Sonntag, 27. Mai 2018

436 „Zwei Krypten und das Monster am Fluss“

Teil  436 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Der Dom zu Bremen. Ansichtskarte von  1899

Der St.-Petri-Dom zu Bremen hat eine lange, sehr lange Geschichte. Das höchst imposante sakrale Bauwerk von heute ist nicht mehr das „Original“. „Wikipedia“ berichtet unter dem Stichwort „Bremer Dom“: „Der St.-Petri-Dom in Bremen ist ein aus Sandstein und Backstein gestalteter romanischer Kirchenbau, der vom 11. Jahrhundert an über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet und seit dem 13. Jahrhundert im Stil der Gotik umgebaut wurde. Im 14. Jahrhundert gab es Erweiterungen um seitliche Kapellen. 1502 begann die Umgestaltung in eine spätgotische Hallenkirche, die aber über ein neues Nordseitenschiff nicht hinauskam, als die Reformation weitere Ausbauten stoppte.

Im späten 19. Jahrhundert erfolgte eine umfangreiche Renovierung des innen durchaus gepflegten, äußerlich aber schäbig wirkenden Baus, von dem einer der beiden Türme eingestürzt war. Die Gestaltung orientierte sich überwiegend am Vorhandenen und an alten Darstellungen, jedoch verstieg man sich zu einigen Zutaten wie dem neoromanischen Vierungsturm. Das Gotteshaus gehört heute zur evangelisch-lutherischen Domgemeinde St. Petri. Es steht seit 1973 unter Denkmalschutz.“

Foto 2: Blick in die Westkrypta.

Bereits im Jahre 1638 stürzte der Südturm ein, wurde mehr schlecht als recht „restauriert“. Lange Zeit sollte das Provisorium nicht bestehen. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem „Handbuch und Führer“ (1) fest: „Wenige Jahrzehnte später wurden die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.“

Foto 3: Blick in die Ostkrypta.

Wer noch echten „Ur-Dom“ erleben will, der muss in die Unterwelt hinab steigen, und zwar in die Westkrypta. Sie ist der älteste erhaltene Raum Bremens. Geweiht wurde die Westkrypta im Jahre 1066 von Erzbischof Adalbert. Auf der offiziellen Homepage des Doms lesen wir (2): „Ihr beträchtliches Alter ist der Westkrypta auch äußerlich anzumerken: unregelmäßig geschichtetes Mauerwerk, Säulenkapitelle mit eigenartigem steinernem Flechtwerk und Tierdarstellungen unterstreichen den altertümlichen Raumeindruck.“

Das gilt natürlich auch für die Ostkrypta. Erstaunlich offen heißt es auf der Homepage des Bremer Doms (3):

Foto 4: Säulen mit geheimnisvollen Darstellungen um den Altar

„Dieser einheitlich frühsalische Raum ist in seiner ursprünglichen Gestalt unverändert geblieben. Schon Erzbischof Bezelin wird ihn 1042 angelegt und Erzbischof Adalbert die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Unter Erzbischof Liemar († 1101) erhielt die Ostkrypta ihre endgültige Gestalt.“ Und weiter: „Besondere Beachtung verdienen die Kapitelle der Säulen im Altarbereich. Heidnisch/germanische Symbole wie der Fenris-Wolf, die Midgardschlange sind hier vermutlich dargestellt. Blüten- und Blumenmotive ergänzen das Bildprogramm. An anderer Stelle sind Pentagramm und Maske zu finden.“

Der Bremer Dom wurde (4) „vom 11. Jahrhundert an über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet“. Es ist also durchaus möglich, dass die Ostkrypta wie die Fundamente von älteren Vorgängerbauten übernommen wurde.

Wen wir uns der Ostkrypta und besonders den mysteriösen Darstellungen an den Säulenkapitellen zu. Sie sind so etwas wie ein Buch in Stein, das eine faszinierende Geschichte erzählt. Und diese Geschichte ist von besonderer Bedeutung für das christliche Deutschland. Es geht um eine spannende Zeit des Übergangs, nämlich vom Heidentum zum Christentum. Nirgendwo sonst wurde so deutlich geschildert, dass das Heidentum keineswegs von heute auf morgen spurlos verschwunden ist, um dem neuen Glauben, dem Christentum, Platz zu machen.


Fotos 5 und 6: Christrose in der Ostkrypta.

Diese Geschichte wird von diversen Darstellungen an Säulenkapitellen in der Ostkrypta erzählt. Man kann die etwa tausendjährigen Steinreliefs wie ein Buch lesen, benötigt dazu keinen Text. Anders als die Säulenkapitelle im Hamelner Münster sind die Steinreliefs in der Bremer Ostkrypta nicht in schwindelnder Höhe, sondern fast in Augenhöhe angebracht.

Im steinernen „Buch“ der Ostkrypta des Doms zu Bremen begegnen christliche und heidnische Symbole einander. Sollten Sie den Dom besuchen, dann empfehle ich ihnen der Ostkrypta möglichst viel Zeit zu widmen. Lassen Sie die Zeichen und Symbole auf sich wirken. Die kuriosen Mumien aus dem einstigen „Bleikeller“ sind gruselige Kuriosa, aber weit weniger wichtig, wie ich meine.


Foto 7: Christus-Rose und der Wotan-Rabe.

Wenn ich in die Ostkrypta des Doms zu Bremen hinabsteige, dann kommt es mir so vor, als würde ich mit jeder Treppenstufe die lärmende Hektik des 21. Jahrhunderts ein Stück weiter hinter mir zurücklassen. In der „Unterwelt“ der Ostkrypta stört mich die Bestuhlung ein wenig. Der niedrige Raum mit den wie aus Stein gewachsenen Säulen wäre in seiner Schlichtheit ohne diese Sitzmöbel aus unseren Tagen noch beeindruckender. Mir wird klar: Jeder von uns trägt zum Lärm, der die Konzentration auf Wichtigeres erschwert, selbst bei. Wir beklagen uns, dass wir „keine Zeit haben“, aber warum nehmen wir uns nicht einfach Zeit, etwa um in der Ostkrypta des Doms zu Bremen einfach nur die Stille auf uns wirken zu lassen? Könnte es sein, dass wir dann die Darstellungen, die vor rund einem Jahrtausend in den Stein gemeißelt wurden, intuitiv verstehen?

Foto 8: Christus-Rose und Wotan-Rabe nebeneinander

Immer wieder taucht an den Säulenkapitellen ein Symbol auf, das uns Wolfgang Oehrl so erklärt (5): „Christus (symbolisiert durch die Rose) verdrängt die Unendlichkeitsspirale und den Wotansraben.“ Die Rose als Symbol für Christus ist mir schon bei meinem ersten Besuch vor Ort aufgefallen. Freilich sehe ich keine Verdrängung. Vielmehr harmonieren die verschiedenen Symbole miteinander. Offenbar existierten vor rund einem Jahrtausend Christentum und Heidentum nebeneinander.

Neben die „Christus-Rose“ wurde ein Rabe gesetzt, Symboltier des Wotan (6). Wotan alias Odin war der mächtige Göttervater, auch Kriegs- und Totengott, der Gott der Dichtung und der Magie. Wer genauer hinsieht, der entdeckt, meist doppelt, Eschenblätter, also Blätter von Yggdrasil, vom „Weltenbaum“. Nach alter Mythologie fand Wotan, in Begleitung von zwei weiteren Göttern, am Strand zwei Baumstämme, nämlich einer Esche und einer Ulme oder Erle (7). Aus der Esche entstand der erste Mann, aus dem anderen Baumstamm die erste Frau. Eschenblätter und Rabe neben der Christus-Rose weisen meiner Meinung nach auf ein Neben- und Miteinander von „heidnischem!“ und „christlichem“ Glauben hin.


Foto 9: Kampf zwischen Schlange und Wolf.

Sehr interessant ist die Darstellung eines Kampfes zwischen einem Wolf und einer Schlange. Wolfgang Oehrl erklärt (8): „Ein Rabe weist auf Wotan, die vielen Eschenblätter auf den Weltenbaum Yggdrasil, der Fenris-Wolf (das Böse) kämpft gegen die Midgardschlange, die den Lebensraum unserer Vorfahren schützen soll.“

In der nordischen Mythologie waren der Fenris-Wolf und die Midgard-Schlange Todfeinde. Die Midgard-Schlange beschützte die Erde vor dem Urozean. So wie ich die Darstellungen in der Ostkrypta des Doms zu Bremen verstehe, kämpfte sie gegen den Fenris-Wolf und sicherte die Christus-Rose. Mit anderen Worten: Die nordische Mythologie muss vor rund einem Jahrtausend noch so mächtig gewesen sein, dass sie von den frühen Christen zumindest teilweise übernommen wurde. Die Menschen waren noch im alten Glauben verwurzelt. Es sollte ihnen leichter gemacht werden, zum neuen Glauben zu wechseln, einfach indem im neuen Glauben Motive aus dem alten Glauben auftauchten.

Foto 10: Abstrakte Dekoration oder mysteriöses Gesicht?

„Panta rhei“ heißt es im Altgriechischen. Heraklit (* um 520 v. Chr.; † um 460 v. Chr.) soll das Wort geprägt haben. Plato (*428/427 v.Chr., †348/347 v.Chr.) zitierte die Formel und Simplikios (etwa 480-490n.Chr., † nach 550 n.Chr.). Die Römer übersetzten das prägnante Wort mit „cuncta fluunt“. Zu Deutsch: „Alles fließt“.

„Alles fließt“… Uralter Glaube verschwindet nicht. Er wird nicht ersatzlos gestrichen, um neuer Religion Platz zu machen. Tief verwurzelte Überzeugungen tauchen in neuem Gewand wieder auf. Für die altnordischen Sagen war der Fenris-Wolf, den die Götter fürchteten, das Böse, den die Götter fürchteten. In der Krypta zu Bremen ist es der Fenris-Wolf, der das Christentum gefährdet. Die Midgard-Schlange schützt nun nicht die Welt vor dem Urozean, sondern den christlichen Messias und kämpft gegen den Fenris-Wolf. Der Fenris-Wolf, auch „Monster am Fluss“ genannt, überlebte jede Religionsreform. Im Aberglauben des Hexenwahns diente er den Hexen als Reittier.

Foto 11: Augen, Nase, ein Gesicht... oder verschlungene Linien

Wenn Theologen es ernst meinen, versuchen sie Bilder des Glaubens zu ihren Ursprüngen zurück zu verfolgen.


Fußnoten
1) Erhardt, E(rnst): „Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer“, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) http://stpetridom.de/index.php?id=26&L=0
3) http://stpetridom.de/index.php?id=27
4) 1) Erhardt, E(rnst): „Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer“, Bremen 1921, Seite 4
5) Oehrl, Wolfgang: „Glaubenswandel vor 1000 Jahren“, Artikel schienen in „NORDWEST ZEITUNG“ vom 16. Dezember 2017, S. 4
6) Andere Schreibweise: Wodan
7) Der zweite Baum wird als „Embla“ bezeichnet. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Ulme oder Erle.
8) Oehrl, Wolfgang: „Glaubenswandel vor 1000 Jahren“, Artikel schienen in „NORDWEST ZEITUNG“ vom 16. Dezember 2017, S. 4

Foto 12: Beeindruckende, schlichte Kunst aus Stein.

Zu den Fotos

Alle Fotos entstanden am Freitag, den 2. März 2018, am Wochenende des 23. Seminars "Fantastische Phänomene". "Fantastische Phänomene" findet immer am ersten Wochenende im März in  Bremen-Vegesack statt.

Foto 1: Der Dom zu Bremen. Ansichtskarte von  1899.  Foto/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in die Westkrypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die Ostkrypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Säulen mit geheimnisvollen Darstellungen um den Altar. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Christrose in der Ostkrypta. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Christus-Rose und der Wotan-Rabe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Christus-Rose und Wotan-Rabe nebeneinander. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kampf zwischen Schlange und Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Abstrakte Dekoration oder mysteriöses Gesicht? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Augen, Nase, ein Gesicht... oder verschlungene Linien? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Beeindruckende, schlichte Kunst aus Stein. Foto Walter-Jörg Langbein

437 „Der steinerne Riese von Thelitz“,
Teil  437 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint bereits am 03.06.2018


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Sonntag, 20. Mai 2018

435 „Die heidnische Göttin am Münster?“

Teil  435 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein

Bei meinem ersten Besuch des Hamelner „Münster St. Bonifatius“ versuchte ich, das altehrwürdige Gotteshaus zu umrunden. Das gelang mir auch weitestgehend, heckenartiger Baumbewuchs an einer Stelle zum Trotz. Hoch, ja ehrfurchtgebietend ragt das Mauerwerk in den Himmel. Massiv ist die Bauweise, so dass das Münster wacker den Jahrhunderten trotzen konnte. Es wirkt im Vergleich zu modernen Bauten zeitlos.

Fotos 1 und 2: Die „Matrone“ am Hamelner Münster. leicht zu übersehen

Ich machte zahlreiche Aufnahmen, auch von der Rückseite der alten Kirche. Das Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die Toten von beiden Weltkriegen fiel mir natürlich auf, groß genug ist es ja. Schön ist es nicht unbedingt, aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Und über Geschmack, so sagt das alte lateinische Sprichwort, soll man nicht streiten. Im Lateinischen heißt es: „Dē gustibus nōn est disputandum.“ Übersetzt ins Deutsche: „Über Geschmäcker soll man nicht disputieren.“ (1) Mit anderen Worten: Es gibt nicht den „richtigen“ oder den „falschen“ Geschmack. Ich persönlich empfinde das „Kriegerdenkmal“ am Hamelner Münster als unpassend zum altehrwürdigen sakralen Gebäude.

Übersehen habe ich allerdings eine mysteriöse Steinskulptur an der Außenwand des Münsters zu Hameln, die allerdings durch die beiden „Zähne“ des Denkmals abgedeckt wird, so man direkt davor steht. Ich gebe es zu: Hastigen Schritts eilte ich weiter, ich wollte doch genügend Zeit für die Säulenkapitelle mit geheimnisvollen Darstellungen im Inneren haben.

Foto 3: Im gelben Kreis... die „Matrone“
Betrachtet man die stark verwitterte Figur an der Außenwand näher, etwa mit Hilfe eines starken Teleobjektivs, so fällt der unverhältnismäßig große Kopf der Gestalt auf. Ich machte eine Reihe von Aufnahmen, zuletzt mit meiner Nikon D800E unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man die seltsame Statuette betrachtet, werden die Beschädigungen mehr oder weniger erkennbar.

Wie zwei riesige Zähne oder Rippen ragt das Kriegerdenkmal empor und verdeckt, wenn man direkt davor steht, die mysteriöse Statuette an der Außenwand.

Mehrere Jahre habe ich recherchiert. Ich habe Fachliteratur studiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die seltsame Figur, von einer Erklärung ganz zu schweigen. Schon 2014 wandte ich mich an Pastorin Friederike Grote, die meine Anfrage an Herrn B.G. weiterleitete, der in Fragen zum Hamelner Münster sehr bewandert ist. Herrn Gs Antwort fiel für mich, offen gesagt, ernüchternd aus (2): „Ich denke, dass der sehr starke Verwitterungsgrad der Figur eine sichere Deutung nicht mehr zulässt. Joachim Schween (3), den ich auch zu Rate gezogen habe, ist derselben Meinung. Er hält eine Mariendarstellung  für möglich. Maria Magdalena, die reuige Sünderin, ist nicht auszuschließen. Zu ihr passen die offen getragenen Haare. In der mir bekannten Literatur zum Münster gibt es keine Hinweise auf die Figur.“

Foto 4: Maria Magdalena von Lübeck
Tatsächlich gibt es im Dom zu Lübeck eine Maria Magdalena, die eine mit kostbaren Steinen besetzte „Haube“ trägt. Die Lübecker Maria Magdalena hat schulterlanges Haar, das „lockig“ fällt. Die Hamelner Statuette könnte auch ihr langes Haar offen tragen. Sollte sich also an der Rückseite des Hamelner Münsters eine alte Statue der Maria Magdalena befinden?

Der älteste Teil des Münsters, die Krypta, ist wohl bereits kurz nach 800 entstanden. Wechselhaft verlief die Geschichte des Gotteshauses. 1259 brach ein Brand aus, bauliche Erneuerungen wurden erforderlich. Aus welcher Zeit mag nun die Statuette stammen, über die offiziell nichts bekannt ist? Sie weist ganz erhebliche Verwitterungsspuren auf und sieht sehr viel älter als das Mauerwerk aus, in das sie respektvoll eingesetzt wurde.

Woher stammt die Figur? Befand sie sich bis zum Brand Mitte des 13. Jahrhunderts im Inneren des Münsters und wurde sie nach den Renovierungsmaßnahmen außen am Gotteshaus angebracht? Wollte man Maria Magdalena aus der Kirche verbannen? Ließ man sie aus Respekt vor der Frau, die nach apokryphen Schriften der Gnostiker die Lieblingsjüngerin Jesu war, nicht einfach verschwinden? Sollte die steinerne Figur gar aus der ersten Bauphase des Münsters stammen? Oder ist sie noch älter? Dann könnte sie über ein Jahrtausend alt sein. Derlei Gedanken sind freilich rein spekulativ.

Ich wiederhole meine Überlegung: Ist die Statuette womöglich älter als das Münster? Stammt sie gar aus einem heidnischen Tempel der drei Matronen?

Sophie Lange ist die Autorin des Standardwerks „Wo Göttinnen das Land beschützten“ (4). Zum Jahrtausendwechsel gab es im Propsteimuseum der alten „Römerstadt“ Zülpich eine bemerkenswerte Ausstellung statt. Im Ausstellungskatalog schreibt die profunde Kennerin des Matronenkults (5):

Fotos 5 und 6: Die Statuette am Hamelner Münster

„Die Mutter Natur war den Urmenschen heilig. Sie war die Lebensspenderin, die Nahrungsgebende und die Schützerin. Aber auch Himmel und Unterwelt gehörten zu ihrem Reich. Neben der Großen Göttin und anderen bedeutenden Gottheiten wurden lokale Göttinnen und Götter verehrt, die für ein bestimmtes Landschaftsgebiet mit seinen Siedlungen zuständig waren. Mensch und Tier, Feld und Flur, Haus und Gut standen unter ihrem besonderen Schutz. Zu diesen lokalen Genien gehören die Matronen. In dem Gebiet zwischen Eifel und Rhein verdrängten sie fast alle anderen Götter. Sie waren die Mächtigsten, die das Land beschützten.“

Die Matronen waren Schutzgöttinnen, die vom ausgehenden ersten bis ins dritte Jahrhundert hinein in der römischen Provinz „Niedergermanien“ verehrt wurden, also in westlich des Rheins gelegenen Teilen der heutigen Niederlande und Deutschlands sowie in Teilen von Belgien.

Foto 7: Sophie Langes Standardwerk
Sophie Lange schreibt weiter (5): „Nach der Christianisierung lebten die heidnischen Matronen in der Volksfrömmigkeit weiter. Als die drei heiligen Bethen und die heiligen Schwestern Fides, Spes und Caritas - die legendären Töchter der heiligen Sophia - fanden sie Einlass in die Heiligenverehrung. In lokalem religiösem Brauchtum, zum Beispiel bei der Verehrung der heiligen Brigida, haben sich vorchristliche Vorstellungen erhalten. Die Kulte der Muttergöttinnen flossen in abgewandelter Form in die Verehrung der Gottesmutter ein. Die alten Matronen-Symbole wie Mond, Apfel und Schlange haben auch in Mariendarstellungen große Bedeutung.

Im frühen Christentum wurden die alten Kultplätze weiter von den Menschen besucht. So gab Papst Gregor der Große um 600 die Anweisung, die Heidentempel nicht zu zerstören sondern in christliche Kirchen umzuwandeln. So stehen manche Kirchen an den Kraftplätzen der Götter und Göttinnen. Auf dem Land haben Dorfkirchen, Kapellen, Bildstöcke und Wegekreuze die ehemaligen heidnischen Heiligtümer ersetzt, In der Geisterwelt leben die Matronen als drei unnahbare Juffern weiter. Als geheimnisvolle Lichtgestalten spuken sie an den alten Matronenplätzen, an Quellen und Flüssen.“

Foto 8: Sophie Langes Standardwerk. Rückseite.
Stand die Statuette am Hamelner Münster, in unmittelbarer Nähe der Weser gelegen, ursprünglich in einem „Heidentempel“ zu Ehren der Schutzgöttinnen, genannt Matronen? Wurde sie respektvoll von frühen Christen aufbewahrt und schließlich am Hamelner Münster angebracht? Ich halte das nicht nur für möglich, sondern für realistisch. Meiner Meinung nach ist die Statuette von Hameln nichts anderes als eine Matrone. So stark verwittert sie auch ist, sie weist wichtige Merkmale einer Matrone auf.

Fußnoten
1) Wörtliche Übersetzung: „Über Geschmäcker ist ein Nichzudisputierendes.“ Das kann man übersetzen mit „Über Geschmäcker kann/ soll man nicht disputieren/ streiten.“
2) Per Mail an Pastorin Grote Freitag, 19. September 2014 22:17.
3) Joachim Schween ist ein örtlicher Archäologe.
4) Lange, Sophie: „Wo Göttinnen das Land beschützten/ Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein“, 1. Auflage Sonsbeck 1994
5) „Matronis - Visionen zu einem regionalen Göttinnenkult“, 2001

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Die „Matrone“ am Hamelner Münster ist leicht zu übersehen. Fotos Walter-Jörg Langbein   
Foto 3: Die „Matrone“ am Hamelner Münster ist wirklich sehr leicht zu übersehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Maria Magdalena von Lübeck. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Die Statuette am Hamelner Münster. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 7: Sophie Langes Standardwerk. Vorderseite.
Foto 8: Sophie Langes Standardwerk. Rückseite.      


436 „Zwei Krypten und das Monster am Fluss“
Teil  436 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.05.2018


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