Sonntag, 17. September 2017

400 »Vom Staffelberg nach Birkenstein«

400 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 2
Teil  400  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900

»Die Wanderkirche«, so lautet eine interessante Sage zur Entstehungsgeschichte der Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg. Aufgezeichnet haben sie Elisabeth und Konrad Radunz (1): »Die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg sollte ursprünglich an einem anderen Ort entstehen, auf dem eine Stunde nordöstlich gen Langheim zu gelegenen ›Alten Staffelberg‹. Engel sollen zur nächtlichen Zeit immer wieder das zum Bau Benötigte auf den ›Neuen Staffelberg‹ ob Staffelstein überführt haben. Die heilige Adelgundis habe dadurch ihren Willen kundgeben wollen, die ihr geweihte Kirche an der Stelle errichtet zu sehen, so sie nun steht.«

Meine Urgroßmutter mütterlicherseits, Hedwig Welsch (2), erzählte mir vor vielen Jahren eine andere Version der »Adelgundis-Legende«. Demnach sollte auf dem »Alten Staffelberg« eine Kapelle errichtet werden. Dort begann man auch mit den Bauarbeiten. Man trug Steine zusammen, schaffte Sand auf den »Alten Staffelberg« und sorgte für ausreichend Holz für ein Gerüst. Als man am nächsten Tag die Arbeiten fortsetzen wollte, staunte man nicht schlecht. Alles war verschwunden. Sollten Diebe am Werk gewesen sein? Und so war man gezwungen, wieder neu anzufangen. Doch auch in der zweiten Nacht verschwanden alle Baumaterialien.

Foto 2: Meine Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch, etwa 1957

Diebe freilich waren nicht am Werk, sondern Engel. Die himmlischen Gesellen wirkten im Auftrag der heiligen Adelgundis, die ihre Kapelle an anderer Stelle gebaut sehen wollte, nämlich auf dem Staffelberg. Engel waren es, die alles vom »Alten Staffelberg« auf den Staffelberg geschafft hatten.  Als nun die Engel merkten, dass sich die Menschen von ihrem Plan nicht abbringen ließen, griffen sie zu einer List. Sie warteten, bis der Rohbau des kleinen Gotteshauses auf dem »Alten Staffelberg« fertig gestellt war.

Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914

Dann schafften sie ihn in einem Stück durch die Lüfte an den heutigen Standort. Jetzt erst begriffen die Menschen, was geschehen war. Sie vollendeten den Rohbau der »Adelgundis-Kapelle« zum ansehnlichen kleinen Gotteshaus. Dabei zeigte ihnen ein Rabe, wo sie den für den Putz benötigten Sand auf dem Staffelberg finden konnten: in einer Höhle im Staffelberg, wo die Querkele, ein fleißiges Zwergenvolk, hausten. Meine Urgroßmutter war sich nicht sicher, ob die Querkele – wohl abgeleitet von Zwergchen – damals noch in der Höhle lebten. Vielleicht halfen sie den Menschen bei der Sandgewinnung, waren die rührigen Zwerge doch stets äußerst hilfsbereit.

Die Legende von der »Wanderkirche« erinnert an eine uralte Überlieferung: da geht es um den Transport der Loreto-Kapelle aus dem Heiligen Land nach Italien. Engel sollen das winzige »Wohnhaus« aus Nazareth nach Italien geschafft haben. Es heißt in der Überlieferung, dass Maria in dieser höchst bescheidenen Bleibe mit Mann Joseph und Sohn Jesus lebte.

Anno 1244, der 5. Kreuzzug war gescheitert, bangte man um die für die Christenheit höchst bedeutsame Stätte. Man befürchtete, dass das »Heilige Haus« Marias von den muslimischen Streitkräften zerstört werden würde. Also musste es in Sicherheit gebracht werden. Einer Überlieferung nach wurde es durch die Lüfte transportiert, und zwar von Engeln. Die Geschichte erinnert an die »Luftreise« der Adelgundis-Kapelle. Freilich war die zurückzulegende Wegstrecke für die Adelgundis-Kapelle deutlich kürzer.

So fantastisch die Rettung des Heiligen Hauses auch anmuten mag, das kleine, im italienischen Loreto hoch verehrte Gebäude muss einst im »Heiligen Land« gestanden haben. Das kann als gesichert gelten! Das »Heilige Haus« von Loreto stand ganz eindeutig einst im Heiligen Land, und zwar vor einer Höhle, die wohl auch als zusätzlicher Wohnraum genutzt wurde.

Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck

Eine andere Loreto-Kapelle lockt auch heute noch zahlreiche Pilger nach Birkenstein. Birkenstein bei Fischbachau ist ein wirklich mystischer Ort. Die Kapelle Birkenstein, anno 1710 errichtet, ist eine maßstabsgetreue Nachbildung des »Heiligen Hauses« von Nazareth. Johann Mayr der Ältere war der Baumeister der Loreto-Kapelle von Birkenstein. Anno 1735 brach ein Brand aus, das kleine Gotteshaus wurde erheblich beschädigt. Es wurde renoviert und bekam 1760 eine neue, recht prachtvolle Ausstattung. Die Kirchweihe erfolgte erst am 5. August 1786 durch Ludwig Joseph von Welden, dem Fürstbischof von Freising.

Im Zentrum der Kapelle steht ein Gnadenbild Marias mit dem Jesuskind. 92 Engel wurden von Künstlerhand verewigt. An den Seitenwänden versammeln sich die zwölf Apostel. Büsten stellen die Verwandten Marias dar. Fast schon erdrückend wirkt die Flut von Votivtafeln aus dem späten 18. Jahrhundert. Sie wurden von Gläubigen gestiftet, die sich auf diese Weise für den himmlischen Beistand in Zeiten der Not bedanken wollten. Viele, sehr viele Gläubige waren und sind davon überzeugt, dass ihnen Maria geholfen hat, als sie in Notsituationen die »Gottesmutter« anriefen. So ist Birkenstein bis heute ein Ort lebender Marienverehrung und der Dankbarkeit.  Noch heute kommen Pilger nach Birkenstein, um gemeinsam mit einem Priester die Heilige Messe zu feiern.

Foto 6: Birkenstein um 1900.
Bei meinem Besuch der Loreto-Kapelle von Birkenstein im Mai 2017 las ein katholischer Priester eine Messe. Dicht gedrängt hatten sich zahlreiche Pilger und Einheimische in dem kleinen Gotteshaus eingefunden. Fromme Choräle erklangen, Gebete wurden gesprochen. Über den Gläubigen breitet sich  in hellen Blautönen der gemalte Nachthimmel aus. Weiße Sterne strahlen vom künstlichen Firmament. Sie formieren sich zu – wie ich meine – fiktiven Sternbildern.  Sterne bilden eine Krone, andere– deutlich zu erkennen – die Buchstaben »IHS«. IH sind griechische Großbuchstaben, gefolgt vom großen lateinischen S.

Diese »Abkürzung« steht für den Namen Jesu in griechischen Großbuchstaben  - Ι Η Σ Ο Υ Σ. 

Zu sehen ist, klar erkennbar, Maria als Himmelskönigin mit Sternenkrone. Neben der Mutter Jesu steht, ja springt munter umher, ein Einhorn. Einhorn wie Maria sind als »Sternbilder« dargestellt. Mir scheint, dass das Einhorn hin zu Maria flieht. Der Überlieferung nach konnte kein Jäger ein Einhorn zur Strecke bringen. Das Fabeltier unterwarf sich nur einer Jungfrau. Zeigt das Himmelsgewölbe in der Kapelle von Birkenstein Jungfrau Maria als Beschützerin des Einhorns? In der christlichen Kunst symbolisiert das mythologische Einhorn die »Reinheit der Jungfrau Maria«.

Freilich ist das Symbol Einhorn älter als das Christentum. Für die Römer stand es für keine Geringere als die Mondgöttin Diana. Diana war aber auch die Göttin der Jagd und der Geburt. Sie wurde als Beschützerin der Frauen und Mädchen verehrt. Sie gehörte zur Crème de la Crème des griechischen Götterhimmels, zu den zwölf wichtigsten Gottheiten. Auf der anderen Seite Marias spielen fischartige Wesen. Sollten das vielleicht Delphine sein, denen nachgesagt wurde, seebrüchige Matrosen ans Rettende Ufer zu schaffen? Immer wieder stellt sich die Frage: Wieso finden sich immer wieder Darstellungen aus heidnischen Mythen in christlichen Kirchen?

Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650.

Im Kloster Corvey sah ich Darstellungen, künstlerisch unterschiedlich ausgearbeitet, thematisch aber durchaus verwandt. Allerdings sind die deutlich älteren Malereien von Corvey im Lauf der Jahrhunderte weitestgehend verblasst und mussten mühsam und schonend »rekonstruiert« werden. Dabei verzichtete man bewusst darauf, fehlende Partien zu ergänzen. In Corvey ist mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen. Da steht zum Beispiel auf dem Schwanz einer mythologischen Bestie eine hünenhafte Gestalt. Sie ist mit einem Lendenschurz bekleidet, mit Schild und Speer bewaffnet. Der wackere Kämpfer, der es mit dem furchteinflößenden Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein. Was aber hat »Odysseus versus Monster« in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Um heidnische Mythologie in christlichen Gotteshäusern zu erklären, bringen Theologen gern ein hilfreiches Zauberwort ins Spiel, nämlich die Allegorie. Das klingt dann auch so schön wissenschaftlich.  Der Begriff » Allegorie« geht auf das altgriechische »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache«, zurück.

Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint.  Man kann auf diese Weise auch Bilder, die in vorchristlichen Zeiten erschaffen wurden, durchaus christlich interpretieren.

Ja man kann letztlich jede Darstellung nach eigenem Gutdünken verstehen. Warum aber hat man Christliches scheinbar »heidnisch« dargestellt? Warum griff man auf Mythologisches zurück? Warum hat man nicht christliche »Originale« geschaffen? Und wer sollte die Aussagen solcher Bilder verstehen?

Die mythologischen Malereien unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk von Corvey sind etwa1200 Jahre alt, die an der Decke der Loreto-Kapelle von Birkenstein sind deutlich jünger. Sie entstanden rund 900 Jahre später.

Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen ein monströses Fabelwesen wird so der »Heiligen Georg« versus »Satan« oder Jesus als Sieger über das Böse. Am Himmel von Birken stein hebt ein Krieger sein Schwert zum Schlag gegen einen mächtigen Riesenvogel mit beeindruckenden, weit ausgebreiteten Flügeln.

Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern

Legenden und Sagen – wie die von der Adelgundis-Kapelle vom Staffelberg oder jene vom »Heiligen Haus« Mariens – sind wie Nachrichten aus einer fremden Welt. Sie enthalten gewiss Fantasie, aber auch Fakten. Legenden und Sagen – sie gehören zum Erbe, das uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Wir sollten es schätzen und schützen! Was über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert wurde, darf nicht in Vergessenheit geraten.

Fußnoten
1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser
     Landes«, Lichtenfels 1996, S. 63
2) Nach der Erzählung meiner Urgroßmutter Hedwig Welsch, geborene Engel,  
    aufgezeichnet. Sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren. Mein 
    Urgroßvater Lorenz Welsch verstarb bereits m 10.06.1958 im Alter von 79  
    Jahren.

Weiterführende Literatur »Oberfranken«
Abels, Björn-Uwe: Selten und schön/ Archäologische Kostbarkeiten aus der
     Vor- und Frühgeschichte Oberfrankens, Lichtenfels 2007
Dippold, Günter: Kloster Banz/ Natur, Kultur, Architektur, Staffelstein 1991
Lutz, Dominik: Basilika Vierzehnheiligen/ Symphonie in Licht und Farbe, 3.
     Auflage, Staffelstein 1990


Sehr empfehlenswerte Lektüre »Bayern«
Foto 10: Birkenstein um 1903.
Fenzl, Fritz: Wunder in Bayern/ Orte der Kraft und Quellen der Heilung,
     Waldkirchen, 2. Auflage 2004
Fenzl, Fritz: Wunderwege in Bayern/ Magische Stätten und Überlebenspfade,
     München 2002
Fenzl, Fritz: Keltenkulte in Bayern/ Spurensuche an Kraftorten, München 2003
Fenzl, Fritz: Orte der Liebe in Bayern, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Kirchen in München/ Dreiecks-Wege zum Geheimnis/
     Gute und böse Orte, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Wege und Orte in Bayern, München 2007
Fenzl, Fritz: Heilige in Bayern – Himmlische Lebenshilfe, München 2008
Fenzl, Fritz: Heilige Orte in Bayern, München 2008
Fenzl, Fritz: Der Teufelstritt/ Magische Geschichten und Rundgänge zu
     Sagenorten in München, München, Neuauflage 2008
Fenzl, Fritz: Höllensturz/ Magie und Mythos in Bayern, Rosenheim 2009
Fenzl, Fritz: Sagen und Mythen aus Bayern, München 2009

Fenzl, Fritz: Magische Kraftorte in Bayern, Rosenheim 2014



Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900 . Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch. Foto vermutlich Walter Langbein sen.
Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck
Foto 6: Birkenstein um 1900. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650. Foto wikimedia commons
Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern. Original und Nachzeichnung. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Birkenstein um 1903. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


401 »Hape Kerkeling, falsche Bibelübersetzungen und Birkenstein«,»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 3 
Teil  401  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.09.2017



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Sonntag, 10. September 2017

399 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«

Teil 1 »Birkenstein und Orte der Weisheit«,
Teil  399 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Fischbachau ist ein idyllischer Urlaubsort in Oberbayern. Er liegt an der malerischen Leitzach im Mangfallgebirge. Zwei sakrale Sehenswürdigkeiten gibt es, nämlich »Mariä Schutz« und das  »Martinsmünster«. Das »Martinsmünster« gilt als die besterhaltene romanische Basilika Südbayerns. »Mariä Schutz« ist vielleicht kunsthistorisch noch bedeutsamer, ist doch die »Alte Pfarrkirche« vielleicht nicht der älteste, aber der älteste unveränderte Kirchenbau Altbayerns.

Foto 1: Fischbachau im Winter.

Nach mehreren Regentagen Anfang Mai 2017 ist uns – mir und lieben Freunden aus dem Münchner Umland – der Wettergott mehr als gnädig. Nach heftigen Regenschauern von graublauem Himmel lacht die Sonne vom bayerisch-blauen Firmament. Einzelne weiße Wölkchen heben noch die herrliche Bläue des Himmels hervor. Und »Mariä Schutz« und das  »Martinsmünster« strahlen in blendendem Weiß förmlich miteinander um die Wette.

Aber uns zieht es zunächst einmal weiter gen Himmel, den Berg hinauf zum ehemaligen Kloster und der Klosterkapelle von Birkenstein. Man sieht nur mit dem Herzen gut, so heißt es. Dieses Wort trifft auf Birkenstein zu. Die Schönheit Birkensteins, seine mystische Atmosphäre, lässt sich weder fotografieren, noch in angemessene Worte fassen. Man muss Birkenstein und seine Geheimnisse einfach erleben!

Per Zug ist Birkenstein von München aus zu erreichen. Man fährt Richtung Bayrischzell und steigt in Fischbachau aus. Von da aus geht es per Taxi oder zu Fuß weiter. Eine Stunde Fußweg muss man einkalkulieren. Bequemer ist die Anreise per PKW. Von München aus fährt man auf der Autobahn Richtung Salzburg. Man erlässt die Autobahn entweder bei der Ausfahrt Wayarn oder bei der Ausfahrt Irschenberg. Von da aus geht es nach Miesbach. Wunderschön ist die weitere Fahrt durch das wunderschöne Leitzachtal bis nach Fischbachau. Man kann aber auch Fischbachau über Schliersee erreichen. Den letzten Kilometer muss, nein darf man zu Fuß gehen, dann kommt man in Birkenstein an.

Anfang Mai 2017 drohte mein Besuch in Birkenstein auszufallen. Bedingt durch Straßensperrungen und Baustellen komme es in der Region zu Staus. Birkenstein müsse aus dem Programm genommen werden. Auf kleinen Nebensträßchen der idyllischen Art erreichten wir dann aber doch das Ziel, die mysteriöse Klosterkapelle.

Eigentlich könnte man sich tagelang in Fischbachau aufhalten, zahlreiche Hinweise auf uralten Volksglauben studieren. Der Bildstock des Heiligen Nepomuk zum Beispiel ist einen Besuch wert. 

Foto 2: Nepomuk von Fischbachau.
Johannes ne Pomuk, also Johannes aus Pomuk, Tschechien 1380 wurde zum Priester geweiht und Pfarrer an der Kirche St. Gallus in Prag. Sein energisches Auftreten für die Rechte der Kirche, seine mutige Haltung gegenüber dem König machte den konsequenten Theologen beim Volk beliebt. Er ließ sich, heißt es, den Mund nicht verbieten, worüber sich König Wenzel offenbar maßlos ärgerte. Zu allem Überfluss erkor sich die Königin Johannes ne Pomuk zum Beichtvater.

König Wenzel wollte nun von Nepomuk erfahren, was seine Ehefrau so an Sünden zu beichten Pflegte, aber auch unter schlimmster Folter bewahrte Nepomuk das Beichtgeheimnis. So starb er nach schlimmsten Qualen, so wird überliefert, als Märtyrer. Eine Legende schildert, fünf Sterne hätten der Königin gezeigt, wo der geschundene Leichnam des Priesters zu finden sei. Tatsächlich wurde der Körper Nepomuks gefunden und konnte beigesetzt werden. Angeblich wurden seine Gebeine und seine Zunge anno 1719 bei einer Graböffnung unversehrt vorgefunden. Zehn Jahre später wurde Johannes Nepomuk kanonisiert. Das »Zungenwunder« wurde als Zeichen des Himmels gesehen. Kein Wunder, dass Nepomuk zum Patron der Beichtväter wurde.

Eigentlich sollte man sich Zeit nehmen für Birkenstein und seine Klosterkapelle. Hand aufs Herz: Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen für Birkenstein. Eigentlich sollte man nicht mit dem Auto anreisen, sondern als Pilger besuchen. Aber ich bin froh, überhaupt in Fischbachau und Birkenstein gewesen zu sein.

Wie ich vor Ort erfahren habe finden alljährlich 43 Fußwallfahrten nach Birkenstein statt. Manche haben schon eine sehr alte Tradition. So finden schon seit 1835 Fußwallfahrten von Obertaufkirchen bei Erding statt. Zwischenstation ist Tuntenhausen. Eine Wallfahrtskirche von Tuntenhausen ist bereits anno 1226 erstmals urkundlich erwähnt. Am späten Nachmittag des zweiten Tages erreichen die Pilger Birkenstein.

Foto 3: Der Verfasser in Birkenstein.

1470 bis 1480 wurde der Sakralbau durch eine größere Hallenkirche ersetzt, 1513 bis 1533 kamen die beiden markanten Doppeltürme hinzu. In den Jahren 1548 und 1584  setzten gewaltige Brände dem Gotteshaus zu. Die Kirche konnte aber wieder instand gesetzt werden. Der für heutige Zeitgenossen kuriose Name der Gemeinde Tuntenhausen  geht auf einen frühen Siedler namens Tunti oder Tunto zurück, der bereits im 8. Jahrhundert dokumentiert ist. Tuntenhausen ist also als »Befestigte Wohnanlage« oder «Burg« des Tunti/ Tunto zu verstehen.

Foto 4: Wallfahrtskirche von Tuntenhausen

Zurück ins 21. Jahrhundert. Zurück in unsere Zeit des Lärms und der Hektik. Dank des Internets können wir schneller denn je an Informationen gelangen. Dank des Internets können wir weltweit Kontakte knüpfen, ohne auf Entfernungen achten zu müssen weltweit mit anderen Menschen sprechen. Ich weiß die Segnungen des Internets sehr zu schätzen, so wie ich auch den modernen Wissenschaften wirklich außerordentlich dankbar bin. Die faszinierenden Wissenschaften haben uns viele Fenster geöffnet, die uns unglaublich viel von der Wirklichkeit zeigen. Seit Jahrhunderten explodierte das Wissen auf Planet Erde geradezu. Und dank des Internets ist heute allgemein zugänglich, was noch vor wenigen Generationen nur von Wenigen eingesehen werden konnte, die Zugang zu den größten Bibliotheken ihrer Zeit hatten.

Je weiter die Pioniere der Wissenschaft vorankamen, je größer der von ihnen angehäufte Wissensschatz wurde, desto schneller wuchs die Spezialisierung. Und je größer das Messbare, heute schon wissenschaftlich erfassbare und überprüfbare Wissen wird, desto größer wird die Distanz zur Mystik. Ja alles was nicht irgendwie messbar ist, was sich nicht mittels wissenschaftlicher Formeln definieren lässt, scheint offiziell gar nicht existieren zu dürfen. Dabei gibt es doch schon seit Jahrzehnten intensive Bemühungen Mystik und Wissenschaft nicht als unvereinbar Gegensätzliches zu sehen.

Allen voran versuchte Bestsellerautor (1) Fritjof Capra (* 1. Februar 1939 in Wien), ein österreichisch-amerikanischer Physiker, Systemtheoretiker und Philosoph, mit einem ganzheitlich-systemischen Ansatz eine Verbindung zwischen östlicher Mystik und moderner Physik herzustellen. Versuchten Weise der letzten Jahrtausende, die Wahrheit hinter dem Vordergründigen zu erkennen, so gibt es seit Jahrzehnten ernsthafte Bemühungen, das Gemeinsame von Wissen und Geheimnis zu finden (2).

Foto5: Fritjof Capra.
Ich frage mich immer wieder, ob nicht die moderne Wissenschaft des scheinbar Faktischen, eine wesentliche menschliche Fähigkeit mehr und mehr verkümmern lässt? Ich meine die Fähigkeit des Spürens, des Erfühlens von einer letztlich noch unser Vorstellungsvermögen bei weitem überschreitenden Weisheit. Betreten wir damit die Welt der Religionen? Auf der einen Seite gibt es die strenge materialistische Schulwissenschaft. Auf der anderen Seite gibt es die Welt der großen Religionen, die zu mächtigen Institutionen geworden sind. Das freilich war alles andere als im Sinn der großen Weisen vergangener Jahrtausende (3).

Institutionalisierten Religion geht es freilich früher oder später nur noch um Macht. Um diese Macht umsetzen zu können, benötigen sie Menschen, die sich das Denken abnehmen lassen. Was sie nicht gebrauchen können, das sind Menschen, die versuchen, mit selbständigem Denken und Weisheit die Realität zu erfassen. Sie sehen die Dinge nicht, wie sie nach Meinung ihrer Vordenker gesehen werden müssen, sie wollen sich ein eigenes Bild machen. Solche Menschen entziehen sich der Macht von Wissenschaftlern wie von Geistlichen, die vorschreiben wollen, was zu glauben ist und was nicht.

Was ich mich seit vielen Jahren frage: Gibt es auf unserem Planeten Erde Orte, an denen Weisheit besser erspürt werden kann als an anderen Orten? Ich meine ja. Und ich bin davon überzeugt, dass solche Stätten seit Jahrtausenden bekannt sind. An solchen Orten hat man schon vor Jahrtausenden Menhire errichtet, geheimnisvolle Zeichen in Berghänge gekratzt, Tempel gebaut, die dann später von Vertretern der großen Religionen vereinnahmt wurden.


Foto 6: Einer der »alten Weisen«.

Fußnoten

1) Capra, Fritjof: »Das Tao der Physik/ Die Konvergenz von westlicher
     Wissenschaft und östlicher Philosophie«, Neuausgabe, Bern, München, Wien,
     1984
2) Davies, Paul: »Gott und die moderne Physik«, Vorwort von Hoimar von
     Ditfurth, München 1986
Talbot, Michael: »Mystik und neue Physik/ Die Entwicklung des kosmischen
     Bewusstseins«, München 1989
3) Bütler, Rene: »Die Mystik der Welt/ Quellen und Zeugnisse aus vier
     Jahrtausenden/ Ein Lesebuch der mystischen Weisheiten aus Ost und West«,
     Bern, München, Wien 1992
Läpple, Alfred: »Ketzer und Mystiker/ Extremisten des Glaubens/ Versuch einer
     Deutung«, München 1988


Foto 7: Der Regenbogen, ein Symbol.
Zu den Fotos
Foto 1: Fischbachau im Winter. Foto wikimedia commons/ Bbb.
Foto 2: Der Nepomuk von Fischbachau. Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ Rudolph Buch.
Foto 3: Der Verfasser in Birkenstein. Foto Heidi Stahl. Copyright Heidi Stahl.
Foto 4: Wallfahrtskirche von Tuntenhausen mit dem Wappen der Gemeinde. Foto Wikimedia commons Rufus46
Foto 5: Fritjof Capra. Foto Wikimedia commons Zenobia Barlow
Foto 6: Einer der »alten Weisen«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Regenbogen, ein Symbol. Foto Heidi Stahl


400 »Vom Staffelberg nach Birkenstein«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapellen«, Teil 2
Teil  400  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 17.09.2017


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