnend von Jünger zu Jünger schweifen. Es gibt keinen Zweifel: Jesus sitzt in Gesellschaft von dreizehn, nicht von zwölf Jüngern. Wer ist der dreizehnte Jünger? Können wir ihn ausfindig machen? Immer wieder fragen wir uns: Gibt es eine Person auf dem Abendmahl-Schnitzbild, die sich von allen übrigen unterscheidet? Studiert man das Altarrelief gründlich, so entdeckt man links hinten eine weibliche Gestalt. Sie gehört in den Kreis der Jünger. Sie ist voll integriert. Sie ist ganz offensichtlich und unbestreitbar in der Gruppe um Jesus eine Gleichberechtigte.

Der Altar von Bad Segeberg »erzählt« uns die Geschichte Jesu vom Judaskuss bis zu einer Vision von Jesus als Weltenrichter in dreizehn Bildern. Bild Nr. 10 beschreibt Gundolf Stracke, Studiendirektor a.D., 2013 im Alter von 83 Jahren verstorben,  sehr detailliert  in einem Manuskript »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg« (1):

Foto 4: Jesus und 10 Jünger
»Jesus mit seinem ›Hirtenstab‹ in seiner Linken und der mit dem Zeichen des Sieges erhobenen Rechten ist mitten unter seine Jünger getreten. Ihnen steht ihre Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben und auch ihre Gesten bringen das zum Ausdruck. Alle 10 Jünger um ihn herum sind in ihrem individuellen Betroffensein gezeichnet.«

Auch bei meinem zweiten Besuch in der Marienkirche zu Bad Segeberg bin ich beim Betrachten des bemalten Schnitzwerks irritiert. Ich zähle die Personen, die um Jesus herum stehen. Es sind definitiv mehr als zehn. Lässt man aber die eher nur angedeuteten außerhalb des direkten Umfelds (in Foto 5 weiß markiert!) von Jesus weg, so sind da wirklich nur zehn Jünger zu sehen. Warum nur zehn? Judas Ischariot konnte nicht zugegen sein, als Jesus nach seiner Auferstehung seine Jünger besuchte. Er hatte sich ja nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus (2) erhängt. Seine »Kollegen« Markus, Lukas und Johannes allerdings schweigen über das Ende des Judas.

Nach dem Evangelisten Johannes fehlte Thomas bei der denkwürdigen Begegnung Jesu mit seinen Jüngern (3): »Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.« Streng genommen müssten nach dem zitierten Evangelium nach Johannes elf Jünger anwesend gewesen sein. Johannes betont ja ausdrücklich nur, dass Thomas (»einer der Zwölf«) nicht zur Schar um den Auferstandenen gehörte, von Judas ist keine Rede. Kombiniert man aber die Informationen aus dem Evangelium nach Johannes und aus dem Evangelium nach Matthäus, dann waren es nur zehn Jünger, denen Jesus erschien: Judas war zu diesem Zeitpunkt tot und Zwilling Thomas war nicht präsent.

Interessanter aber ist ein »Jünger« den Gundolf Strache nicht expressis verbis identifiziert. In seinem Manuskript geht er namentlich lediglich auf zwei Jünger ein (4):

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes

»Im Vordergrund sind Petrus (links von Jesus) und Johannes (rechts von ihm) zu erkennen. Jesus selbst, der auch hier die Mitte ist, steht mit geöffnetem Umhang in seiner Auferstehungsfarbe und der Lanzenwunde in der Jüngerrunde.«

Betrachten wir das zehnte Bildfeld des Altars, sehen wir links von Jesus seinen Jünger Petrus mit spärlichem Haarwuchs und Teilglatze. Rechts von Jesus machen wir einen jungen, leicht feminin wirkenden Jünger, aus. Es ist wohl Johannes, der als Jesu besonderer Liebling beschrieben wird. 

Foto 6: Frau mit langen Haaren...

Diagonal aus von Johannes, also oben links außen - Foto 6 - steht eindeutig eine Frau. Sie trägt ihr Haar offen, während die Frau außerhalb der Jüngerrunde - Foto 7 - ein Kopftuch trägt. Sollte die Frau mit dem wallenden Langhaar Maria Magdalena sein?

Foto 7: Frau mit Kopftuch

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass die »Jüngerin« im Altarbild von Kirchbrak auch hinten links steht? Betrachten wir noch einmal das Altarbild von Kirchbrak. Jesus und seine männlichen Jünger haben etwas gemeinsam: Sie tragen alle wallende Bärte. Die »Jüngerin« links hinten im Bild ist bartlos.

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel..
Vergleichen wir noch einmal die Darstellungen der Männer. Sie haben ihre Ärmel zurückgekrempelt, zeigen ihre nackten Arme. (Im Foto gelb markiert!) Nicht so die »Jüngerin« links hinten. Sie hat lange Ärmel! (Im Foto rot markiert!) Offenbar galt es zu Jesu Zeiten als schicklich für eine Frau, ihre Arme zu verhüllen. Wiederholt bekam ich zu hören, dass es sich bei der »Jüngerin« in Wirklichkeit um Jesu Lieblingsjünger Johannes handle, der ja in unzähligen Darstellungen christlicher Kunst als jugendlich, ja feminin dargestellt wurde. Doch die »Jüngerin« kann nicht Jünger Johannes sein. Vom Lieblingsjünger Johannes wissen wir aus dem Evangelium nach Johannes, dass er (5) »auch beim Abendessen an seiner (Jesu) Brust gelegen hatte«. Ich gehe davon aus, dass im Abendmalbild von Kirchbrak Lieblingsjünger Johannes zur rechten Seite von Jesus, direkt neben ihm, sitzt.

Wurde also, so stelle ich zur Diskussion, Maria Magdalena in die Altarbilder von Kirchbrak und von Bad Segeberg geschmuggelt? Wussten die Künstler mehr über die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena als öffentlich zu bekunden ratsam war?

Eine der zentralen Gestalten im direkten Umfeld Jesu ist Maria Magdalena. Sie war Jesu engste Vertraute. Sie hielt auch dann zu Jesus, als die anderen Jünger ihn verraten und verlassen hatten. Sie nahm ein hohes Risiko für Leib und Leben auf sich, als sie ihre Zugehörigkeit zu Jesus offen zeigte. Sie war eine der wenigen Zeugen von Jesu Leiden am Kreuz, als sich die Herren Jünger mit Ausnahme von Johannes – um ihr Leben bangend – versteckten. Maria Magdalena war als Erste am Grab Jesu und begegnete vor allen anderen Jüngern als Erste dem Auferstandenen. Da wäre es doch mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, als sich der Messias nach der Auferstehung seinen Jüngern zeigte.

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak?

Zu Beginn des zweiten Kapitels der Apostelgeschichte wird auf ein mysteriöses himmlisches Phänomen hingewiesen: »Ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes erfüllte das ganze Haus«. Und mit diesem Himmelshauch kamen Zungen zerteilt, wie von Feuer«. Der griechische Originaltext der Apostelgeschichte ist in seiner Aussage wesentlich klarer als die meisten Übersetzungen (6): Mit dem vielleicht sogar angsteinflößenden Windesbrausen kamen die Feuerzungen. Jeweils eine davon setzte sich auf jeden der Jünger, der daraufhin vom Heiligen Geist erfüllt wurde und so sprechen konnte, dass ihn jeder verstand.

Die Jünger erhalten also vom Himmel her Autorität zu missionieren. Diese Machtbefugnis wird ihnen ganz offensichtlich vom »Heiligen Geist« übertragen. Somit gab der Himmel seinen Segen zur Ausbreitung des Christentums. Im Gegensatz zum Judentum, das keine Missionierung kennt, machten sich die ersten Christen daran, »die Welt« von der Lehre Jesu zu überzeugen. Somit gehört das Pfingstwunder zu den entscheidendsten »Ereignissen« der rund zwei Jahrtausende umfassenden Kirchengeschichte. So verwundert es nicht, dass die mysteriöse Szene von unzähligen Malern bildlich festgehalten wurde. Eine der berühmtesten Darstellungen ist Gustave Dorés »Die Ausgießung des Heiligen Geistes«, 1865 entstanden. (Foto 11)
    
Foto 11: Dorés Bibelillustration.

Doré zeigt, so wie der unbekannte Schöpfer der rätselhaften Darstellung des »Heiligen Abendmahls« der Kirche von Kirchbrak, dreizehn und nicht zwölf Jünger. Eine der zentralen Gestalten ist...eine Frau, vermutlich Maria Magdalena. Ich wiederhole: Maria Magdalena war Jesu engste Vertraute. Es ist menschlich verständlich, dass Jesu Jünger nach seiner Verhaftung zunächst flohen. Jesus war von Vertretern der römischen Staatsmacht, vermutlich als Rebell, als Aufständischer verhaftet worden und musste mit dem Schlimmsten rechnen. Wer sich als Anhänger Jesu zu erkennen gab, der lief Gefahr ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden!

Es wäre mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, nachdem der Messias gen Himmel aufgefahren war.


Foto 12: Altarbild Kirchbrak



Fußnoten


(1) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Verse 3-10
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Vers 24.
(4) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel 21, Vers 20
(6) Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 1,  Verse 3 und 4


Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak

Zu den Fotos

Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak. Der ursprüngliche Eingang lag höher, musste über eine Leiter erreicht werden. Im Falle eines Angriffs konnten sich die Gläubigen in die Kirche zurückziehen, die Leiter hochziehen und auf das Verschwinden der Angreifer hoffen. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak: Zwei Fotos übereinander. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 4: Jesus und zehn Jünger. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Frau mit langen Haaren... Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten
Foto 7: Frau mit Kopftuch. Diese Frau steht außerhalb, gehört nicht zum Jünger-Kreis. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel.. Altar Kirchbrak. Bitte beachten Sie: Die Frau kinks hinten hat lange Ärmel - im roten Oval. Die Männer haben kurze Ärmel - jeweils im gelben Oval. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak? Foto 9, links, Jüngerin mit Jüngern. Foto 10: Jüngerin. Altar Kirchbrak. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Dorés Bibelillustration.Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Altarbild Kirchbrak. Welche Geheimnisse mag das Altarbild von Kirchbrak noch bieten? 
Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten. Altar von Kirchbrak zur Weihnachtszeit. Foto Walter-Jörg Langbein

290 »Die Wahrheit?«
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 09.08.2015
 


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Sonntag, 26. Juli 2015

288 »Widersprüchliches in den Evangelien in Sachen Auferstehung«

Teil 288 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Echte Pferde, echtes Feuer, echter Pulverdampf...

Nach Bad Segeberg haben mich, ich gebe es zu, zunächst keine theologischen Studien, sondern die berühmten Karl-May-Festspiele gelockt: 2014 wurde »Unter Geiern – Der Geist des Llano Estacado« gegeben, 2015 steht »Im Tal des Todes« auf dem Spielplan. Im Kino werden immer teurere Blockbuster geboten, in denen die »Schauspieler« kaum noch eine Chance haben wirklich zur Geltung zu kommen, weil immer raffiniertere »special effects« alles dominieren. Hinter den Kulissen wird eifrig an einem »Duftkino« gearbeitet. Ein »sniffman«, ein »mobiles Duftgerät« von der Größe eines Walkmans, soll für geruchliche Untermalung sorgen. Ob sich diese Neuerung je durchsetzen wird, das sei dahingestellt. In Bad Segeberg indes ist ein solcher technischer Schnickschnack nicht erforderlich. Da galoppieren echte Pferde, manchmal auch zwischen den Zuschauern, da sorgt Pyrotechnik für echten Pulverdampf, da werden Fantasien von Karl-May-Lesern nicht in teurer 3D-Technologie geboten, sondern real umgesetzt. Mit den Karl-May-Festspielen, die Jahr für Jahr mehr Zuschauer anlocken, kann kein Kino mithalten.

Die Marienkirche von Bad Segeberg
1156 erfolgte in Bad Segeberg die Grundsteinlegung der Marienkirche. 1199 verweist erstmals eine päpstliche Urkunde auf den Sakralbau, der erst im dreizehnten Jahrhundert vollendet wurde. 1470 wurde das Gotteshaus erweitert. Im Osten wurde ein Chorraum hinzugefügt. 1522 wurde das Kloster Segeberg aufgelöst. Im Dreißigjährigen Krieg kam es zu erheblichen Beschädigungen. 

Das nördliche Querschiff und andere Gebäudeteile waren wohl einsturzgefährdet und mussten abgerissen werden. In den Jahren 1761 bis 1764 wurde das Südschiff abgerissen. Ein neues Schleppdach sollte Schutz bieten. In den Jahren von 1864 bis 1867 wurde die ursprüngliche Gestalt der Kirche rekonstruiert. So wurde das Gotteshaus wieder zur Basilika mit Querschiff.

Betritt man die Marienkirche zu Bad Segeberg heute, so wird in dem fast kühl-sachlichen Bau der Blick auf den Altar gelenkt, dessen farbenprächtiger Altaraufbau an die Marktkirche von Hannover erinnert. Anno 1573 wurden Altar und Retabel an die Stelle im Vorchor verbracht, wo er auch heute noch das Zentrum des Kirchenschiffs bildet.

Altar - der kostbare Aufsatz

Wer den Schnitzaltar geschaffen hat, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Er stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Es könnte sich um ein frühes Werk des Bildhauers und Bildschnitzers Johannes Brüggemann (um 1480 geboren, etwa 1540 in einem Husumer Armenhaus verstorben) handeln.

Für die Anhängerschaft Jesu war es eine schlimme Zeit der Trauer nach dem Schock des gewaltsamen Todes Jesu. Jesus war von den Römern verurteilt am Kreuz gestorben und schließlich beigesetzt worden. Was geschah danach? Schon die frühe Christengemeinde glaubte: Jesus ist auferstanden! Was geschah nach der Grablegung Jesu? Was können wir der Bibel über das für den christlichen Glauben zentrale Ereignis entnehmen?

Der tote Jesus vor dem Kreuz
Die vier Evangelisten Johannes, Markus, Matthäus und Lukas berichten über die Ereignisse an der Grabstätte. (1) So kurz die Berichte  auch sind, so widersprechen sich die wenigen Verse doch in zahlreichen Punkten. Einig sind sich die vier Autoren nur darin, dass es Frauen waren, die als erste Jesu Grab besuchten. Aber wie viele waren es und welche Frauen? Schon da gehen die Meinungen auseinander!

Johannes: Eine Frau, nämlich Maria von Magdala.
Matthäus: Zwei Frauen, nämlich Maria von Magdala und die »andere Maria«.
Markus: Drei Frauen, nämlich Maria von Magdala, Maria (Mutter des Jakobus) und Salome.
Lukas: Mindestens fünf Frauen, nämlich Maria von Magdala, Johanna, Maria (Mutter des Jakobus) und »die anderen mit ihnen«. Drei Frauen werden namentlich genannt. Die »anderen mit ihnen« müssen mindestens zwei Frauen gewesen sein.

Wie viele Frauen eilten also ans Grab und wann? War es nur eine Frau oder waren es zwei, drei oder mehr? Und wann kamen sie zum Grab?

Johannes: Nachts, als es »noch finster war«.
Markus: Beim Sonnenaufgang.

Das Grab konnte mit einem gewaltigen Stein verschlossen werden. War der Eingang zum Grab frei oder offen?

Matthäus: Das Grab war geschlossen. Ein Engel musste den Stein erst wegwälzen. Nur Matthäus berichtet von »Wachen«, die einen Diebstahl des Leichnams Jesu verhindern sollten. Markus, Lukas und Johannes wissen nichts von diesem wichtigen Detail.
Markus, Lukas und Johannes: Das Grab war bereits offen.

Von den Toten auferstanden
Wen trafen die ersten Zeugen?

Matthäus: Den Engel des Herrn.
Markus: Einen Jüngling.
Lukas:  »Zwei Männer mit glänzenden Kleidern«.
Johannes: Zwei Engel.

Waren der Engel des Herrn von Matthäus und der Jüngling von Markus ein und derselbe? Waren die »zwei Männer« von Lukas die »zwei Engel« von Johannes? So uneins wie sich die Evangelisten über die Männer/ Engel sind, so uneins sind sie sich darüber, wo sie sich befanden und was sie genau taten.

Matthäus: Der eine Engel befand sich außerhalb des Grabes.
Markus: Der Jüngling saß in der Gruft und zwar rechts von Jesu Totenbahre.
Lukas: Die zwei Männer standen (vermutlich) in der Gruft.
Johannes: Die zwei Engel saßen in der Gruft und zwar je einer am Kopf- und Fußende von Jesu Totenbahre.

Einig sind sich die vier Evangelisten in einer Beobachtung:  Jesus, der Gekreuzigte, lag nicht mehr aufgebahrt im Felsengrab. Er war verschwunden. Verkündeten nun die Frauen, was sie beobachtet hatten? Selbst bei der Antwort auf diese wichtige Frage gibt es einen eklatanten Widerspruch! Es sieht nicht so aus, als ob die Frauen an Jesu Auferstehung geglaubt hätten. Sonst wären sie ja nicht über das Verschwinden des Leichnams erstaunt gewesen. Aber offenbar mussten sie erst über den Verbleibt des verschwundenen Jesus aufgeklärt werden. Im Evangelium nach Markus erfahren sie vom Jüngling im weißen Gewand (2): »Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.« 

Matthäus: Die Frauen teilten es »seinen Jüngern« mit großer Freude mit.
Markus: Die Frauen flohen entsetzt und »sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich«.
Lukas: Die Frauen »verkündeten das alles den elf Jüngern und den anderen allen«.
Johannes: Maria Magdalena bleibt zunächst beim Grab.

Jesu Totenbahre ist leer. Was ist mit dem Gekreuzigten geschehen?

Matthäus: Maria von Magdala und »die andere Maria« erfahren vom Engel: Jesus ist auferstanden.
Markus: Maria von Magdala, Maria (Mutter des Jakobus) und Salome erfahren vom »Jüngling«: Jesus ist auferstanden.

Himmelfahrt Jesu
Lukas: Mindestens fünf Frauen, nämlich Maria von Magdala, Johanna, Maria (Mutter des Jakobus) und »die anderen mit ihnen« erfahren von den »zwei Männern«: Jesus ist auferstanden.

Johannes: Maria von Magdala vermutet, der Leichnam Jesu sei gestohlen worden. Maria glaubt zunächst nicht an die Auferstehung. Schließlich tritt ihr Jesus gegenüber, aber sie erkennt ihn zunächst nicht. Jesus selbst verkündet, er sei auferstanden. Nur bei Johannes erscheint Jesus am leeren Grab. Bei Matthäus, Markus und Lukas findet die Begegnung erst später, zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt, statt.

Man kann sich die Freude Marias gut vorstellen. Eben noch war sie zutiefst betrübt über den Kreuzestod Jesu. Jetzt erfährt sie: Er ist auferstanden! Begeistert will sie Jesus begrüßen. Der aber weist sie mit einer seltsamen Begründung zurück! Bei Johannes (3) lesen wir: »Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Himmel!«

Nachzuvollziehen ist diese Begründung nicht. Maria darf Jesus nicht berühren, da er noch nicht gen Himmel gefahren sei. Aber nach der Himmelfahrt kann sie ihn nicht mehr berühren, da er dann ja im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr greifbar ist. Bei Matthäus (4) gibt es dieses Tabu nicht. Jesu Jünger, zu denen ganz offensichtlich auch Maria Magdalena gehört, dürfen ihn zur Begrüßung anfassen. Und das, obwohl er zu diesem Zeitpunkt ja auch noch nicht zum Vater gen Himmel gefahren war!

Blick in die Marienkirche
Der Theologe John Wenham gehört nicht gerade zu den kritischen Vertretern seiner Zunft. Für ihn ist die Bibel das Buch der Wahrheit. Aber auch er muss in seinem Buch »The Easter Enigma« (5)  konstatieren: »Nun wird die Geschichte von Jesu Auferstehung von verschiedenen Autoren erzählt, deren Berichte voneinander in einem erstaunlichen Maße abweichen. So sehr, dass  herausragende Gelehrte kategorisch festgestellt haben, dass sie nicht miteinander in Einklang gebracht werden können.«

Fußnoten

1) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 28, Verse 1-10, das Evangelium nach Markus Kapitel 16,1-11, das Evangelium nach Lukas Kapitel 24, Verse 1-12 und das Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Verse 1-18
2) Das Evangelium nach Markus Kapitel 16, Vers 6
3) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Vers 17
4) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 28, Vers 9
5) Wenham, John: »Easter Enigma«, Grand Rapids 1984, S. 99

Die Marienkirche von Bad Segeberg
289 »Maria Magdalena?«
Teil 289 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 02.08.2015

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