Sonntag, 10. Juni 2012

125 »Das Sonnentor«

Das Geheimnis der Anden IV,
Teil 125 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Das Sonnentor von
Tiahuanaco.
Vorderseite (oben,
Foto: Ingeborg Diekmann)
und Rückseite
(unten, Foto: W-J.Langbein)
Eisiger Wind beißt sich durch meine zwei dicken Wollpullover. Jeder Schritt fällt schwer, jeder Atemzug schmerzt. Kein Wunder: Ich befinde mich in 4.000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, nicht im Flugzeug, sondern in den Hochanden Boliviens. Vor mir erhebt sich ein Monument aus schwärzlich-grauem Stein. Das seltsame »Sonnentor« wurde aus einem einzigen Andesitblock gemeißelt. Irgendwann einmal zerbracht es in zwei Teile ... wurde es von einem Erdbeben gestürzt? Wurde es in einer apokalyptischen Katastrophe umgeworfen, so als wäre es ein kleines Modell für die Spielzeugeisenbahn und nicht dreieinhalb Meter hoch und vier Meter breit?

Seltsam: Ich habe einige Grabungsberichte gelesen, in denen geschildert wird, wie die kostbaren Steinmonumente von Tiahuanaco »gefunden« wurden. Sie mussten ausgegraben werden, lagen unter einer oft meterdicken Schicht aus hart gebackenem Schlamm. Eine Vermutung drängt sich auf: Eine Flut zerstörte einen riesigen Tempel aus Stein, warf die Steine und Statuen durcheinander ... weichte den Boden auf, wühlte ihn förmlich auf ... und ließ Statuen und Steine im Schlamm versinken.

Im Lauf der Jahrtausende wurde der morastige Schlamm fast so hart wie Zement ... und bedeckte die uralten Zeugnisse der Kultur von Tiahuanaco mit einer schützenden Schicht.

Edmund Kiss (1886-1960) kam nach intensiver Recherche zu einer mehr als erstaunlichen Erkenntnis. Demnach war Tiahuanaco – ältere Schreibweise Tihuanaku – vor vielen Jahrtausenden ... Hafenstadt. Und es soll Epochen gegeben haben, zu denen die mysteriöse Ruinenstadt vollständig überschwemmt war. So schreibt Kiss (1): »Daß Tihuanaku einmal ganz unter Wasser gestanden hat, ist sicher. Die große Freitreppe der Sonnenwarte Kalasasaya in Tihuanaku ist von einer dünnen Schicht im Wasser abgesetzten Kalkes überzogen, der so fest haftet, daß man ihn mit dem Messer abkratzen muß, um eine Probe zu Versuchszwecken nach Hause zu nehmen.«

Rückseite des Sonnentors
Fotos W-J.Langbein
Kiss trägt fantastisch anmutende Thesen vor: Eine gewaltige Flutkatastrophe hat vor vielen Jahrtausenden Tiahuanaco zerstört (2): »Diese Annahme ist wahrscheinlich und entspricht auch dem Augenschein, denn die Anden-Metropole ist durch ein plötzliches Ereignis, wahrscheinlich durch eine Flutwelle vernichtet und ihr Bau jäh unterbrochen worden. Die Gebeine von Menschen und Tieren, darunter von heute ausgestorbenen Tierarten, liegen in wüstem Durcheinander meilenweit in den Alluvien (3) Tihuanakus. Dieses Knochensediment hat an einer Stelle, die der Beobachtung zugänglich ist, eine Mächtigkeit von etwa 3,50 m. Diese Stelle liegt in der Nähe von Tihuanaku. Die Eisenbahn fährt hier durch einen Hohlweg, und dieser hat eine Wandhöhe von 3,50 m, ohne daß das Knochensediment durchstoßen ist. Denn unter den Schienen liegt immer noch das gleiche unheimliche Sediment von weißgrauer Farbe, zusammengesetzt aus Abermillionen größerer und kleinerer Knochen, Bruchstücken von bemalter und glasierter Keramik, Schmuckstücken aus Bronze, mitunter auch aus Gold und Silber, Malachitperlen und anderem mehr.«

Edmund Kiss interpretiert das Durcheinander von Knochen von Menschen und längst ausgestorbenen Tieren als Beweis für Kataklysmen vor vielen Jahrtausenden. Wie ein Detektiv durchforstet er die Artefakte aus uralten Zeiten ... und kommt zu der Schlussfolgerung, dass die mysteriöse Stadt in den Hochanden Boliviens noch im Bau war, als die Apokalypse über sie hereinbrach.

Original (oben) und
»moderne« Kopie
(unten) - Fotos:
W-J.Langbein
Noch einmal zitiere ich Edmund Kiss (4): »Mit welch katastrophaler Plötzlichkeit die Bauarbeiten an der Stadt unterbrochen worden sind, beweisen die Funde silberner und kupferner Mauerlote, die neben begonnenen Bauten liegen geblieben sind, die Funde säuberlich nebeneinander aufgereihter Hausteinblöcke mit nagelneuer Skulptur, die wohl in den nächsten Tagen versetzt werden sollten, nun aber bis auf den heutigen Tag stehengeblieben sind und auch nicht mehr an die Stelle ihrer Bestimmung gelangen werden.«

Mich erinnert das von Kiss skizzierte Bild von den durch eine gewaltige Naturkatastrophe abrupt beendeten Bauarbeiten ... an die Osterinsel. Auch auf diesem einsamsten Fleckchen in der Südsee muss es eine Katastrophe gegeben haben. Von einem Tag auf den anderen wurden die Arbeiten in den Steinbrüchen abgebrochen. Halbfertige Statuen, noch mit dem Vulkan verbunden, warten seit vielen Jahrhunderten auf Fertigstellung. Andere Kolosse waren aus dem Vulkangestein herausgemeißelt worden, wurden aber nur einige Meter transportiert und blieben dann liegen. Wieder andere tonnenschwere Kolosse wurden offensichtlich fast bis an den Ort ihrer Bestimmung geschafft ... aber nicht mehr aufgerichtet!

Sonnentor von Tiahuanaco
Foto: Ingeborg Diekmann
Zurück nach Bolivien ins Hochland der Anden ... So manches Mal stand ich vor dem »Sonnentor«. Die Vorderseite wird von zahlreichen Bildnissen geziert. Halbreliefs wurden in den harten Stein geschnitzt. Zentrale Figur ist ein mythisches Wesen, dem Tränen über die Wangen rinnen. Strahlenförmig umrahmen, fast wie beim »Struwwelpeter«, Haare das Gesicht. Bei näherem Betrachten erkennt man, dass es Schlangen sind. Das seltsame Wesen hält rechts und links in nach außen gehaltenen Händen »Stangen«.

Insgesamt verlaufen über die gesamte Breite des »Sonnentores« vier Zeilen mit halbreliefartig in den Stein gravierten Bildern. Schon aus nur wenigen Metern Entfernung betrachtet wirken sie wie sich wiederholende »Stempel«. Im untersten, im vierten Band erkennen wir wiederum Gesichter, die dem Zentralmotiv »Struwwelpeter« ähneln. Kiss spricht von ihren »geflügelten Augen«, die (4) »den Eindruck erwecken, daß es sich bei den Darstellungen vielleicht um Sinnbilder einer fliegenden Bewegung, also vielleicht der Zeit, handeln könnte.«

Historische Aufnahme
Foto: Archiv W-J.Langbein
Bänder 1 und 3 lassen eine Schar mythologischer Wesen aufmarschieren. Sie alle tragen seltsame Zeremonialstäbe. In Bändern 1 und 3 meinen wir, gekrönte Wesen mit Flügeln ausmachen zu können. Sie erinnern uns an Engel mit mächtigen Schwingen. Die Wesen von Band 2 recken mächtige Schnäbel gen Himmel. Es könnte sich um »Mischwesen« aus Kondor und Mensch handeln.

Schon manches Mal stand ich vor dem »Sonnentor« von Tiahuanaco ... und versuchte vergeblich, die winzigen Einzelheiten in jedem der einzelnen Gestalten zu erkennen. Prof. Hans Schindler-Bellamy machte mich darauf aufmerksam, dass die millimetergenau in den harten Stein gefrästen, detailreichen Bildchen von einem Steinzeitvolk mit Faustkeilen nicht geschaffen werden konnten. Sie müssen fortgeschrittenes Werkzeug besessen haben.

Am 29. Mai 1975 hielt der Gelehrte einen viel beachteten Vortrag im Rahmen der »2nd World Conference« der »Ancient Astronaut Society« in Zürich zum Thema »Tiahuanaco und das Sonnentor«. Der höchst sympathische Österreicher, gebildet und ein präziser Analytiker, wusste die Zuhörerschaft für sich zu gewinnen und zu überzeugen.

Zeichnung Zentralmotiv
Prof. Schindler-Bellamy führte aus (5): »Wir kennen auch nicht die hochwertigen Werkzeuge, die sie für die Arbeit mit den unwahrscheinlich harten Andesiten ihrer Monumente benutzt haben: zum Schneiden, Polieren und Gravieren. Sie müssen Flaschenzüge zum Heben und Geräte zum Transportieren großer Lasten (bis zu 200 Tonnen) über beträchtliche Entfernungen von den Steinbrüchen bis zu ihrem derzeitigen Standort besessen haben. Es ist schwierig, sich vorzustellen, all die gewaltige Arbeit könne ohne irgendeine Form der Schrift und ohne ein System der Aufzeichnung bewerkstelligt worden sein.«

Ich darf zusammenfassen: Hoch in den Anden gibt es die Ruinen einer wahrlich mysteriösen Stadt. Sie wurde, so der Gelehrte Edmund Kiss, schon vor vielen Jahrtausenden in einer gewaltigen Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zerstört, und zwar bevor sie vollendet werden konnte. In der archäologischen Literatur wird sie einem primitiven Volk auf Steinzeitniveau zugeschrieben. Glaubwürdig ist das nicht. Historische Detailfotos – viele Jahrzehnte alt – offenbaren einen Detailreichtum, den der perplexe Besucher vor Ort in den Hochanden kaum zu erfassen vermag!

Mythologisches Wesen
Foto: Archiv W-J.Langbein
Vergleichen wir doch einmal eine moderne »Kopie« des Sonnentorreliefs mit dem Original. Die moderne Fassung kann nur als stümperhaft bezeichnet werden ... im Vergleich zum Original.

Edmund Kiss hat nun versucht, die unglaublich präzisen Einzelbilder mit ihren zahllosen Details wie ein Buch zu lesen (6). Und das ist ihm offenbar gelungen. In seinem umfangreichen Werk interpretiert er mit der detektivischen Pedanterie eines Sherlock Holmes ... als einen Kalender von geradezu unglaublicher Präzision! Es ist bewundernswert, wie Edmund Kiss die Symbole bis zum kleinen Häkchen übersetzt. Er belegt, dass das Sonnentor dem Betrachter einen Kalender zeigt, der das Jahr in zwölf »Monate« unterteilt. Sonnwendtermine wie Tagundnachtgleichen können abgelesen werden. Ein Tiahuanaco-»Monat« umfasst 24 Tage. »Februar« und »März« haben 25 Tage. Anders als heute hat der Tiahuanaco-Kalender 30 Stunden zu je 22 Minuten.

Rätsel über Rätsel machen uns staunen! Da gab es vor Jahrtausenden auf der Hochebene in den Anden Boliviens eine unglaublich fortgeschrittene Kultur mit einem fremdartigen Kalender. Das Sonnentor von Tiahuanaco erweist sich als komplexer Kalender von unglaublicher Präzision! Bestätigt wurden die kühn anmutenden Kalender-Thesen von Edmund Kiss Jahrzehnte später durch Prof. Hans Schindler-Bellamy! (7)


Der Sonnentor-Kalender nach Kiss
Foto: Archiv W-J.Langbein
Fußnoten
1 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 28
2 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 31
3 alluvium, das Angeschwemmte
4 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 125
5 Schindler-Bellamy, Prof. Hans: »Tiahuanaco und das Sonnentor«, Vortragsmanuskript
6 Kiss, Edmund: »Das Sonnentor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, siehe Kapitel III, »Das Sonnentor zu Tihuanaku. Versuch der Enträtselung seiner Ideographien«, S. 121-194
7 Bellamy, H.S. und Allan, P.: »The Great Idol of Tiahuanaco«, London 1959


Der steinerne Riese von Tiahuanaco
Das Geheimnis der Anden V,
Teil 126 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.06.2012


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Sonntag, 3. Juni 2012

124 »Von Toren aus Stein«

Das Geheimnis der Anden III,
Teil 124 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Verfasser im
»Tunnel« - Foto
Selbstauslöser,
Archiv Langbein
Ein schmales, niedriges Törchen aus Stein ist hinter einem Bretterverschlag verborgen. Ein missmutig drein blickender Wächter schiebt einsam Posten. Wenn sich ein neugieriger Besucher auch nur in seine Nähe verirrt, wird er auch schon mit wilden Gesten vertrieben. Als ich schon aus einiger Entfernung mit einem Kistchen edler Zigarren winke ... darf ich näher treten. Und als ich dem schon deutlich freundlicheren Zerberus gar eine der Zigarren anbiete, lacht er freundlich.

Wir schmauchen beide meine Havannas und klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Schließlich schenke ich ihm das ganze Kistchen Zigarren ... und der Mann verlässt demonstrativ seinen Posten. Er hat verstanden, dass ich gern durch das »Törchen« in die Unterwelt von Tiahuanaco kriechen möchte. Unter seinen Augen darf ich das nicht. Also entfernt er sich diskret.

Auf Ellenbogen und Knien krieche ich durch den sehr schmalen und niedrigen Eingang ... hinein in die Dunkelheit eines »Tunnels«. Es riecht muffig. Wie weit mag mich der Minigang führen? Ob er abrupt im Nichts endet? Ich werde es erfahren!

Meine Taschenlampe gibt schon nach wenigen Metern ihren Geist auf. Ich taste mich langsam weiter, meine Hände streichen über den Boden, die Seitenwände und die Decke ... Glatt polierte Platten sind nahtlos aneinander gefügt. Zentimeter für Zentimeter spüre ich ... nichts, nicht die Spur einer Fuge.

Licht am Ende des
Tunnels - Foto:
W-J.Langbein
Plötzlich stoße ich mich an einem Hindernis. Ein Stein liegt im Weg. Ich wage ein Experiment. Tatsächlich gelingt es mir, meinen Fotoapparat auf »Selbstauslöser« einzustellen, auf dem Hindernis zu deponieren ... und ein Foto von mir im »Tunnel« aufzunehmen. Ich muss zugeben: Mehrere Versuche hab ich gewagt, alle bis auf einer schlugen fehl. Eine einzige Aufnahme lässt erahnen, wie »abenteuerlich« mir meine Kriecherei in der Dunkelheit vorkam!

Wie weit ich krieche ... ich weiß es nicht. Wie lange ich unterwegs bin ... ich weiß es nicht. Und plötzlich taucht Licht am Ende des »Tunnels« auf ... Meine Augen haben sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Der Lichtpunkt blendet mich förmlich. Ich mache ein Foto. Deutlich sind die glatt polierten Wände zu erkennen. Später erfahre ich: der »Tunnel« war ein simpler Abwasserkanal von einst.

Was ich nicht verstehe: Wieso hat man die Wände eines Abwasserkanals so extrem glatt poliert? Warum hat man die einzelnen Platten millimetergenau zugeschnitten, so dass sie sich ohne erkennbare Fuge förmlich aneinander schmiegen ... während an »Stempelwänden« von Tiahuanaco geradezu stümperhaft Stein auf Stein gesetzt wurde? Da hat man seltsam fremdartig wirkende Köpfe aus Stein in Wänden verarbeitet. Hier kamen nur roh behauene Steine zum Einsatz. Zentimeterdicke »Fugen« weisen auf stümperhafte Arbeit hin. Warum hat man im verborgenen »Abwasserkanal« so präzise ... bei den »Tempelwänden« so schlampig gearbeitet?

Steinerner Kopf in einer Tempelwand
Foto: W-J.Langbein
Die steinernen Köpfe – jeder weist individuelle Kopfform und Gesichtszüge auf – wurden bei Ausgrabungsarbeiten gefunden. Wo sie einst im Bauwerk von Tiahuanaco platziert waren ... wir wissen es nicht. Mauerwerk wurde schlampig »rekonstruiert«, wo seit Generationen nur einsame Monolithen standen. Steinerne Köpfe wurden nach Gutdünken eingesetzt, wo sich eine passende Lücke ergab ... Kurzum: Die bewundernswert präzisen Steinmetzarbeiten im Tunnel sind Originale der Erbauer von Tiahuanaco. Die »rekonstruierten« Mauern mussten so primitiv ausfallen, weil die Archäologen die Erbauer zu den primitiven Steinzeitmenschen zählten.

Die Gesichter dieser Köpfe wirken fremdartig, zum Teil fast fratzenhaft. Sollten reale Individuen gezeigt werden? Sollten unterschiedliche Rassen im Stein verewigt werden? Leider können wir die starren Mienen nicht wie ein Buch lesen. Was sie uns wohl zu erzählen hätten? Prof. Hans Schindler-Bellamy, österreichischer Archäologe, erkundete intensiv Tiahuanaco, zum Verfasser: »Womöglich begann die Geschichte Südamerikas vor vielen Jahrtausenden in Tiahuanaco. Womöglich war sie sehr viel älter als die Kulturen von Sumer und Ägypten!«

Das Werk von
Archäologen
Foto: W-J.Langbein
Zur Erinnerung: Das »Museo Submisubterraneo Tiwanaku«, La Paz, ist ein Freilichtmuseum der besonderen Art: Die archäologischen Kostbarkeiten werden auf einem weitestgehend im Erdboden versenkten Platz zur Schau gestellt. Diese besondere Form wurde ganz bewusst gewählt. Die Erbauer des Museums imitierten einen »Tempel« von Tiahuanaco, 4.000 Meter über dem Meeresspiegel!

Nähert man sich der Anlage von Tiahuanaco auf einem kleinen Trampelpfad, so stößt man auf einen im Boden versenkten Tempel. In den Wänden sind seltsame Kopfskulpturen eingelassen, nach Gutdünken der Archäologen. Prof. Hans Schindler-Bellamy: »Dieser versenkte Platz ist so etwas wie ein Vorhof zum eigentlichen ›Tempel‹ von Tiahuanaco gewesen!«

Vom »versenkten Tempel«, den das Freilichtmuseum von La Paz imitiert, führt – nach Westen – eine steinerne Treppe empor zu einem Tor. Dieses Tor, flankiert von zwei tonnenschweren Monolithen, ist weit mehr als »nur« ein Eingang. Just zur Tag-und-Nachtgleiche geht die Sonne präzise in diesem steinernen Tor auf. Und wenn man vom versenkten Tempel aus gen Westen blickt ... just zum Termin der Tag- und Nachtgleiche ... konnte man erkennen, dass ein steinerner Riese mit roboterhaften Zügen exakt diese Position der Sonne markierte!

Versenkter Tempel von Tiahuanaco
Foto: Dr.Eugen Lehle
So beeindruckend das heutige Tiahuanaco auch ist ... wie imposant muss das Original gewesen sein, bevor es von Vertretern der ach so hoch stehenden europäischen Kultur verwüstet wurde! So beklagt Edmund Kiss in seinem Werk über »Das Sonnentor von Tihuanaku« (1): »Es ist ein Wunder, dass in Tihuanaku überhaupt noch Stein vorhanden ist, und wenn die übrig gebliebenen Blöcke nicht so schwer wären, dass sie sich dem Abtransport passiv widersetzten, und wenn sie nicht so fest wären, dass sie den Pistolenschießübungen fremder Touristen Trotz böten, und selbst Sprengversuche mit Pulver und Dynamit nicht immer zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben, so wäre ganz sicher nichts mehr übrig.«

Weiter schreibt Kiss (2): »Zweifellos ist das Ruinenfeld schon seit Jahrtausenden von den vielen Völkern und ihren Herren … ausgeplündert worden, angefangen bei den Inkas bis zurück zu den Völkern aus dem Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit. Dennoch war das, was an Plünderungen geschehen war, nichts gegen das, was das vordringende Christentum der Conquista in dieser Hinsicht geleistet hat. Spanische Chronisten der ersten Jahrzehnte der Eroberung erzählen von ragenden Mauern, die sie in Tihuanaku vorgefunden hätten.«

Die Treppe zum steinernen Tor
Foto: W-J.Langbein
Sie wurden als Steinbrüche benutzt, in christlichen Kirchen verbaut ... und mehr schlecht als recht von Archäologen »rekonstruiert«. Bedauernd stellt Kiss fest (3): »So ist die Kalasasaya, die weiträumige Sonnenwarte der vorgeschichtlichen Astronomen, verstümmelt worden.«

Als ich in den engen und niedrigen Gang kroch, hatte ich eine vage Hoffnung. Laut Prof. Hans Schindler-Bellamy gab es vor rund 90 Jahren auf dem Areal von Tiahuanaco noch Zugänge zu unterirdischen Räumen, deren Wände glatt wie Glas gewesen seien. Die mit unglaublicher Präzision zugeschnittenen Blöcke sollen millimetergenau aufeinander abgestimmt und zusammengefügt worden sein ... vor vielen Jahrtausenden. Diese Zugänge wurden, so Prof. Hans Schindler-Bellamy, zugeschüttet. Ich muss zugeben: Zumindest ein klein wenig hoffte ich, in einen dieser verschollenen Räume zu gelangen ... Eine solche Entdeckung war mir aber nicht gegönnt. Ich gelangte irgendwann wieder ins Freie ...

Wird man diese Räume je wieder entdecken? Sucht man überhaupt nach ihnen? Fakt ist: Allenfalls ein Prozent von Tiahuanaco wurde bislang ausgegraben. Es fehlt am Geld. Und ausländische Investoren kommen aus Nationalstolz nicht zum Zuge ...


Fußnoten
1 Kiss, Edmund: »Das Sonnenthor von Tihuanaku«, Leipzig 1937, S. 41 u. 42
2 ebenda, S.42
3 ebenda


Das Sonnentor
Das Geheimnis der Anden IV,
Teil 125 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein«,
erscheint am 10.06.2012



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