Sonntag, 5. März 2017

372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«

Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Portal zur Nikolauskapelle
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Münster von Freiburg. Die Lichtverhältnisse sind etwas problematisch. Links sehen oder erahnen wir gespenstische Szenen: Eine merkwürdige Familie – Vater, Mutter, Kind – von Wesen mit Fischschwänzen und Kampfgetümmel zwischen einem Menschen und einem Monster und zwischen zwei Monstern. Mächtig dröhnt die Orgel durch das gewaltige Schiff des Münsters, die eigentlich eine Kathedrale ist.

Wir blicken durch die Gittertür in die Dunkelheit dahinter. Hier schloss sich einst die Nikolaus-Kapelle an. Rosa Enderle schreibt kurz und bündig in ihrem vorzüglichen Werk »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« (1): »Das Kapellen-Innere war einst farbig ausgemalt und vom Licht durchflutet. Ein Rankenfries mit Lebenssymbolen durchzieht die ganze Kapelle.« Von der einstigen Farbenpracht ist nichts mehr geblieben. Aus der mysteriösen Kapelle ist ein Durchgangsraum geworden.

Wir wenden uns der rechten Seite zu. Auch hier gibt es niedrige Säulen mit Kapitellen, auch hier wurden mysteriöse Szenen in Stein verewigt, die so gar nicht in eine christliche Kirche passen. Aufschlussreich sind drei Buchstaben, die sorgsam in den glatt polierten Stein eingraviert wurden: »ABC«. Das Licht fällt von der Seite auf das Steinrelief, das knapp über Augenhöhe angebracht worden ist. Licht und Schatten lassen das Szenario geheimnisvoll erscheinen. Unter dem »ABC« sieht man einen Mönch in seiner Kutte. Er sitzt auf einem Schemel. In seiner rechten Hand hält der Mönch so etwas wie einen Stock. Ihm gegenübersitzt auf seinen Hinterläufen ein wilder Wolf, der die Zähne fletscht. Der Mönch hält dem Wolf so etwas wie eine Schiefertafel hin. Offenbar will er dem Tier die Kunst des Schreibens beibringen, droht ihm Strafe an. Auch der Wolf hat eine Pranke an der Schreibtafel. In der anderen hält er so etwas wie einen Griffel. Sehr aufmerksam ist »Schüler Wolf« freilich nicht. Er blickt vielmehr nicht in Richtung seines Lehrers, sondern über die Schulter in Richtung eines Schafs.

Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«

Auf dem nächsten Bild hat sich der Wolf dem Mönch zugewendet. Aber tut er das freiwillig? Zieht er das Raubtier an einem Riemen in seine Richtung? Der Wolf freilich hat andere Interessen als der Mönch. Hat er doch jetzt das Schaf gepackt, wohl um es gleich zu fressen. Bilder 1 und 2 nehmen Comicstrips vorweg, und das um viele Jahrhunderte. In Comicstrips werden Geschichten erzählt: als Folge von Einzelbildern. Am Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle erwartet man nun eigentlich, wie die Geschichte mit dem Mönch, dem Wolf und dem Schaft weiter geht. Das aber erfahren wir nicht. Bild 3 zeigt eine Szene aus einer ganz anderen Geschichte, aber aus welcher?

Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf.

Wir sehen einen Kampf zwischen einem Mann und einem Löwen. Zwei Erklärungen für dieses Bild gibt es: »David kämpft mit dem Löwen!« und »Samson kämpft mit dem Löwen!« Einigkeit herrscht: Gerungen wird mit einem Löwen. Aber wer ist der wackere menschliche Kämpfer? Ist es etwa David?  Tatsächlich überliefert das Alte Testament ein Gespräch zwischen David und Saul (2): »David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot.«

Eindeutig identifiziert ist damit aber die Kampfszene Mensch-Löwe nicht. Gibt es doch eine weitere kurze Beschreibung im Alten Testament, nämlich im Buch Richter (3): »So ging Simson hinab mit seinem Vater und seiner Mutter nach Timna. Und als sie kamen an die Weinberge von Timna, siehe, da kam ein junger Löwe brüllend ihm entgegen. Und der Geist des Herrn geriet über ihn, und er zerriss ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und hatte doch gar nichts in seiner Hand. Er sagte aber seinem Vater und seiner Mutter nicht, was er getan hatte.«

Foto 4: Mönch und Schüler Wolf.

Simson, der in manchen Bibelübersetzungen Samson heißt, wurde zur Symbolfigur mystisch-magischer Kraft. Er war eine Art biblischer »Superman« der als Vertreter Israels gegen die feindlichen Philister kämpfte. Simson, der in wütender Raserei eintausend Männer mit einem Eselsknochen erschlagen hatte (4), geriet in die Gefangenschaft der Erzfeinde. Die Philister beraubten ihn seiner märchenhaften Kraft, stachen ihm die Augen aus und zwangen ihn zu demütigender Arbeit. Mit Gottes Hilfe erstarkt Simson wieder und bringt eine Festhalle zum Einsturz. Er selbst und dreitausend Philister starben (5). Offenbar war Simson ursprünglich sehr viel mehr als nur ein muskelbepackter menschlicher Held, nämlich ein einstmals angebeteter Sonnengott. »Simson« ist die Verdeutschung des hebräischen Namens Schimschon, und der lässt sich übersetzen mit »von der Sonne«, aber auch »Kleine Sonne« oder »Sönnchen« übersetzen. Meine Vermutung: Weil Simsons Wirken als himmlischer Heros nicht in Vergessenheit geriet, degradierten ihn biblische Autoren vom Sonnengott zum menschlichen Superhelden. Seine Taten finden sich noch heute im Buch der Richter (6) ausführlich beschrieben. Samsons gewalttätiges Leben endete gewalttätig (7):

Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen.

»Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb. Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen einmal räche an den Philistern. Und er umfasste die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie.  Und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, sodass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.«

Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ...

Ich meine, dass man den Löwenbezwinger vom Fries am Eingang zur ehemaligen Nikolaus-Kapelle als Simson identifizieren kann. Überliefert uns doch das Buch der Richter Simsons Geheimnis. Da enthüllt der Kraftprotz der verführerischen Delila (8): »Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, sodass ich schwach würde und wie alle andern Menschen.« Auf dem Relief am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle ist der Löwenbesieger mit sehr langen Haaren dargestellt, die ihm bis in die Kniekehlen gereicht haben dürften. »Ketzerische Frage«: Erinnert ein Relief im Münster zu Freiburg an einen alten Sonnengott, der in einen irdischen »Superman« verwandelt wurde? I m sogenannten Tympanon des Haupteingangs jedenfalls prangt ganz oben in der Spitze – eine Sonnenscheibe, als Symbol für den Sonnengott von einst?


Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf.
Wer Biblisches und Vorbiblisches in einen Topf wirft, handelt der wie ein Ketzer?
Oder wie einer, der den Quellen biblischer Überlieferungen auf den Grund geht? Wer etwa Jesus mit einer uralten Sonnengottheit in Verbindung bringt, verfälscht der da christlichen Glauben? Oder zeigt er auf, aus welchen Quellen das Urchristentum schöpfte? Zur Zeit Konstantin des Großen (274-337) wird Jesus in der frommen Kunst entweder als Mann mit kurzem oder mit lockigem Haar gezeigt. Er ist jugendlich, ja maskulin schön in diesen Darstellungen, die ganz offensichtlich von Bewunderern Jesu geschaffen wurden. Offenbar war man der Ansicht, dass Gottes Sohn auf Erden nur schön gewesen sein kann.

In jener Zeit kursierten zahlreiche bildliche Darstellungen von Göttern aus dem Mittelmeerraum. Sie werden gern in heldenhafter Pose dargestellt. Besonders beliebt war anscheinend der Sonnengott Helios. Offensichtlich gab es in der Götterwelt Konkurrenzdenken. Und Jesus wurde als Rivale angesehen. Jesus sollte natürlich nicht nachstehen, also schufen christliche Künstler Jesus als Helios im Sonnenwagen. In einem Grabmal ausgerechnet unter der Peterskirche legten Archäologen eine ansprechende künstlerische Arbeit frei. Sie vereint »heidnische« Götterwelt und christliches Missionsstreben. Also verewigte man Jesus als Apollo, der mit starker Hand seinen himmlischen Sonnenwagen durch die himmlischen Lüfte führt. Doch auch der heldenhafte Jesus verschwand wieder aus der Kunst und wich einem älteren Jesus, der mehr an einen sorgenvollen guten Hirten als einen olympischen Gott erinnert.

Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen?

Tauchte vor rund einem Jahrtausend ein uralter Sonnengott im Fries des Eingangs zur einstigen Nikolaus-Kapelle wieder auf? Kam vorchristliches Glaubensgut – Sonnengott als Simson – wieder aus der Versenkung? Glaubenswelten haben oft sehr, sehr tiefe Wurzeln. Vermeintlich »neue« sakrale Bilder werden häufig immer wieder übernommen und überleben so manchen Wandel zu »neuen« Religionen!


Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren.
Fußnoten
1) Enderle, Rosa: »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Freiburg 1987, S. 41.
Insgesamt sind vier Bände von »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« im Verlag Schillinger, Freiburg, erschienen. Das Zitat stammt aus Band I
2) 1. Buch Samuel Kapitel 17, Verse 34 und 35
3) Richter Kapitel 14, Verse 5 und 6
4) Das Buch der Richter Kapitel 15, Vers 15
5) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27 und 29
6) Das Buch der Richter Kapitel 13-16
7) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27-30
8) Das Buch der Richter Kapitel 16, Vers 17


Zu den Fotos
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon.
Foto 1: Das Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle, erschienen in  »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band III, Schillinger
Verlag Freiburg i.Br., 1993, S. 23. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band II Schillinger Verlag Freiburg i.Br. 1990, S. 8. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mönch und Schüler Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 11: Die Sonne im Tympanon.




373 »Alexander fliegt in den Himmel«,
Teil  373 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 12.03.2017


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Sonntag, 26. Februar 2017

371 »Von Monstern und Götterwagen«

Teil  371 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Das Münster um 1926
Wir haben gründlich die fischschwänzige »Monsterfamilie« studiert. Direkt daneben wurde vor etwa einem Jahrtausend ein Szenario wie aus einem Fantasy-Film unserer Tage in den Stein geritzt: Da kämpfen Fabelwesen! Ich muss noch einmal Eusebius zitieren, der ganz ähnliche Monster beschrieben hat:

»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Es ist endlich an der Zeit, dass ein Katalog erstellt wird mit all‘ den Kreaturen, den Monstern, die immer wieder weltweit dargestellt wurden! Man möchte gern diese Horrorkreationen ins Reich der Märchen verbannen, möchte hoffen, dass es sie nie gegeben hat...doch in fast allen Museen der Erde finden sich Abbildungen, präzise Darstellungen jener Wesen. So werden im französischen Louvre Miniaturen aufbewahrt, etwa 4200 Jahre alt, die menschenköpfige Stiere darstellen.

Im Eingangsbereich des Ägyptischen Museums von Kairo sah ich in einer Glasvitrine das in Stein gearbeitete Halbrelief fremdartiger Monster. Ihre Leiber erinnern an Pferde , sie haben Löwenfüße, auf unnatürlich langen Hälsen sitzen verhältnismäßig kleine Köpfe, die an Löwenhäupter erinnern. Angriffslustig stehen die beiden Wesen einander gegenüber, scheinen gleich einander angreifen zu wollen. Noch hindern sie kleine, sehr naturgetreu dargestellte Wesen daran, zerren an Stricken...

Monstermischwesen sind auch auf der Osterinsel dargestellt, und zwar in Halbreliefs in Stein, halb Vogel, halb Mensch. Und Monsterwesen wurden vor fast einem Jahrtausend in den Eingang zur einstigen Nikolauskapelle eingearbeitet. Wurden diese rätselhaften Kunstwerke eigenes für das Freiburger Münster gefertigt? Oder wurden sie von einem älteren Bauwerk – etwa einem Tempel – übernommen? Detlef Zinke schreibt in seinem Beitrag zum opulenten Band »Das Freiburger Münster« (1):

Fotos 2-4:  Links die Monsterfamilie, rechts Duellanten

»Dass der aktuelle Versatz der Werkstücke kaum der ursprünglich beabsichtigte ist und einiges wohl erst baulich passend gemacht werden musste – unmotiviert erscheinende Schnittkanten sprächen dafür -, dürfte ohnehin ein übergreifendes Verständnis erschweren.« Wurden also die rätselhaften Reliefs tatsächlich aus einem älteren Bauwerk übernommen und für den Eingang zur einstigen Nikolauskapelle erst passend gemacht? In Südamerika hat man häufig erstaunlich präzise zugeschnittene Steine aus Inkatempeln in christliche Kirchen eingebaut. Auch hier fehlt ein wissenschaftlicher Katalog mit präzisen Auflistungen, in welchen christlichen Kirchen (etwa in Peru!) wo wie viel Inka-Mauerwerk eingebaut wurde. Die Inkas haben ihrerseits ältere Bausubstanz übernommen.

Foto 5: Die zwei Paare von Duellanten von Freiburg

Die sorgsam gearbeiteten Reliefs kommen mir jedenfalls wie Fremdkörper vor, die nicht so recht in den Kontext des Portals zur einstigen Nikolauskapelle passen. Es will mir so scheinen, als habe man diese Elemente irgendwo heraus gesägt, passend gemacht und neu eingesetzt. Glatte, flach polierte Schnittflächen könnten darauf hinweisen, dass nur Teile der Reliefs übernommen wurden. Womöglich erschien die Originalsubstanz der Reliefs den Steinmetzen vielleicht zu unchristlich und wurde in Teilen bewusst zerstört? Haben die mysteriösen Reliefs also womöglich einen heidnischen Hintergrund? Detlef Zinke jedenfalls konstatiert (2): »Eine Art magischer Wirkung geht noch immer von ihnen aus.«

Foto 6: Die zwei Kampfszenen von Freiburg

Kurz und bündig merkt »Das Münster zu Freiburg im Breisgau« (3) an: »Am Kapitell … eine fischgeschwänzte Sirenenfamilie, daneben zwei Kampfszenen zwischen einem Menschen und einem Greifen und zwei geflügelten Kentauren.« Biblisch ist die Darstellung auf keinen Fall, mir ist auch kein mythologischer Stoff bekannt, der hier in Stein verewigt sein könnte. Insgesamt sind zwei Paare von Duellanten zu erkennen: 

Foto 7: Greif contra Mensch
 Da ist einerseits ein mächtiger Vogel Greif, der sich mit einem Menschen duelliert. Der Vogel Greif: ein Mischwesen, eine Mixtur aus Löwe und Greifvogel. Der Mensch hält zur Verteidigung ein Schild vor sich und hebt gleichzeitig sein Schwert hoch über den Kopf. Offenbar fühlt er sich seinem Gegner gewachsen, ja vielleicht überlegen. Wird es ihm gleich gelingen, den Greif – das Untier dürfte in etwa Pferdegröße haben – zu töten?


Foto 8: Greif gegen Greif
Und da sind andererseits – Paarung Nummer 2 – zwei Kentauren. Auch sie tragen einen mörderischen Zweikampf aus. Sie haben Pferdeleiber mit spitz zulaufenden Flügeln und menschliche Oberkörper. Beide sind mit runden Schilden ausgestattet – und mit Schwertern. Eine der beiden Kreaturen holt mit der Waffe zum Schlag aus, die andere zum Stich. Es gelingt ihm, am Schild vorbei zu stoßen. Der linke Kentaur, scheint mir, wird den Kampf gewinnen. (Foto 8!)

Mischwesen sind mir auf meinen Reisen immer wieder begegnet, zum Beispiel in Indien. Der mächtigste Gott Indiens war – und ist – Shiva. Shiva hatte einen göttlichen Sohn, Ganesha. Ganesha wird schon seit »ewigen Zeiten« als Vermittler zwischen seinem Vater Shiva und den Menschen angesehen. Er wird als Mischwesen dargestellt: auf dem Körper eines Menschen sitzt der Kopf eines Elefanten. Wer Shivas göttlichen Beistand sucht, bittet Ganesha um Hilfe als Kontaktler zwischen einem Irdischen und dem Höchsten. Als besonders glücksbringend gilt es, von einem Elefanten »gesegnet« zu werden. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, diese huldvolle Geste zu empfangen, die schon kleine Elefanten spenden. Sanft legte so ein jugendlicher Repräsentant Ganeshas seinen geschmeidigen Rüssel auf mein Haupt.

Noch ein Beispiel: Auch wenn die Einzelheiten auch in der Bevölkerung der Osterinsel umstritten sind: Es wurde ein »Vogelmensch-Kult« zelebriert, dessen Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Bei Orongo stellte man die geheimnisvollen »Vogelmenschen« dar: Seltsame, fast monströs wirkende Mischwesen aus Mensch und Vogel wurden in den Stein geritzt, oft direkt neben Darstellungen des fliegenden Gottes Make Make. Wer waren diese »Vogelmenschen«? Hatten sie einen Bezug zum fliegenden Gott Make Make und den gigantischen Statuen der Osterinsel? Und wann wurden die monströsen Figuren und kuriosen Ritzzeichnungen geschaffen? Und warum finden sich derlei Fabelwesen im Münster zu Freiburg?

Fotos 9 und 10: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Göttervehikel in Stein

Die Kentauren der griechischen Mythologie gelten als unbeherrschte, lüsterne Wesen. Zur Begrüßung der Gläubigen am Eingang einer Kapelle in einem christlichen Gotteshaus sind sie denkbar ungeeignet. Die Kentauren Griechenlands gehen auf hinduistische »ashvins« zurück. Und das waren göttliche Wesen, die zwischen Himmel und Erde pendelten. Ausgiebig werden sie im altindischen Epos »Rig Veda« beschrieben. 

Die meiner Meinung nach beste Übersetzung stammt von Hermann Grassmann (Foto 11). Im uralten Epos erfahren wie viel über die Götter uralter Zeiten. Wann sich – zum Beispiel – die geschilderten Himmelsschlachten ereigneten, ist in der Welt der Wissenschaft umstritten und wird heftig diskutiert.

Foto 11: Übersetzung Grassmann
Sehnsüchtig hoffen die Menschen damals darauf, dass die Himmlischen zu ihnen kommen. Die (5) »Götterverlangenden«, so heißt es, warten auf den »Götterwagen«.  Der »Götterwagen« transportiert die Himmlischen zur Erde. Und die Götter halten sich gewöhnlich (6) im »weiten Luftraum« oder im »Lichtraum des Himmels« auf. Zur großen Schar der himmlischen Götter gehören die göttlichen Ashvin-Zwillinge Dasra und Nasatya. Mit ihrem goldenen Wagen fahren sie durch die Luft (7). Das darf nicht verwundern, sind die beiden doch »Herren des Himmels«, die auf ihren Reisen aus himmlischen Gefilden zu den Menschen durch die Lüfte den »Glanz ihres Wagens leuchten« lassen (9). Keinen Zweifel lassen die Hymnen an Götter wie die Ashvin-Zwillinge an der Fortbewegungsart der Götter aufkommen: Sie fliegen! Ihr (10) dreiteiliger Wagen ist »schneller als der Gedanke«, mit ihm fliegen die Götter durch die Lüfte, nach der Landung aber rollt er »wenn er zur Erde kommt«.

So führen uns die Fabelwesen im Münster zu Freiburg in die mythische Vergangenheit Indiens. Steinerne Tempel Indiens, wie die von Mahabalipuram, sollen die fliegenden Göttervehikel darstellen. Wie und warum die Kentauren als kunstvolles Relief in ein altehrwürdiges, christliches Gotteshaus gelangten, wir wissen es nicht.

Foto 12: Übersetzung Geldner
Fußnoten
1) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): 
»Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
Regensburg 2011, S. 186
2) ebenda
3) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Münster zu Freiburg im Breisgau«, bearbeitet von Heike Mittmann, 4., überarbeitete Auflage, Lindenberg 2007
Anmerkung: Achten Sie beim Quellenstudium darauf, dass Sie mit
einer Übersetzung des Rig Veda arbeiten und nicht mit einer Nacherzählung.
Wenn es um Details geht, sind Nacherzählungen wenig hilfreich. Ich persönlich ziehe ältere Übersetzungen vor. Es ist aber an der Zeit, dass ein technisch versierter Übersetzer eine Neuübersetzung wagt.
4) »RIG VEDA. Übersetzt und mit kritischen und erläuternden Anmerkungen
     versehen von Hermann Grassmann in zwei Theilen«, Band 1 Leipzig 1876
(5) Liedkreis 7, Hymnus 2, Vers 5 (Verkürzt 7, 2, 5)
(6) Liedkreis 3, Hymnus 6, Vers 8 (Verkürzt 3, 6, 8)
(7) Liedkreis 1, Hymnus 139, Vers 4 (Verkürzt 1, 139, 4)
(8) Liedkreis 6, Hymnus 62, Vers 1 (Verkürzt 6, 62, 1)
(9) Liedkreis 6, Hymnus 62, Vers 2 (Verkürzt 6, 62, 2)
(10) Liedkreis 1, Hymnus 183, Verse 1 und 2 (Verkürzt 1, 183, 1 und 2)

Zu den Fotos
Foto 13: Rekonstruktion eines Göttervehikels.
Foto 1: Das Münster um 1926. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Fotos 2-4:  Links die Monsterfamilie, rechts Duellanten. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die zwei Paare von Duellanten von Freiburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die zwei Kampfszenen von Freiburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Greif contra Mensch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Greif gegen Greif. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Göttervehikel in Stein. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 11: Rig Veda in der Übersetzung von Hermann Grassmann. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Eine weitere Übersetzung des »Rig Veda«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Rekonstruktion eines Göttervehikels. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein






372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«,
Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 05.03.2017

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