Sonntag, 3. November 2019

511. »Als Adammu vom Himmel stieg«

Teil 511 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Schriftzeichen aus Ugarit


»Er hat die Idee von irgendwo gestohlen, alle Ideen sind gestohlen, denn es gibt so gut wie keine originellen Ideen in der Welt.«, sagte der amerikanische Schauspieler Burt Kwouk (*1930; †2016) im Interview (1). »Alles nur geklaut« heißt ein Lied er Leipziger Band »Die Prinzen« (2). In der christlichen Theologie wird schon sehr lange erforscht, ob uralte fremde Mythen in die Bibel eingeflossen sind. Um es salopp auszudrücken: Die Autoren des Alten Testaments haben sich bei sehr viel älteren Quellen bedient und geklaut.

Freilich empörten sich nicht wenige Theologen ob der Vorstellung, das Alte Testament könnte aus Versatzstücken älterer Kulturen zusammengebaut worden sein.

Ich kann mich an die eine oder die andere Diskussion an der »Friedrich Alexander Universität« zu Erlangen erinnern. Da wurde, besonders von einigen christlichen Theologen aus der arabischen Welt behauptet, die biblischen Texte seien erst einige Jahrtausende mündlich überliefert und erst sehr spät schriftlich festgelegt und in die Bibel aufgenommen worden. Die biblischen mündlichen Überlieferungen seien die ältesten, auch wenn es auf Keilschrifttafeln ältere, vergleichbare Texte gebe. N.D., evangelisch-lutherischer Theologe aus dem Libanon: »Die Beschreibung von der Sintflut im Alten Testament (3) wurde zunächst über Jahrtausende mündlich überliefert, bevor Moses sie schließlich aufgeschrieben. Die Sumerer haben die biblische mündliche Überlieferung gekannt, einfach übernommen und auf ihren Tafeln verewigt.« Mit anderen Worten: Nicht die Verfasser des Alten Testaments haben älteres Gedankengut geklaut, sondern Sumerer und Babylonier hätten fremde mündliche Überlieferung vereinnahmt.

Die niederländischen Theologen Prof. Marjo C. A. Korpel (*1958) und der emeritierte Theologieprofessor Johannes C. de Moor (*1935) kritisierten: »Nach unserer Meinung machten frühere Generationen von Gelehrten einen großen Fehler, wenn sie versuchten, die Bibel gegen die abscheuliche heidnische Welt zu schützen, indem sie  sie in ein wasserdichtes Fach steckten. Immer mehr Parallelen zwischen dem ›Alten Israel‹ und seinen nahöstlichen Nachbarn werden entdeckt.  Es wird vollkommen klar, dass keine Theologie einfach Konzepte, die für eine vollkommen andere Situation gedacht waren, auf unsere Zeit übertragen kann. Die Bibel von ihrer Welt zu isolieren, das führt unweigerlich zu einem weltfremden fundamentalistischen Typus des Glaubens.«

Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (5): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« Was die meisten emsigen Bibelleser nicht wissen: Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann (beginnen konnte?), das Meer aufgewühlt und »Rahab« getötet. Wer oder was aber war Rahab?

Verschiedene Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, »Rahab« sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Tatsächlich umschreibt der biblische Prophet Jesaja Rahab als Drachen. Jesaja Feuert Gott an  (6): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) spürte die Quelle auf, aus der die biblischen Autoren das Material für den »biblischen« Drachen der Urzeit schöpften. In seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« (7) verfolgt er eine Spur vom biblischen Gott gegen das Meeresmonster Rahab weit, weit zurück in die Vergangenheit. Im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« wurde er fündig. Ein Exemplar des mysteriösen Epos befand sich vor rund vier Jahrtausenden in der legendären Bibliothek des Aššurbanipal in Ninive.

Was im Alten Testament kurz und bündig abgehandelt wird, das wird im Mythos Jahrtausende früher ausführlich abgehandelt. Es wird in bildhaft-fantastischer Weise geschildert, wie einst die Erde geschaffen wurde. »Der Uranfängliche« (Apsû) und »die, die alle gebar« (Tiamat) sind die Hauptakteure eines vorzeitlichen Dramas. Seltsam: »Tiamat«, »die alle gebar«, war ein Monster, ein Meeresungetüm. In der Bibel ist Eva die, die alles gebar. War also Tiamat aus dem  Schöpfungsmythos »Enūma eliš« die Vorläuferin des Meeresmonsters Rahab und der Göttin Eva?

Wie wäre es mit einem Ausflug in die Welt des Films? Nehmen wir das »Erste Buch Mose« als ein Drehbuch für einen Film über »Die ersten Tage der Menschheit«! Da sind die Hauptakteure schnell aufgezählt: Gott, die »teuflische Schlange«, Adam und Eva. Die Verfilmung eines frommen Buches garantiert heute nicht mehr hohe Einnahmen an den Kinokassen. Lassen wir uns von einem der erfolgreichsten Blockbuster inspirieren! In »Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2« (8) kommt ein Riesenmonster zum Einsatz.

In höchst beeindruckender Weise zerlegt der Krake das Segelschiff »Black Pearl« in seine Einzelteile. Ein Seemonster hat das »Alte Testament« ja auch zu bieten: Rahab. Sehr viel actionreicher geht es im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« zu. Da wagt Göttin Tiamat den Aufstand gegen die mächtige Göttertriade Gottvater Anu, den göttlichen Sohn Ea und den göttlichen Enkel Marduk. Gewaltige Riesenschlangen kämpfen auf der Seite der Göttin. Göttin Tiamat, selbst ein Meeresmonster, wird vom mächtigen Gott Marduk besiegt und getötet. »Enūma eliš« geht ins Detail, bietet eine Fülle von Informationen, aus denen ein guter Drehbuchautor einen an Horroreffekten reichen Blockbuster zimmern kann.

Während der biblische Gott vor der Schöpfung nur Rahab zerschlagen muss, geht im Mythos »Enūma eliš« ein Götterkrieg der Schöpfung voraus. Prof. Dr. Hermann Gunkel informiert uns in seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« über die Einzelheiten (9): »Dann erzählt der Mythus weiter, wie sich Tiamat, die ›Mutter der Götter‹, sammt den Mächten der Tiefe gegen die ›oberen Götter‹ ›empörte‹. … Im Folgenden wird nun der sich so entspinnende Krieg zwischen Tiamat und den Göttern erzählt.«

Auf der einen Seite kämpfen Anu und seine Getreuen, auf der anderen Seite Göttin Tiamat, einige weitere aufständische Götter und elf Monsterkreaturen, von Tiamat eigens für den Krieg der Götter geschaffen. Die Rebellen werden von Gott Quingu geführt. Götterkriege werden auch in jahrtausendealten Epen Indiens beschrieben. Sie wurden am Himmel ausgefochten, wobei Waffen zum Einsatz kamen, die gut in einen »STARWARS«-Film passen würden.

Seit Jahrtausenden sterben Menschen in unvorstellbarer Zahl in Kriegen. Das »Fußvolk« wird von den Staatsmännern geopfert, die selbst höchst selten im kriegerischen Gemetzel zu sehen sind. Unsägliches Leid bliebe den Menschen erspart, würden sich die irdischen Kriegstreiber so wie Gott Marduk verhalten. Marduk fordert Tiamat zum Duell. Ausgestattet ist er mit einem »Sichelschwert« und einem »Donnerkeil«. Bei dem »Donnerkeil« handelte es sich um einen doppelten Dreizack, vergleichbar mit der fürchterlichen Waffe von Gottvater Zeus. Sein Wagen wird von »furchtbaren Wesen« gezogen. Ob es an seinen Waffen lag, dass Marduk Tiamat besiegen konnte?

Der Gott der Bibel musste erst das Meeresmonster Rahab zerschmettern, um mit dem Akt der Schöpfung beginnen zu können. Genauso erging es Marduk! Erst nachdem das Meeresungeheuer Tiamat besiegt war, konnte er mit der Schöpfung anfangen. (11). Mit seinem »Sichelschwert« spaltete Marduk Tiamats Kopf, ihren Leib zerschnitt er in zwei Hälften. Daraus machte er das Universum. Sterne und Tiere werden geschaffen, da gibt es keine Unterschiede zwischen Enūma eliš und dem Alten Testament. Was aber die Erschaffung der ersten Menschen angeht, so bietet Enūma eliš eine vollkommen andere Story.

Der Anführer der Aufständischen, Gott Quingu, wird zum Hauptschuldigen erklärt und getötet. Aus seinem Blut lässt Marduk die ersten Menschen entstehen. Tafel VI des Enūma eliš lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Menschen wurden als Sklaven für die Götter kreiert! Und wo bleibt Adam in der Geschichte? Finden sich Hinweise auf das Paradies in den uralten Texten von Ugarit?

Vor 2.400 Jahren trafen sich im Nordwesten des heutigen Syrien, im Stadtstaat Ugarit, Händler und Schriftkundige. Da wurden heute fantastisch anmutende Mythen erzählt. Ugarit war ein höchst bedeutsames Kulturzentrum. Und so entstand eine Bibliothek aus Keilschrifttafeln, die im Lauf der Jahrtausende verloren und in Vergessenheit gerieten.  Erst 1929, im Geburtsjahr meiner
Mutter Herty Gagel,  entdeckten französische Archäologen bei systematischen Ausgrabungen Keilschrifttafeln, von denen bis heute bei weitem nicht alle entziffert und übersetzt werden konnten. Man vermutet, dass in Ugarit, heute Raʾs Šamra, noch so manche Keilschrifttafel darauf wartet entdeckt zu werden. Was bis heute übersetzt werden konnte, ergibt ein lückenhaftes Mosaik. Wir erfahren eine ganz andere Geschichte von einem »Adammu« und von einem »Paradies« als die Bibel erzählt.

Wir lesen, dass es auf der Erde einst ein Paradies gab, genauer gesagt einen Weingarten oder Weinberg. Adam und Eva lustwandelten aber nicht zwischen den Weinstöcken. Von einem Sündenfall von Adam und Eva ist da auch nicht die Rede. Der Weingarten, auch Weinberg, war vielmehr den großen Göttern vorbehalten. Fast kommt es mir so vor, als wurden gestresste Götter zur Erholung in dieses Refugium geschickt. Offenbar naschten sie dann, um wieder zu Kräften zu kommen, von einem ganz besonderen Baum, den wir allerdings aus der biblischen Paradiesgeschichte kennen. Auch diesem Paradies wuchs der »Baum des Lebens«. Es scheint so, dass eben dieser Baum den Göttern nicht mehr zur Verfügung stand. Da musste eingegriffen werden!

Die Götter wählten einen aus ihren Reihen aus, den sie zur Erde sandten, um den »Baum des Lebens« für die Götter zurückzugewinnen. Der Auserwählte, der eher keine Lust hatte, die ihm gestellte Aufgabe zu meistern, war ein Gott Adammu (Adam?)!

Meine Interpretation bruchstückhafter Texte: Im »Baum des Lebens« hauste eine giftige Schlange. Beim »Baum des Lebens« angekommen, versuchte Gott Adammu, diese Schlange aus dem Baum zu entfernen, den mysteriösen Baum für die Götter wieder zugänglich zu machen. Das misslang gründlich. Adammu versagte. Er wurde von der Schlange gebissen. Unklar ist, ob Adammu starb, oder ob er nur seine Unsterblichkeit verlor. Die Vergiftung hatte, so führen niederländischen Theologen Korpel  und de Moor aus (13) »kosmische Konsequenzen«. So machte sich giftiger (?) Nebel breit, der das Sonnenlicht verdunkelte.

Sollte sich hinter der Mythologie von Adammu, der vom Himmel herab zur Erde stieg, von einer giftigen Schlange gebissen wurde und fast (?) starb und vom Nebel der das Sonnenlicht verdunkelte, eine kosmische Katastrophe verbergen?

Fußnoten
(1) Burt Kwouk im Interview mit Barry Littlechild, »The Cinema Museum«, 18.11.2010. Das Zitat lautet im Original: »He stole the idea from somewhere else, because all ideas are stolen, there are hardly any original ideas in the world.«
Zitat Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=Gl5f3mhkiV0 Stand 27.9.2019
Burt Kwouk, weltberühmter Darsteller des Cato in den »Pink Panther«-Filmen mit dem legendären Peter Sellers (*1925; †1980), bezog sich im Interview auf Blake Edwards (*1922; †2010)
(2) »Alles nur geklaut« ist das dritte Album der Leipziger Band »Die Prinzen« und wurde am 12. November 1993 veröffentlicht.
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 7, Verse 10-24 und 1. Buch Mose Kapitel 8, Verse 1-14
(4): Becking, Bob (Herausgeber): »Reflections on the Silence of God: A Discussion with Marjo Korpel and Johannes de Moor«, Leiden 2013, Zitate aus den Seiten 174+175
(5) Hiob Kapitel 26, Vers 12
(6) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
(7) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895
(8) Originaltitel: »Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest«, etwa »Piraten der Karibik: Des toten Mannes Kiste/ Truhe« (2006)
(9) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895, Seite 22 (Hinweis: Das Zitat wurde buchstabengetreu übernommen, an der Rechtschreibung wurde nichts verändert.)
(10) Ebenda, Seite 23
(11) »Enūma eliš« IV.137-146
(12) Dietrich, Manfred u.a. (Hrsg.): »Die keilalphabetischen Texte aus Ugarit, Ras Ibn Hani und anderen Orten«, Münster 2013
(13) Korpel, Marjo C. A. und Moor, Johannes C. de: »Adam, Eve, and the Devil: A New Beginning«, 2., erweiterte Auflage, Sheffield 2015,  Seite 16., 13.+14. Zeile von oben


Illustrationen
Schriftzeichen aus Ugarit



512. »Als Adam und Eva Götter waren«,
Teil 512der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. November 2019


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Sonntag, 27. Oktober 2019

510. »Als Eva noch eine Göttin war«

Teil 510 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

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Foto 1: »Als Eva noch eine Göttin war«. –
Erfolgstitel von Walter-Jörg Langbein
Die Geschichte von Adam und Eva ist die bekannteste der Bibel überhaupt. Auch der Koran kennt Adam. Im Koran werden die Menschen »Kinder Adams« genannt. In der Sure Al-Isra‘ (1) lesen wir: »Und wir waren gegen die Kinder Adams huldreich und haben bewirkt, dass sie auf dem Festland (von Reittieren) und auf dem Meer (von Schiffen) getragen werden, (haben) ihnen (allerlei) gute Dinge beschert und sie vor vielen von denen, die wir (sonst noch) erschaffen haben, sichtlich ausgezeichnet.«

Altes Testament und Koran bieten ganz ähnliche »Urgeschichte« der Menschheit, es gibt aber einen wesentlichen Unterschied. Der Gott des Alten Testaments setzt Adam als Gärtner ins Paradies. Der Adam des Korans freilich spielt eine sehr viel dominantere Rolle als sein jüdisches Pendant. Der Gott des Korans verkündet den Engeln vor der Erschaffung Adams, dass er den ersten Menschen als »chalīfa« einsetzen werde. Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen, aber auch in Göttingen, hatte ich immer wieder Gelegenheit, mich mit Muslimen über die Problematik der richtigen Übersetzung des Korans zu unterhalten. Ein konkretes Beispiel: Adam bekommt von Allah die Position eines »chalīfa«. Wie aber übersetzt man »chalīfa« ins Deutsche? Ein »chalīfa« ist im Arabischen gewöhnlich ein »Stellvertreter« oder »Nachfolger«. Beide Ausdrücke tauchen in unterschiedlichen Übersetzungen auf. Rudi Paret (*1901; †1983)  formuliert es so (2): »

Ich werde auf der Erde einen Nachfolger einsetzen!« Die angeblich wortgetreue Übersetzung von Dr. Ullmann bietet an (3): »Ich will auf Erden einen Statthalter setzen.« Was also war Adam? »Nachfolger« oder »Statthalter«? Ich bin versucht, den Adam des Korans als eine Art »Papst« zu sehen, als »Stellvertreter« Gottes auf Erden. Diese hohe Stellung Adams in der Schöpfung nach dem Verständnis des Korans erklärt die Dominanz des Mannes im Weltbild der Muslime.

Die Engel sind von dieser Idee ganz und gar nicht begeistert und warnen Gott (3): »Willst du auf ihr (auf der Erde) jemand einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt … ?« Offensichtlich lässt such Allah nicht von seinem Vorhaben abbringen und schlägt die mahnenden Worte der Engel in den Wind.  Betrachtet man die Weltgeschichte bis in die Gegenwart, so kann man nur konstatieren, dass sich die Prophezeiung der Engel bewahrheitet hat. Der Mensch richtet auf Erden in der Tat Unheil an und vergießt Blut.

Foto 2: Adam nach Albrecht Dürer. 
Briefmarke Vereinigte Arabische Emirate
(1971)
Im Alten Testament (4) wie im Koran (5) darf Adam die Tiere benennen. Mit dem Beim-Namen-Nennen erhält Adam, das ist eine uralte magische Vorstellung, Macht. Diese magische Vorstellung findet sich noch im Märchen von Rumpelstilzchen, der seine Macht verliert, sobald man ihn beim Namen nennt.

Im Koran benennt Adam nicht nur alle Dinge, er ruft auch die Engel, so wie von Gott befohlen beim Namen (6): »Er (Gott) sprach: ›O Adam, nenne ihnen ihre Namen!‹« Somit steht Adam über den Engeln, die sich, wieder auf Geheiß Gottes, vor Adam zu Boden werfen müssen. Das tun alle Engel, mit Ausnahme des hochmütigen Iblis. Iblis will Allah beweisen, dass die Menschen unwürdig sind, so dass man von ihm nicht erwarten kann, sich demütig vor den Menschen zu Boden zu werfen. Allah willigt ein und Iblis darf bis zum Jüngsten Tag versuchen zu beweisen, dass der Mensch unwürdig ist (7).

Die Geschichte von Adam und Eva ist die bekannteste der Bibel überhaupt. Auch der Koran kennt Adam. Im Koran werden die Menschen »Kinder Adams« genannt. Im Alten Testament wie im Koran wird Adam von Gott geschaffen. Freilich sind Adam und Eva sehr viel älter als der Koran und das Alte Testament. Nehmen wir die Spur auf!

Adam erhebt sich im Alten Testament über Eva. So wie er alle Tiere benennt und so Macht über sie erhält, so benennt er auch seine Frau (8): »Und er rief, Adam, einen Namen seiner Frau: Chawa, denn sie wurde die Mutter aller Lebenden.«

Foto 3:
Eva nach Albrecht Dürer.
Wirklich verständlich ist diese Erklärung für den Bibelleser nicht. Es drängt sich doch die Frage auf, wieso Adam seine Frau »Eva« genannt haben soll,  weil sie »die Mutter aller, die da leben« wurde. Der deutsche Text gibt keine Erklärung.

Die »Hoffnung für Alle«-Ausgabe der Bibel versucht dem Laien den Zusammenhang zu verdeutlichen, indem eine »Übersetzung« von »Eva« angeboten und in Klammern eingefügt wird: »Adam gab seiner Frau den Namen Eva (›Leben‹), denn sie sollte die Stammmutter aller Menschen werden.«

»Eva«, so meint der Laie verstehen zu müssen, heißt also Leben. Und weil Eva die »Stammmutter aller Menschen« wurde, nannte ihr Mann Adam sie in prophetischer Weitsicht »Eva«, eben »Leben«.
Die Brisanz des Originaltextes geht allerdings in sämtlichen Übersetzungen verloren. Im hebräischen Original steht nämlich, wortwörtlich ins Deutsche übertragen: »Und der Mann nannte seine Frau Eva, denn sie war die Mutter aller lebenden Dinge/ alles Lebendigen.« Im Originaltext ist Eva nicht nur Stammmutter aller künftigen Menschen, sondern alles Lebendigen. Dazu gehören nach uralter Vorstellung die Pflanzen, die Tiere, die Menschen – und die Götter. Eva erhält also ihren Namen, weil sie als wirkliche Urmutter von Tieren, Menschen und Göttern und nicht nur von den Menschen angesehen wurde!

Was vordergründig als eine sprachwissenschaftliche Haarspalterei erscheinen mag, birgt geradezu die Brisanz eines Sakrilegs: Eva war demnach weit mehr als die erste Frau und Mutter aller Menschen, die nach ihr lebten. Sie war die »Mutter alles Lebendigen«. Sie trug damit einen uralten Ehrentitel, den es schon im Sumerischen gab, lange bevor die Bibel geschrieben wurde. »Eva« entspricht der sumerischen Göttin »nin.ti«. »Nin.ti« wurde nicht nur »Herrin des Lebens«, sondern auch »Herrin der Rippe« genannt. Das sumerische »Herrin der Rippe« lässt sich auch mit »Herrin/ Göttin, die Leben erschafft« übersetzen!

Jetzt erscheint die Aussage der Bibel, dass Eva aus Adams Rippe kreiert wurde, in ganz anderem Licht! Eva, die Urmutter alles Lebendigen, war ursprünglich viel mehr als die erste Frau. Sie war eine Göttin, die alles Leben schuf!

Foto 4:  Eva greift nach dem Apfel,
Fotomontage nach einem Motiv
von Maarten van Heemskerck.

Wie Eva wurde die Göttin Ninhursag (alias »Mami« und »Nintu«) auch »Mutter alles Lebenden« genannt, das allerdings schon Jahrtausende vor Entstehung der Bibel. Göttin Ninhursag trug eine Art Ehrentitel: wahre und große Herrin des Himmels. Klingt das nicht auch nach Maria, Jesu Mutter, genannt die »Gottesmutter«?

Eva ist die zum Menschen degradierte einstige »Göttin der Rippe«, die alles Leben schuf. Sie ist die von den biblischen Theologen entmachtete Göttin Ninhursag der Sumerer, die einst als mächtige Erd- und Muttergottheit angebetet wurde. Als Göttin der Fruchtbarkeit bestimmte sie über das Schicksal der Erde. In Tempel-Hymnen wird sie als »wahre und große Herrin des Himmels« gepriesen.

Foto 5: Eva nach
Lucas Cranach d.Ä.
Professor Isaac M. Kikawada (*1937; †2018) war an der Universität von Berkeley, Kalifornien, Experte für die Urgötter des Nahen Ostens. Er veröffentliche die fundierten theologische Bücher »Jesus in the Gospels« (Jesus in den Evangelien) und »Before Abraham was« (Bevor es Abraham gab). Übersetzungen ins Deutsche liegen leider nicht vor. Wirklich brisant sind seine Forschungsergebnisse über Eva, die er im »Journal of Biblical Literature« veröffentlichte. Damit hätte er weltweit heftigste Diskussionen auslösen müssen. Aber anscheinend nimmt man in der »wissenschaftlichen Theologie« kontroverse Meinungen offiziell überhaupt nicht zur Kenntnis, auch dann nicht, wenn sie aus seriöser Quelle stammen. Prof. Isaac Kikawada identifizierte Eva als die Göttin Mami, als die »Herrin aller Götter«.

In der Welt des Vorderen Orients gab es eine Vielzahl von Göttinnen. Genauer gesagt: Es sind unzählige Namen von Göttinnen überliefert, die eine ganz besonders große Rolle in den Glaubenswelten der Menschen gespielt haben müssen. Verfolgen wir die Spur der Göttinnen zurück in die graue Vorzeit! Rasch erkennen wir, dass sie alle einen gemeinsamen Ursprung haben. Am Anfang war nicht der männliche Schöpfergott. Am Anfang war nicht der männliche Urheber allen Seins, sondern die Göttin. Vielfältig wie die unterschiedlichen Namen der Göttinnen, scheinen auchdie ältesten Überlieferungen über den Ursprung allen Seins zu sein.

Foto 6:
Die legendäre
sumerische Göttin
Ninhursag.
Der Schein aber trügt, wie der Anthropologe, Orientalist und Bibelforscher Raphael Patai (*1910; †1996), feststellt (9): »Die ältesten Antworten auf die berühmte Frage nach dem Woher wiederholen immer wieder in mannigfaltiger Form die gleiche Idee: Es war der Körper der Urgöttin, aus dem entweder das Weltenei erschien oder aus dem die Erde geboren wurde. Oder es war der Körper der Göttin selbst, aus dessen Materie die Erde geformt wurde. So beginnen die ältesten Kosmologien mit der Urgöttin.« Schon 1930 kam der Theologe Wilhelm Schmidt (*1868; †1954) in seinem Werk  »Ursprung und Werden der Religion« zur Erkenntnis, dass uralte Kulturen das höchste Wesen häufig als Göttin sahen. Schmidt, ein deutsch-österreichischer römisch-katholischer Priester, Religionswissenschaftler, Sprachwissenschaftler und Ethnologe, war weltweit geachteter Theologe im besten Sinne des Wortes. Er blickte weit über den Tellerrand der eigenen Konfession hinaus.

Die »Urgöttin« Eva, die »Mutter alles Lebenden« wurde mit »Mutter Erde« gleichgesetzt. Im biblischen Buch Hiob (10) wird versteckt noch an das Bild von »Mutter Erde« erinnert: »Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück.« Zunächst denkt man an die menschliche Mutter, die das nackte Baby gebiert. Doch im zweiten Teil des Satzes ist vom Tod die Rede: Als nackter Leichnam kehrt der Tote nicht in den Leib seiner irdischen Mutter, sondern in den »Leib« der Erde zurück. Der Tote wird im Erdreich bestattet. Die Erde wird ganz klar als »Schoß der Mutter« bezeichnet, in den der Mensch zurückkehrt. Die verborgene Botschaft lautet also: Mutter Erde hat den Menschen geboren und nimmt ihn nach seinem Tode wieder auf. Sollte man gar einen Schritt weiter gehen können? Spielt der Hiob-Satz auf die Lehre von der Wiedergeburt an: Der Mensch wird geboren, stirbt, aber um wieder geboren zu werden?

Zur vertiefenden Lektüre empfohlen…
Walter-Jörg Langbein: »Als Eva noch eine Göttin war: Die Wiederentdeckung des Weiblichen in der Bibel – Verborgenes Wissen in biblischen Schriften, verbotenen Büchern und sakralen Kunstwerken«, Groß-Geruau 2015; >> amazon

Foto 7: »Als Eva noch eine Göttin war«. –
Erfolgstitel von Walter-Jörg Langbein

Fußnoten
(1) Übersetzung von Paret, Rudi: »Der Koran/ deutsche Übersetzung«, Stuttgart 1979, 2. Auflage, eBook-Version
Sure 30, Vers 70
(2) Ebenda, Sure 2, Vers 30
(3) »Der Koran/ Aus dem Arabischen wortgetreu übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von Dr. L. Ullmann«, Paderborn, ohne Jahresangabe, Seite 21, 9.+10. Zeile von unten
(4) 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 18
(5) 2. Sure, Vers 31. Im Koran darf Adam nicht nur die Tiere, sondern alles, alle Dinge, benennen.
(6) 2. Sure, Vers 32
(7) 38. Sure, Verse 79+80
(8) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 20, in meiner wortwörtlichen Übersetzung aus dem Hebräischen.
(9) Patai, Raphael: »The Hebrew Goddess«, 3., erweiterte Auflage, Detroit,
Michigan, USA, 1990
(10) Hiob, Kapitel 1, Vers 21

Zu den Fotos
Foto 1: »Als Eva noch eine Göttin war«. – Erfolgstitel von Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Adam nach Albrecht Dürer.  Briefmarke Vereinigte Arabische Emirate 1971. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eva nach Albrecht Dürer. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4:  Eva greift nach dem Apfel, Fotomontage nach einem Motiv von Maarten van Heemskerck. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Eva nach Lucas Cranach d.Ä. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die legendäre sumerische Göttin Ninhursag. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »Als Eva noch eine Göttin war«. – Erfolgstitel von Walter-Jörg Langbein



511. »Als Adammu vom Himmel stieg«,
Teil 511 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 3. November 2019



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