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Sonntag, 11. September 2011

86 »Das Geheimnis des Drachen«

Teil 86 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

.

Der Drachentöter von Urschalling
Foto: W-J.Langbein
Was hat Maria, Jesu holde Mutter, mit einem grässlichen Drachen zu tun? Man stelle sich vor ... Maria würde als zähnefletschendes Drachenmonster dargestellt. Ein Aufschrei der Empörung ginge durch die Christenheit. Mit Recht, oder? Drachen sind doch böse Wesen, denen von frommen Heiligen der Garaus gemacht wird. Der »Heilige Georg« hat sich da besonders hervorgetan und Drachen gemetzelt. Und doch gibt es eine scheinbar unvorstellbare Verbindung zwischen Maria und dem Drachen. Es gibt ein wohl gehütetes Geheimnis des Drachen ... und Maria ist darin verwickelt ...

Als ich mich auf meine erste Südamerikareise vorbereitete ... ich studierte damals evangelische Theologie ... warnte mich »mein« Professor für Kirchengeschichte: »Hüten Sie sich vor heidnischen Orten der Sünde!« Der gelehrte Mann dachte dabei allerdings nicht an verrufene Orte der käuflichen Liebe, der Drogen und überhaupt des Lasters ... sondern an uralte Kultstätten. Als ich gar noch gestand, auch Machu Picchu besuchen zu wollen, löste das empörtes Entsetzen beim Kirchenhistorikern aus.

Der Verfasser im
»Tempel der Pachamama«
Foto: Ingeborg Diekmann
»Dann nähern Sie sich auf keinen Fall dem Tempel der bösen Drachengöttin Pachamama!« Damit ich mich auch nicht versehentlich jenem schrecklichen Ort nähern würde ... zeigte mir der »Wissenschaftler« ein Foto von jenem »Tempel der Sünde«. Ich muss gestehen, dass ich jene Stätte keineswegs gemieden, sondern bewusst gesucht habe.

Ja schlimmer noch: Ich habe den höhlenartigen Tempel betreten. Im Dunkel machte ich mehrere, sauber in den Fels geschlagene Nischen aus. Welchem Zweck sie einst wohl gedient haben mögen? Wir wissen es nicht. Vielleicht wurden in ihnen Bildnisse der Göttin aufgestellt? Oder wurden darin Opfergaben abgelegt? Auch das ist unbekannt. Bei einem meiner letzten Besuche wurde der Höhlentempel millimetergenau vermessen und fotografiert. Angeblich sollten 3-D-Aufnahmen angefertigt werden.

Ich fragte einen der Archäologen: »Erforschen Sie die Geschichte von Pachamama?« Die Reaktion war heftig. Ich gab wieder einmal den biederen Theologiestudenten. »Wenn dies ein Tempel der Drachengöttin war ... muss ich mich doch fern halten ...« Ich hob ängstlich um mich blickend abwehrend die Hände. Der Archäologe reagierte jetzt recht milde. Die Höhle könne sehr wohl Ort der Verehrung für Muttergöttin Pachamama gewesen sein ... »eine Stätte frommer Verehrung, wie ein Wallfahrtsort für Maria. Beweise gebe es dafür aber keine.«

Der Verfasser vor dem
»Tempel der Pachamama«
Foto:  Ingeborg Diekmann
Der Archäologe versuchte mich zu beruhigen: »Im alten Europa wurden ja auch viele christliche Gotteshäuser auf den Fundamenten heidnischer Tempel gebaut. Und so wurden in Peru Orte der Verehrung für Göttinnen von Anhängern männlicher Götter übernommen!« Als ich den gelehrten Herrn um seinen Namen bat, wandte er sich unwirsch wieder seiner Arbeit zu ...

Als die Inkas die Orakelstadt Pachacamac übernahmen, zeigten sie die Toleranz, die die spanischen Eroberer Jahrhunderte später vermissen ließen. Als die Inkas in Pachacamac einzogen, bauten sie ihrem Sonnengott Inti einen neuen Tempel. Die für Pachacamac errichteten Kultstätten tasteten sie aber nicht an. Der alte Kult durfte ungehindert weiter zelebriert werden, es kam lediglich ein neuer hinzu. Und ganz offensichtlich gab es keinerlei Probleme im Miteinander von Pachacamac- und Inti-Anhängern.

Als die Spanier Mittel- und Südamerika eroberten und plünderten, zerstörten sie, wo sie nur konnten, jeden Hinweis auf die »heidnischen« Religionen. Die Codices der Mayas wurden zu riesigen Scheiterhaufen aufgetürmt und verbrannt. Und mit der Todesstrafe musste jeder »Heide« rechnen, der sich nicht »freiwillig« zur »Religion der Nächstenliebe« bekehren ließ. Für die riesige Kultanlage Pachacamac interessierten sich die Spanier wegen des großen Tempelschatzes ... Ein Großteil der Reichtümer konnte allerdings noch rechtzeitig vor den europäischen Räubern in Sicherheit gebracht werden. Werden sie je entdeckt werden?

Der göttliche
Pachacamac
Foto: W-J.Langbein
Nach meinen Recherchen stand den Tempelwächtern nicht viel Zeit zur Verfügung, die gewaltigen Mengen an Silber- und Goldpreziosen zu vergraben. Sie müssten sich also irgendwo in der Nähe der alten Gemäuer befinden ...

Die Glaubenswelt der Inka entstand nicht aus dem Nichts. Die Inkas entwickelten ältere Glaubensvorstellungen weiter, veränderten sie auch ... freilich ohne fremde Glaubensbilder auslöschen zu wollen. Bei den Moche (etwa fünftes bis siebtes Jahrhundert nach Christus) und bei den Chimu (Anfang des 13. Jahrhunderts) unterstanden Menschen wie Götter einer Mondgöttin. Sie regierte als allerhöchste Autorität die himmlischen Gefilde. Und sie war Beherrscherin der Jahreszeiten und des Wetters auf Erden. In der Glaubenswelt der Inkas schwand nach und nach ihre Bedeutung, während der männliche Gott Viracocha rasch in der Hierarchie aufstieg.

Viracocha alias Inti unterwarf aber nicht seinen männlichen Konkurrenten Pachacamac. War Pachacamac zu mächtig? Oder waren die Inkas in religiösen Fragen einfach nur tolerant?

Pachacamac hatte eine Partnerin, Pachamama. Pachamama – sie wurde als weiblicher Drache dargestellt – war eine Fruchtbarkeitsgöttin, zuständig für Wachsen und Gedeihen, aber auch für Leben und Sterben. Vor der Paarung Pachacamac/ Pachamama dürfte es aber eine ältere Gottheit gegeben haben ... eine Schöpfergöttin, die nach und nach an Bedeutung verlor und durch ein göttliches Paar ersetzt wurde. Der Überlieferung nach gab es vor Pachacamac eine Gottheit namens Con, die die ersten Menschen kreierte. Pachacamac besiegte Con und verwandelte die ersten Menschen ... in Affen.

Uraltes Mauerwerk von
Pachacamc - Foto: W.-J. Langbein
Auch in Mittelamerika, zum Beispiel bei den Mayas und den Azteken, war das Patriarchat der mächtigen Männer-Götter ... Nachfolger eines matriarchalischen Systems. Vor den Göttern kam auch hier die Urgöttin, die »Große Mutter«. Als Coatlicue lebte die Erdgöttin im jüngeren Patriarchat weiter, als weibliche Schlange! Auch in Zentralamerika wurde die Urgöttin als weiblicher Drache gesehen.

Prof. Dr. Hans Schindler-Bellamy erklärte mir: Die Darstellung der Urgöttin als »Drache« dürfte in einer Zeit des Übergangs zum Patriarchat erfolgt sein, als die einst so hochverehrte Muttergöttin nach und nach immer negativer gezeichnet wurde. Aus der omnipotenten, von ihren Anhängern ob ihrer Weisheit geliebten Göttin wurde nach und nach ein furchteinflößendes Wesen. Ist es ein Zufall, dass in der Bibel die gleiche Entwicklung vollzogen wurde? Auch wenn die entsprechenden Hinweise eher im Text des »Alten Testaments« stiefmütterlich behandelt werden ... so gibt es sie dennoch auch in unseren heutigen Bibelausgaben. So wird ganz eindeutig festgestellt, dass der männliche Schöpfergott Jahwe erst die Drachengöttin besiegen musste, bevor er sich ans Werk machen konnte! Da wird Jahwe gelobt (1): »Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen getötet hat? Im zweiten Vers des »Alten Testaments« (2) lesen wir in modernen Übersetzungen: »Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.« Übersetzt man aber den Text wortwörtlich aus dem Hebräischen, so heißt es korrekter: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.

Tehom aber ist ein »Plagiat«, wurde aus der babylonischen Mythologie übernommen. In der babylonischen Vorlage heißt Tehom Tiamat und wird vom männlichen Gott Marduk besiegt. Marduk muss erst die Meeresgöttin unterwerfen, bevor er mit der Schöpfung beginnen kann. Angeblich währte der Kampf Marduks gegen Tiamat Jahrhunderte ... und Tiamat soll ein Drache gewesen sein!

Bei den Mayas und Azteken in Mittelamerika, bei den Inkas und ihren Vorläufern in Südamerika ... und im »Alten Testament« unserer Bibel wird offensichtlich eine Geschichte erzählt ... Vor dem männlichen Gott regierte eine Göttin die Geschicke der Menschen.

Erbin der Drachengöttin
Foto: W-J.Langbein
Wer aber glaubt, es sei den Spaniern mit Feuer und Schwert gelungen, die Muttergöttin Pachamama zu besiegen ... der irrt gewaltig. Noch heute wird Pachamama in Südamerika verehrt und angebetet ... und nicht etwa von »bösen Heiden«, die dem Katholizismus fern stehen. Katholizismus und Pachamama-Verehrung werden nicht als Gegensätze gesehen. Auch wenn es die katholische Kirche offiziell nicht zugeben mag ... vor Ort beten fromme Katholiken gleichzeitig zu Maria und zu Pachamama!

Konkretes Beispiel: Im bolivianischen El Alto wurden zehn Kirchtürme errichtet. Die katholischen Gotteshäuser wurden, streng nach Ritualen des Pachamama-Glaubens, geweiht ... einschließlich der in den Fundamenten eingemauerten Lama-Föten. Auch Pater Sebastian Obermayer, seit Jahrzehnten in Bolivien, sieht keinen Konflikt zwischen Pachamama und Maria (3): »Unsere Gemütsbasis ist gut katholisch. In der Frömmigkeit passt das gut zusammen.«

Worin besteht das Geheimnis des Drachen? Der heilige Drachen war eine Drachin, also weiblich ... und keineswegs teuflisch-böse, sondern die mächtige Muttergöttin des Lebens. Gewiss, es ist in den Augen strenggläubiger europäischer Katholiken Sakrileg und Ketzerei zugleich ... aber dennoch wahr und unbestreitbar! Wir kennen Maria, die Mutter Jesu und christliche Himmelskönigin, als lieblich-holde Frauengestalt. Maria, Mutter Gottes im christlichen Glauben, hat aber eine pikant-heidnische Vergangenheit, ist sie doch die direkte Nachfolgerin einer heidnischen Drachengöttin ...

Fußnoten
1 Jesaja Kapitel 51, Vers 9
2 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2
3 Berlin Online


Bücher von Walter-Jörg Langbein
 
»Maria im Dornenbusch«,
Teil 87 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 18.09.2011


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Sonntag, 28. August 2011

84 »Das Orakel in der Wüste«

Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fata Morgana oder Ruine in der
Wüste -  Foto: W-J.Langbein
Flimmernd zittert die Luft über dem Wüstenboden. Es ist später Nachmittag ... das Licht verändert sich scheinbar von Augenblick zu Augenblick. Der harte, von der Sonnenglut verbrannte Staub scheint zu glimmen. Und am Horizont taucht plötzlich im Wüsteneinerlei so etwas wie eine Fata Morgana auf. Aber die hügelige Erhebung ist ebenso real wie das Mauerwerk, das vor vielen Jahrhunderten geschaffen wurde.

An einem »freien« Nachmittag bin ich von Lima, der peruanischen Metropole, mit dem Taxi über teilweise kaum noch als solche erkennbare »Straßen« nach Pachacamac gefahren. Pachacamac ist ... war einst eine riesige Anlage. Als die Inkas das Pilgerzentrum eroberten, hatte es schon eine Geschichte von mindestens eineinhalb Jahrtausenden hinter sich.

Im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte habe ich Pachacamac mehrere Besuche abgestattet. Ich habe stundenlang die immer noch weiträumigen Überreste des einstigen Kultzentrums zu Fuß umrundet und bin fasziniert vom großen Mysterium Pachacamac. Leicht gerät man ins Träumen und sieht märchenhafte Dinge. Es kommt mir so vor, als würde der graubraungelbe Wüstenboden etwas gebären.

Ruinen wachsen aus dem Boden
Foto: W-J.Langbein
Aus kleinen Hügelchen wachsen Mäuerchen. Sie kriechen empor und werden sich im Verlauf der nächsten Jahrhunderte in stolze Gebäude verwandeln. Oder erlebe ich, wie stolze Mauern aus uralten Zeiten, aufgetürmt aus an der Sonnenglut gebackenen Steinen, wieder mit der Wüste verschmelzen? Ehre, wem Ehre gebührt! Es sind Archäologen, die im glühenden Wüstenboden Verfallenes zu neuem Leben erwecken. In mühseliger Arbeit rekonstruieren sie Mäuerchen, trotzen staubigen Hügeln uralte Wände wieder ab ... die nach und nach erkennen lassen, wie Pachacamac wohl einst ausgesehen haben mag. Allerdings ist, wie einer der führenden Inka-Experten, Miloslav Stingl, konstatiert (1), »ein Teil der Ruinen aus der späteren Inka-Zeit restauriert worden«.

Pachacamac war keine Wohnstadt, sondern ein religiöses Zentrum. Pachacamac war das Orakel der Wüste, das schon vor Jahrtausenden im fernen Peru Menschen anlockte wie »unser« europäisches Delphi. Hier regierte Pachacamac, der »Herr der Welt, der die Ordnung und den Gang der Dinge, die Gesetze der Welt und des Weltalls bestimmt« (2). Hier herrschte Frieden in einer neutralen Zone. Mag man sich sonst auch bekriegt haben, in Pachacamac ruhten die Waffen.

Der Sonnentempel der Inkas
Foto W-J.Langbein
Die Inkas respektierten Pachacamac. Gewiss, sie akzeptierten nicht, dass ihr Inti und der Gott Pachacamac identisch sein könnten. Aber sie ließen Pachacamacs Anhänger gewähren ... und blieben selbst ihrem Inti treu. Mir scheint: Beides waren verschiedene Namen eines Schöpfergottes ... Der alte Pachacamac-Kult bestand fort, sie erbauten aber noch ein weiteres Sakralgebäude: den Sonnentempel. Dieser wohl eins mächtige Komplex ist bis heute nur zu einem kleinen Teil rekonstruiert worden. Seine einstige Größe kann nicht einmal mehr erahnt werden. Offenbar hatte der Sonnentempel einst die Form einer Stufenpyramide mit fünf Plattformen. Für Diener und hochrangige Besucher, so meinen Archäologen feststellen zu können, gab es separate Eingänge.

Direkt vor dem Sonnentempel gab es offenbar so etwas wie einen Warteplatz für die Pilger. Bei Ausgrabungen wurden Löcher im Boden erkannt, in denen einst hölzerne Pfosten standen. Sie trugen vermutlich ein Dach, um die Pilger vor Sonne, Wind und Wetter zu schützen. Wie so oft sind wir auf Mutmaßungen und Spekulationen angewiesen.

Der Tempel von Pachacamac war das Mekka des Alten Peru. Jeder Anhänger des mächtigen Gottes sollte mindestens einmal im Leben die heiligen Stätten aufsuchen. Die Pilgerströme aus nah und fern brachten kostbare Opfergaben, auch aus Gold und Silber, in die altehrwürdigen Gemäuer. Es wurde ein riesiger Tempelschatz gehortet. Und es wurde viel in die Bauwerke investiert. Kein Zweifel: Pachacamac war sehr reich! Weite Regionen der Küste zahlten nicht in Cuzco, der Hauptstadt des Reiches, sondern in Pachacamac ihre Steuern. Selbst nach der Unterwerfung des Inkareiches wurden aus weit entfernten Regionen Abgaben nach Pachacamac gebracht. So verwundert es nicht, dass in einer Chronik aus der Zeit der Eroberung festgestellt, dass Pachacamac größer als selbst Rom gewesen sei.

Die Pyramide mit der Rampe
Foto: W-J.Langbein
Das weckte Begehrlichkeiten bei den Spaniern, die sich aufmachten, um das uralte Heiligtum zu plündern. Trotz reicher Beutezüge hofften die Spanier, noch »erfolgreicher« sein zu können. Sie folterten auf grausamste Wiese, um Hinweise auf geheime Verstecke zu erhalten.

Miloslav Stingl (3): »Zum Glück bekamen die Priester der Orakelstätte Wind von dem Feldzug der Spanier nach der heiligen Stadt, so dass sie den Hauptteil des Tempelschatzes rechtzeitig im Sand der Küstenwüste vergraben konnten. Aber auch das wenige, was in der Orakelstätte von Pachacamac übrig geblieben war, genügte Pizarros Raubgesellen. Sie erbeuteten in dem Tempel über 650 Kilogramm goldene Gegenstände von nie gesehener Schönheit und 16.000 Unzen Silbersachen.«

Und so wartet noch heute ein riesiger Schatz auf seine Entdeckung ... vermutlich zwei bis drei Tonnen (!) Gold und Silbersachen! Gold sahen die Inkas als »Schweißperlen der Sonne«, Silber als »Tränen des Mondes« an. Gold und Silber aber waren für die Inkas nicht der wirkliche Schatz. Die vierzehn Königsmumien galt es vor allem zu verteidigen ... doch vergeblich. Die Spanier plünderten die heiligen Tempel der Inkas, stampften edelste Arbeiten aus Gold und Silber ein. In Barrenform gegossen wurde die Beute nach Europa geschickt.

Der Mondtempel von
Pachacamak - Foto: W-J.Langbein
Die Spanier begnügten sich nicht damit, materielle Güter zu rauben. Sie zerrten auch die Königsmumien der Inkas aus ihren Gräbern und verbrannten sie öffentlich. So demonstrierte das »christliche Europa« seine Überlegenheit über das »heidnische Inkareich«!

Schon lange bevor die Inkas zur Großmacht im heutigen Südamerika aufstiegen, wurde das Orakel von Pachacamac befragt. Die Menschen nahmen strapaziöseste Märsche auf sich, um dem Orakel Fragen über die Zukunft zu stellen. Es gibt keine Überlieferungen, wie erfolgreich oder erfolglos das Orakel war. Offenbar warnte es aber nicht vor der Eroberung durch die Inkas. Auch die Inkas befragten das Orakel, als die »christlichen« Eroberer anrückten ... und wurden beruhigt. Sie würden, so wurde ihnen verkündet, die goldgierigen Fremden besiegen. Die Geschichte nahm, wie wir wissen, einen anderen Verlauf.

Besuche beim Orakel waren alles andere als Stippvisiten. Nach oft lebensgefährlicher Anreise folgte die intensive Vorbereitung des Pilgers. Priester leiteten die Pilger an. 90 Tage dauerte die Vorbereitungszeit. Es wurde gefastet. Und der Pilger musste aus seiner alltäglichen in eine spirituelle Welt geführt. Erst dann durfte er sich dem Orakel nähern. Wir wissen nicht, ob es so etwas wie ein Allerheiligstes gab. Wir wissen nicht, ob jeder Pilger bis zur Gottheit vorgelassen wurde ... oder ob dieser direkte Kontakt nur den Priestern erlaubt war.


Pachacamac selbst
Foto: W-J.Langbein
Bei Ausgrabungen in Pachacamac wurden erstaunlich gut erhaltene, gewebte Teppiche mit geheimnisvollen Motiven gefunden. Im Wüstenboden blieb auch ein hölzerner »Totempfahl« erhalten. Er hat – wie Janus – zwei Gesichter, blickt also in die Vergangenheit und in die Zukunft. Handelt es sich bei dem altehrwürdigen Objekt um das einstige Heiligtum von Pachacamac ... vielleicht gar um eine Darstellung der Gottheit selbst?

Übrigens: Pachacamac, der mächtige männliche Gott, war nicht allein! Seine Partnerin war Pachamama, auch Mama Pacha genannt. Sie soll ein weiblicher Drachen gewesen sein und war als Göttin der Fruchtbarkeit für Aussaat und Ernte verantwortlich ... und für Erdbeben!

Wie man Pachamama übersetze ... da gehen die Meinungen auseinander: »Mutter Erde« wird häufig verwandt, aber auch »Mutter Welt«. Das Wort »pacha« machte offenbar eine Entwicklung durch ... und soll zuletzt »Kosmos« und »Universum« bedeutet haben. Zuletzt? Oder war Pachamama in Wirklichkeit eine jener Urmütter, die vor dem Einsetzen des Patriarchats Himmel und Erde regierten?

Als der Katholizismus im einstigen Inkareich verbreitet wurde, war der neue Glaube für die Nachfahren der einst mächtigen Inkas so fremd nicht. Vertraut war ihnen die von den katholischen Priestern so verehrten Mutter Gottes Maria! War das nicht ihre Pachamama? Und so lebt Pachamama auch heute noch weiter, allen missionarischen Bemühungen zum Trotz ... als Himmelskönigin Maria!



Fußnoten
1 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, 2. Auflage, Leipzig 1990, S. 210
2 ebenda
3 ebenda, S.211 und 212

Weiterführende Literatur
4 Kurella, Doris: »Kulturen und Bauwerke des Alten Peru«, Stuttgart 2008
5 Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam/ Von Götterbergen und Geisterstädten, von Zyklopenmauern, Monstern und Sauriern«, München 1996, S.282 und S.283
6 Squier, George: »Peru/ Incidents of Travel and Exploration in the Land of the Incas«, New York 1877, Seiten 71, 149 und 150

»Der Lebensbaum in der Wüste«,
Teil 85 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.09.2011


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