Sonntag, 28. Juli 2019

497. »Geheime Dinge hat er gesehen.«


Teil 497 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gilgamesch
»Geheime Dinge hat er gesehen. Was verborgen dem Menschen ist, kennt er. Er hat Nachrichten gebracht von den Zeiten der Sintflut.«, heißt es in einem der geheimnisvollsten Texte der Menschheitsgeschichte, im Gilgamesch-Epos (1). Es ist Jahrtausende älter als die Bibel und enthält die älteste Beschreibung überhaupt der wohl ältesten Sehnsucht des Menschen. Es geht um Gilgameschs Suche nach dem ewigen Leben. Auch Alexander der Große soll in Indien versucht haben, das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen. Kolumbus suchte womöglich deshalb den Seeweg in jenes Land. Der Spanier Ponce de León vermutete Wunderquellen auf Bimini. Jahrhunderte später wurde er vom berühmten amerikanischen Seher Edgar Cayce bestätigt.

Für Sir Austen Henry Layard wurde anno 1849 der Traum aller Forscher wahr: Auf dem linken Ufer des Tigris, unweit der irakischen Stadt Mosul, entdeckte er die Ruinen einer uralten Stadt. Er machte sich sofort ans Werk grub das legendäre Ninive, die Hauptstadt des Assyrerreiches, aus. Deutlich zu erkennen waren die Überreste einer einst uneinnehmbaren doppelten Festungsmauer. Unter dem Hügel Kujundschik wartete eine Sensation auf ihn: die Bibliothek Assurbanipals, bestehend aus 5.000 Keilschrifttafeln. Im Südwestpalast schien die Zeit stehengeblieben zu sein. In zwei kleineren Räumen waren, als Babylonier und Meder 612 v. Chr. die einst so stolze Stadt verwüstet hatten, Tontafeln zu Boden gefallen. Rund zweieinhalb Jahrtausende waren sie liegengeblieben. Anno 1853 fand Hormuzd Rassam 20.000 weitere Tontafeln und Fragmente. Die wertvollen Dokumente wurden nach London, in das »British Museum«, geschafft, in mühseliger Arbeit zusammengesetzt und nach und nach übersetzt.

Foto 2: Der »Sintflutbericht« aus der Bibliothek Asurbarnipals

1872 machte George Smith vom Museum weltweit Schlagzeilen: Ein Fragment enthielt Verse des ältesten Epos der Menschheitsgeschichte, einen Bericht von der Sintflut, nur vermutlich Tausende Jahre älter als die Bibel. Die britische Tageszeitung »Daily Telegraph« zahlte Smith tausend Guineas,   der Forscher konnte nach Ninive reisen. Wenig später fand er auf weiteren Tafeln den kompletten Text der ersten Sintflutgeschichte. Sie gehörte zum Gilgamesch-Epos, das einst im Alten Vorderen Orient so populär wie die Bibel gewesen sein muss. Es kursierte in zahlreichen Abschriften und Kopien. Die jüngeren stammen aus dem siebten und sechsten Jahrhundert v. Chr. Ins 14. Jahrhundert v. Chr. datiert wurden eine akkadische, eine hethitische und eine hurritische Übersetzung, die in der Bibliothek von Hattuscha, der Hauptstadt des Hethiterreiches (heute Türkei) gefunden wurde. Ältere Versionen stammen aus weit früheren Epochen: sie wurden Ende des dritten und Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. auf Tontafeln verewigt. Aber schon im dritten Jahrtausend v. Chr. wurde das Epos in sumerischer Sprache verewigt. Erstaunt stellten weltweit führende Experten fest: Der Text hatte Jahrtausende fast vollkommen unverändert überdauert, war häufig mit Sorgfalt übertragen und übersetzt worden. Übrigens: Das »Gilgamesch-Epos« ist nach wie vor nicht komplett. Auch heute noch tauchen immer wieder Splitter von Keilschrifttafeln auf, die dem mysteriösen Epos zugerechnet werden können.

Foto 3: Aruru alias Ninḫursanga
Die Handlung des Epos weist immer wieder Parallelen zu viel später entstandenen Bibeltexten auf. So heißt es, dass sich Held Gilgamesch einsam fühlt. Göttin Aruru erhört sein Flehen und erschafft ihm einen Gefährten, den Enkidu. Die akkadische Göttin Aruru, alias Ninmaḫ, Nintu, Mami, Ninlil und Damkina,  war als sumerische Gebirgs- und Muttergöttin hoch geachtet. Einer ihrer Ehrennamen lautet »Mutter der Götter«. 

Bekannt war sie auch ob ihrer Funktion als »Göttin der Gebärenden« und »Mutter aller Kinder«. Interessante Parallele zum Alten Testament: Eva wurde als »Mutter allen Lebens« verehrt.

Gemeinsam wollen Gilgamesch und Enkidu den Chumbaba, ein schreckliches Monster, töten. In einem wütenden Kampf verletzt Gilgamesch das Untier mit seinem Schwert am Hals, Enkidu enthauptet es. Die Götter aber beschließen den Tod Enkidus. Nach schwerer Krankheit stirbt er. Gilgamesch ist verzweifelt. Sieben Tage lässt er den Gefährten, der sein Bruder geworden ist, nicht bestatten. Vergeblich hofft er, dass das Leben in Enkidu zurückkehren möge.

Gilgamesch (2) wird sich seiner Sterblichkeit bewusst. Von panischer Todesangst gepeinigt macht er sich auf die Suche nach dem Geheimnis vom ewigen Leben. Nur Utnapischtim, so weiß er, kann ihm helfen. Nach strapaziösen, qualvollen Märschen erreicht Gilgamesch das Maschugebirge. Riesige Skorpionmenschen hüten ein geheimnisvolles »Bergtor«. Gilgamesch wird schließlich eingelassen und kommt nach vierundzwanzigstündiger Reise durch schreckliche Finsternis in einen herrlichen Garten mit Edelsteinbäumen. Die fantastische Welt liegt am Ufer eines geheimnisvollen Meeres, das noch kein Sterblicher überquert hat. Mit Hilfe von Urschanabi überwindet Gilgamesch die »Gewässer des Todes« und begegnet endlich Utnapischtim. Der ist als einziger Mensch unsterblich. Auf den Rat des Gottes Ea hat er einst eine Arche gebaut, die Sintflut überlebt. Aber warum muss er nicht sterben?

Foto 4: Ein Skorpionmensch

 Utnapischtim verrät ihm das Geheimnis des ewigen Lebens: Es ist eine stachelige Pflanze, die auf dem Grunde eines Sees gedeiht. Mit schweren Steinen als Gewicht taucht Gilgamesch in die Tiefe  und findet tatsächlich die Wunderpflanze. Mit seinem kostbaren Fund taucht er an die Oberfläche zurück und tritt den Heimweg an. Erneut überwindet er das Meer des Todes. Als er sich aber in der Wüste in einem kühlen Brunnen badet, stiehlt ihm eine Schlange die Pflanze der Unsterblichkeit. Gilgamesch gibt auf. Er resigniert und akzeptiert seine Sterblichkeit. In der Schöpfungsgeschichte des »Alten Testaments« wird die Schlange Eva die Unsterblichkeit wieder anbieten.

Wir wissen heute: Gilgamesch hat wirklich gelebt. Die Königslisten der ersten Dynastie von Uruk verzeichnen ihn als großen Herrscher. Er lebte um 2600 v. Chr. Unsterblichkeit wurde ihm im physischen Sinne nicht zuteil. Aber er erreichte immerhin ein »biblisches Alter« von 126 Jahren. Unsterblich wurde er nur im übertragenen Sinne: Sein Name ist auch heute, fast fünf Jahrtausende später, unvergessen. Historisch real wie Gilgamesch (3) war auch Alexander der Große (*356 v. Chr.; †323 v. Chr.). Beide haben nach Unsterblichkeit gesucht. Der große Herrscher hat, so vermeldet es die »Alexandersage«, von Ägypten aus eine Forschungsreise angetreten. Wie Gilgamesch durchquert Alexander in der einst weit verbreiteten, alten Überlieferung ein »Land der Finsternis« und kommt am Fuße eines Zauberbergs an. Ganz allein, seine Leibwache lässt er zurück, besteigt er ihn. 

Foto 5: Ein Skorpionmensch
Nach zwölf Tagen und zwölf Nächten steht er schließlich an der Grenze zu einer »Überwelt«. Ein Engel, dessen Strahlenglanz ihn blendet, verrät Alexander das Geheimnis des ewigen Lebens: »Ich will dir sagen, wie du leben kannst, ohne zu sterben. Im Lande Arabien hat Gott die Schwärze undurchdringlicher Dunkelheit eingesetzt. Darin ist verborgen ein Schatz dieses Wissens. Dort ist auch der Brunnen des Wassers, das Lebenswasser genannt wird, und wer davon trinkt, und sei es auch nur einen einzigen Tropfen, wird nie sterben.«

Alexander (4) ist diese Auskunft zu rätselhaft. »In welchem Erdteil liegt dieser Brunnen?«, will er wissen. »Frage diejenigen Menschen, die Erben dieses Wissens sind.«, erfährt er nur. Zeit seines Lebens soll er nach dem geheimnisvollen Land gesucht haben. Vermutete er es in Indien (5)? 327 v. Chr. unternimmt Alexander einen Feldzug nach Nordwestindien, will bis zur Mündung des Ganges vordringen. Seine Truppen meutern. Sie weigerten sich, sich weiter in unbekannte Gefilde vorzukämpfen. Der Legende nach, sie ist im »Alexanderroman« von Lambert le Tort (12. Jahrhundert) überliefert, entdeckte ein fünfundsechzigjähriger Gefährte des großen Königs an der Mündung des Ganges, der in der Bibel mit dem Paradiesstrom Pison gleichgesetzt wird, drei Wunderbrunnen: Einer verjüngt, einer verleiht Unsterblichkeit, einer erweckt Tote zum Leben. Der 65-Jährige soll vom Verjüngungswasser getrunken und wieder zu einem Dreißigjährigen geworden sein.

Foto 6: Alexander der Große

Diese Legende, historisch in keiner Weise belegbar, war im Europa des frühen Mittelalters Wissenschaftlern wie Abenteurern wohl bekannt. Sie wollten nach den geheimnisvollen Brunnen suchen und trachteten danach, nach Indien zu gelangen. So leicht war das aber nicht. Der Landweg nach Indien war unpassierbar. Die Sarazenen ließen Europäer nicht durch. Indien konnte nur auf dem Seeweg erreicht werden. Wollte also Kolumbus vorwiegend deshalb Indien aufsuchen, weil er hoffte, in den Besitz des Wassers der Unsterblichkeit zu gelangen? Bekanntlich entdeckte er »nur« Amerika doch auch dort stießen er und seine Gefolgsleute auf geheimnisvolle Hinweise, wonach es auf einer Insel ein Wasser des ewigen Lebens gab.
Foto 7: Juan Ponce de León
Juan Ponce de León (6), Gouverneur von Haiti und Puerto Rico, erfuhr jedenfalls 1511 von »Indianern«, dass es irgendwo im Norden eine Insel namens Bimini gebe. Bimini sei reich an Schätzen und Edelsteinen, das kostbarste Gut aber stelle eine Quelle dar, die aus Greisen wieder junge Männer mache. Juan Ponce de León vermeldete diese Kunde sofort dem spanischen König Ferdinand. Und der gab am 23. Februar 1512 den Befehl, eine Expedition sofort auszurüsten. Aufgabe: die Suche nach Bimini im Norden Haitis. »Sobald Sie die Insel erreicht und erfahren haben, was sie enthält, werden Sie mir den Bericht zustellen!«, so lautete der strikte Befehl.


Fußnoten
1) Röllig, Wolfgang (Hrsg.) »Das Gilgameschepos«, Ditzingen 2009
2) Maul, Stefan (Übersetzer): »Das Gilgamesch – Neu übersetzt und kommentiert von Stefan Maul«, München 2014
3) Sallaberger, Walther: »Das Gilgamesch-Epos/ Myhos, Werk und Tradition«, München 2013
4) Demandt, Alexander: »Alexander der Große/ Leben und Legende«, München 2013
5) Fox, Robin Lane: »Die klassische Welt: Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian«, 4. Auflage, Stuttgart 2011
6) Morison, Samuel Eliot: »The European Discovery of America/ The Southern Voyages«, Oxford University Press, 1974

Zu den Fotos
Foto 1: Gilgamesch und der Löwe. Foto gemeinfrei/ jastrow
Foto 2: Der »Sintflutbericht« aus der Bibliothek Asurbarnipals. Foto wikimedia commons/ Fæ
Foto 3: Aruru alias Ninḫursanga, Herrin der steinigen Einöde, auch Ninhursag, Ninmaḫ, Nintu und Mami genannt. Foto public domain
Foto 4: Ein Skorpionmensch, Königsgräber von Ur. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Ein Skorpionmensch, Königsgräber von Ur. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Alexander der Große. Foto wiki commons/ Berthold Werner
Foto 7: Juan Ponce de León. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein



498. »Der ›Trank der Unsterblichkeit‹ und der Graf von Saint Germain«,  
Teil 498 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4. August 2019


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Sonntag, 21. Juli 2019

496. »Licht und Hölle im Nahbereich Tod«

Teil 496 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gekreuzigter bei Holzhausen
Als Hannelore S. das Licht am Ende des Tunnels immer rascher näherkommen sah, machte sie eine Gestalt aus. »Sie hob sich hell vom hellen Licht ab. Sie strahlte in gleißendem Licht. Ich fühlte mich von ihr angezogen. Ihr Licht blendete aber nicht. Es war ein Engel. Er trug ein fließendes, lang wallendes Gewand. Am Rücken waren zwei mächtige Flügel, die weit über die Schultern reichten. Jener Engel öffnete die Flügel weit, breitete sie aus und versperrte mir den Weg. Er bewegte zwar nicht die Lippen. Ich konnte aber deutlich seine Worte vernehmen: ›Bis hierher und nicht weiter! Noch ist deine Zeit nicht gekommen!‹«

Nach den Recherchen von George Gallup Jr. dürfte etwa jeder dritte Amerikaner, der ein Nahtoderlebnis hatte, auch so eine »Gestalt« wahrgenommen haben. Sie berichten, »die Gegenwart eines Wesens gespürt oder eine sonstige konkrete Erfahrung mit dem Jenseits gehabt zu haben.« Dr. Moody erfuhr durch Befragung von Menschen, die klinisch bereits tot waren, das Gleiche. Er fasst zusammen: »Eine ganze Reihe von Menschen hat mir berichtet, dass sie irgendwann im Laufe ihres Sterbeerlebnisses, sei es gleich zu Beginn, sei es erst später, die Gegenwart anderer spiritueller Wesen in ihrer Nähe wahrgenommen hätten. Diese Wesen seien offensichtlich gekommen, um ihnen den Übergang in den Tod zu erleichtern, oder aber um ihnen anzukündigen, dass die Zeit zu sterben für sie noch nicht gekommen sei, weshalb sie in ihren stofflichen Körper zurückkehren müssten.«

Hannelore S.: »Hinter den Flügeln nahm ich weitere Gestalten war. Sie winkten mir zu, freudestrahlend. Sie gaben mir zu verstehen, dass sie wieder zur Stelle sein würden, sobald ich sterben würde. Ich drehte mich um und flog wieder durch den Tunnel. Dabei flackerten Bilder vor meinem ›geistigen Auge‹ auf. Es begann mit dem Unfall, den ich nochmals wie in einem Film sah, dann folgten, immer weiter zurückgehend, blitzartig aufleuchtend, Szenen aus meinem Leben. Ich erlebte mich schließlich sogar als Baby im Arm meiner Mutter.« 

X
Eine solche »Rückschau« erlebten viele der von Dr. Moody befragten Menschen mit Sterbeerlebnissen. Manche sahen so etwas wie einen Film im Zeitraffertempo ablaufen. Andere visionierten ein eher chaotisches Durcheinander von Erinnerungsfetzen. Dr. Moody: »Obwohl sie so außerordentlich rasch vor sich geht, wird die Rückschau, die fast durchwegs als Spiel visueller Vorstellungsbilder bezeichnet wird, von den Betroffenen doch übereinstimmend als erstaunlich lebendig und lebensecht dargestellt. In manchen Fällen wird von dreidimensionalen und sogar bewegten Bildern in lebhaften Farben berichtet. Selbst wenn sie Schlag auf Schlag vorbeiflimmern, wird doch jedes einzelne Bild wahrgenommen und auch erkannt, ja während des Betrachtens werden die mit den Bildern zusammenhängenden Gefühle und Gemütsbewegungen manchmal sogar erneut durchlebt.«

Genauso erging es Hannelore S.: »Diese Filmsequenzen sausten förmlich an mir vorbei. So wohl ich mich gefühlt hatte, als es in Richtung Licht zuging, so gern ich auch vollkommen in das Licht eingetaucht wäre, jetzt war ich froh, dass es wieder zurück in mein ›altes Leben‹ ging. Bei den Bildern von bestimmten Szenen aus meinem früheren Leben hatte ich erneut die Gefühle von damals verspürt. Ich  konnte zum Beispiel den salzigen Geschmack der Lippen meines ersten Freundes schmecken, vom ersten zärtlichen Kuss als 16jährige.« Hannelore S. empfand schon bald die Chance nochmals in ihr altes Leben zurückkehren zu können, als überaus positiv. Das ist eher selten. Die meisten Menschen mit Nahtoderlebnissen haben sich gegen diese Rückkehr gewehrt. Ganz typisch ist das bereits mehrfach zitierte Erlebnis von Alberta Osborne. Bei ihr folgte auf das als wunderschön empfundene Licht die Rückkehr in die Intensivstation des Krankenhauses:

Foto 2: Höllenwelten von Herrad von Landsberg.
»Dann, schlagartig, hörte ich menschliche Stimmen. Ich wollte die Stimmen nicht vernehmen. Ich wollte bleiben wo ich war und ich wollte nicht zurück. Ich versuchte den Atem anzuhalten, in der Hoffnung, wieder zurückgehen zu können. Aber was auch immer ich versuchte, nichts funktionierte und so fing ich an zu realisieren, was die Menschen um mich herum sagten. Die Schwester meinte zum Arzt: ›Ich hoffe, dass die Nadel nicht zu dick war, ich hatte ja keine Zeit!‹ Und der Arzt antwortete ihr: ›Sie war zu dick, ich musste vorsichtig sein, keinen Knochen zu treffen!‹ Dann wurde mir bewusst, dass eine Nadel in meiner Brust steckte, die in mein Herz führte. Ich hatte eine Injektion ins Herz bekommen.« Sie fragte sich, was geschehen war. Da hörte sie die Antwort von einem der Menschen in ihrer Nähe: »Ihr Herz war stehengeblieben. Sie war dreieinhalb Minuten klinisch tot! Aber jetzt atmet sie wieder!«

Die meisten der Menschen, die Sterbeerlebnisse hatten und mit denen Dr. Raymond Moody gesprochen hat, kehrten nur widerwillig um. »Sobald die Sterbenden in ihrem Erlebnis bis zu einer gewissen Tiefe vorgedrungen sind, liegt ihnen nicht mehr an der Rückkehr, ja sie scheinen sich sogar dagegen zu sträuben, ihre körperliche Existenz wieder aufzunehmen. Insbesondere gilt das für diejenigen, die schon so weit gekommen waren, dass sie dem Lichtwesen begegneten. Wie ein Mann es überschwänglich formulierte: ›Die Nähe dieses Wesens wollte ich nie mehr verlassen!‹«

Foto 3: Höllenwelten von Herrad von Landsberg.
Es ist nur zu verständlich, dass die Sterbeerlebnisse von allen Betroffenen als starker Einschnitt im Leben empfunden wurden. Verglichen mit dem bis dahin erlebten Alltag ist die neue Realität im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch. Was bis dahin als einzige wirklich Welt empfunden wurde, erscheint jetzt als Teil einer umfassenderen Wirklichkeit. Der Tod ist dann nicht das Ende, sondern nur eine Grenze, die überschritten wird. Alberta Osborne stellte rückblickend fest: »Nichts im Leben lasst sich mit der Freude, der Schönheit und dem Frieden vergleichen, was einen alles erwartet, wenn man dieses Leben verlässt und in das nächste eintritt. Ich war dort drüben, wenn auch nur für kurze Zeit und bin zurückgeschickt worden. Das ist es, was ich als Botschaft all jenen vermitteln möchte, die noch Angst vor dem Sterben haben. Lass’ sie los, die Angst. Es gibt nichts Schöneres als das, was nach dem Leben kommt, wenn wir versuchen, richtig zu leben. Leben beinhaltet so viel Schmerz, Kummer, Sorgen und Angst. Doch das alles ist vorbei, wenn der Herr uns zu sich nimmt. Oh, dieser Frieden, diese Freude wird niemand kennenlernen, bevor er nicht dorthin gelangt. Das heißt aber nicht, dass man sich beeilt, dorthin zu gelangen, heißt nicht, dass man sich das Leben nimmt!

Nein, man muss alles Gott überlassen! Ich will keineswegs behaupten, perfekt zu sein. Ich habe viele Fehler in meinem Leben begangen, genau wie andere auch. Aber Gott schickte mich zurück ins Leben, mit einem Grund. Er zeigte mir nur einen Schimmer davon, wie schön der Tod sein kann, aber jetzt weiß ich eines gewiss. Ich kann die Fehler in meinem Leben sehen. Mein Erlebnis mit dem Sterben hat mir gezeigt, wie schön der Himmel sein wird. Das Thema Sterbeforschung hatte mich vor meinem Erlebnis nie interessiert. Doch seither lese ich alles, was ich zu diesem Thema finden kann und habe schon einiges an Nachforschungen geleistet. Niemand wollte jemals wieder zurück ins irdische Leben der einmal drüben war. Ich schließe mit der Aufforderung: Fürchte dich nicht vor dem Tod. Wenn du versuchst zu leben, wie du sollst, dann kannst du auf den Ruf warten. Du hast etwas Schönes in Aussicht, das wunderbarer sein wird als alles, was du je erlebt hast: den Tod. Er ist nicht von dieser Welt!«

Foto 4: Höllenwelten von Herrad von Landsberg.

Alle Menschen, die Sterbeerlebnisse hatten, haben ihre Angst vor dem Tod verloren. Das ist das wichtigste Ergebnis von Dr. Raymond Moody. Einer der von Dr. Moody befragten Betroffenen: »Als ich noch ein kleiner Junge war, grauste es mir vor dem Sterben. Ich wachte nachts häufig auf und schrie und tobte. Meine Mutter und mein Vater stürzten in mein Zimmer und fragten mich, was denn los sei. Ich sagte zu ihnen: ›Ich will nicht sterben, aber ich weiß, dass ich sterben muss. Ihr solltet machen, dass das aufhört.‹ Meine Mutter sprach dann mit mir und sagte: ›Nein, das können wir nicht, es muss wohl so sein, wie es ist und wir müssen uns alle damit abfinden.‹ Sie sagte, dass wir es alle ganz allein vollbringen müssten und dass wir, wenn es soweit sei, unsere Sache auch gut machen würden. Und noch viele Jahre später, als meine Mutter längst gestorben war, sprach ich mit meiner Frau über den Tod. Ich hatte immer noch Angst davor. Ich wollte nicht, dass er zu mir komme. Aber seit diesem Erlebnis (mit dem Tod) fürchte ich mich nicht mehr vor dem Tod. Derartige  Gefühle sind verflogen. Beerdigungen sind mir nicht mehr zuwider. Ich fühle dabei sogar etwas wie Freude, weil ich weiß, was der Tote hinter sich gebracht hat. Ich glaube, dass Gott mir dieses Erlebnis zugeteilt hat, weil ich mich so sehr vor dem Tode gefürchtet habe. Ich rede nicht viel über diese Dinge, aber ich weiß genug, und das macht mich ruhig und zufrieden.«

Was Menschen über ihre Sterbeerlebnisse berichten, klingt trostreich. Fragen aber bleiben. Das größte Geheimnis der Menschheitsgeschichte bleibt bestehen: Was erwartet uns nach dem Tode? Irgendwann wird jeder Mensch diese Frage für sich ganz persönlich beantworten können. Mehr Zeitgenossen als man gewöhnlich annimmt haben Nahtoderlebnisse. Und sie alle kommen zur Überzeugung, dass der physische Tod nicht das Ende ist. Es geht weiter.

Einige Menschen, die klinisch tot oder dem Tod sehr nahe waren, erinnern sich an Höllenvisionen. Ernst M., zum Beispiel (2), sah sich zusammen mit anderen »Toten« in einem Käfig im Höllenfeuer. »Eine Stimme ermahnte mich. So würde ich enden, wenn ich meinen Lebensweg nicht ändern würde. Tatsächlich hatte ich bis dahin manches getan, was eigentlich mit meinem Gewissen nicht vereinbar war. Mein Erlebnis im Todesbereich war alles andere als angenehm. Seither lebe ich so, dass ich keine Gewissenskonflikte habe!«

X
Von Herrad von Landsberg (*1125-1130; †1195), einer hochgebildeten Äbtissin und Schriftstellerin, stammt der »Hortus Deliciarum«. Das Werk, in lateinischer Sprache verfasst, war eine einzigartige Enzyklopädie des Wissens. Es enthält eine äußerst detailreiche Darstellung der höllischen Unterwelt, ein Dokument religiöser Fantasien und Ängste. Wenn manche Menschen in Nahtoderlebnissen Höllenszenen durchleben, sind diese Bilder dann Ausdruck ihrer Ängste? Wenn Menschen im Nahbereich Tod verstorbene Verwandte und Freunde entgegenkommen, sind das dann echte Erlebnisse oder nur die visualisierten Hoffnungen der Menschen, die fast gestorben wären?

Fußnoten
1) Moody, Raymond A.: »Leben nach dem Tod/ Die Erforschung einer unerklärten Erfahrung«, Hamburg 1977
2) Persönliche Mitteilungen von Ernst M., Name geändert
Literatur
Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979
Gallup Jr., George: »Begegnungen mit der Unsterblichkeit«, München 1983
Moody, Raymond A.: »Blick hinter den Spiegel/ Botschaften aus der anderen Welt«, München 1994


Zu den Fotos
Foto 1: Der Gekreuzigte, unweit Keltenschanze 2, Holzhausen, Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 2-4: Höllenwelten von Herrad von Landsberg. wikimedia commons gemeinfrei 
X: Höllenwelten von Herrad von Landsberg. wikimedia commons gemeinfrei

497. »›Geheime Dinge hat er gesehen.‹«
Teil 497 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28. Juli 2019
 


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