Sonntag, 30. Juli 2017

393 »Wo Medizinmänner mit Teufeln sprachen«

Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick

Zweitausend Kilometer Küste hat Peru zu bieten. Weite lebensfeindliche Wüsten wirken wenig anziehend auf heutige Besucher. Und doch bietet eben diese kahlen Ebenen am »Stillen Ozean« ungeahnte Schätze, die sich viele Touristen auch heute noch, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, entgehen lassen. Im Norden Perus, einen »Katzensprung« von der Grenze zum heutigen Ecuador entfernt, liegt Túcume, ein unscheinbares Dorf. Die schlichten Hütten kleben förmlich am wohl größten Pyramidenkomplex der Welt.

Warum ist das Interesse an derlei Mysterien aus riesigen Pyramiden aus Millionen von Lehm-Ziegeln nach wie vor gering? Warum werden selbst die hervorragenden Museen vor Ort viel zu wenig beachtet? Das mag daran liegen, dass die riesigen Pyramiden-Komplexe im Raum Lambayeque auf den ersten und zweiten Blick so imposant nicht sind. Man übersieht sie aus der Distanz leicht, weil sie – so groß sie sind – im Wüstenboden zu verschwinden scheinen.

Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume

Thor Heyerdahl schreibt in seinem sehr informativen Werk »Die Pyramiden von Tucumé«, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist (2): »Als die spanischen Eroberer im frühen 16. Jahrhundert auf der Inkastraße an den Pyramiden von Tucumé vorüberritten, waren sie von dem Anblick dieser gewaltigen Monumente aus einer vergessenen Vergangenheit überwältigt. Tausende von modernen Touristen dagegen sind auf der neuen Fernstraße vorübergerauscht, ohne zu ahnen, was ihnen verborgen blieb: die Pyramiden von Tucumé, die durch Erosion eine wirkungsvolle Tarnung erhalten haben. Eine noch bessere Tarnung bieten ihre Dimensionen: Bleichen Sandsteingebirgen gleich ragen sie im tropischen Sonnenschein hoch auf, die blauen Anden als Schatten im Hintergrund.«

Thor Heyerdahl spricht davon, dass die Monsterbauten (3) »gegen Ende des 20. Jahrhunderts ins Rampenlicht gerieten«, Weltwunder sozusagen, die sich bis dahin »über die Ebenen auftürmten, als wären sie dort vom Schöpfer selbst hinterlassen worden. Gleichzeitig jedoch schienen sie ebenso unwirklich wie Gespenster zu sein.«

Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume)

Die Pyramiden sehen auf den ersten und zweiten Blick gar nicht wie von Menschenhand errichtete Bauwerke riesigen Ausmaßes aus, sondern wie wenig attraktive Hügel. Die geradezu manchmal höllischen Temperaturen laden auch nicht unbedingt dazu ein, die Denkmäler verschwundener Kulturen zu besuchen. Noch heute nennt man die Pyramide von Túcume (4) im Dörfchen Túcume »El Purgatorio«, zu Deutsch »Das Fegefeuer«. Warum?

Ein Geistlicher vor Ort hatte eine Erklärung parat, die ich in dieser Form nirgendwo in der Literatur gefunden habe: »Die heidnischen Erbauer opferten auf den Pyramiden ihren Göttern Menschen, als es eine Hungersnot gab. Man glaubte, die Götter seien zornig und man müsse sie mit Blut besänftigen. Als aber die Götter stumm blieben und nicht helfend eingriffen, steckten die Heiden die Tempel auf den Pyramiden in Brand und verließen die Stätte des Grauens!« Tatsächlich hat der katholische Klerus die Pyramiden von Túcume seit Jahrhunderten zum abscheulichen Erbe der heidnischen Vorfahren erklärt, zum (5) »Ort, an dem die Medizinmänner der Vergangenheit und der Gegenwart mit den Teufeln kommunizierten«.

Foto 4: Pyramide an Pyramide 
oder Rampe und große Pyramide?

Die riesigen Pyramiden von Lambayeque – Treffunkt von Menschen und »Teufeln«? Meine Meinung: Die Pyramiden im Raum Lambayeque sind künstlich geschaffene Berge. Ich vermute sogar, dass weltweit alle Pyramiden mythologische Berge darstellen. Die ältesten künstlichen Berge sind die Zikkurats, die vor Jahrtausenden in Babylon entstanden. Ein Zikkurat, Ziggurat oder Ziqqurat war, ja was denn? Der Name verrät es uns: Ein »Schiggorat« war »hoch aufragend, hoch aufgetürmt, ein Himmelshügel, ein Götterberg«. Erinnern wir uns! Der allmächtige Gott des Alten Testaments landete auf dem Berg Sinai. Er fuhr aus himmlischen Gefilden herab, mit Schnauben, Feuer und Rauch. Und das war alles andere als ungefährlich für die Menschen. So musste ein Schutzzaun um den vorgesehenen Landeplatz errichtet werden, um die Menschen von der Gefahrenzone fernzuhalten (6): »Mose aber sprach zu Jahwe: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen, denn du hast uns verwarnt und gesagt: Zieh eine Grenze um den Berg und heilige ihn.« Noch einmal zitiere ich aus dem Altem Testament (7): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr.«

Kamen die himmlischen Götter weltweit aus himmlischen Gefilden herab, um auf Bergen zu landen? Auf den Pyramiden von Túcume sollen Teufel mit Medizinmännern kommuniziert haben. Waren damit die Götter der Pyramidenbauer gemeint, die sich auf den künstlichen Pyramidenbergen mit Menschen trafen? Wollten die Menschen von Lambayeque ihren Göttern unbedingt näher kommen? Waren es die »Oberpriester«, die auf die Spitzen der Pyramiden klettern durften, so wie es Moses erlaubt war, den Berg Sinai zu ersteigen, um sich hoch oben zwischen Himmel und Erde mit »Gott« zu treffen? Wurden im Zuge der Christianisierung aus den Himmelsgöttern der Pyramidenbauer im christlichen Sprachgebrauch Teufel? Das ist eine Spekulation, gewiss, aber eine – wie ich meine – berechtigte!

Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume).

Vor Ort erlebte ich, wie an einer der Lambayeque-Pyramiden archäologische Ausgrabungen vorgenommen wurden. Die Wissenschaftler hatten über ihrer Ausgrabung ein schützendes Dach errichtet. Zum einen diente es als Sonnenschutz für die Archäologen. Zum anderen sollten auf die Pyramide dort, wo man die äußere schützende Schicht entfernt hatte, möglichst wenig schädliche Witterungseinflüsse einwirken. Vor allem wollte man vermeiden, dass Regenschauer Schäden anrichten können. Ich fragte einen Studenten, der mit großer Geduld Sand siebte, in der Hoffnung, kleine Artefakte aus alten Zeiten zu finden:


»Wurde schon eine Datierung der Pyramidensubstanz vorgenommen?« Der Student erklärte mir, das sei sehr schwierig. »Die äußere Schicht der Pyramide muss nicht zwangsläufig aus der Zeit des Pyramidenbaus stammen. Es ist durchaus möglich, dass im Lauf der Jahrhunderte die Pyramide immer wieder eine neue Schutzschicht erhielt. Wir wissen ja auch von den Inka, dass sie alte Pyramiden immer wieder überbauten, ihnen neue Außenhüllen aus Stein verpassten. Warum sollte das nicht auch bei den Pyramiden von Lambayeque der Fall sein?«

Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume

Wir wissen also nicht, wann im Bereich von Lambayeque mit dem Bau der ersten Pyramiden begonnen wurde. Womöglich wurden die ältesten Strukturen durch Anbauten auch immer wieder erweitert, so dass schließlich komplexe Strukturen entstanden. Mag sein, dass erst da und dort Pyramiden aufgeschichtet wurden, die man dann mit Monstermauern aus Ziegeln miteinander verband. Mag sein, dass die augenscheinliche Erosion so großen Schaden angerichtet hat, dass wir nie erfahren werden, wie die Pyramidenkomplexe einst ausgesehen haben. Vielleicht ist ja mal das Glück auf Seiten der Archäologen und sie entdecken Baupläne, so es die denn je gegeben haben sollte.


Manchmal drängt sich mir ein Verdacht auf: dass wir gar nicht alles wissen sollen, was wir wissen könnten. Was Wissenschaftler herausgefunden haben, das passt nicht immer zum aktuellen Wissensstand. So erfuhr ich vor Ort, dass im  Umfeld der Pyramiden von Túcume und Sipán »einige kostbare Masken« gefunden wurden, die ein Merkmal aufweisen, das nun gar nicht zu Südamerika passt: Sie hatten eingelegte blaue Augen!

Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen

Bis heute konnte ich in der wissenschaftlichen Literatur keinen einzigen Hinweis auf diese Masken mit blauen Augen finden. Ich konnte auch keine Maske in den Museen vor Ort (1) entdecken. Nur Thor Heyerdahl erwähnt eine (8) »auffallend blauäugige Mumienmaske von Sipán«, die er seinem Bekunden nach selbst in Händen hielt.

Hatten die Erbauer der Pyramiden also blaue Augen und woher kamen sie? Woher kam der erste Herrscher, Ñaymlap per Floß? Gab es Kontakt mit Europa, als die ersten Pyramiden an der Küste Perus gebaut wurden? Gab es lange vor Kolumbus europäische »Entdecker«? Gab es lange vor Kolumbus weltweite Seefahrt? Wurden die Ozeane schon sehr viel früher überquert als man heute noch glauben zu müssen meint? Am 8.5.2013 berichtete die Tageszeitung »Welt« (9):

»Wie kamen blonde Weiße vor Kolumbus nach Peru? Als die Konquistadoren in die Anden kamen, staunten sie über die hellhäutigen Chachapoyas. Nach genetischen Untersuchungen ist sich Hans Giffhorn sicher: Es handelt sich um Nachfahren von Kelten. Wer sich die Hinterlassenschaften der Kelten anschauen möchte, fährt naheliegender Weise zu den einschlägigen Orten in Deutschland, nach Frankreich und in andere Länder Westeuropas, um Überreste von Siedlungen, Grabstätten und Verteidigungsanlagen zu finden. Hat er sie alle durch, kann er allerdings auch nach Südamerika fahren, um am Ostrand der Anden Bauwerke und andere kulturelle Errungenschaften jenes frühen europäischen Volkes und seiner Nachfahren zu bewundern – alles aus einer Zeit viele Jahrhunderte vor der ersten Überfahrt von Christoph Kolumbus. Kelten waren nämlich lange vor Kolumbus in der Neuen Welt. Gemeinsam mit Karthagern.«

Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar

Es gibt durchaus Hinweise auf für bislang in der Wissenschaft bestrittene sehr frühe Besucher aus Europa in Peru. Sollten gar die Erbauer der nordperuanischen Riesenfestung Kuelap in den Hochanden ursprünglich aus Europa gekommen sein (10)? Noch sind derlei Spekulationen für die anerkannte Schulwissenschaft ein böses Sakrileg. Noch, so scheint mir, wagen Wissenschaftler aus Angst um ihr Renommee nicht, in dieser Richtung auch nur zu forschen. Wird sich daran etwas ändern? Kann sich daran überhaupt kurzfristig etwas ändern? Warum sträuben wir uns so sehr gegen die Vorstellung, dass die Menschheitsgeschichte nicht linear verlief? Weil wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns unseren Vorfahren unbedingt haushoch überlegen fühlen möchten? Können wir nicht akzeptieren, dass die Menschheit vor Jahrtausenden sehr viel fortgeschrittener war als unsere Väter und Großväter? Die Bauten von Lambayeque und Kuelap stehen in keiner direkten Verbindung. Es wurden ganz unterschiedliche Baumaterialien verwendet. Und doch haben sie vielleicht etwas gemeinsam. Sie alle könnten nämlich Zeugnis ablegen für eine Hochkultur, die lange vor Kolumbus Transatlantikreisen beherrschte. Derlei Reisen darf es aber nach aktueller Wissenschaft nicht gegeben haben, also kann es auch nicht zu derartigen Reisen über die Meere gekommen sein?


Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas)

Fußnoten
1) Diese Museen sind ein »Muss«:
»Museo Tumbas Reales de Sipán«, das »Museum der Königsgräber von Sipán«, Lambayeque
»Museo Arqueologico Nacional Brüning«, Lambayeque
»Museo de Sitio de Tucume«
»Museo de sitio Huaca Rajada«, Sipan
2) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 8, Zeilen 1-7 von unten und Seite 10, Zeilen 1 und 2 von oben
3) ebenda, S.10, Zeilen 3-7 von oben
4) Heutige Schreibweise ist Túcume, nicht mehr Tucumé.
5) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, Seite 10, Zeilen 11-13 von oben
6) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 23
7) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18
8) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 17, 2. Zeile von unten
9) Meine Quelle ist die Online-Version des zitierten Artikels!
10) Meine Quelle ist die Online-Version des Artikels »Die Kelten kamen bis nach Peru«  der »Wienerzeitung« vom 20.9.2013


Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap


Zu den Fotos
Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick. Foto wikimedia commons/ Euyasik
Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume. Foto wikimedia commons Lomita
Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume). Foto wikimedia commons Lourdes Cardenal
Foto 4: Pyramide an Pyramide oder Rampe und große Pyramide? Foto wikimedia commons Euyasik
Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Walter-Jörg Langbein unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann


Foto 11: Walter-Jörg Langbein 
unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. 
Foto Ingeborg Diekmann


394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«,
Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.8.2017

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Sonntag, 23. Juli 2017

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«

Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1- 3: Tunneleingänge
Schon auf der abendlichen Rückfahrt ins Hotel bedauerte ich, nicht zumindest in einen der diversen Schächte gekrabbelt und das Innere eine dieser Riesenpyramiden erkundet zu haben. Und je weiter ich mich von den Pyramiden an der Küste Perus entfernte, umso größer wurde mein Wunsch, zurückzukehren und bäuchlings in einen der Gänge zu kriechen. 

Rasch vergessen war, wie brüchig schon die Eingänge wirkten. Da waren Brocken von den Decken gefallen, uralte Lehmziegel lagen am Boden der schmalen und niedrigen Tunnels. Und blickte man hinein in den Tunnel, so sah man, dass es da so weiter ging. Ein allzu neugieriger Besucher musste damit rechnen, beim Erkunden des Gangs verletzt zu werden. Schon ein Blick in die Eingänge zeigte: Da bestand Einsturzgefahr. Gut, so denke ich heute, dass ich auf das Abenteuer verzichtet habe!

Mutiger war ohne Zweifel Ephraim George Squier. Squier, 1821 in Bethlehem (New York) geboren, 1888 in New York City verstorben,  war der Sohn eines methodistischen Predigers. Journalismus lag ihm im Blut. So startete er eine wenig Erfolg versprechende »Karriere« als Herausgeber diverser Zeitungen, wechselte dann in die Politik. Schließlich studierte Squier Ingenieurwissenschaften. Nicht zuletzt mit diesem Hintergrundwissen erkundete er mit Abenteuerlust und wissenschaftlicher Präzision die uralten indianischen Erdpyramiden in den Tälern des Ohio und des Mississippi. 1848 erregte er mit seinem Werk über »Ancient Monuments of the Mississippi Valley« Aufsehen.

Foto 4: E.G.Squier
Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentierte er die Existenz von erstaunlichen Bauten im Mississippi-Tal, die heute weitestgehend verschwunden sind. Die Erbauer von Erdpyramiden leisteten dort vor vielen Jahrhunderten Unglaubliches. Leider wurden ihre Meisterwerke, für die gigantische Mengen von Steinen und Erdreich transportiert und verarbeitet wurden, bewusst zerstört. Die »Einwanderer« benötigten immer mehr Flächen für die Landwirtschaft, da mussten Erdpyramiden weichen. Viele wurden abgetragen, neues Ackerland entstand.

Voreilig ist, wer auf die amerikanischen Siedler herabblicken zu können meint. In unseren Breiten wurden »Keltenschanzen« - immerhin oft zwei Jahrtausende alt – wie die Mounds in Amerika zerstört, eingeebnet und »zerpflügt«! Und das offenbar noch in jüngster Vergangenheit.

Kaum noch als der stolze Komplex zu erkennen, der die 2000jährige »Herlingsburg« auf dem Keuperberg beim Schiedersee in meiner lippischen Heimat einst war, ist die heute weitestgehend von Bäumen überwachsene Wallanlage . Heute muss man schon genau hinschauen, um Reste der einst mächtigen Wallanlage zu erkennen. Von uralten Grabanlagen sieht man im Dickicht nichts mehr. Einst gab es im Inneren des Komplexes Brunnen. Sie wurden längst zugeschüttet. Es ist traurig, dass die Spuren teilweise recht großer Kultanlagen, die es vor unserer eigenen Haustüre gab, im Verlauf der letzten Jahrhunderte zerstört und abgetragen wurden.

Fotos 5-8: Kaum noch zu erkennen...

Richtig sesshaft konnte oder wollte Squier wohl nicht werden. Er agierte aktiv in Politik und Diplomatie. führten Squier Mitte des 19. Jahrhunderts nach Zentral- und Südamerika. Oder war seine Sehnsucht nach fremden Ländern und deren Denkmälern der eigentliche Grund für den umtriebigen Squier in die Politik zu gehen? Wie dem auch sei: Anno1863 kam er  als »Kommissar der Unionsstaaten« nach Peru, wo er mit wachsender Begeisterung die ihn faszinierenden mysteriösen Monumente aus uralten Zeiten studierte. 1877 brachte er ein Werk über Peru heraus (1). Schon 1883 erschien die deutsche Übersetzung (1) »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«.

Foto 9: Squire's Peru

115 Jahre später war ich, ohne es zu wissen, auf Squiers Spuren unterwegs. Schon Squier hatten die gigantischen Pyramiden aus Millionen von an der Sonne getrockneten Lehmziegeln fasziniert. Schon Squier hat sich von Einheimischen erzählen lassen, dass sich im Inneren der großen »Pyramide zu Moche« Räume befänden.

Noch heute, so behaupten Einheimische, wüssten Eingeweihte, wie man in das Innere der Pyramiden zu geheimen Räumen gelangt. Squier schrieb im 19. Jahrhundert (2): »Es sollen in dem Bauwerke Gänge und Kammern vorhanden sein, welche nur die Indianer kennen und unter Schuttmassen sorgfältig verborgen halten. Einer dieser Gänge, so geht die allgemeine Sage, steigt von den Bauwerken am Hügelabhange herab und erstreckt sich unter dem Boden bis in das innerste Heiligtum der Pyramide, in das Gewölbe mit dem Leichnam des mächtigen Fürsten von Chimú, und in welchem vielleicht der ›große Fisch‹ verborgen liegt.«

Foto 10: So sahen die Lambayeque-Pyramiden um 1850 aus

 Bei mehreren der Pyramiden in den Gefilden von Lambayeque sind mir, wie berichtet, sehr niedrige und schmale Stolleneingänge aufgefallen. Sie befanden sich alle jeweils am Fuße der Pyramiden, direkt am Boden. Einen solchen Stollen beschreibt auch Squier anno 1877 (3):

»Er war von Schatzgräbern angelegt worden, und die herausgeförderten Stoffe bildeten an der Mündung des Stollens einen förmlichen kleinen Hügel. Da wir Lichter bei uns hatten, so folgten wir dem Gange bis an sein Ende. Es roch übel darin, und er war schlüpfrig von den Exkrementen der Fledermäuse, die an uns vorbeischwirrten, als sie aufgescheucht wurden, und unsere Lichter ausstieszen, als wenn sie die erzürnten Wächter der Schätze der Chimú-Könige wären. Die Besichtigung zeigte uns nichts auszer den durchhin gehenden Schichten von Ziegeln, keine Spur von Kammern oder Gängen.« (4)

Ich will offen sein: Mich interessiert überhaupt nicht, wie man in der wissenschaftlichen Literatur diese oder jene Kultur nennt, die angeblich diese oder jene Pyramide hervorgebracht hat. Heute spricht man von »Sicán-Kultur«, früher hatte man sich auf »Lambayeque-Kultur« geeinigt. Klar ist lediglich, dass die Pyramidenbauer an der Küste Perus lange vor den Inka aktiv waren und erstaunliche Bauwerke schufen.

Ich will offen sein: Ich habe so meine Zweifel an den Datierungen der gewaltigen Pyramiden, denen man heute noch nur ein relativ geringes Alter zubilligt. So soll Betán Grande bei Chiclayo zwischen 900 n.Chr. und 1100 n.Chr. das religiöse Zentrum der »Lambayeque-Kultur« gewesen sein. »Lambayeque« leitet sich von einer mythologisch-legendären Gestalt ab, von »Ñaymlap«. Ñaymlap soll so etwas wie ein präinkaischer Heros gewesen sein, ein Held, ein Reichsgründer. Angeblich galt Ñaymlap einst als leibhaftiger und unsterblicher Gott. Als er dann aber doch das Zeitliche segnete, so wird überliefert, habe man ihn klammheimlich in seinem Palast beerdigt. Das tumbe Volk sollte auch weiterhin an die Unsterblichkeit Ñaymlap glauben. Bis heute ist das Grab Ñaymlaps nicht gefunden worden. Wird man es je entdecken? Vorsicht ist geboten! Mag sein, dass sich ein früher Herrscher mit dem Namen Ñaymlap schmückte. Mag sein, dass man eines Tages tatsächlich das Grab eines Ñaymlap in einer der Pyramiden findet. Oder präziser: Vielleicht stößt man eines Tages bei Ausgrabungen auf das Grab eines frühen Mächtigen, den die Archäologie dann zu Ñaymlap erklärt. Das Grab des Ñaymlap dürfte schwer zu identifizieren sein, da schriftliche Aufzeichnungen und Beschreibungen aus den mythischen Zeit dieses Herrschers fehlen.

Foto 11: Weiteres Werk von E.G. Squier
Ñaymlap wurde erstmals im 16. Jahrhundert von Cabello de Balboa, einem verlässlichen Chronisten, erwähnt. Nach seit Generationen mündlich überlieferten Berichten tauchte Ñaymlap auf einem riesigen Floß »aus dem Norden« auf. Ich habe mir Legenden über den Heros Ñaymlap erzählen lassen, so wie dies schon Ephraim George Squier im späten 19. Jahrhundert tat. Squier vermeldet, was die stolzen Nachfahren der Pyramidenbauer von Lambayeque behauptet haben (5): »Sie seien zu einer sehr entlegenen Zeit auf einem ungeheuren Flosze von Norden her gekommen unter einem Häuptlinge groszer Geistesgaben und hohen Mutes. Mit Namen Ñaymlap, der viele Genossen und Beischläferinnen mitführte.«

Squier hörte altehrwürdige Legenden von einem riesigen Floß, mit dem Naymlap und Gefolge in der »San-Jose-Bucht« gelandet sein sollen. Andere Legenden, so wie sie mir erzählt wurden, vermelden freilich, dass unter Leitung von Ñaymlap eine wahre Floß-Armada eine neue Zivilisation in die Gefilde von Lambayeque brachte. Aus dieser »Urkultur« sollen die Mochica und Chimú hervorgegangen sein. Es folgten die Sican-Kultur, dann die mörderischen Spanier.

Im Herbst 2011 erhielt ich einen aufgeregt-euphorischen Anruf aus Peru. Der Archäologe Carlos Wester habe gerade den »Palast« von Ñaymlap entdeckt. Ich müsse mich umgehend auf die Reise nach Peru machen, wenn ich bei der Auffindung von Ñaymlaps Grab anwesend sein wolle. Unbeschreiblich kostbare Grabbeigaben aus Gold seien zu erwarten, und das in einer gewaltigen Menge. Man dürfe, ja müsse von Herrlichkeiten in Gold ausgehen, in einem Umfang und einer Kunstfertigkeit, wie man das noch nie gesehen habe. Man sei davon überzeugt, dass jeden Augenblick die Gebeine des mythologischen Herrschers ans Tageslicht kämen, ganz zu schweigen von den sterblichen Überresten unzähliger Menschenopfer, etwa von der Frau des Regenten und von seinen – wie Squier es moralisierend formulierte –  »Beischläferinnen«. Höchste Eile sei geboten. Bis heute kam es nicht zu der anno 2011 angeblich unmittelbar bevorstehenden sensationellen Entdeckung.

Fußnoten
1: Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883
Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.
2: ebenda, Seite 160, Zeilen 11 bis 19 von unten
3: ebenda, Seite 160 ab der 7. Zeile von unten bis unten und Seite 161, Zeilen 1-4 von oben
4: Wer die Werke H.P. Lovecrafts kennt, wird erkennen, dass Squiers Schilderung einer Horrorstory von Lovecraft entnommen sein könnte!
5: Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883, Zitat Seite 204, Zeilen 4-7 von unten


Foto 12: Squier um 1870
Zu den Fotos
Fotos 1- 3: Tunneleingänge in die Pyramiden von Túcume und Co.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: E.G.Squier, etwa 1865. Historische Darstellung, gemeinfrei.
Fotos 5-8: Kaum noch zu erkennen, die Keltenschanze am Schiedersee.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Squire's Peru. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 10: So sahen die Lambayeque-Pyramiden um 1850 aus. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11 Ein weiteres Werk von E.G. Squier. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Squier um 1870. Zeitgenössische Darstellung, gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

393 »Wo medizinmänner mit Teufeln sprachen«,
Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.7.2017



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