Sonntag, 12. Januar 2020

521. »Tebel, die zweite Erde«

Teil 521 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kain soll auf einen fremden
Planeten verbannt worden sein
Adam wurde, so berichten die »Legenden« aus dem Paradies geworfen. Wir verstehen »Paradies« und »Garten Eden« als ein und denselben Ort. Wir bezeichnen das biblische Paradies auch als den »Garten Eden«. Im geheimnisvollen »Zohar« (andere Schreibweise: »Sohar«) aber wird deutlich zwischen beiden unterschieden. »Zohar«, zentraler Bestandteil der »Kabbala« (zu Deutsch »das Überlieferte«), beschreibt »Paradies« und »Eden« als zwei völlig unterschiedliche Orte! Es mutet wie eine Idee aus dem Script eines Science-Fiction-Films an, der uns für sehr viele Dollarmillionen wahrhaft kosmische Welten präsentiert.

Nach dem »Zohar« (1) »beinhaltete Eden dreihundertundzehn Welten«. Louis Ginzberg erklärt in einer Fußnote (2), dass sich »Eden« nach »Zohar I, 125a« nicht auf der Erde, sondern in himmlischen Gefilden befindet, und zwar im siebten Himmel oder darüber. Sollte es sich bei »Eden« also gar nicht um den idyllischen Paradiesgarten auf Erden handeln? Was ist mit »dreihundertundzehn Welten« gemeint? Dürfen wir spekulieren? Handelt es sich bei »Eden« um eine Ansammlung von Sternen mit 310 Planetenwelten? Wie dem auch sei: In den »Legenden der Juden« geht es reichlich kosmisch zu. Da werden fremde Erden und diverse Himmel beschrieben, von denen einige bewohnt sind.

Manchmal ist es unklar, ob mit dem einen oder dem anderen Himmel ein fremder Planet gemeint sein könnte. Da geht es um Reisen zwischen fremden Welten und der Erde. Der biblische Adam reist zu anderen Planeten und bleibt irgendwie verschollen. Mir scheint, im Lauf vieler Jahrhunderte ist die Grenze zwischen Fantasie und Realität verschwommen. Im Lauf der Jahrhunderte wurden aus den Himmeln der Himmel, der von den Dahingeschiedenen bevölkert wird.

Rekapitulieren wir: Adam fliegt aus dem Paradies, wird nach »erez« transportiert und von dort von Gott nach »adamah« geschafft. Auf »adamah« werden Kain, Abel und schließlich Seth geboren. Kain ermordet Abel und wird zur Strafe auf »erez« verbannt. Als er Reue zeigt bringt ihn Gott nach »arka«. Ob Kain freilich sein Leben auf »arka« genießen konnte, muss dahingestellt bleiben. Ist doch überliefert, dass sich auf jener Welt eine »Hölle« befand. »Engel der Zerstörung« bewachen hier die »Seelen der Bösen« wie Gefängnisaufseher Insassen in einem kosmischen Alkatraz (3). Wurden sie, wie ich 1981 formulierte, in »Lagern« als Gefangene Gehalten?

Foto 2: Eva wird nicht als Reisende
zu fremden Planeten erwähnt.
Fresko (1475) in der Dreieinigkeitskirche
von Hrastovlje ( Slowenien )
von Johann von Kastav.
Seltsam: Über den weiteren Verlauf von Kains Planetenreisen finde ich nichts mehr in den »Legenden der Juden«. Wurde Kain, der Brudermörder, wieder auf die Erde geschafft, oder musste er bis ans Ende seiner Tage auf »arka« bleiben? Adam wird zu fremden Planeten gebracht, von Eva ist bei den fantastisch anmutenden Schilderungen nicht die Rede.

Das Wissen über weitere Planeten wird, so scheint mir, nur fragmentarisch überliefert. Oder Louis Ginzberg hat nicht alle in den äußerst umfangreichen »Legenden der Juden« auftauchenden Informationen über fremde Planetenwelten in sein äußerst wichtiges Sammelwerk aufgenommen.
Sehr interessant ist auch der Planet »herabah« – wörtlich »die Tockene«. Im Gegensatz zum Namen hatte er reichlich Wasser in Form von Flüssen und Bächen zu bieten. Wasser, so berichten die »Legenden der Juden« gab es auch auf »Yabbashah«.

»Tebel« (4) schließlich,  »die zweite Erde«, war von »lebenden Kreaturen bevölkert«, von »365 Arten, alle grundlegend verschieden von jenen auf unserer Erde«. Auf »tebel«, so erfahren wir weiter aus den »Legenden der Juden«, lebten erschreckend aussehende Mischwesen, Kreaturen die nicht einer natürlichen Evolution entsprungen sein können. Bilder wie aus einem Gruselkabinett eines modernen Frankenstein werden plastisch beschrieben (5): »Manche haben Menschenköpfe auf dem Körper eines Löwen oder einer Schlange oder eines Ochsen; andere haben Menschenkörper mit den Köpfen jener Tiere. Außerdem wird Tebel bevölkert von menschlichen Wesen mit zwei Köpfen und vier Händen, in der Tat haben sie alle Organe zweifach mit Ausnahme des Leibes.«

Diese Beschreibung aus den »Legenden der Juden« erinnert mich an so manche reliefartige Darstellung an uralten indischen Tempeln, die ich vor Jahren besuchen durfte. Die Kleinstadt Konarak, am »Golf von Bengalen« gelegen, ist gut von Puri aus zu erreichen. Wer den indischen Bundesstaat Odisha besucht, sollte unbedingt die Tempelanlage von Konarak einplanen.

Die Bauarbeiten am »Sonnentempel« wurden vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich anno 1243, von König Narasimha Deva (Regierungszeit 1238 - 1264) in Auftrag gegeben. Bei meinem Besuch im November 1995 wurde emsig restauriert. Hunderte Arbeiter schufteten für wenig Geld nach altüberlieferten Methoden ohne heutige Geräte. Sie verarbeiteten Materialien wie vor rund 1.500 Jahren.

Foto 3:
Schlangen-
Mensch-
Wesen
Der »Wagen des Sonnengottes« ist reich mit unglaublich detailreich herausgearbeiteten Halbreliefs versehen. Der Reiseführer von Marco Polo erklärt (2): »In die … Mauern sind Blätter, Tiere, mystische Wesen, Musiker und Tänzer eingemeißelt. Zwei Löwen bewachen den Eingang. Auf jeder Seite des Tempels zertrampeln ein kolossaler Kriegselefant und ein Pferd gegnerische Krieger. Überlebensgroße Paare tanzen im erotischen Vorspiel.«

Im fast schon unüberschaubaren Getümmel der unterschiedlichsten Figuren werden die meiner Meinung nach besonders interessanten Nagas (Foto 3!) leicht übersehen. Viele europäische Besucher haben nur Augen für die erotischen Darstellungen. Nagas, »Schlangen«-Gottheiten, gibt es in verschiedenen Variationen: Manchmal treten sie als Mischwesen auf, als Mensch mit Schlangenkopf oder als Schlange mit Menschenkopf. Manchmal werden sie als vollständige Schlangen gezeigt. Es gibt aber auch Nagas mit Schlangenleib und mehreren Schlangenköpfen. Die Schlangengottheiten haben in der alten indischen Tradition erstaunliche, weil magische Fähigkeiten.

Foto 4: Konarak...
Mischwesen wie von Eusebius
beschrieben...
Auch heute neigen viele Wissenschaftler dazu, derlei Kreaturen als reine Hirngespinste oder »symbolisch gemeinte Darstellungen«  abzutun. Die mit reichlich Phantasie ausgestatteten Dichter sollen einfach unterschiedliche Tiere mit Menschen kombiniert haben, um ganz außergewöhnliche Wesen zu erschaffen, die in sich ganz unterschiedliche Fähigkeiten vereinten. Aber waren diese mysteriösen Wesen wirklich nur Produkte der menschlichen Erfindungsgabe?

Warum hört man nicht auf die antiken Historiker, die sich ganz konkret zu den monströsen Schöpfungen äußern? Historiker Eusebius zum Beispiel lässt auch nicht den geringsten Zweifel aufkommen: Monströse Mischwesen, Geschöpfe der Götter, hat es ganz real und in Fleisch und Blut gegeben (6):

»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter, Ergänzung des Autors) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Foto 5: Auch am Dom zu Paderborn gibt es Mischwesen.

Weltweit gibt es diese Mischwesen: an indischen Tempeln in Stein, in den »Legenden der Juden« auf einem fremden Planeten und im fantastisch anmutenden Text des Historikers Eusebius. Gruselige Mischwesen machte ich auch am berühmten Paradiestor des Doms zu Paderborn aus. Teils erinnern die steinernen Monstrositäten an Saurier, teils vollkommen fremdartig.


Foto 6: Der Fantasie entsprungen... oder doch nicht…
(Dom zu Paderborn)

Was die Darstellungen in Wort und Bild aus alten Zeiten für mich wirklich zu schrecklichen Visionen macht? Man kann sie leider nicht mehr einfach nur als verrückte Fantasiegebilde abtun. Ich wünsche mir sehr, dass diese Kreaturen vor Jahrhunderten und Jahrtausenden nur als reine Fantasieprodukte entstanden sind. Ich hoffe sehr, dass die Horrorwesen, die Eusebius so plastisch beschrieb und die unbekannte Künstler vor Jahrhunderten am Paradiestor des Doms zu Paderborn anbrachten, nie real existiert haben.

Foto 7 ...Fantasie oder doch Realität von einst...
(Dom zu Paderborn)

Leider muss man aber davon ausgehen, dass derlei Grausamkeiten aus Fleisch, Blut und Knochen schon heute in geheimen irdischen Labors entwickelt werden. Aber auch ganz offiziell geht man schon sehr weit. Frankenstein lässt grüßen! Sommer 2019: Der japanische Stammzellenforscher Prof. Hiromitsu Nakauchi (*1952) darf mit offizieller Genehmigung der japanischen Regierung menschliche Zellen in Tierembryonen einpflanzen und so Mensch-Tier- Kreaturen erschaffen. Ich bin davon überzeugt, dass man in geheimen Labors schon heute noch viel weiter ist. Militärstrategen  sind daran interessiert, Tier-Mensch-Soldaten einzusetzen, die mehr Robotern als beseelten Lebewesen gleichen. Experimente, die theoretisch möglich sind, werden garantiert irgendwo verwirklicht, weil Experimente schon um ihrer selbst willen ausgeführt werden, oder einfach nur um auszutesten, was möglich ist.

» Japan erlaubt Züchtung von Mensch-Tier-Chimären« vermeldete »SPIGEL ONLINE« am 4.3.2019 in der Rubrik »Wissenschaft«. So oder so ähnlich formulierten es die Medien weltweit. Laut »ÄRZTE ZEITUNG« (online 31.7.2019)  hält der Vorsitzende des »Deutschen Ethikrates« Professor Peter Dabrock »das Verfahren auch in Deutschland für denkbar, weil bei den Versuchen keine aus Embryonen gewonnenen iPS-Zellen verwendet werden sollen«. Prof. Dabrok wird weiter wie folgt zitiert: »Wenn bei der Forschung keine Embryonen verbraucht werden, dann wären solche Versuche auch in Deutschland nach Embryonenschutzgesetz wie nach Tierschutzgesetz zulässig.« Einiges ist schon zulässig, möglich ist viel mehr. Was möglich ist, wird garantiert irgendwo in modernen »Frankensteinlabors« verwirklicht.

Was Ethikkommissionen dazu meinen, ist für die Experimente dort belanglos. Der Begriff »Fortschritt« wird von so manchem Experimentator sehr unethisch verstanden.

Foto 8: Adam am Baum des Lebens, Holzstich,
Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage gespiegelt.


Fußnoten
(1) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 21, 12. und 13. Zeile von oben: »Eden, containing three hundred and ten worlds.« Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(2) Ebenda, Band 4, Seite 30, Fußnote 84, 9.-14. Zeile von oben. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(3) Ebenda, Band 1, Seite 10, 13.-15. Zeile von unten. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(4) Ebenda, 3.-7. Zeile von unten. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(5) Ebenda, 8.-10. Zeile von unten. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(6) Zitiert nach Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx/ Neue Fragen an das alte Land am Nil«, München 1989, S. 68 unten und S. 69 oben. Dort angegebene Quelle: Karst, Josef: »Eusebius Werke, 5. Band, Die Chronik, Leipzig 1911«

Zu den Fotos
Foto 1: Kain soll auf einen fremden Planeten verbannt worden sein (Foto: Kirche von Urschalling). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eva wird nicht als Reisende zu fremden Planeten erwähnt. Fresko (1475) in der Dreieinigkeitskirche von Hrastovlje ( Slowenien ) von Johann von Kastav.
Foto 3: Am Tempel von Konarak tummeln sich Mischwesen mit Schlangenleib und Menschenköpfen (Nagas). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Konarak... Mischwesen wie von Eusebius beschrieben... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Auch am Dom zu Paderborn gibt es Mischwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Fantasie entsprungen... oder doch nicht… Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7 ...Fantasie oder doch Realität von einst... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Adam am Baum des Lebens, Holzstich, Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage gespiegelt.


522. »Sieben Erden und ›unmögliches‹ Wissen«,
Teil 522 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Januar 2020


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Sonntag, 5. Januar 2020

520. »Adam reist zu fremden Planeten«

Teil 520 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Louis Ginzberg (*1873; †1953)  wanderte 1899 in die USA aus. Dort wirkte er mit an der »Jewish Encyclopedia« und hatte von 1902 an eine Professur für Talmud und rabbinische Wissenschaft am »Jewish Theological Seminary«, New York, inne. Studiert hat Louis Ginzberg aber in Berlin, Straßburg und Heidelberg. In Heidelberg promovierte er 1898  zum »Dr. phil«. Sein Mammutopus »Legends of the Jews« verfasste der gelehrte Rabbi in deutscher Sprache. Bis heute ist leider nur die englische Übersetzung allgemein zugänglich. Das deutschsprachige Original ist erhalten, wurde aber bis heute nicht in Buchform publiziert. Angeblich wird daran gearbeitet, das deutschsprachige Original  wissenschaftlich korrekt zu veröffentlichen. Bis dahin sind wir nach wie vor auf die englischsprachige Übersetzung angewiesen.

Foto 1: Adam besuchte fremde Planeten.
Foto Adam am Baum des Lebens,
Holzstich Mitte 16. Jahrhundert.
Fotocollage gespiegelt.

Von Planet »erez« (finster und unbewohnt) wurde Adam auf Planet »adamah« geschafft. Die dort hausenden Lebewesen (1) »verlassen ihre eigene Erde, um sich auf die von Menschen bewohnte (Erde) zu begeben«.

Kurios mutet an, dass in den »Legenden der Juden« meines Wissens nur von Adams Planetenreisen berichtet wird. Eva wird  mit keinem Wort erwähnt. Es wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Kain, Abel und Seth auf »adamah« geboren wurden. Nach den biblischen Texten des »Alten Testaments« war Eva, Adams zweite Frau, die Mutter von Kain, Abel und Seth. Demnach muss auch Eva auf kosmischer Reisetour unterwegs gewesen sein!

Der dritte Sohn von Adam und Eva wurde »Seth« genannt, zu Deutsch »Setzling«. Warum? Lesen wir im 1. Buch Mose (2) nach : »... und sie rief seinen Namen ›Schet‹, denn gesetzt haben mir die Götter (Gottwesen/Elohim) fremden Samen für Häbäl (Abel), welchen Kajin (Kain) erschlug.« Wie soll man die Tatsache, dass die Götter der Eva »fremden Samen« einpflanzten, verstehen? Ich zitiere aus meiner wörtlichen Übersetzung aus dem hebräischen Original ins Deutsche: »Und er erkannte, er, Adam, erneut seine Frau und sie gebar einen Sohn und sie rief seinen Namen Schet, denn gesetzt hat mir Elohim Samen anderen für Habäl, denn er erschlug ihn, Kajin.«

Hier wurden offenbar zwei verschiedene Texte miteinander verknüpft. Oder es wurde ein Stück Text weggelassen. Denn plötzlich redet Eva, ohne dass darauf hingewiesen wird!

Foto 2
Nach den »Legenden der Juden« (Fotot 2!) ermordete Kain seinen Bruder Abel auf dem Planeten »adamah«. Zur Strafe wurde er auf den Planeten »erez« verbannt. Erst als Kain Reue zeigte, brachte ihn Gott auf eine andere Welt. So kam er vom kosmischen »Alkatraz« auf Planet »arka«. Über »arka« erfahren wir aus den »Legenden der Juden«, dass das Leben dort etwas angenehmer war als auf der unbewohnten Welt »erez«, die ihrer Sonne offensichtlich näher war, wird doch »erez« als die Welt beschrieben, (3) »die etwas Licht von der Sonne empfängt«. Die Welt »erez« war offensichtlich sehr viel weiter von ihrer Sonne entfernt, deshalb war es dort dunkel. Auf »arka« lebten die »Kainiten«, die das Land bebauten. Weizen, so heißt es, kannten sie nicht. In den »Legenden der Juden« wird überliefert (4): »Einige der Kainiten sind Riesen, einige von ihnen sind Zwerge.«

Ich bin davon überzeugt, dass sich in den »Legenden der Juden« fragmentarische Überbleibsel von inzwischen verschollenen Kenntnissen finden lassen. Einst mag es Überlieferungen über die Zustände auf fernen fremden Planeten gegeben haben. Wurden sie in religiöse Texte eingebaut? Schwingt in den biblisch-christlichen Vorstellungen von einer Höllenwelt Wissen über Planet Venus mit? Hinweise auf die gigantischen Entfernungen zwischen verschiedenen Welten im Kosmos können wir nicht wirklich begreifen. Hinweise auf derlei Distanzen gibt es auch in den »Legenden der Juden«. Kaum erahnen können wir die vielleicht ursprünglich vorhandenen Kenntnisse. Vage Erinnerungen sind fragmentarisch überliefert worden: Zahlen und Namen. Ein Beispiel: Fünfhundert Jahre soll es gedauert haben, um von der Erde aus den ersten »Himmel« zu erreichen.

Bis in den sechsten »Himmel« wurden angeblich Menschen von der Erde mitgenommen. Namentlich bekannt sind folgende Höllenwelten: »sheol«, »abbadon«, »bershahat«, »tit ha jawen«, »sha’are mawet«, »sha‘are zalmawet« und »gehenna«. Dreihundert Jahre soll es gedauert haben, um eine Hölle zu durchqueren. Mit welchen »Verkehrsmitteln« musste man da unterwegs sein? Auf Planet Erde würde es 6.300 Jahre dauern, so wissen es die »Legenden der Juden« zu berichten, um eine vergleichbare Strecke zurückzulegen. Sind solche konkreten Angaben reine Phantasieprodukte von fabulierenden Ahnungslosen oder liegen Erinnerungen an konkrete kosmische Distanzen zu fremden Welten zugrunde?

Von der Erde heißt es, sie bestehe nur zu einem Drittel aus bewohnbarem Gebiet, der Rest sei Wasser und Wüste gewesen (6): »Von dieser weiten Welt ist nur ein Drittel bewohnt, die anderen beiden Drittel verteilen sich zu gleichen Teilen auf Wasser und Brachland.« Tatsächlich besteht Planet Erde nur zu einem Drittel aus Land, den Rest bedecken Meere. Oder war mit »dieser weiten Welt« unsere Heimat »Planet Terra« gar nicht gemeint?

Seit über vier Jahrzehnten durchforste ich die weiten Welten der Mythen und Sagen. Auf dem weiten, weiten Feld der religiösen Legenden gedeihen auch prächtige Blumen, die in einen frömmelnden Kontext so ganz und gar nicht passen wollen. Da tauchen in fantasiereichen Schilderungen von Höllen, Erde und Himmeln ganz konkrete Daten auf. Die »Legenden der Juden« zum Beispiel gehen weit über den Schöpfungsbericht des »Alten Testaments« hinaus. Folgt man der biblischen Schöpfungsgeschichte, so wie wir sie heute im »Alten Testament« finden, dann gab es im Zentrum des göttlichen Wirkens Planet Erde. Gott schuf die Erde, Sonne, Mond und Sterne waren nichts anderes als kleine und große Lampen.

Foto 3: Adam auf einem Fresko (1475)
in der Dreieinigkeitskirche von Hrastovlje
( Slowenien ) von Johann von Kastav

Nach den »Legends of the Jews« indes war das ganz anders. Planet Erde war nur eine kleine Welt in einem Meer von Planeten, die gelegentlich »Erden«, gelegentlich »Welten« genannt werden. Die Schöpfung in der biblischen Genesis ist geozentrisch, die der »Legends of the Jews« lässt einen ganzen Kosmos entstehen. Neben unserer Erde, auf der wir leben kreierte Gott zu seinem eigen Ruhm einhundertneunundsechzigtausend Welten (7)!

Micha Josef bin Gorion (*1865; †1921), ursprünglich Micha Josef Berdyczewski, war ein bedeutender hebräischer Schriftsteller. Mit wachsender Begeisterung sammelte er rabbinische Legenden und Sagen, um die Ursprünge des Judentums zu erforschen. Micha Josef Bin Gorion, im Russischen Reich geboren, zog 1890 nach Deutschland. In Breslau studierte er am Rabbinerseminar und an der Universität. 1892 wechselte er an die Universität von Berlin. Wie Louis Ginzberg legte Bin Gorion ein umfangreiches Sammelwerk »Jüdische Sagen und Mythen« vor. Band 1 »Von der Urzeit« erschien 1913, 1927 wurde der fünfte und letzte Band, »Juda und Israel« vorgelegt.

Die biblische Schöpfungsgeschichte beginnt arg geozentrisch, Sonne, Mond und Sterne sind nur Beiwerk. Drängt sich da nicht die Frage auf, was Gott denn vorher tat? Eine Antwort auf diese Frage finden wir in Band 1 »Von der Urzeit«, Unterkapitel »Die Vorwelten«, (8): »Tausend Welten hatte der Herr zu Anfang geschaffen; dann schuf er wiederum andere Welten, und alle sind sie nichts gegen ihn. Der Herr schuf Welten und zerstörte sie, er pflanzte Bäume und riß sie heraus. … Und er fuhr fort, Welten zu schaffen, heißt es, und Welten zu zerstören, bis er unsere Welt erschuf; da sprach er: An der hier habe ich mein Wohlgefallen, jene gefielen mir übel.«

Foto 4: Adam und Eva
von Meister Bertram  (*1345;†1415)
Wie sich doch die Bilder gleichen! Im »alten Indien« galt Gott Brahma als der mächtige »Erschaffer« der Welt. Ihm folgte Gott Vishnu als »Erhalter der Welt«.  Als Dritter im Bunde trat Shiva in Aktion, als der mächtige »Zerstörer der Welt«. Damit war ein Zyklus abgeschlossen. Ein neuer Zyklus folgte, beginnend mit der erneuten Erschaffung der Welt durch Brahma. Vishnu betätigte sich wieder als »Erhalter« und Shiva zerstörte wieder, was dann Brahma wieder neu aufbauen musste. In der Welt der indischen Mythologie war es eine Göttertriade, die schuf, erhielt und zerstörte, in der Sagen- und Mythenwelt der Juden übernahm der »biblische« Gott alle drei Aufgaben. Im babylonischen Schöpfungsmythos »Enûma Eliš« hatte er einen Vorgänger, und der hieß Marduk (9): »Zu Marduk … sagten sie: ›Wahrlich, o Herr, dein Schicksal ist über das der anderen Götter erhaben. Befiel zu zerstören und neu zu entstehen, so wird es geschehen.‹ … Als die Götter, seine Väter, die Kraft seines Wortes erkannten, da frohlockten und huldigten sie ihm und sagten ›Marduk ist König.‹«

Fußnoten
(1) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 113, 3.+4. Zeile von unten: »they leave their own earth and repair to the one inhabited by men,..«. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(2) Genesis (1. Buch Mose) Kapitel 4, Vers 25
(3) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 114, 7.+8. Zeile von oben: »…which receives some light from the sun.«
Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(4) Ebenda, Seite 114, 12. Zeile von oben: »Some of the Cainites are giants, some of them are dwarfs.«
(5) Ebenda, Seite 15, 2.-4. Zeile von unten: ».. and it would take six thousand three hundred years to go over a tract of land equal in extension to the seven divisions.«
(6) Ebenda, Seite 11, 7.-9. Zeile von unten: »Of all this vast world the other two thirds being equally divided between water and waste land.«
(7) Ebenda, Seite 11, 14.-17. Zeile von oben: »Wen God made our present heavens and our present earth, … , and the hundred and ninety-six thousand worlds which God vreated unto His own glory.«
(8) Gorion, Micha Josef bin: »Die Sagen der Juden/ Band 1/ Von der Urzeit«, Frankfurt 1913, Seite 35, 1.-9. Zeile von unten
(9) Thurn, Hans Peter: »Kulturbegründer und Weltzerstörer«, Stuttgart 1990, Seite 45. Das Zitat stammt aus Tafel 4, Zeilen 20-22 und Zeile 28. Zur Lektüre empfehle ich Heidel, Alexander: »The Babylonian Genesis: Enuma Elish«, Chicago 1942

Foto 5: Adam am Baum des Lebens,
Holzstich Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage


Zu den Fotos
Foto 1: Adam besuchte fremde Planeten. Foto Adam am Baum des Lebens, Holzstich Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Band 1 von Ginzbergs »Legends of the Jews«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Adam auf einem Fresko (1475) in der Dreieinigkeitskirche von Hrastovlje ( Slowenien ) von Johann von Kastav. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Adam und Eva  von Meister Bertram  (*1345;†1415). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Adam am Baum des Lebens, Holzstich Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage/ gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

521. »Tebel, die zweite Erde«,
Teil 521 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,

erscheint am 12. Januar 2020


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