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Sonntag, 25. November 2012

149 »Laguna Lejia«

Teil 149 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Laguna Lejia
Foto W-J.Langbein
Von der schillernden Welt der Salar de Atacama geht es hoch ... in Höhen, in denen man sonst nur Engeln oder Flugzeugen begegnet. Laguna Lejia ist unser Ziel ... in über 4300 Metern Höhe! In San Pedro de Atacama, einem bescheidenen Wüstenkaff, kann man sich in »nur« 2500 Metern über Normalnull akklimatisieren. Und das ist bitter nötig! Übertriebener sportlicher Ehrgeiz kann gesundheitsschädlich sein!

So habe ich erlebt, wie eine Gruppe von Mountainbikern aus einem Bus kletterte. Sie holten sich ihre Räder, der Bus fuhr voran und war bald außer Sichtweite. Und dann schwangen sich die Sportler auf ihre Bikes und trampelten ... in einer Höhe von 3000 Metern über Normalnull los. Eine junge Frau fiel zurück, versuchte die anderen einzuholen ... vergeblich. Auf einer Höhe von 4000 kippte sie schließlich vom Rad, blieb – von den anderen unbemerkt – liegen. Wir haben sie in unseren Bus getragen und zu ihrer Gruppe gefahren. Sie war vollkommen desorientiert ... zum Glück hatten wir Sauerstoff dabei!

Seltsame Gravuren in
der Wüste
Fotos: W-J.Langbein
Es geht vorbei an Steinen, die wer weiß vor wie vielen Jahrhunderten oder Jahrtausenden mit rätselhaften Gravuren versehen wurden. Ist es bedeutungslose Graffiti-Kunst? Oder konnten die Menschen einst diese Zeichen wie ein Buch lesen? Wurden hier Hinweise auf Gefahren in den Stein geritzt, symbolisch dargestellt, vergleichbar mit unseren Schildern am Straßenrand? Oder ging es vielmehr um astronomische Beobachtungen? Wurden besondere Himmelserscheinungen wie Kometen dokumentiert? Bislang wurden die sprechenden Steine von unseren Experten nicht wieder zum Reden gebracht.

Bis heute gibt es keine Bestandsaufnahme der gravierten Steine. Sie sollen viel älter sein als die Scharrzeichnungen in der Atacama-Wüste. Sie sind sehr viel abstrakter, weniger realistisch als die Bilderbücher im Wüstensand!

Es geht weiter an kleinen Dörfchen, die einen strahlend sauberen Eindruck machen. Mächtige Vulkane liefern das am häufigsten verwendete Baumaterial. Die Brocken aus Vulkangestein kommen beim Häuserbau ebenso zum Einsatz wie bei der Friedhofsmauer. Ein kalkhaltiger Putz wird aufgetragen ... oder die Steine werden mit dicker, kalkhaltiger Farbe bemalt. Die Menschen in dieser Region sind nach unseren Maßstäben sehr arm. Sie arbeiten hart für wenig Geld. Ihre bescheidenen Behausungen aber sind blitzblank. Sie erstrahlen geradezu hellweiß in der gleißenden Sonne.

Unterwegs zur Laguna
Lejia - Foto: W-J.Langbein
Manchmal kam es mir so vor, als sei die offizielle Religion – der Katholizismus – so oberflächlich wie die Kalkfarbe auf den Steinen aufgetragen. Ein Dorfgeistlicher erzählte mir resigniert-deprimiert: »Der alte Aberglaube lebt weiter. Christliche Missionare haben schon lange versucht, die Menschen davon abzubringen und wirklich für den christlichen Glauben zu gewinnen ... Vergeblich!« Woran das liegen mag, will ich wissen. Der Priester wiegt nachdenklich den Kopf. Er schweigt eine Weile.

»Mag sein,« so sagt der Gottesmann schließlich nachdenklich, »dass die mordenden und plündernden Eroberer Südamerikas nicht gerade glaubwürdige Vertreter der Religion der Nächstenliebe waren. Wer das Schwert schwingt und gleichzeitig von Nächstenliebe spricht ... wer predigt, dass es auf geistliche Werte ankommt und gleichzeitig durch Folter an versteckte Goldschätze kommen möchte ...« Der Geistliche verstummt. »Wir nehmen es hin, dass die Menschen in ihrem alten Götterglauben verwurzelt sind. Sie pilgern nach wie vor zu den Vulkanen, quälen sich in die Höhe, um den Göttern näher zu kommen. Dort opfern sie ihnen, wie schon vor vielen Jahrhunderten! Es sind heidnische Götter, die da angebetet werden, auch wenn die Wanderer auf uralten Prozessionswegen Kreuze tragen. Auch wenn christliche Geistliche mitmarschieren und dem Ganzen einen christlichen Touch zu geben versuchen!«

Steinerne Pyramiden begegnen uns auf dem Weg zur Lagune immer wieder in winzigen Dörfern. Oft sind es mehr kleine Gehöfte als Siedlungen. Die Symbole stehen, so erklärt mir ein einheimischer Reiseführer, für das uralte Weltbild der kosmischen Mächte hoch oben auf den Vulkankegeln. Einigen hat man das christliche Kreuz aufgesetzt ... »Aber die alten Götter sind noch präsent ...«

Pyramide und Kreuz
Foto W-J.Langbein
Die Menschen, so erfahre ich weiter, sehen keinen Widerspruch: Sie glauben an die himmlische Gottesmutter Maria, die hoch oben bei den Sternen thront ... und an zornige Götter, die im Erdinneren hausen und den Menschen Tod und Verderben bringen können, wenn Vulkane ihre glühende Höllenlava über Mensch und Tier ergießen lassen!

»Der Schamane vermittelt schon immer zwischen den Welten, zwischen den Göttinnen und Göttern im Himmel ... und den Mächten, die in der Erde hausen. Das Christentum genügt vielen Menschen hier nicht, es ist ihnen zu simpel! Es soll nur einen Gott geben? Oder glaubt der Christ an mehrere Götter ... an Vater, Sohn und Heiligen Geist? So einfach verschwinden aber die mächtigen Götter nicht von den Vulkankegeln! Wer sie leugnet, bringt Unglück auf sich selbst und seine Familie!« Um Katastrophen zu vermeiden, gehen viele Einheimische auf »Nummer sicher«. Sie besuchen regelmäßig den katholischen Gottesdienst ... und pilgern zu den Göttinnen und Göttern.

Und die Göttinnen und Götter haben mit den einst heiligen Vulkanen zu tun. In Stein verewigt: ein Symbol, das an die christliche Dreifaltigkeit erinnert. Es könnte aber auch für drei Feuerzungen stehen, die aus einem Vulkan geschleudert werden. »In Europa hat man doch auch den Donner und den Blitz mit Göttern wie Thor in Verbindung gebracht! Hier, wo Vulkane das Landschaftsbild prägen, gelten Vulkanausbrüche als Strafe der Götter! Mancher ›Christ‹ fürchtet sich vor göttlicher Strafe: weil man sich zu sehr vom alten Glauben abgewendet hat!«

Uraltes Symbol alten
Volksglaubens
Foto: W-J.Langbein
Der Geistliche wird zornig: »Der religiösen Obrigkeit in Rom ist das egal! Dort ist vor allem wichtig, dass viele Menschen getauft und als Christen in den Statistiken geführt werden!« Beim Abschied murmelt er mir zu: »Wenn Sie wüssten, wie viele ›christliche‹ Geistliche den alten Göttinnen und Göttern der Vulkane näher stehen als dem biblischen Jahwe ...«, kopfschüttelnd zieht er sich in seine kleine Kirche zurück.

Man kommt dem Himmel wirklich näher, wenn man sich »Laguna de Lejia« nähert. Das Himmelsblau scheint klarer zu werden. Und in 4300 Metern scheinen sich blaues Wasser und blauer Himmel ineinander zu spiegeln. Und scheinbar überall recken riesige Vulkane ihre schneebedeckten Häupter gen Himmel. Da und dort scheint es in dem einen oder anderen Koloss zu rumoren. Steht ein Ausbruch bevor. Vulkan Lascar gehört zu den unmittelbaren »Nachbarn« der Lagune Lejia ... und ist der vermutlich aktivste Feuerberg der Anden. Der Lascar ist ein furchteinflößender Koloss. Mehr als 5600 Meter ragt er in den Himmel. Schon oft spie er Lavamassen und Asche hoch in die Atmosphäre. Sein aktiver Krater misst 800 Meter im Durchmesser und ist dreihundert Meter tief. Sechs Katastrophen hat er mindestens verursacht, der vulkanische Riese. Sechs zum Teil überlappende Kraterschlünde sind noch zu erkennen. Die Frage ist nicht, ob der Lascar wieder Feuer und Lava speien wird, sondern wann. Und die Bevölkerung vor Ort rechnet damit schon seit Jahren!















WJ Langbein: 2012 - Endzeit und Neuanfang


»Von Riesenköpfen und Monsterwesen«,
Teil 150 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.12.2012


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Sonntag, 18. September 2011

87 »Maria im Dornenbusch«

Teil 87 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Biblische Geschichten
als Comicstrip
Foto: W-J.Langbein
Die Freskenmalereien im Gotteshaus von Urschalling sind so etwas wie eine Bibel für Analphabeten. Farbenprächtige Bilder zeigen wichtige Episoden aus dem Alten wie dem Neuen Testament. Comicstripartig wird so die Geschichte Jesu erzählt ... ohne Worte, ohne Schrift. Eine von wenigen Ausnahmen findet sich hoch oben im Gewölbe. Sie gehören zu einem zweiten Zyklus, der um 1390 entstand. Wir sehen einen altehrwürdigen Greis. In der Linken hält er ein Buch, mit der Rechten deutet er auf Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. In lateinischer Sprache erklärt ein kurzes Schriftband, wer der alte Mann sein soll: Moses.

Im überaus hilfreichen Kirchenführer »Urschalling« erfahren wir, was Bild und Schriftband (2) zu bedeuten haben: »Moses, in der Linken das Buch (= Wort Gottes) haltend, mit der Rechten hinweisend auf die Offenbarung und Erscheinung Jahwes, die ihm am Gottesberg Horeb zuteil wurde.«

Was immer weniger Menschen des christlichen Abendlandes wissen ... emsige Bibellesern meinen es zu kennen. Aber wissen alle, die meinen, die Geschichte vom Dornbusch zu kennen, wirklich was in der Bibel steht? Nach christlicher Lehre erschien Gott höchstpersönlich im brennenden Dornbusch und gibt Moses
einen Auftrag. Er soll die »Kinder Israel« aus der ägyptischen Gefangenschaft führen. Lesen wir den Text in der Bibel, erfahren wir: Zunächst offenbarte sich nicht Gott im Dornbusch (3):

Ehrwürdiger Greis mit
Buch - Foto: W-J.Langbein
»Moses aber hütete die Schafe seines Schwiegervaters und trieb die Schafe über die Steppe hinaus, und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.« Der »Engel« wird im biblischen Text (4) plötzlich zu Gott. Erklärt wird dieser kuriose Vorgang nicht. Sollten zwei unterschiedliche Geschichte – in der einen taucht der Engel, in der anderen Gott selbst im brennenden Busch auf – vermischt worden sein?

Moses jedenfalls wundert sich sehr (5): »Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht brennt.« Es ist symptomatisch für den vermeintlich aufgeklärten Menschen: Wundersames passt nicht in sein Weltbild, eine »natürliche« Erklärung muss her. Im Fall »brennender Dornbusch« wurde die rasch gefunden: Bei dem Busch müsse es sich um eine Abart des »Dictammus Albus« gehandelt haben. Diese Pflanze gedeiht besonders gut in heißen Wüstengegenden. Sie hat an ihren Blättern kleine Drüsen, die eine ölartige Flüssigkeit absondern. Und die entzündet sich an besonders heißen Tagen leicht selbst. So entsteht der falsche Eindruck, dass der Busch brenne. Sobald die brennbare Flüssigkeit von den Flammen verzehrt ist ... erlöscht das Feuer von selbst.

Mir leuchtet diese »Erklärung« nicht ein: Moses war ein Kind der Wüste und kannte zweifelsohne das kuriose Phänomen. Er hat es wohl kaum mit einer göttlichen Erscheinung verwechselt. Was auch immer Moses gesehen haben mag ... Was auch immer aus dem Busch gesprochen haben mag ... in Urschalling ist es Maria mit dem Jesuskind, die in den allenfalls symbolisch angedeuteten Flammen steht.

Maria mit dem Jesuskind
im Dornbusch
Foto: W-J.Langbein
Die Freskenmalerei von Urschalling versucht erst gar nicht, die widersprüchliche Bibelgeschichte in Bilder umzusetzen. Es geht nicht um die Frage, wer denn nun den Moses ansprach ... ob Engel oder Gott. Es ging dem unbekannten Maler vielmehr um eine theologische Aussage, die man vergeblich in der Bibel sucht. Maria und das Jesuskind werden im Bild an die Stelle Gottes gesetzt. Wichtig ist: Es ist nicht Jesus allein, der die Position Gottes im brennenden Dornbusch einnimmt. Dann könnte man so interpretieren: Der unbekannte Maler wollte auf diese Weise die Göttlichkeit Jesu darstellen.

Wird also im Gemälde nicht nur das Jesuskind, sondern auch seine Mutter vergöttlicht? Unbestreitbar ist, dass Maria – über die wir aus der Bibel so gut wie nichts Konkretes erfahren – immer mehr zur himmlischen Lichtgestalt erhoben wird. Drei Dogmen belegen diese grandiose Entwicklung. 1854 wurde das Dogma verkündet, dass Maria unbefleckt empfangen wurde. 1950 wurde es zum Dogma der katholischen Kirche, dass Maria leibhaftig in den Himmel aufgefahren ist. Und 1954 wurde Maria per Dogma zur Himmelskönigin erklärt. Papst Paul verkündete am 21. November 1964, Maria sei die »Mutter der Kirche«, die »Mater ecclesia«.

Himmelskönigin Maria mit dem Jesuskind
Foto: W-J.Langbein
Noch wird die Frage nur diskutiert: Ist Maria als Himmelskönigin und Mutter des Erlösers nicht selbst die »Miterlöserin«? Alles spricht meines Erachtens nach dafür, dass Maria im »Himmel« bald neben Jesus steht. Jesu Geschichte ist stark von uralter Mythologie geprägt. Er ist der »Sonnengott« von einst, dessen Geburt, Verfolgung, Tod und Auferstehung in den Texten des Neuen Testaments verchristlicht werden ...

Die ältesten »Mariendarstellungen« entstanden lange vor dem christlichen Zeitalter in Ägypten! Sie zeigen die Himmelskönigin, die Gottesmutter, die göttliche Isis und ihren Sohn Horus! Als Himmelskönigin – gekrönt und von Sternen umgeben – wird Maria auch in der Kilianskirche von Lügde gezeigt. Nach Jahrzehnten des Studiums alter Glaubensformen und Kulte komme ich zu der Überzeugung, dass die Verehrung der himmlischen Gottesmutter nach und nach wieder an Bedeutung gewinnt. In den Anfängen des Christentums wurde die »heidnische Göttin« verdrängt ... seit vielen Jahrzehnten kehrt sie wieder zurück ... in den Katholizismus.

Himmelskönigin Maria
Foto: W-J.Langbein
Auf meinen Reisen durch Südamerika und die Südsee konnte ich feststellen, wie sehr sich offizieller Katholizismus und katholischer Glauben vor Ort unterscheiden. Die Verehrung der alten Göttinnen – etwa Pachamama – gibt es heute noch. Sie wird von der »niederen« Geistlichkeit vor Ort geduldet, ja akzeptiert. In Rom allerdings verschließt man offensichtlich die Augen vor dieser Entwicklung. Es scheint so zu sein: Gern wurden und werden die Nachkommen der einst so stolzen, verfolgten und gepeinigten Inkas als »katholische Schäflein« in den Schoß der Mutter Kirche aufgenommen. Sie werden mit Stolz als »Christen« in die Statistiken der Religionen aufgenommen. So bleibt das Christentum nach wie vor die größte Religion auf Erden. Dabei sind viele der Christen Südamerikas Verehrer von Muttergöttinnen wie Pachamama, nach christlicher Definition also Heiden! Die »niedere Geistlichkeit« vor Ort ist da pragmatisch.

So manches Gotteshaus habe ich im Verlauf von mehr als drei Jahrzehnten auf meinen Forschungsreisen besucht. Immer wieder erkannte ich, dass sich die christliche Himmelskönigin nicht von heidnischen Himmelsregentinnen unterscheidet. Der göttliche Himmelskönigin begegnete ich in katholischen Gotteshäusern weltweit: von Urschalling am Chiemsee bis nach Mexiko City.

Die Himmelskönigin
von Guadalupe
Foto: W-J.Langbein
Im Protestantismus indes hat man von der Reformation im 16. Jahrhundert an unzählige Kostbarkeiten generalstabsmäßig vernichtet. Heiligenfiguren wurden aus den Gotteshäusern verbannt, uralte Gemälde in Gotteshäusern brutal übertüncht. Mir ist ein Fall aus unseren Tagen bekannt. Da wollte ein evangelischer Pfarrer herrliche religiöse Bildnisse aus »katholischen« Zeiten in »seinem« Gotteshaus schwarz übermalen lassen. Dieser Akt theologisch begründeter Barbarei konnte zum Glück noch rechtzeitig verhindert werden ...

Die Göttin wurde vom Christentum vertrieben. Auf die Verehrung von »Mutter Erde« folgte der Versuch ihrer Unterwerfung. Auf die altehrwürdige Religion folgte »Religion« Wissenschaft, die uns die Herrschaft über die Natur versprach. Es folgte die Ausbeutung der Ressourcen und die Verwüstung unserer Umwelt.

Es ist »5 vor 12«! Aber: Die Göttin ist längst wieder in »christlichem« Gewand zurückgekehrt. In christlichen Kirchen wird längst wieder – ohne dass das den Gläubigen bewusst wird – zur »heidnischen Göttin« gebetet ... zu Maria, die einst eine »Drachengöttin« war. Offensichtlich ist die Sehnsucht nach der Göttin zu stark im menschlichen Bewusstsein verwurzelt als dass wir sie vergessen könnten. Die Göttin lässt sich nicht verbieten ...
.

Moses deutet auf die Himmelskönigin
von Urschalling - Foto: W-J.Langbein
In unserer patriarchalischen Gesellschaft unter männlicher Dominanz wird endlich der Wunsch nach einer Welt im Einklang mit der Natur wieder stärker. Das männliche »Macht euch die Erde untertan!« hat uns sehr nah, zu nah, an die Apokalypse gebracht. Es geht nicht um Frömmelei und theologische Spitzfindigkeiten. Es geht um den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten. Wird es uns gelingen, wieder mit der Natur zu leben?

Fußnoten
1 Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, Raubling, 3. Auflage 2003, S. 10
2 »rubum quam viderit Moyse«
3 Zweites Buch Mose Kapitel 3, Verse 1und 2
4 eben da, Vers 4
5 eben da, Vers 3

»Auf der Suche nach verschollenen Pyramiden«,
Teil 88 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.09.2011


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Sonntag, 28. August 2011

84 »Das Orakel in der Wüste«

Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fata Morgana oder Ruine in der
Wüste -  Foto: W-J.Langbein
Flimmernd zittert die Luft über dem Wüstenboden. Es ist später Nachmittag ... das Licht verändert sich scheinbar von Augenblick zu Augenblick. Der harte, von der Sonnenglut verbrannte Staub scheint zu glimmen. Und am Horizont taucht plötzlich im Wüsteneinerlei so etwas wie eine Fata Morgana auf. Aber die hügelige Erhebung ist ebenso real wie das Mauerwerk, das vor vielen Jahrhunderten geschaffen wurde.

An einem »freien« Nachmittag bin ich von Lima, der peruanischen Metropole, mit dem Taxi über teilweise kaum noch als solche erkennbare »Straßen« nach Pachacamac gefahren. Pachacamac ist ... war einst eine riesige Anlage. Als die Inkas das Pilgerzentrum eroberten, hatte es schon eine Geschichte von mindestens eineinhalb Jahrtausenden hinter sich.

Im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte habe ich Pachacamac mehrere Besuche abgestattet. Ich habe stundenlang die immer noch weiträumigen Überreste des einstigen Kultzentrums zu Fuß umrundet und bin fasziniert vom großen Mysterium Pachacamac. Leicht gerät man ins Träumen und sieht märchenhafte Dinge. Es kommt mir so vor, als würde der graubraungelbe Wüstenboden etwas gebären.

Ruinen wachsen aus dem Boden
Foto: W-J.Langbein
Aus kleinen Hügelchen wachsen Mäuerchen. Sie kriechen empor und werden sich im Verlauf der nächsten Jahrhunderte in stolze Gebäude verwandeln. Oder erlebe ich, wie stolze Mauern aus uralten Zeiten, aufgetürmt aus an der Sonnenglut gebackenen Steinen, wieder mit der Wüste verschmelzen? Ehre, wem Ehre gebührt! Es sind Archäologen, die im glühenden Wüstenboden Verfallenes zu neuem Leben erwecken. In mühseliger Arbeit rekonstruieren sie Mäuerchen, trotzen staubigen Hügeln uralte Wände wieder ab ... die nach und nach erkennen lassen, wie Pachacamac wohl einst ausgesehen haben mag. Allerdings ist, wie einer der führenden Inka-Experten, Miloslav Stingl, konstatiert (1), »ein Teil der Ruinen aus der späteren Inka-Zeit restauriert worden«.

Pachacamac war keine Wohnstadt, sondern ein religiöses Zentrum. Pachacamac war das Orakel der Wüste, das schon vor Jahrtausenden im fernen Peru Menschen anlockte wie »unser« europäisches Delphi. Hier regierte Pachacamac, der »Herr der Welt, der die Ordnung und den Gang der Dinge, die Gesetze der Welt und des Weltalls bestimmt« (2). Hier herrschte Frieden in einer neutralen Zone. Mag man sich sonst auch bekriegt haben, in Pachacamac ruhten die Waffen.

Der Sonnentempel der Inkas
Foto W-J.Langbein
Die Inkas respektierten Pachacamac. Gewiss, sie akzeptierten nicht, dass ihr Inti und der Gott Pachacamac identisch sein könnten. Aber sie ließen Pachacamacs Anhänger gewähren ... und blieben selbst ihrem Inti treu. Mir scheint: Beides waren verschiedene Namen eines Schöpfergottes ... Der alte Pachacamac-Kult bestand fort, sie erbauten aber noch ein weiteres Sakralgebäude: den Sonnentempel. Dieser wohl eins mächtige Komplex ist bis heute nur zu einem kleinen Teil rekonstruiert worden. Seine einstige Größe kann nicht einmal mehr erahnt werden. Offenbar hatte der Sonnentempel einst die Form einer Stufenpyramide mit fünf Plattformen. Für Diener und hochrangige Besucher, so meinen Archäologen feststellen zu können, gab es separate Eingänge.

Direkt vor dem Sonnentempel gab es offenbar so etwas wie einen Warteplatz für die Pilger. Bei Ausgrabungen wurden Löcher im Boden erkannt, in denen einst hölzerne Pfosten standen. Sie trugen vermutlich ein Dach, um die Pilger vor Sonne, Wind und Wetter zu schützen. Wie so oft sind wir auf Mutmaßungen und Spekulationen angewiesen.

Der Tempel von Pachacamac war das Mekka des Alten Peru. Jeder Anhänger des mächtigen Gottes sollte mindestens einmal im Leben die heiligen Stätten aufsuchen. Die Pilgerströme aus nah und fern brachten kostbare Opfergaben, auch aus Gold und Silber, in die altehrwürdigen Gemäuer. Es wurde ein riesiger Tempelschatz gehortet. Und es wurde viel in die Bauwerke investiert. Kein Zweifel: Pachacamac war sehr reich! Weite Regionen der Küste zahlten nicht in Cuzco, der Hauptstadt des Reiches, sondern in Pachacamac ihre Steuern. Selbst nach der Unterwerfung des Inkareiches wurden aus weit entfernten Regionen Abgaben nach Pachacamac gebracht. So verwundert es nicht, dass in einer Chronik aus der Zeit der Eroberung festgestellt, dass Pachacamac größer als selbst Rom gewesen sei.

Die Pyramide mit der Rampe
Foto: W-J.Langbein
Das weckte Begehrlichkeiten bei den Spaniern, die sich aufmachten, um das uralte Heiligtum zu plündern. Trotz reicher Beutezüge hofften die Spanier, noch »erfolgreicher« sein zu können. Sie folterten auf grausamste Wiese, um Hinweise auf geheime Verstecke zu erhalten.

Miloslav Stingl (3): »Zum Glück bekamen die Priester der Orakelstätte Wind von dem Feldzug der Spanier nach der heiligen Stadt, so dass sie den Hauptteil des Tempelschatzes rechtzeitig im Sand der Küstenwüste vergraben konnten. Aber auch das wenige, was in der Orakelstätte von Pachacamac übrig geblieben war, genügte Pizarros Raubgesellen. Sie erbeuteten in dem Tempel über 650 Kilogramm goldene Gegenstände von nie gesehener Schönheit und 16.000 Unzen Silbersachen.«

Und so wartet noch heute ein riesiger Schatz auf seine Entdeckung ... vermutlich zwei bis drei Tonnen (!) Gold und Silbersachen! Gold sahen die Inkas als »Schweißperlen der Sonne«, Silber als »Tränen des Mondes« an. Gold und Silber aber waren für die Inkas nicht der wirkliche Schatz. Die vierzehn Königsmumien galt es vor allem zu verteidigen ... doch vergeblich. Die Spanier plünderten die heiligen Tempel der Inkas, stampften edelste Arbeiten aus Gold und Silber ein. In Barrenform gegossen wurde die Beute nach Europa geschickt.

Der Mondtempel von
Pachacamak - Foto: W-J.Langbein
Die Spanier begnügten sich nicht damit, materielle Güter zu rauben. Sie zerrten auch die Königsmumien der Inkas aus ihren Gräbern und verbrannten sie öffentlich. So demonstrierte das »christliche Europa« seine Überlegenheit über das »heidnische Inkareich«!

Schon lange bevor die Inkas zur Großmacht im heutigen Südamerika aufstiegen, wurde das Orakel von Pachacamac befragt. Die Menschen nahmen strapaziöseste Märsche auf sich, um dem Orakel Fragen über die Zukunft zu stellen. Es gibt keine Überlieferungen, wie erfolgreich oder erfolglos das Orakel war. Offenbar warnte es aber nicht vor der Eroberung durch die Inkas. Auch die Inkas befragten das Orakel, als die »christlichen« Eroberer anrückten ... und wurden beruhigt. Sie würden, so wurde ihnen verkündet, die goldgierigen Fremden besiegen. Die Geschichte nahm, wie wir wissen, einen anderen Verlauf.

Besuche beim Orakel waren alles andere als Stippvisiten. Nach oft lebensgefährlicher Anreise folgte die intensive Vorbereitung des Pilgers. Priester leiteten die Pilger an. 90 Tage dauerte die Vorbereitungszeit. Es wurde gefastet. Und der Pilger musste aus seiner alltäglichen in eine spirituelle Welt geführt. Erst dann durfte er sich dem Orakel nähern. Wir wissen nicht, ob es so etwas wie ein Allerheiligstes gab. Wir wissen nicht, ob jeder Pilger bis zur Gottheit vorgelassen wurde ... oder ob dieser direkte Kontakt nur den Priestern erlaubt war.


Pachacamac selbst
Foto: W-J.Langbein
Bei Ausgrabungen in Pachacamac wurden erstaunlich gut erhaltene, gewebte Teppiche mit geheimnisvollen Motiven gefunden. Im Wüstenboden blieb auch ein hölzerner »Totempfahl« erhalten. Er hat – wie Janus – zwei Gesichter, blickt also in die Vergangenheit und in die Zukunft. Handelt es sich bei dem altehrwürdigen Objekt um das einstige Heiligtum von Pachacamac ... vielleicht gar um eine Darstellung der Gottheit selbst?

Übrigens: Pachacamac, der mächtige männliche Gott, war nicht allein! Seine Partnerin war Pachamama, auch Mama Pacha genannt. Sie soll ein weiblicher Drachen gewesen sein und war als Göttin der Fruchtbarkeit für Aussaat und Ernte verantwortlich ... und für Erdbeben!

Wie man Pachamama übersetze ... da gehen die Meinungen auseinander: »Mutter Erde« wird häufig verwandt, aber auch »Mutter Welt«. Das Wort »pacha« machte offenbar eine Entwicklung durch ... und soll zuletzt »Kosmos« und »Universum« bedeutet haben. Zuletzt? Oder war Pachamama in Wirklichkeit eine jener Urmütter, die vor dem Einsetzen des Patriarchats Himmel und Erde regierten?

Als der Katholizismus im einstigen Inkareich verbreitet wurde, war der neue Glaube für die Nachfahren der einst mächtigen Inkas so fremd nicht. Vertraut war ihnen die von den katholischen Priestern so verehrten Mutter Gottes Maria! War das nicht ihre Pachamama? Und so lebt Pachamama auch heute noch weiter, allen missionarischen Bemühungen zum Trotz ... als Himmelskönigin Maria!



Fußnoten
1 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, 2. Auflage, Leipzig 1990, S. 210
2 ebenda
3 ebenda, S.211 und 212

Weiterführende Literatur
4 Kurella, Doris: »Kulturen und Bauwerke des Alten Peru«, Stuttgart 2008
5 Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam/ Von Götterbergen und Geisterstädten, von Zyklopenmauern, Monstern und Sauriern«, München 1996, S.282 und S.283
6 Squier, George: »Peru/ Incidents of Travel and Exploration in the Land of the Incas«, New York 1877, Seiten 71, 149 und 150

»Der Lebensbaum in der Wüste«,
Teil 85 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.09.2011


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Donnerstag, 25. August 2011

Schoßgebete - von Charlotte Roche

Rezension von Walter-Jörg Langbein

Bei Charlotte Roches zweitem Werk »Schoßgebete«, dem Nachfolger von »Feuchtgebiete«, davon war ich natürlich (!!!) felsenfest überzeugt, konnte es sich nur um ein Brevier – ein Gebetbuch – im klassischen Sinne handeln. Ich stellte mir eine kleine, fromme, theologische Sammlung von Gebeten vor ... vielleicht einen religiösen »Laptop« (aus dem Englischen: »lap« = »Schoß«). Der Stern (1) aber belehrte mich!

Es ist ein wahrer Segen, dass es das Magazin »Stern« gibt. Der »Stern«, der schon die »echten« Hitlertagebücher entdeckte und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte (2), klärte mich auf, worum es in Charlotte Roches Opus geht, nämlich um den irgendwie doch frommen Kreuzzug der attraktiven Autorin (3) Charlotte Roche. So heißt es auf dem Sterncover: »Die Missionarin/ Sex als Erlösung: Charlotte Roche und ihr Bestseller ›Schoßgebete‹«.

Eine Missionarin im christlichen Sinne ist Charlotte Roche allerdings nicht, auch wenn sie ihrem »alter ego« (?) Elizabeth Kiehl durchaus in gewisser Hinsicht katholisches Gedankengut in den Mund legt. So lässt sie Elizabeth Kiehl sagen (4): »Ich glaube, da ist irgendwas schiefgelaufen in der Erziehung, und ich bin eine Art sexuelle Katholikin geworden. Ich habe mich noch nie selbst befriedigt.« Doch Elizabeth Kiehl distanziert sich expressis verbis vom Christentum, verkündet sie doch (5): »Ich vergesse immer, dass ich überzeugte Atheistin bin«.

Bei der Bezeichnung »Missionarin« denken wir im christlichen Abendland gern an eine Verkünderin biblischer Botschaften in fremden Landen. Charlotte Roches Elizabeth Kiehl ist aber für eine Missionarin im strengen Sinne viel zu humorvoll (6): »Bevor ich mit der Übung beginne, stecke ich mir das Wunderbarste der Welt in die Ohren: Oropax. Ist lateinisch für ›Frieden den Ohren‹. Glaube ich jedenfalls. Ich war sehr schlecht in Latein.«

Ich beichte es unumwunden: Ich finde »Schoßgebete« wirklich lesenswert, auch wegen der amüsanten Ironie und eines ganz speziellen Humors. Natürlich kann man »Schoßgebete« wie der »Stern« in seiner Titelstory auf Sex reduzieren. Der Megabestseller – eine Startauflage von 500.000 Exemplaren macht ihn wohl zum erfolgreichsten deutschen Roman überhaupt – ist sehr viel mehr als ein Sex-Brevier. Sie macht sich über unsere deutsche Verklemmtheit lustig. Sie amüsiert sich köstlich über das deutsche Gutmenschentum. Hand aufs Herz: Viele Menschen wenden sich im christlichen Abendland von der organisierten Religion ab und huldigen einer Ersatzreligion. An die Stelle der christlichen Erbsünde mit dem Sündenfall im Paradies (Stichworte Adam, Eva, Paradies, Schlange, Apfel) tritt die von uns mit Eifer verursachte Umweltverschmutzung, die bekanntlich zur globalen Erderwärmung, Überschwemmung Hamburgs und der kompletten Niederlande führen wird.

Wacker agiert Elizabeth Kiehl gegen diesen Sündenpfuhl der modernen Art, der keinen Messias mehr benötigt (7): »Wir versuchen, so wenig wie möglich zu waschen, für die Umwelt, unsere Ersatzreligion. Und dazu gehört zum Beispiel, sehr, sehr oft den gleichen stinkenden Schlafanzug anzuziehen. Wir wechseln auch so wenig wie möglich die Bettwäsche. Dadurch haben unsere Schlafzimmer geruchsmäßig was Höhlenartiges. Ich denke immer: So hat es auch bei den Neandertalern gerochen, nach Menschentalg.« Allerdings geht Elizabeth Kiehl, gemeinsam mit ihrem Mann, Kompromisse ein (8): »Nur wenn wir in Kontakt mit fremden Menschen treten, draußen, achten wir darauf, nicht mehr zu stinken, zu Hause ist alles der Umwelt untergeordnet.« Das nenne ich rücksichtsvolle Anhänger der neuen Umweltreligion.

Zurück zum Buch »Schoßgebete«, das durchaus auch »Stoßgebete« heißen könnte. Die doppelte Bedeutung wäre aber besonders bibelfrommen Leserinnen und Lesern wahrscheinlich entgangen. Im »Evangelium nach Matthäus« findet sich der schöne Vers (9): »Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet.« Er trifft in besonderem Maße auf »Schoßgebete« von Charlotte Roche zu. Fundamentalistisch-christliche wie besonders verklemmte Leserinnen und Lesern scheinen besonders intensiv nach »Schweinkram« zu suchen, nach vermeintlich »ekeligen« Passagen. Und sie werden da und dort fündig ... besonders dann, wenn sie diagonal lesen und sich zufrieden geben mit den gewünschten Entdeckungen.

Die Frage ist nur: Was ist wirklich ekelhaft, und was empfindet nur der Mensch so, der ein gestörtes Verhältnis zu seinem Körper hat? Charlotte Roche doziert an keiner Stelle. Mit bewundernswert lockerer, oft ironisch-humoriger Flapsigkeit packt sie intimste wie gesellschaftskritische Themen an. Beispiel (10): »Wie bringt man Kindern bei, sich vernünftig den Po abzuwischen?« Elizabeth Kiehl jedenfalls nimmt sich sehr pädagogisch dieses Themas an. Sie möchte ihrer Tochter keinen Putzfimmel anerziehen, auch nicht ständig über Hygiene reden.

Weiter im Text (11): »Sie (die Tochter) soll sich nicht vor sich selber ekeln. Sie soll frei sein. Freier als ich. Kein Mensch spricht je darüber: über die Kunst, sich ordentlich den Po abzuwischen. Mir hat das keiner beigebracht. Meine Mutter Elli jedenfalls nicht ... Elli jedenfalls ist da viel zu verklemmt gewesen. Sie hat uns Kindern immer erzählt, dass sie niemals kackt und auch nie furzt. Das hat mich als Kind schwer beeindruckt, ich kam mir gleichzeitig aber so ekelhaft vor, weil ich selbst es nicht stoppen konnte. Sie hat uns erzählt, dass es bei ihr so ätherisch verdampft, durch die Haut sozusagen.«

Und natürlich kann man »Schoßgebete« auf das Gewünschte reduzieren, eigenes Wunschdenken bestätigend: Zunächst wird ausführlich beschrieben, wie Elizabeth Kiehl ihren Mann oral befriedigt. Dann geht sie auf den tragischen Unfall ein, bei dem drei ihrer Brüder umkamen. Und schließlich wird ein gemeinsamer Besuch von Elizabeth Kiel und ihrem Mann im Puff geschildert. Auch hier werden recht ausführlich Details beschrieben. Wer auf diese Weise »Schoßgebete« kondensiert, wird dem Buch und seiner thematischen Vielfalt nicht gerecht.

Im Zentrum steht der tragische Unfall von Elizabeth Kiehls drei Brüdern. Auf die Schilderung dieser Tragödie ist meiner Meinung nach der gesamte Roman ausgerichtet ... und auf die Beschreibung der Folgen dieses Unfalls für Elizabeth Kiehls Leben. Fast beiläufig, dabei aber auch mit beißender Schärfe prangert sie den Sensationsjournalismus der »Druck-Zeitung« an (12). Charlotte Roche findet deutliche Worte zur Verwertung des tragischen Unfalls, bei dem ihre drei Brüder umkamen (13):

»Diese Schweine haben, wie auch immer sie daran gekommen waren, ein Foto von der Unfallstelle abgedruckt, über eine halbe Seite. Ich starre auf das ausgebrannte Auto. Das Gerippe, in dem meine Brüder ums Leben gekommen sind. Ich wollte das Bild niemals sehen. Aber in dem Moment brennt es sich für immer in mein Hirn. Dank der Druck-Zeitung ... Der Tatort, abfotografiert für die Öffentlichkeit. Wo ist das der Nachrichtenwert? Für mich ist das Leichenfledderei ... Sie haben unserer Familie was geklaut, nämlich das Andenken, die privaten Bilder. Das geht niemanden was an, wie das ausgebrannte Auto aussieht, in dem sie starben. Niemanden. Nur die Polizei und, wenn überhaupt, die Angehörigen. Das Auto ist für mich heilig. Die letzte Ruhestätte meiner Brüder, und die Schweine haben es beschmutzt. Sie haben das Andenken an meine Brüder und die Unfallstelle beschmutzt, indem sie es an die Öffentlichkeit zerrten. Was für eine Vergewaltigung unserer Familie.«

Wer mag wohl mit der »Druck-Zeitung« gemeint sein? Der aufgeklärt-gebildete Zeitgenosse mag dabei an die Zeitung mit den vier großen Buchstaben (»BILD«) denken. Nun wird im Impressum von »Schoßgebete« postuliert: »Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit.« Damit ist vermutlich jener reale Unfall vor zehn Jahren gemeint, bei dem Roches Brüder starben. Dabei schleuderte ein Reisebus nach einem Zusammenprall direkt in den PKW der Familie Roche. Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie der »STERN« nach den drastischen Worten von Charlotte Roche sich erdreistet ... eben dieses schlimme Foto in Farbe abzudrucken (14).

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Elizabeth Kiehl ist mir von Seite zu Seite sympathischer geworden. Das mag daran liegen, dass sie so unbeschwert über Sex zu schreiben vermag. Das mag daran liegen, dass sie Probleme wie die Rolle psychologischer Experten bei der Bewältigung der kleinen und großen menschlichen Probleme des Alltags locker-flockig beschreibt. Das mag daran liegen, dass sie Vegetarierin ist, so wie ich Vegetarier bin.

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Keine Rezension kann diesem Buch in seiner kraftvollen Vielfalt wirklich gerecht werden. Keine Buchbesprechung kann in wirklich zutreffender Weise vermitteln, was »Schoßgebete« alles bietet. Das erfährt man nur, wenn man das Buch unvoreingenommen liest. Die Lektüre lohnt sich!



Charlotte Roche ist mir von Seite zu Seite sympathischer geworden. Sie wird wohl nicht in die Verlegenheit kommen, dass ihr der Börsenverein des deutschen Buchhandels den »Deutschen Buchpreis« verleiht. Schließlich ist ihr Buch alles andere als langweilig wie so manches so geehrte Opus ... und bedarf keiner Starthilfe mehr. »Schoßgebete« wurde von selbst – und mit Recht – ein Superbestseller.
Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen ... und kann es nur jedem Menschen wärmstens empfehlen, der unverklemmt an ein Buch heranzugehen versteht, dass so manch' heißes Eisen – aber nicht nur Sex – bietet. Wer ein Buch sorgfältig lesen mag ... wer gern schmunzelt, wer sich immer wieder gern zum Nachdenken anregen lässt ...

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen ... und es berührt mich immer noch, nachdem ich das Buch längst aus der Hand gelegt habe. Ich werde es ein zweites und ein drittes Mal lesen. Ich bin sicher: Ich werde noch viel entdecken!

Und ich freue mich auf den Folgeband, der im letzten Satz ganz klar angekündigt wird (15): »Der Trip beginnt.«

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Fußnoten

1 »STERN«, Nr. 34, 18.8.2011, Titelgeschichte »Die Missionarin«, Seiten 54-61
2 Beginn der Veröffentlichung am 28. April 1983 im »STERN«
3 Siehe u.a. Titelfoto »STERN« Nr. 34 vom 18.8.2011 sowie Rückenakt der Autorin in Stöckelschuhen und Kompressionsstrümpfen (?) daselbst S. 57 rechts oben
4 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, S. 15, Zeilen 17-15 von unten
5 ebenda, S. 180, Zeilen 11 und 12 von unten
6 ebenda, S. 122, Teilen 8 bis 11 von unten
7 ebenda, S. 114, Zeilen 8-14 von unten
8 ebenda, S. 114, Zeilen 5-8 von unten
9 Evangelium nach Matthäus Kapitel 7, Vers 8
10 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, S. 67, Zeilen 13 und 14 von unten
11 ebenda, Seite 67, Zeilen 7-10 von unten, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 68, Zeilen 1-5 von oben
12 ebenda, Seite 162, Zeile 2 von unten
13 ebenda, Seite 163, Zeilen 9-14 von oben und Zeilen 16-26 von oben
14 »STERN«, Nr. 34, 18.8.2011, Titelgeschichte »Die Missionarin«, Seite 60 links unten
15 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, Seite 283, Zeilen 15 und 16 von oben

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