Sonntag, 16. Oktober 2016

352 »Kröte, Löwe, Dämonen«

Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Dom im August 2016
Als Kind starrte ich ehrfurchtsvoll zur steinernen Statue empor, die da hoch über mir zu schweben schien. Mit 16 unternahm ich meine erste Fahrt auf meinem Mofa vom oberfränkischen Michelau nach Bamberg. Für die knapp dreißig Kilometer benötigte ich zwei Stunden. Natürlich besuchte ich auch den geheimnisvollen »Bamberger Reiter«. Und als ich im Sommer 2016 wieder ins Frankenland fuhr, machte ich in Bamberg Station. Im ICE von Hannover nach Würzburg blättere ich in den fleckigen, eingerissenen Seiten eines Buchs über die Sagenwelt von Bamberg (1) entziffere ich: »Bambergs größter Stolz ist schon seit jeher der schon aus weiter Ferne sichtbare, hoch über der Stadt thronende Dom.«

Vom Bamberger Bahnhof aus benötigte das Taxi nur wenige Minuten bis zum hoch über dem idyllischen Städtchen gelegenen Dom. Wie eine mächtige Burg steht der Jahrtausendbau auf dem Domberg, eine massive steinerne Festung – von der unterirdischen Krypta bis hin zu den vier imposanten Türmen. So mächtig, wie uns zu Beginn des dritten Jahrtausends erscheint, so unbegreifbar war das sakrale Bauwerk den Menschen vor Jahrhunderten. Sie konnten es nicht glauben, dass der Dom mit seinen – ich zitiere noch einmal das Sagenbuch – »über fünfhundert Fuß hohen Türmen« ein Werk biederer Baumeister gewesen sein soll. Und so wurde der Teufel ins Spiel gebracht.

Foto 2: Der Dom etwa 1920
Vor einem Jahrtausend hatte man gerade mit dem Bau des Doms begonnen. Der Dombaumeister war ein bedächtiger Mann, auf Sicherheit bedacht. Da soll ein junger Bursche seine Hilfe angeboten haben. Er hatte das Bauhandwerk angeblich in Frankreich erlernt. Man ließ ihn gewähren, auch der eigentliche Dombaumeister war einverstanden. Doch nach Wochen zeigte sich, dass man einem unfähigen Prahlhans aufgesessen war. Der alte Meister konnte stolz auf die Fortschritte seiner Arbeiter sein, der junge »Fachmann« kam kaum voran. Es war abzusehen: Der Angeber würde wohl scheitern. Das ging dem jungen Mann, sein Name ist nicht überliefert, sehr nahe. Schlaflos wälzte er sich in seinem Bett. Ein Scheitern ließ sich mit natürlichen Mitteln nicht mehr abwenden. Da aber bot sich ihm der Teufel selbst als letzte Rettung an. Die Bezahlung würde erst nach dem Tod des unfähigen Baumeisters fällig werden: seine unsterbliche Seele. Von Stund‘ an wendete sich das Blatt. Wo sich lange nichts geregt hatte, wuchsen mächtige Mauern in den Himmel. Kein Wunder, es waren ja auch teuflische Dinge im Spiel. Zwei furchteinflößende Dämonen arbeiteten nachts auf der Baustelle, wenn die Arbeiter schliefen.

Foto 3: Domkröte an der Marienpforte

Diese beiden Diener des Teufels bewirkten wahre Wunder. Der junge Baumeister konnte es gar nicht abwarten, von den Bambergern als Genie gefeiert zu werden. Sein Dom war ja nun vollendet und der Teufel hatte noch lange kein Anrecht auf seine Bezahlung. Die wurde ja erst nach dem Tod des jungen Mannes fällig. Doch der Teufel gedachte, den Prozess rapide zu beschleunigen. Er forderte die ihm zustehende Seele: »Es ist Zahltag junger Meister!« Der widersprach, er sei ja doch noch am Leben. Der Teufel stieß ein grässliches Lachen aus. »Ihr lebt noch!«  und beendete abrupt das Leben des Baumeisters, indem er ihn aus einem Dachfenster des Doms schleuderte. Sein Körper zerschmetterte auf den Stufen des Doms.

Foto 4: Domkröte an der Marienpforte
Dann gab Satan der Legende nach eine eindrucksvolle Abschiedsvorstellung. In Marco Kirchners »Sagen und Legenden aus Bamberg« (2) lesen wir: »Das Volk, das auf dem Domplatz versammelt stand, erschrak fürchterlich als es dies sah und seine Angst wurde noch größer, als kurz darauf der Teufel, einen langen, feurigen Schweif hinter sich herziehend aus dem Fenster flog und über dem Domplatz schwebte. Die Menschen wussten sogleich, dass er es gewesen war, der dem jungen Baumeister beim Bau geholfen hatte.« Nach einer anderen Sage (3) waren die beiden Dämonen alles andere als hilfreich beim Bau des Doms, ganz im Gegenteil! Sie sollen immer nachts, wenn die Arbeit am Dom ruhte, versucht haben, das mächtige Gotteshaus zu untergraben. Beide Kreaturen sollen furchteinflößende Monster gewesen sein, rätselhafte Mischwesen aus Kröte und Löwe.

Die beiden Gehilfen des Teufels wurden in Stein verewigt und vor dem Eingang zum Dom platziert. Und da stehen sie heute noch. Sie werden, wie ich beobachtet habe, kaum beachtet. Ich habe diese geheimnisvollen Kreaturen emsig fotografiert. Es kommt mir so vor, als seien sie besonders alt. Im und vor allem außen am Dom gibt es eine Vielzahl von Statuen und Statuetten aus Stein. Keine einzige von ihnen ist auch nur annähernd so stark verwittert wie die beiden dämonischen. Sollten sie also vielleicht älter als der heutige Dom selbst sein, auf seinen Vorgängerbau zurückgehen, oder gar auf einen heidnischen Tempel aus vorchristlichen Zeiten?

Wie dem auch sei: Die beiden Wesen aus Stein sind vom Zahn der Zeit extrem stark angenagt und mit Fantasie kann man so mancherlei darin erkennen. Mich jedenfalls faszinieren beide Kreaturen. Mischwesen, in Stein verewigt, sind mir auf meinen Reisen immer wieder begegnet. Mein Vorschlag: Beginnen Sie Ihre Dombesichtigung nicht direkt am Dom, fahren Sie nicht wie ich mit dem Taxi direkt auf den Domplatz. Nehmen Sie sich mehr Zeit, und wandern sie durch die verwinkelten Gässchen Bambergs den Domberg hinauf. Schließlich kommen Sie auf dem Domberg an, stehen auf dem Domplatz. Vor Ihnen erhebt sich majestätisch der herrliche Dom. Sie stehen vor dem Ostchor des Doms. Zur Rechten befindet sich die Marienpforte, zur Linken die Adamspforte. Bevor Sie in den Dom hineingehen – mein Vorschlag: Besuchen Sie zunächst an der Marienpforte am Nordostturm des Doms den Löwen-Kröten-Dämon Nummer 1.

Foto 5: Domkröte an der Adamspforte

Christine Conrad schreibt in »Bamberger Dom/ Ein Rundgang« (4) im Kapitelchen über die Marienpforte: »Ein mächtiger Steinkoloss bewacht das Portal. Es ist ein Löwe, dem der Zahn der Zeit ordentlich zugesetzt hat. Wegen seines robusten Aussehens wird er gern als Domkröte bezeichnet. Dieser Löwe gehörte schon zum ersten Heinrichs-Dom und ist damit gut 1000 Jahre alt. Sein Pendant befindet sich an der Adamspforte.« Für den Namen »Domkröte« gibt es eine mögliche Erklärung. Die Statuen stehen in der Nähe von Stufen. Die hießen »Greden«. Daraus soll der Volksmund »Kröten« gemacht haben.

Foto 6: Wesen an der Adamspforte
Beide Statuen wirken auf mich sehr viel monströser als majestätische Löwen, eher wie Mischwesen aus uralten Zeiten. Wie klassische Wappentiere sehe sie auf gar keinen Fall aus. Beide sind seltsam deplatziert, niemand vermag zu sagen, welche Plötze sie am oder im Heinrichs-Dom innehatten. Und wir wissen schon gar nicht, ob die Baumeister des ersten die beiden steinernen Kolosse nicht doch von einem noch älteren, womöglich heidnischen Tempel, übernommen haben. Entscheiden Sie selbst: Sind die beiden Steinstatuen Darstellungen stark verwitterter Löwen oder doch von Mischwesen, von albtraumhaften Kreaturen aus den Urzeiten von Fabeln und Mythologie? Übrigens: Wenn Sie sich etwas mehr Zeit bei der Besichtigung des Doms nehmen, werden sie allerlei Mischwesen entdecken.

Fakt ist: Im Jahr 1004 wurde mit dem Bau des ersten Doms begonnen . Der Sakralbau wurde dem Heiligen Petrus geweiht.

Fakt ist: Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde gründeten am 1. 11.1007 das Bistum Bamberg.

Fakt ist: Ostern 1081 brach im Dom ein Feuer aus, der massive Bau musste in erheblichem Umfang renoviert, konnte aber gerettet werden. Ein Neubau war nicht erforderlich. Noch nicht …

Fakt ist: 1185 brach wieder ein Feuer im Dom aus. Die Katastrophe machte einen Neubau 

Foto 7: Löwe oder Mischwesen?

erforderlich. Im gleichen Jahr wurde nach Abriss der Domruine sofort mit der Errichtung des heutigen Doms begonnen. Am 6. Mai 1237 konnte die feierliche Schlussweihe vollzogen werden. Zwei monströse Steinplastiken überstanden die Katastrophen und stehen noch heute an der Marien- und an der Adamspforte: von der Zeit verstümmelte Löwen oder doch Mischwesen? Michwesen gibt es viele im Dom zu Bremen.

Foto 8: Die Kreatur von der Marienpforte
Fußnoten

1) Nähere Angaben zum zitierten Werk kann ich keine machen. Es lag mir als Buchfragment vor.
2) Kirchner, Marco: »Sagen und Legenden aus Bamberg«, 1. Auflage, 26. März 2015, Pos. 310, als eBook erschienen im  John Verlag
3) Schöppner, Alexander: »Bayrische Sagen/ Sagenbuch der Bayerischen Lande«, Band 1, München 1852
4) Conrad, Christine: »Bamberger Dom/ Ein Rundgang«, Bamberg, Heinrichs-Verlag, 2011, S. 5

Zu den Fotos

Foto 9: Kreatur an der Marienpforte - mit Krötenmaul?

Foto 1: Der Dom im August 2016. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Der Dom etwa 1920. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Domkröte an der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Domkröte an der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Domkröte an der Adamspforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wesen an der Adamspforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Löwe oder Mischwesen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Kreatur von der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kreatur an der Marienpforte - mit Krötenmaul? Foto Walter-Jörg Langbein

»353 Boten der Göttin«,
Teil  353 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.10.2016

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Sonntag, 9. Oktober 2016

351 »Apocalypse Wow«

Teil  351 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter
Zu den großen Filmklassikern überhaupt zählt ohne Zweifel »Apocalypse Now« von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1979. Der beeindruckende und bedrückende Antikriegsfilm spielt in Vietnam. In Anspielung auf Coppolas filmisches Meisterwerk mit Marlon Brando in der Hauptrolle titelte die »Süddeutsche Zeitung« im Frühjahr 2016 (1) mit einer sensationellen Meldung: »Apokalypse Wow«. Und neben dem beeindruckenden Foto einer rot glühenden Sonnen lesen wir: »Bilder aus der Zukunft: In sechs Milliarden Jahren wird die Sonne spektakulär sterben. Bis dahin muss die Menschheit eine neue Heimat finden. Aber wo?«

Auf meiner Reise durch Indien lernte ich die uralte Philosophie des Landes kennen. Ähnlich wie die Mayas gingen die »alten Inder« von einem zyklischen Weltbild aus, von einem steten Werden, Leben und Zerfall. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Ein Schriftkundiger erklärte mir am Tempel von Tanjore (2): »Die Geschichte der Menschheit verläuft auf unserem Heimatplaneten in Zyklen. Auf die Zerstörung folgen Wiederaufbau, Leben und Gedeihen und erneute Zerstörung.«

So ist  Göttin Kali (zu Deutsch etwa »Die Schwarze«) im Hinduismus einerseits die Gottheit des Todes und der Zerstörung, andererseits aber auch der Erneuerung. Ganz ähnlich dachten die Maya, die – wie die alten Inder – in Sachen Erde und Kosmos in Zyklen von bis zu Jahrmilliarden rechneten. Eine »Menschheit« blüht auf, gedeiht um in einer Apokalypse wieder unterzugehen, gefolgt vom Aufblühen einer neuen Menschheit. Die Kataklysmen der Maya werden in der Mythologie recht plastisch-drastisch geschildert. Eine Epoche endete in einem Feuer- und Asche-Regen. Eine Zeit der Finsternis folgte, und doch  hatten die himmlischen Götter schon den Keim neuen Lebens gesät.

Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore
Auch unsere Sonne sei, so erfuhr ich am Tempel von Tanjore, Zyklen unterworfen, sie pulsiere – und werde eines Tages explodieren, sich ausdehnen und dann wieder in sich zusammenbrechen.

Das von der »Süddeutschen Zeitung« prognostizierte Ende der Sonne und damit der Erde ist alles andere als unfundierte Horrorspekulation. So wird sich unsere »liebe Sonne« im Alter von etwa 11,7 bis 12,3 Milliarden Jahren so weit aufblähen, dass sie die Planeten Merkur und Venus verschlingt. Die Erde wird sich in eine wahre Höllenwelt verwandeln. Die Meere verdampfen, die heute noch feste Erdkruste wird zu einem einzigen zähflüssigen Lava-Brei werden. Da die Sonne bereits etwa 4,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat, wird sich das beschriebene Ende der Welt in etwa sieben Jahrmilliarden abspielen. Selbst die Jüngsten unter uns werden das wohl nicht erleben, ich mit meinen 62 Jahren schon gar nicht. Ob freilich die Menschheit wirklich ausreichend Zeit haben wird? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, sie wird längst ausgelöscht sein, wenn die Erde sterben wird. Sie wird sich wohl sehr viel früher selbst vernichtet haben!
Schon im nicht mehr ganz so zarten Alter von 5,5 Jahrmilliarden wird die Weiterentwicklung unseres Zentralgestirns dazu führen, dass die mittlere Temperatur auf der Erde 30 Grad Celsius überschreitet. Da wird es schon recht kritisch für »höhere Lebewesen«. Das wird also »schon« in einer Jahrmilliarde geschehen.

Foto3: Die Mayas glaubten....
In zwei Milliarden Jahren wird eine mittlere Temperatur auf Erden von 100 Grad erreicht werden. Mit anderen Worten: »Schon« in zwei Milliarden Jahren wird alles Leben auf der Erde verlöschen. Selbst jenen Krebsen, die heute ganz in der Nähe von Tiefseevulkanen leben, dürfte dann das letzte Stündlein geschlagen haben. Und die halten wahrhaft höllische Temperaturen aus!
Hermann Oberth (1894-1989)  im Gespräch zu mir (3): »Die Erde ist die Kinderkrippe der Menschheit. Kinder wachsen heran und verlassen irgendwann die Krippe und erkunden die Welt!« Ich fragte zurück: »Meinen Sie, dass wir Menschen einmal unsere Erde verlassen werden?«

Prof. Oberth bejahte. »Die Menschheit kann entweder irgendwann auf der Erde umkommen, oder sie versucht, ins Weltall vorzudringen und dort zu überleben. Ein Überleben auf der Erde für ewige Zeiten wird es nicht geben!«

Andrian Kreyer wiederholt in der »Süddeutschen Zeitung« (4) in der Rubrik »Wissen« zunächst die Schlagzeilen von Seite 1: »In sechs Milliarden Jahren wir die Sonne sterben, spätestens bis dann muss die Menschheit eine neue Heimat gefunden haben.« Dann folgt ein Hinweis auf so eine »Ersatzwelt«, die freilich alles andere als paradiesisch-verlockend anmutet: »Exoplanet HD 189733b etwa ist 63 Lichtjahre entfernt und blau wie die Erde. Das Problem: Die Tagestemperaturen dort liegen bei 900 Grad Celsius, die Windgeschwindigkeiten erreichen 9.000 Kilometer pro Stunde, und es regnet Glas.«

Foto 4: ... an Zeitzyklen.

»Werden wir Menschen ins All Reisen und fremde Planeten in fremden Sonnensystemen besiedeln?«,wollte ich von Prof. Oberth wissen. Der sympathische Gelehrte, den ich erstmals als Schüler im Alter von etwa zehn Jahren besuchte, lächelte milde: »Ganz so wie in Zukunftsromanen beschrieben wird das nicht ablaufen! Die Distanzen zu den Sternen sind riesig. Auf Science-Fiction geht auch Andrian Kreyer in seinem lesenswerten Artikel ein (5): »Der Mythos vom Auszug aus der Erde wird schon längst in Hollywood-Filmen wie ›Interstellar‹ und ›The Martina‹ gepflegt. Auch wenn erst das Kepler-Weltraumteleskop der NASA, das 2009 startete, die Suche so richtig voranbrachte.«

Foto 5: Autor Langbein  in Palenque
Wer hätte das gedacht: Vor einem halben Jahrhundert spekulierte man, wie viele Sterne – also fremde Sonnen – wohl von Planeten umkreist würden. Heute vermeldet der Astronom Jason Wright (6) »1642 bestätigte und 3786 unbestätigte Planeten«. Andrian Kreyer spricht von 5428 Hoffnungsmomenten, »dass das Leben da draußen ja irgendwie weitergehen könnte«. Nun ist aber Exoplanet HD 189733b etwa 63 Lichtjahre entfernt. Er eignet sich also nicht als neue »Wohnung« für die Menschheit, in die man einfach umziehen könnte. Ist damit Projekt »Erd-Exodus« schon gescheitert, bevor es überhaupt richtig angedacht werden konnte? Die Antwort findet sich beim »Vater der Weltraumfahrt«. Hermann Oberth schrieb bereits im Jahre 1954 in seinem Werk »Menschen im Weltraum« (7):

»Da Monde und Planeten relativ unwirtlich sind, liegt der Gedanke an künstliche Wohnstätten der Menschen im Weltraum nahe. … Nun geht es um die Ansiedlung von Menschen im Weltraum selbst.« Mit anderen Worten: Ein »Exodus ins All« ist natürlich auch dann möglich, wenn der nächste Planet nach heutigen Vorstellungen unerreichbar weit entfernt ist. Auch und gerade hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Wenn es das »Ziel« sein sollte, irgendwann in fernster Zukunft einen fernen fremden Planeten zu erreichen, dann ist schon die Reise dorthin die einzige Chance der Menschheit. Bevor Planet Erde zur tödlichen Falle wird, kann es nur eine Flucht ins All geben. Hermann Oberth: »Unsere Erde wird noch viele Jahrhunderte lang Raum genug für die Menschen haben. … Doch die Menschheit wird nicht auf diese Erde beschränkt bleiben.«

Als Raumfahrtexperte begnügte sich Prof. Hermann Oberth nicht mit vagen Spekulationen. Vielmehr legte er bereits 1954 präzise Projekte vor, betitelt »Siedlungen im Weltraum« (8). Nach Prof. Oberths konkreten Visionen werden riesige Wohnräder in die Tiefen des Alls vordringen. Diese Weltraumhabitate drehen sich um die eigene Achse, so dass ihre Bewohner nicht in der Schwerelosigkeit schweben, sondern gewohnte irdische Verhältnisse genießen können. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Prof. Oberths »Wohnwalzen«. Noch einmal Oberth (9): »Unter einer Wohnwalze hat man sich einen Zylinder von beliebiger Länge vorzustellen, der einen Durchmesser von acht Kilometern hat. Er kann zehn Kilometer lang sein, aber auch hundert oder tausend.« Heute noch utopisch anmutende, aber keineswegs unrealistische Konzepte sehen Weltraumstädte mit Millionen von Menschen vor (10):

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth

»Dr. Thomas Heppenheim, Luftfahrtingenieur am ›California Institute of Technology‹, schilderte das Leben in der Raumstation im November 1975 so: ›Das Leben in der geplanten Weltraumstadt wird nicht nur angenehmer sein als auf der Erde, sondern die Menschen werden dort alles haben, was für größtes Wachstum notwendig ist. Keine Ernte wird fehlschlagen. Die ersten 10.000 Menschen werden in Terrassenapartments mit modernstem Wohnkomfort leben. Von den Fenstern aus blicken sie auf gewölbte Erntefelder und überschauen grüne Parks. Das Leben wird angenehm und sonnig sein.‹

Die zweite Weltraumstadt könnte dann schon ganz andere Ausmaße haben. Prof. Gerard Kitchen O’Neill (1927-1992) lehrte an der ›Princeton University‹, publizierte seine fundierten Visionen in einem Buch ›Unsere Zukunft im Raum/  Energiegewinnung und Siedlung im Weltraum‹ (11).

Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen

Für den Physiker O’Neill, Inhaber wichtiger Patente, ist eine Besiedlung des Universums von der Erde aus keine unsinnige Science-Fiction-Illusion, sondern realistisch, finanzierbar und auch machbar. Der Wissenschaftler entwickelte mehrere Modelle von Weltraumstädten in Röhrenform. Die größeren (Länge etwa 30 km, Durchmesser 6 km) bieten 10.000.000 (zehn Millionen!) Menschen Lebensraum. Schon in absehbarer Zukunft könnte – so postulierte Prof. O’Neill – ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Weltraumstädten leben.«

Prof. Gerard Kitchen O’Neills erste Veröffentlichung erschien endlich September 1974 in »Physics Today«. Vier Jahre lang war der wissenschaftlich fundierte Aufsatz von Fachzeitschriften wie »Science« und »Scientific American« abgelehnt worden. Er hieß »The Colonization of Space« (zu Deutsch etwa »Die Kolonisation des Weltraums«). Genauso war es Prof. Hermann Oberth mit seiner ersten Arbeit zur Raumfahrt ein halbes Jahrhundert zuvor ergangen. Aber kühn erscheinende wissenschaftliche Projekte setzen sich letztlich immer durch, stets gegen den Widerstand der etablierten Schulwissenschaft.

Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860

Und so können wir Menschen von Planet Erde nachts sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel blicken. Die Milchstraße lockt uns heute, so wie einst Ozeane unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. Die Ozeane mögen einst als unüberwindbar angesehen worden sein. Sie wurden aber – vielleicht sehr viel früher als die Schulwissenschaft meint – überquert. Wenn wir Menschen uns nicht gegenseitig ausrotten, werden wir den Weg ins All antreten. Davon bin ich überzeugt!

Und was ich mich nicht erst seit meiner Indienreise frage? Kamen die Götter der alten Inder aus dem All, waren ihre Vimanas nichts anderes als Raumschiffe? In altindischer Dichtung wie dem Rig Veda wimmelt es nur so von Hinweisen auf eine phantastische Vergangenheit! Und die alten Tempel stellen Vimanas dar, die Flugvehikel der Götter aus dem All!

Fußnoten
1) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Titelseite, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
2) Nach meinen handschriftlichen Notizen formuliert.
3) Basierend auf meinen handschriftlichen Aufzeichnungen.
4) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Seite 38, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
5) ebenda
6) ebenda
7) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum«, Düsseldorf und Wien 1954, Seite 194
8) ebenda, Seite 187
9) ebenda, Seiten 194-199
10) Langbein, Walter-Jörg Vortragsmanuskript »Unsere Zukunft liegt im All«, »A.A.S. One Day Meeting«,  Magdeburg 24.10.2009
11) O'Neill, Gerard K.: »Unsere Zukunft im Raum«, Bern und Stuttgart 1978

Foto 9: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Stahlstich, etwa 1850

 Zu den Fotos

Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter. wiki commons gemeinfrei Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore. Foto Walter-Jörg Langbein Foto 3: Die Mayas glaubten.... Foto Walter-Jörg Langbein Foto 4: ... an Zeitzyklen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto5: Autor Langbein auf den Spuren der Mayas in Palenque.Foto Ingeborg Diekmann 
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth. Foto: privat 
Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen
Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860. Archiv
Walter-Jörg Langbein.


»352 Kröte, Löwe, Dämonen«,
Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.10.2016


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