Sonntag, 16. September 2018

452 »Die Osterinsel: Ausgeburt der Hölle«,

Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann

Denk man an die Osterinsel, so kommen einem die zum Teil kolossalen Statuen in den Sinn. Die Osterinsel hat freilich mehr zu bieten als steinerne Riesenfiguren. Sie ist, pathetisch (oder poetisch?) formuliert, eine »Ausgeburt der Hölle«. Vor zweieinhalb Millionen Jahren riss der Meeresboden auf und spie gigantische Lavamassen in den damals alles andere als friedlichen Pazifik. Ein Vulkankegel wuchs vom Meeresboden durch Wassermassen empor. Sein Kegel überragte den Meeresspiegel. Eineinhalb Millionen Jahre später brodelte es wieder. Nach dem Poike-Vulkan entstand, nur wenige Kilometer entfernt, ein zweiter Kegel, der wiederum den Pazifik durchbrach. Auch Rano Kau erstarrte als Berg, bildete eine weitere lebensfeindliche Insel. Erst vor einer Viertelmillion Jahren kochte das Wasser wieder, als mit ungeheurer Macht Lava aus dem höllischen Kern den Pazifik aufwühlte.  Terevaka, ein dritter Vulkankegel entstand. Aus den drei Vulkanen Poike Kau, Rano Kau und Terevaka Kau entstand die Osterinsel: aus der erstarrten flüssigen Höllenglut.

Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel

Teile des imposanten Rano Kau brachen an der Südwestseite ab, versanken wieder in den Fluten. So entstand eine dreihundert Meter hohe, senkrecht aus den Wogen des Pazifiks aufsteigende Felswand.
Die drei Felseninseln Motu Nui, Motu Iti und Motu Kao Kao sind Überbleibsel des wieder verschwundenen Vulkanteils. Unweit des Rano Kau Vulkankraters entstand das »Zeremonialdorf« von Orongo. Der Rano Kau selbst muss von immenser Bedeutung für die Osterinsulaner gewesen sein. Wie weit stiegen sie in den Krater hinab? Sicher bis zum See, der im Krater entstanden war. Dort sammelt sich Süßwasser. Da es keine Quelle auf der Osterinsel gibt holte man sich Trinkwasser aus dem Vulkan. 1968 waren 15 mysteriöse Stätten im Kassel des Vulkans bekannt. Emsige Künstler hatten Zeichnungen und Reliefs angefertigt. Dreizehn dieser archäologisch bedeutsamen Fundstellen sind nicht mehr auffindbar. Besonders wichtig muss »Hau Koka«, eine Höhle, gewesen sein. Hier wurden einzigartige Felsgravuren gefunden. Die Häufung von Felskunst lässt, so Dr. Georgia Lee, nur einen Schluss zu: »Hau Koka« war ein Heiligtum.

Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater

Im »Zeremonialdorf« mit seinen 52 oder 53 bunkerartigen Steinhäuschen, so wurde mir erzählt, warteten wichtige Persönlichkeiten auf den Schwimmer, der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe zurückbrachte. Umstritten ist, wer am Wettbewerb teilnehmen durfte. Ging von jedem Stamm ein Schwimmer an den Start? Oder durften ausschließlich Schwimmer des stärksten Stammes versuchen, das erste Schwalbenei zu finden und zur Osterinsel zu bringen? Vielleicht wurde der siegreiche Schwimmer selbst für ein Jahr »König«, vielleicht sein Häuptling, für den er am lebensgefährlichen Wettkampf teilnahm. Der Gewinner hauste dann in einem der »Bunker« des Zeremonialdorfes, um geben von einer Art Hofstaat. Es soll aber ein weiteres kleines Dorf im Krater selbst gegeben haben, dazu Terrassen, auf denen Ackerbau betrieben wurde. Kaum etwas zu erfahren war über »unterirdische Kammern«. Große Steinplatten decken sie ab, die Wände bestehen aus sorgsam und mörtellos verfugtem Mauerwerk.

Archäologen, so erzählte mir schmunzelnd ein polynesischer Gastwirt, zeichneten um die Jahrtausendwende mit penibler Genauigkeit Felsgravuren ab, die sie auf einem massiven Felsblock gefunden hatten. Sie waren ganz begeistert von der Vielzahl der Steinzeichnungen, bemerkten aber nicht, dass der ach so gründlich untersuchte Steinklotz die Decke einer unterirdischen Behausung war. Zahlreiche »Kreaturen aus dem Meer« sollen in einem »Buch aus in den Stein geritzten Zeichnungen« verewigt worden sein. Das geschah womöglich auf Anordnung eines Priesters.

Foto 4: Der See im Rano Rau Krater.

Die Abbildungen dienten als Illustrationen (oder Gedächtnisstützen). Erzählt wurden ohne Worte uralte Mythen von Fabelwesen aus den Tiefen des Meeres. Zu sehen ist auch ein Vogelmensch. Leider wurden auch in moderner Zeit Graffitis in den altehrwürdigen Stein gekratzt. Einige Male bekam ich zu hören, dass ein »ivi atua« für die vielfältigen Gravuren verantwortlich gewesen sei.

Was aber war ein »ivi atua«? Nach Dr. Georgia Lee (1) war das eine spezialisierte priesterliche Klasse, die für  Felsgravuren und Felsmalereien  zuständig war. Bei Katherine Routledge (2) fand ich spannende Informationen. Katherine Maria Routledge (*1866;†1935) war eine der großen Pioniere auf dem Gebiet der Erforschung der Osterinsel. Zusammen mit ihrem Mann William Scoresby Routledge (*1859;†1939) plante sie eine Osterinselexpedition vor dem »Ersten Weltkrieg«. Das Eiland war aber, anders als heute, nicht bequem per Flugzeug via Santiago de Chile erreichbar. Die Eheleute ließen nach ihren bis ins Detail ausgearbeiteten Plänen einen 27 Meter langen Schoner bauen, mit dem sie am 25. März 1913 in Falmouth in See stachen. Sie nannten das Schiff »Mana«, was man mit »Magische Kraft« übersetzen könnte. Ein Jahr später, am 29. März 1914, erreichten sie die Osterinsel. Am 18. August 1915 wurde nach wahrlich dramatischen Erlebnissen die Rückreise angetreten. Kostbar sind die Aufzeichnungen alter Osterinsellegenden, die selbst von Kritikern des Routledge Unternehmens gepriesen wurden.

Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«.

Katherine Routledge berichtet (3) von Magiern und Propheten. Die »koromaké« verfügten über unheimliche Kenntnisse. Mit geheimen Sprüchen konnten sie töten. Die »ivi-atua« waren Propheten nach biblischem Verständnis. Männer und Frauen konnten dieses wichtige Amt bekleiden. Zehn »ivi-atuas« soll es gegeben haben. Ihre wichtigste Aufgabe: Sie standen in Kontakt mit den »aku aku«. Ursprünglich nannten die Osterinsulaner ihre alten Götter »atua«. Nachdem die Bewohner des Eilands römisch-katholisch geworden waren, galt der Name »atua« als verpönt. Damit waren aber die alten Götter keineswegs aus den Köpfen der Menschen verbannt. Sie nannten sie nur anders, nämlich »aku aku«. Die Bewohner von Rapa Nui glaubten weiter an ihre »atuas«, wurden aber mehr und mehr verunsichert. War nun einer diese »atuas« Gott oder der Teufel? Aus den »alten Göttern« wurden schließlich »übernatürliche Wesen«. Die »aku aku«-Wesen waren keine Menschen, aber nicht unsterblich wie Götter.

Als altem Prä-Astronautiker kommen mir natürlich »meine« Astronautengötter in den Sinn. Sollte es sich bei den »aku aku«-Wesen um prähistorische Besucher aus dem Kosmos handeln? Natürlich kommt mir der fliegende Gott Make Make in den Sinn, der die Ur-Osterinsulaner rettete, als deren Heimat »Maori Nui Nui« im Pazifik versank. Make Make, so überliefert es eine Sage aus uralten Zeiten, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.

Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Katherine Routledge, so wird überliefert, sprach noch mit dem letzten Osterinsulaner, der die bis heute nicht entzifferte geheimnisvolle Schrift der einsamen Insel zu lesen verstand. Sie besuchte den Mann in einer Leprakolonie. Er weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass das uralte Wissen verloren gehe, als dass es in die Hände der Fremden geriete. Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod. Der letzte Wissende hätte womöglich auch begreiflich machen können, welche Bedeutung die Gravuren auf dem Inselchen »Motu Nui« hatten, von der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe geholt werden musste, um für ein Jahr »König« zu werden. 

Foto 7: James Cook.
War Make Make so ein »atua« so ein »aku aku«, zwar kein Mensch, aber nicht unsterblich wie ein »richtiger« Gott? Nicht nur in der Präastronautik wird die Frage diskutiert (4), wie wohl Außerirdische vor Jahrtausenden von den Bewohnern von Planet Erde begrüßt würden. Wir wissen, dass Naturvölker technologisch fortgeschrittene Besucher für Götter halten. Solche Kontakte gab es in der Vergangenheit. Kapitän James Cook erreichte am 13. April 1769 mit der »Endeavour« Tahiti. Bei seiner Ankunft wurde er von den Einheimischen für den zurückkehrenden Gott Rongo gehalten, der einst in einem Wolkenschiff die Erde verlassen hatte. Dem Schöpfergott Rongo entsprach die Südsee-Gottheit Karaperamun. Jegliches Leben führte man auf diesen mysteriösen Karaperamun zurück. So wie es für die Einwohner Tahitis selbstverständlich war, dass ihr Hauptgott einst wieder kommen würde, so hegten auch die Bewohner keinen Zweifel. Ihr Gott  Karaperamun würde dereinst wieder erscheinen. So wie die Bewohner Tahitis James Cook für den zurückgekehrten Gott Rongo hielten, so setzten die bereits christlich missionierten Bewohner Tannas, mehr oder minder heimlich, auf einen Neuanfang mit Gott Karaperamun.

Fußnoten
(1) Rock Art of Easter Island: Symbols of Power,
Prayers to the Gods. Los Angeles: Institute of
Archaeology, University of California, Los Angeles 1992, Seite 10
(2) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
(3) Ebenda, S. 289
(4) Langbein, Walter-Jörg: »Das Geheimnis des Cargo-Kults«, Vortrag, gehalten auf dem »One-day-Meeting«, der »A.A.S.« in Fulda, am 30.10.2004

Zu den Fotos
Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel. Foto commons gemeinfrei
Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater. Foto Imgeborg Diekmann
Foto 4: Der See im Rano Rau Krater. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«. Foto 1914, gemeinfrei
Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: James Cook. Foto: wikimedia commons/ public domain

453 »Der vergessene Kult«,
Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.09.2018



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Sonntag, 9. September 2018

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«


Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«

Kapitänleutnant Wilhelm Geiseler von der »Hyäne« verbrachte anno 1882 im Auftrag der »Kaiserlichen Admiralität« mehrere Tage auf der Osterinsel. Die »Ethnologische Abteilung der königlich preußischen Museen in Berlin« hatte den Marinemann beauftragt, »wissenschaftliche Untersuchungen« der unterschiedlichsten Arten durchzuführen. So sollte er möglichst profunde Erkenntnisse über »Sitten und Gebräuche« der Osterinsulaner sammeln, Zeichnungen der »Kultobjekte«, der Steinriesen und von Kunstwerken jeder Art anfertigen lassen.

Wie viele Stunden oder gar Tage wohl für die Erkundung des »Kultdorfes Orongo« aufgebracht wurden? Erhebliche Schäden wurden angerichtet. Leider trifft die Bezeichnung »Plünderung« oftmals viel eher zu als »archäologische Ausgrabungen«. Gerade auf der Osterinsel wüteten vermeintlich archäologisch Interessierte schlimmer als anderenorts Grabräuber.

Anno 1882 waren noch vor Ort noch wahre Schätze vorhanden: bemalte Steinplatten, die das Innere der Häuschen zierten. Einige dieser Bildwerke scheinen relativ jung zu sein, zeigen sie doch offensichtlich europäische Schiffe. Andere waren sehr viel älter. Lange Zeit scheint Tradition gelebt worden zu sein. Ein Motiv tauchte immer wieder auf: der mysteriöse Gott »Make Make«. Sein verwittertes maskenhaftes Gesicht findet auch heute noch, wer sorgsam uralte gravierte Steine untersucht.

Foto 2: »USS Mohican«

Vier Jahre später, also 1886, erschien das US-Schiff »Mohican« vor der Küste der Osterinsel. Die Besatzung kam an Land und richtete zum Teil erheblichen Schaden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Und sicher auch irgendwo in Privatsammlungen, die für die Forschung verloren sind.

William Thomson, Zahlmeister der »USS Mohican«, fotografierte als erster auf dem mysteriösen Eiland. Auf einem Foto sieht man ein gewaltsam aufgebrochenes Haus im Orongo-Zentrum und zwei große flache Steinplatten, die man ins Freie gezerrt hat. Auf den Steinplatten haben unbekannte Künstler typische »Vogel-Mann«-Motive aufgemalt, ganz ähnlich jenen die als Petroglyphen verewigt wurden. Was geschah mit den bemalten Steinen, die mit brachialer Gewalt aus den Wänden gerissen wurden, wobei die Häuschen zum Teil erheblich beschädigt wurden?

Schlimmer noch: Anno 1891 erschien in Washington, herausgegeben vom »Government Printing Office«, William Thomsons Bericht »Te Pito Te Henua, Or Easter Island«. Thomson (1): »Häuser 1, 5 und 6 wurden mit großer Anstrengung abgerissen und die mit Fresken versehenen Steinplatten wurden beschafft Grabungen unter den Türpfosten und unter den Fußböden förderten nichts zutage, abgesehen von einigen wenigen steinernen Utensilien.« Die glatten Steinplatten, so stellt Thomson fest, wiesen sehr wenig Eingeritztes auf. Die glatten Platten, die an Wänden und Decken angebracht waren, waren mit mythologischen Figuren und primitiven Bildnissen in Weiß, Rot und Schwarz geschmückt.

Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«

Ansonsten, so stellt Thomson bedauernd fest, waren die Räume komplett leer. Er unterstellt, dass Einheimische die Häuschen geplündert und an die Besatzungen von Schiffen verkauft haben. Ausländische Besucher hätten wachsendes Interesse an derlei Objekten gezeigt. So sei Nachfrage entstanden, die von den Osterinsulanern befriedigt wurde. Thomson (2): »Was auch immer an Schätzen sie (die Häuschen) in früheren Jahren beinhaltet haben mögen, wir fanden sie leer vor und unsere Suche brachte nichts von Wichtigkeit zutage.«

Der Archäologe Edwin Ferdon (* 1913;†2002) entdeckte bei Ausgrabungen im »Zeremonialdorf« von Orongo seltsam geformte, bearbeitete Steine mit Bohrlöchern. Er kam zum Schluss, dass es sich bei den Steinsetzungen um ein »Observatorium« gehandelt habe. Warum gibt es die Ortsangabe »Ko Te Papa Ui Hetu’u« auf der Osterinsel, zu Deutsch »Der Stein, von aus man die Sterne sehen kann«?

Deutet der Name auf ein Observatorium hin? Vergeblich suchte ich bei meinen Besuchen vor Ort nach Spuren dieser Observatorien. Ich habe leider nichts gefunden. Observatorien auf »Isla la Pascua«? »Mein« Guide wunderte sich über mein Staunen. Aber natürlich hätten seine Vorfahren Observatorien gebaut und benutzt. Dabei sei es weniger um die Beobachtung von Sonne und Mond gegangen. »Für die Landwirtschaft ist es nicht sehr hilfreich, an welchem Tag eine neue Jahreszeit beginnt. Gesät und geerntet wird nicht, wenn es der Kalender fordert. Die Saat wird ausgebracht, wenn das Wetter das zulässt. Und geerntet wird nicht, weil das im Kalender steht, sondern wenn die Früchte reif sind. Das kann je nach Wetter früher oder später sein.«

Der »Gürtel des Orion« und die Plejaden waren für die frühen Astronomen der Osterinsel von großem Interesse. Warum? Niemand scheint das heute mehr zu wissen. »Sie nannten die drei Sterne, die den Gürtel des Orion bilden, ›Tautori‹, ›Die Drei Schönen‹. Die Plejaden hießen bei ihnen ›Matariki‹, ›Kleine Augen‹.«, informierte mich mein »Guide«. Und nicht ohne Stolz frage er mich: »Wieso nannten sie wohl eine bestimmte Höhle ›Ana Ui Hetu’u‹, »Höhle, um aus ich heraus die Sterne zu beobachten‹?« So manche Höhle sei von Astronomen benutzt worden, um aus dem Dunkel heraus den Himmel zu beobachten.

Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen.

Anno 1886 fristeten 155 Osterinsulaner ein ärmliches Dasein auf dem Eiland. Sie wurden bestenfalls geduldet, galten als potentielle Viehdiebe. Vorrang vor den Menschen hatten 600 Rinder und 18.000 nummerierte Schafe. Es sollten weitere Schafe aus Australien eingeführt werden. Am 9. September 1888 annektierte Chile die Osterinsel. Seither gehört die Osterinsel zu Chile. Der Umgang mit den Nachfahren der Statuenbauer kann Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur als menschenverachtend bezeichnet werden. So darf es nicht verwundern, dass die Osterinsulaner anno 1915 einen Aufstand wagten, der freilich blutig niedergeschlagen wurde.

Solche Aufstände gab es bis ins 21. Jahrhundert hinein. Sie wurden von Chile mit brachialer Gewalt niedergeknüppelt. Eine kleine Gruppe möchte, dass die Osterinsel unabhängig von Chile wird. Die Mehrheit der Menschen von »Rapa Nui« freilich sieht die Lage realistischer. Auch wenn niemand die chilenische Obrigkeit liebt, so glauben die meisten Insulaner, dass eine unabhängige, eigenständige Osterinsel nicht überlebensfähig ist.

Die Petroglyphen sind vom »Zahn der Zeit« bedroht. Das betrifft auch die Statuen. So manche Statue ist heute kaum noch als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk zu erkennen. Der zerstörerische Erosionsprozess wird durch Salzpartikel in der Meeresluft, subtropischer Regen und die Austrocknung des Steins beschleunigt. Man müsste Statuen wie Petroglyphen irgendwie konservieren, schonend abdichten, ohne den Stein zu beschädigen. Der Verfall würde gestoppt, könnte man Steine und Statuen abdichten, so dass kein Wasser mehr eindringen kann. Der Berliner Restaurator Stefan Maar, jubelte die Presse 2003, habe mit seinem Unternehmen eine entsprechende Methode entwickelt. Es würde Neubildung von Algen und neuerliches Eindringen von salzhaltigem Wasser in den Stein verhindert. Die Statuen wären vor weiterem Verfall gerettet. Der Plan ist alles andere als neu.

Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue.

»Die Riesen werden gerettet«, vermeldete das »Hamburger Abendblatt« am 3. Dezember 2003 (3). Und weiter war da als Zwischenüberschrift zu lesen: »Osterinsel: Die steinernen Monumente bröckeln. Ein Berliner restauriert sie im Auftrag der Unesco.« Bereits 2005 sollte mit der Konservierung der Statuen begonnen werden. Dazu ist es offenbar nicht gekommen. War das Verfahren doch nicht so wirkungsvoll wie erhofft und dazu vielleicht auch noch viel zu teuer? So verrotten Statuen und Reliefs weiter. »Die Statuen sterben!«, hörte ich manchen Osterinsulaner sagen. Resignierend!

Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin.

Observatorien, beobachtete Sterne in den Tiefen des Weltalls, Erinnerungen an einen Kult um »Make Make«, den fliegenden Gott und Mischwesen aus Mensch und Tier, zum Teil gigantische Statuen – das sind Mosaiksteine vom faszinierenden Bild »Fantastische Vergangenheit der Osterinsel«, von denen leider viel zu viele verloren gegangen sind. Ob wir jemals erkennen können werden, wie dieses fantastische Bild in seiner Gesamtheit ausgesehen hat? Welche Rolle spielen die »Astronautengötter« in diesem Bild?

Mir scheint, die frühen Osterinsulaner wussten mehr als man ihnen auch heute noch nach wie vor zutraut. Und wir wissen über die Kultur der Osterinsel sehr viel weniger als uns gern eingeredet wird, als wir uns gern einbilden. Ich bin skeptisch, befürchte, dass wir die wahren und ältesten Geheimnisse der Osterinsel niemals verstehen werden. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man sie gar nicht wirklich kenn. Und das liegt daran, dass – wie Robert M. Schoch schreibt (4) »ein Großteil der einheimischen Kultur der Osterinsel durch die europäischen Kontakte ausgerottet und danach hauptsächlich durch importierte polynesische Vorstellungen wieder rekonstruiert worden war«.

Mir scheint, dass die wahre Geschichte der Osterinsel bis heute nicht erzählt worden ist, weil nach wie vor bestritten wird, dass sie womöglich viele Jahrtausende früher ihren Anfang nahm als wir glauben.

Robert M. Schoch schreibt (5): »Meine Arbeit an der Neudatierung der berühmten Sphinx von Ägypten zeigt, dass Zivilisation und fortschrittliche Kultur sich auf Tausende von Jahren früher datieren lassen, als die konventionellen Archäologen gemeinhin akzeptiert hatten. Dieselbe Geschichte scheint auf die ältesten Moai der Osterinsel zuzutreffen, die möglicherweise Tausende von Jahren älter sind, als allgemein geglaubt wird.« Buchautor und Journalist Frank Joseph fest, dass diese Annahme völlig falsch ist. De facto wurde die Arbeit an den Kolossen, so Frank Joseph, vor mindestens zweitausend Jahren beendet! Diese Erkenntnis, von Frank Joseph im seriösen Fachblatt »Ancient American – Archaeology of the Americas before Columbus« (6) publik gemacht, hätte einschlagen müssen wie eine Bombe. Sie wird aber bis heute weitestgehend ignoriert. Verdeutlichte Frank Joseph, dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den Lehrbüchern steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.
     

Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann.

Vor über einhundert Jahren, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (*1851;†1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor. Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten. Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein!

Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (7), vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren (8) »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Seit Jahren besinnt man sich auf der Osterinsel wieder der eigenen Wurzeln. Die alten Bräuche werden wieder belebt und praktiziert. Rapanui, die alte Sprache der Insel, kommt wieder zu Ehren und wird wieder an der Schule unterrichtet. Auch die uralten Tänze werden wieder einstudiert und praktiziert. Und heutige Künstler stellen wieder die ältesten Motive in ihren Werken dar, Make Make und Vogelmänner oder Vogelmenschen.


Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf.

Was lange Zeit gering geschätzt wurde, wird wieder geachtet. Offenbar hat man den hohen Wert der eigenen Wurzeln wieder erkannt. Die alten Traditionen sind für die Menschen von »Rapa Nui« so etwas wie ein Koordinatensystem, das ihnen Orientierung bietet. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was viele Osterinsulaner heute schmerzlicher denn je vermissen, das ist Vergangenheit, die ihnen geraubt wurde.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891. Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 69, Pos. 951
(2) ebenda, Seite 69, Pos. 957
(3) https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article106814960/Die-Riesen-werden-gerettet.html (Stand 03.06.2018)
(4) Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook, »Ancient Mail Verlag Werner Betz, Groß Gerau, 1. Auflage Juli 2014, Pos. 205
(5) Ebenda, Pos. 254
(6) »Ancient American before Columbus«, Colfax, Wisconsin, USA,
Vol. 2#12, Seite 9: »Editorial: Vindication at Easter Island«
(7) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, ohne Jahresangabe
(8) Ebenda, S. 473 u. 474

Zu den Fotos
Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«. (Foto gemeinfrei)
Foto 2: »USS Mohican«. (gemeinfrei)
Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«. (gemeinfrei).
Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf. Archiv Langbein
Foto 9: Staunend steht er vor dem Haupt eines Riesen.







452 »Die Osterinsel, Ausgeburt der Hölle«,
Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.09.2018


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