Sonntag, 9. September 2018

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«


Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«

Kapitänleutnant Wilhelm Geiseler von der »Hyäne« verbrachte anno 1882 im Auftrag der »Kaiserlichen Admiralität« mehrere Tage auf der Osterinsel. Die »Ethnologische Abteilung der königlich preußischen Museen in Berlin« hatte den Marinemann beauftragt, »wissenschaftliche Untersuchungen« der unterschiedlichsten Arten durchzuführen. So sollte er möglichst profunde Erkenntnisse über »Sitten und Gebräuche« der Osterinsulaner sammeln, Zeichnungen der »Kultobjekte«, der Steinriesen und von Kunstwerken jeder Art anfertigen lassen.

Wie viele Stunden oder gar Tage wohl für die Erkundung des »Kultdorfes Orongo« aufgebracht wurden? Erhebliche Schäden wurden angerichtet. Leider trifft die Bezeichnung »Plünderung« oftmals viel eher zu als »archäologische Ausgrabungen«. Gerade auf der Osterinsel wüteten vermeintlich archäologisch Interessierte schlimmer als anderenorts Grabräuber.

Anno 1882 waren noch vor Ort noch wahre Schätze vorhanden: bemalte Steinplatten, die das Innere der Häuschen zierten. Einige dieser Bildwerke scheinen relativ jung zu sein, zeigen sie doch offensichtlich europäische Schiffe. Andere waren sehr viel älter. Lange Zeit scheint Tradition gelebt worden zu sein. Ein Motiv tauchte immer wieder auf: der mysteriöse Gott »Make Make«. Sein verwittertes maskenhaftes Gesicht findet auch heute noch, wer sorgsam uralte gravierte Steine untersucht.

Foto 2: »USS Mohican«

Vier Jahre später, also 1886, erschien das US-Schiff »Mohican« vor der Küste der Osterinsel. Die Besatzung kam an Land und richtete zum Teil erheblichen Schaden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Und sicher auch irgendwo in Privatsammlungen, die für die Forschung verloren sind.

William Thomson, Zahlmeister der »USS Mohican«, fotografierte als erster auf dem mysteriösen Eiland. Auf einem Foto sieht man ein gewaltsam aufgebrochenes Haus im Orongo-Zentrum und zwei große flache Steinplatten, die man ins Freie gezerrt hat. Auf den Steinplatten haben unbekannte Künstler typische »Vogel-Mann«-Motive aufgemalt, ganz ähnlich jenen die als Petroglyphen verewigt wurden. Was geschah mit den bemalten Steinen, die mit brachialer Gewalt aus den Wänden gerissen wurden, wobei die Häuschen zum Teil erheblich beschädigt wurden?

Schlimmer noch: Anno 1891 erschien in Washington, herausgegeben vom »Government Printing Office«, William Thomsons Bericht »Te Pito Te Henua, Or Easter Island«. Thomson (1): »Häuser 1, 5 und 6 wurden mit großer Anstrengung abgerissen und die mit Fresken versehenen Steinplatten wurden beschafft Grabungen unter den Türpfosten und unter den Fußböden förderten nichts zutage, abgesehen von einigen wenigen steinernen Utensilien.« Die glatten Steinplatten, so stellt Thomson fest, wiesen sehr wenig Eingeritztes auf. Die glatten Platten, die an Wänden und Decken angebracht waren, waren mit mythologischen Figuren und primitiven Bildnissen in Weiß, Rot und Schwarz geschmückt.

Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«

Ansonsten, so stellt Thomson bedauernd fest, waren die Räume komplett leer. Er unterstellt, dass Einheimische die Häuschen geplündert und an die Besatzungen von Schiffen verkauft haben. Ausländische Besucher hätten wachsendes Interesse an derlei Objekten gezeigt. So sei Nachfrage entstanden, die von den Osterinsulanern befriedigt wurde. Thomson (2): »Was auch immer an Schätzen sie (die Häuschen) in früheren Jahren beinhaltet haben mögen, wir fanden sie leer vor und unsere Suche brachte nichts von Wichtigkeit zutage.«

Der Archäologe Edwin Ferdon (* 1913;†2002) entdeckte bei Ausgrabungen im »Zeremonialdorf« von Orongo seltsam geformte, bearbeitete Steine mit Bohrlöchern. Er kam zum Schluss, dass es sich bei den Steinsetzungen um ein »Observatorium« gehandelt habe. Warum gibt es die Ortsangabe »Ko Te Papa Ui Hetu’u« auf der Osterinsel, zu Deutsch »Der Stein, von aus man die Sterne sehen kann«?

Deutet der Name auf ein Observatorium hin? Vergeblich suchte ich bei meinen Besuchen vor Ort nach Spuren dieser Observatorien. Ich habe leider nichts gefunden. Observatorien auf »Isla la Pascua«? »Mein« Guide wunderte sich über mein Staunen. Aber natürlich hätten seine Vorfahren Observatorien gebaut und benutzt. Dabei sei es weniger um die Beobachtung von Sonne und Mond gegangen. »Für die Landwirtschaft ist es nicht sehr hilfreich, an welchem Tag eine neue Jahreszeit beginnt. Gesät und geerntet wird nicht, wenn es der Kalender fordert. Die Saat wird ausgebracht, wenn das Wetter das zulässt. Und geerntet wird nicht, weil das im Kalender steht, sondern wenn die Früchte reif sind. Das kann je nach Wetter früher oder später sein.«

Der »Gürtel des Orion« und die Plejaden waren für die frühen Astronomen der Osterinsel von großem Interesse. Warum? Niemand scheint das heute mehr zu wissen. »Sie nannten die drei Sterne, die den Gürtel des Orion bilden, ›Tautori‹, ›Die Drei Schönen‹. Die Plejaden hießen bei ihnen ›Matariki‹, ›Kleine Augen‹.«, informierte mich mein »Guide«. Und nicht ohne Stolz frage er mich: »Wieso nannten sie wohl eine bestimmte Höhle ›Ana Ui Hetu’u‹, »Höhle, um aus ich heraus die Sterne zu beobachten‹?« So manche Höhle sei von Astronomen benutzt worden, um aus dem Dunkel heraus den Himmel zu beobachten.

Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen.

Anno 1886 fristeten 155 Osterinsulaner ein ärmliches Dasein auf dem Eiland. Sie wurden bestenfalls geduldet, galten als potentielle Viehdiebe. Vorrang vor den Menschen hatten 600 Rinder und 18.000 nummerierte Schafe. Es sollten weitere Schafe aus Australien eingeführt werden. Am 9. September 1888 annektierte Chile die Osterinsel. Seither gehört die Osterinsel zu Chile. Der Umgang mit den Nachfahren der Statuenbauer kann Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur als menschenverachtend bezeichnet werden. So darf es nicht verwundern, dass die Osterinsulaner anno 1915 einen Aufstand wagten, der freilich blutig niedergeschlagen wurde.

Solche Aufstände gab es bis ins 21. Jahrhundert hinein. Sie wurden von Chile mit brachialer Gewalt niedergeknüppelt. Eine kleine Gruppe möchte, dass die Osterinsel unabhängig von Chile wird. Die Mehrheit der Menschen von »Rapa Nui« freilich sieht die Lage realistischer. Auch wenn niemand die chilenische Obrigkeit liebt, so glauben die meisten Insulaner, dass eine unabhängige, eigenständige Osterinsel nicht überlebensfähig ist.

Die Petroglyphen sind vom »Zahn der Zeit« bedroht. Das betrifft auch die Statuen. So manche Statue ist heute kaum noch als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk zu erkennen. Der zerstörerische Erosionsprozess wird durch Salzpartikel in der Meeresluft, subtropischer Regen und die Austrocknung des Steins beschleunigt. Man müsste Statuen wie Petroglyphen irgendwie konservieren, schonend abdichten, ohne den Stein zu beschädigen. Der Verfall würde gestoppt, könnte man Steine und Statuen abdichten, so dass kein Wasser mehr eindringen kann. Der Berliner Restaurator Stefan Maar, jubelte die Presse 2003, habe mit seinem Unternehmen eine entsprechende Methode entwickelt. Es würde Neubildung von Algen und neuerliches Eindringen von salzhaltigem Wasser in den Stein verhindert. Die Statuen wären vor weiterem Verfall gerettet. Der Plan ist alles andere als neu.

Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue.

»Die Riesen werden gerettet«, vermeldete das »Hamburger Abendblatt« am 3. Dezember 2003 (3). Und weiter war da als Zwischenüberschrift zu lesen: »Osterinsel: Die steinernen Monumente bröckeln. Ein Berliner restauriert sie im Auftrag der Unesco.« Bereits 2005 sollte mit der Konservierung der Statuen begonnen werden. Dazu ist es offenbar nicht gekommen. War das Verfahren doch nicht so wirkungsvoll wie erhofft und dazu vielleicht auch noch viel zu teuer? So verrotten Statuen und Reliefs weiter. »Die Statuen sterben!«, hörte ich manchen Osterinsulaner sagen. Resignierend!

Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin.

Observatorien, beobachtete Sterne in den Tiefen des Weltalls, Erinnerungen an einen Kult um »Make Make«, den fliegenden Gott und Mischwesen aus Mensch und Tier, zum Teil gigantische Statuen – das sind Mosaiksteine vom faszinierenden Bild »Fantastische Vergangenheit der Osterinsel«, von denen leider viel zu viele verloren gegangen sind. Ob wir jemals erkennen können werden, wie dieses fantastische Bild in seiner Gesamtheit ausgesehen hat? Welche Rolle spielen die »Astronautengötter« in diesem Bild?

Mir scheint, die frühen Osterinsulaner wussten mehr als man ihnen auch heute noch nach wie vor zutraut. Und wir wissen über die Kultur der Osterinsel sehr viel weniger als uns gern eingeredet wird, als wir uns gern einbilden. Ich bin skeptisch, befürchte, dass wir die wahren und ältesten Geheimnisse der Osterinsel niemals verstehen werden. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man sie gar nicht wirklich kenn. Und das liegt daran, dass – wie Robert M. Schoch schreibt (4) »ein Großteil der einheimischen Kultur der Osterinsel durch die europäischen Kontakte ausgerottet und danach hauptsächlich durch importierte polynesische Vorstellungen wieder rekonstruiert worden war«.

Mir scheint, dass die wahre Geschichte der Osterinsel bis heute nicht erzählt worden ist, weil nach wie vor bestritten wird, dass sie womöglich viele Jahrtausende früher ihren Anfang nahm als wir glauben.

Robert M. Schoch schreibt (5): »Meine Arbeit an der Neudatierung der berühmten Sphinx von Ägypten zeigt, dass Zivilisation und fortschrittliche Kultur sich auf Tausende von Jahren früher datieren lassen, als die konventionellen Archäologen gemeinhin akzeptiert hatten. Dieselbe Geschichte scheint auf die ältesten Moai der Osterinsel zuzutreffen, die möglicherweise Tausende von Jahren älter sind, als allgemein geglaubt wird.« Buchautor und Journalist Frank Joseph fest, dass diese Annahme völlig falsch ist. De facto wurde die Arbeit an den Kolossen, so Frank Joseph, vor mindestens zweitausend Jahren beendet! Diese Erkenntnis, von Frank Joseph im seriösen Fachblatt »Ancient American – Archaeology of the Americas before Columbus« (6) publik gemacht, hätte einschlagen müssen wie eine Bombe. Sie wird aber bis heute weitestgehend ignoriert. Verdeutlichte Frank Joseph, dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den Lehrbüchern steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.
     

Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann.

Vor über einhundert Jahren, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (*1851;†1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor. Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten. Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein!

Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (7), vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren (8) »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Seit Jahren besinnt man sich auf der Osterinsel wieder der eigenen Wurzeln. Die alten Bräuche werden wieder belebt und praktiziert. Rapanui, die alte Sprache der Insel, kommt wieder zu Ehren und wird wieder an der Schule unterrichtet. Auch die uralten Tänze werden wieder einstudiert und praktiziert. Und heutige Künstler stellen wieder die ältesten Motive in ihren Werken dar, Make Make und Vogelmänner oder Vogelmenschen.


Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf.

Was lange Zeit gering geschätzt wurde, wird wieder geachtet. Offenbar hat man den hohen Wert der eigenen Wurzeln wieder erkannt. Die alten Traditionen sind für die Menschen von »Rapa Nui« so etwas wie ein Koordinatensystem, das ihnen Orientierung bietet. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was viele Osterinsulaner heute schmerzlicher denn je vermissen, das ist Vergangenheit, die ihnen geraubt wurde.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891. Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 69, Pos. 951
(2) ebenda, Seite 69, Pos. 957
(3) https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article106814960/Die-Riesen-werden-gerettet.html (Stand 03.06.2018)
(4) Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook, »Ancient Mail Verlag Werner Betz, Groß Gerau, 1. Auflage Juli 2014, Pos. 205
(5) Ebenda, Pos. 254
(6) »Ancient American before Columbus«, Colfax, Wisconsin, USA,
Vol. 2#12, Seite 9: »Editorial: Vindication at Easter Island«
(7) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, ohne Jahresangabe
(8) Ebenda, S. 473 u. 474

Zu den Fotos
Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«. (Foto gemeinfrei)
Foto 2: »USS Mohican«. (gemeinfrei)
Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«. (gemeinfrei).
Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf. Archiv Langbein
Foto 9: Staunend steht er vor dem Haupt eines Riesen.







452 »Die Osterinsel, Ausgeburt der Hölle«,
Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.09.2018


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Sonntag, 2. September 2018

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«

Teil 450 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«

Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« schreibt in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« Konkretes zum mysteriösen »Vogelmann-Kult« (2): »Die Teilnehmer am Vogelmann-Ritual mussten versuchen, auf der kleinen Insel Motu Nui ein Ei der schwarzen Seeschwalbe zu finden. Ursprünglich hatte dieses Frühlingsfest wahrscheinlich metaphysische und religiöse Bedeutung und hing mit der Wiedergeburt und Erneuerung der Natur zusammen. In den Händen der Kriegerklasse wurde es zu einem Instrument der Beherrschung der Insel.«

Foto 2: Die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«

Dr. Lees Aussage über den Wechsel von der Ahnenverehrung zum monotheistischen »Make Make« ist Spekulation, aber durchaus logisch. Tatsächlich trifft ihre Beschreibung auf so manche Religion zu. Aus Sicht eines totalitären Herrschers ist es der Idealfall, seinen Untertanen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen aufzudrängen. Entwurzelte lassen sich am besten beherrschen. Das wusste wohl auch Konstantin der Große, als er ab 325 immer stärker das Christentum favorisierte. Dabei ist mehr als umstritten, ob Konstantin dem neuen Glauben huldigte. 

Bis zur »Mailänder Vereinbarung« im Jahr 313 wurden Christen verfolgt, ihr Vermögen konfisziert und ihre Kirchen angezündet. Das Christentum wurde zur erlaubten Religion. Die Bedeutung des Christentums wuchs und wuchs kontinuierlich. Allerdings ließ Konstantin noch anno 326 seine Frau Fausta und seinen ältesten Sohn Crispus ermorden. Es scheint so, dass der Kaiser nicht wirklich und wenn, dann nicht frühzeitig zum Christentum wechselte. Ich vermute, dass Konstantin schlicht und einfach Realpolitiker war, der die  starke Gruppe der Heiden in seinem Reich nicht verprellen wollte. Christus übernahm nach und nach die Rolle des Sonnengottes Sol.  Als Alleinherrscher wollte Konstantin schließlich seine Machtposition zementieren, seine Untertane einen, indem er massiv ein gesamtes Reich mit einem Glauben anstrebte. Als »Isapostolos« ließ er sich mit schöner »Bescheidenheit«  als »den Aposteln Gleicher« bezeichnen. 

Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«

Was wissen wir über den »Vogelmann-Kult« der Osterinsel?  Der mächtige Gott »Make Make« wurde als Retter gefeiert und verehrt, dem man es zu verdanken hatte, nicht mit der alten Heimat in den Fluten des Pazifik unterzugehen, sondern eine neue Heimat, die Osterinsel zu finden. Wir wissen, dass »Make Make« irgendwie zum »Vogelmann-Kult« gehörte. Im Zeremonialzentrum von Orongo wurde in Petroglyphen »Make Make« häufig vereint mit »Vogelmännern« gezeigt. Dabei fällt auf, dass auch Make Make manchmal wie die »Vogelmänner« als Mischwesen aus Tier und Mensch gezeigt wird. Die »Vogelmänner« scheinen oft von irgendwo in die Tiefe zu springen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Egbert Richter-Ushanas, ein Experte auf dem Gebiet der geheimnisvollen Osterinselschrift, einen Text entzifferte und übersetzte, der auf in der Fachwelt als  »Aruka Kurenga« bekannt ist (3): 

»Durch den Himmel gestürzt kam Hotu Matua von jenem Land in dieses Land, und er ließ sich nieder im Nabel des Himmels.« (4) Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es ursprünglich eine »Naturreligion« im Reich der steinernen Giganten gegeben hat. Naturerscheinungen wie Gewitter wurden den Göttern zugeschrieben. Als dann »Astronautengötter« (»Make Make« und Team) das Eiland (oder eine andere Insel in der Südsee) besuchten, hielt man sie für »Himmlische«. Auch das ist Spekulation.

Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«

Suchen wir nach harten Fakten, nach im wahrsten Sinne des Wortes steinharten Fakten. Als ich mich auf meinen ersten Besuch der Osterinsel vorbereitete, da versuchte ich so viele Informationen wie nur möglich zu sammeln. So erfuhr ich, dass die Osterinsulaner angeblich alljährlich in feierlicher Prozession zum »Rano Kau«-Vulkankegel empor zogen, um dann das »Zeremonialdorf« zu beziehen. Dort wartete man den Ausgang des Wettbewerbs »Wer bringt das erste Ei« ab. Das »Zeremonialdorf« gibt es tatsächlich. Ich muss zugeben: Als ich die steinernen Häuser sah, war ich doch mehr als nur etwas enttäuscht. 52 (oder 53) Steinhäuschen gab und gibt es. Sie sind aus flachen Natursteinplatten mörtellos gebaut. Fenster haben die Häuschen keine, nur einen Eingang Richtung Pazifik, den man freilich aus dem Inneren der Häuschen nicht sehen kann. Die »Türen« sind im Schnitt nur etwa 50 Zentimeter hoch. Da die Mauern unverhältnismäßig dick sind, muss man durch einen etwa einen halben Meter »hohen« Tunnel kriechen, um dann in einem Räumchen zu landen, das ein aufrechtes Stehen unmöglich macht. 

Alfred Métraux weiß zu berichten (5): »Die Zeremonien und Festgelage im Zusammenhang mit dem Vogelkult wurden in Orongo, an den Hängen des Rano-kao an der  Südwestspitze der Insel durchgeführt. Das »Dorf Orongo« liegt auf dem schmalen Grat, der das Meer vom Kratersee trennt. Es war vorübergehend während des jährlichen Fests bewohnt und den Rest des Jahres über verlassen.« Die Bevölkerung der Osterinsel muss mehr als überschaubar gewesen sein, wenn alle Bewohner in den kleinen Häuschen des »Orongo Dorfs« untergebracht worden sein sollen. Und Kleinwüchsigkeit wäre dann von erheblichem Vorteil gewesen.

Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen

Welchem Zweck mag das »Zeremonialdorf« gedient haben? In der lebenden Mythologie heißt es, dass in einem der Häuschen der »Vogelmann« höchstselbst hauste. Seine Ansprüche müssen mehr als bescheiden gewesen sein. Belegten Priester- und Dienerschaft die übrigen Häuschen?

Bei meinem ersten Besuch konnte ich mich noch vollkommen frei in Orongo bewegen. So bin ich auch in das eine oder das andere Häuschen gekrochen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich im Inneren einer kleinen Wohnung mit Zugängen zu Nachbarwohnungen rechts und links befunden habe. Oder bestand so eine Wohnung aus Haupt- und Nebenraum oder Nebenräumen? Ich erkundete einige Häuschen, die neben einem zentralen Raum über zwei oder drei Nebenräume verfügen. Keiner dieser Räume hatten Fenster. Das einzige Licht kam durch die winzige Tür. Die Luft war in allen Räumen stickig. Wie dem auch sei: Die Häuser boten im Inneren eher einen Korridor von unterschiedlicher Länge. Einige der Häuschen habe ich ausgemessen. Die kleineren waren fünf Meter, größere bis zu 15 Meter lang. Die Breite lag bei allen Häuschen bei etwa 2,50 Meter. Von »Höhe« kann man bei etwa 1,40 Meter nicht wirklich sprechen. Ein aufrechtes Stehen war in keinem der Räumchen möglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesen beengten Wohnungen Menschen selbst nur für kurze Zeit gelebt haben.

Foto 7: Ein Eingang
Wurden vielleicht in diesen niedrigen, schmalen Räumchen heilige Zeremonien abgehalten, die heute vollkommen in Vergessenheit geraten sind? Aufschluss könnten die bemalten Steinplatten bieten, die einst in den Innenwänden der Räumchen fest eingebaut waren. Leider sind sie geraubt worden. Sie verschwanden in Privatsammlungen, vielleicht auch in dem einen oder anderen unbedeutenden Museum.

In »Haus R 13«, so versicherten mir verschiedene, meiner Meinung nach glaubhafte Osterinsulaner, lag bis ins Jahr 1868 versteckt eine der größten Kostbarkeiten der Osterinsel: eine Statue, 2,42 Meter hoch, etwa vier Tonnen schwer, aus Basalt gemeißelt. Auf ihrer Brust, heute kaum noch zu erkennen, war einst eine Ritzzeichnung zu sehen: von einem »Vogel-Mann«, der in Schnabel und Hand je ein Ei hält. Mit einiger Fantasie hat man sie zeichnerisch rekonstruiert. Als Vorlage dienten Petroglyphen, die offenbar eine ganz ähnliche Gestalt zeigen. Ursprünglich war die Figur schwarzweiß bemalt. Basalt ist sehr viel feinporiger als beispielsweise grobporiges Trachyt, aus dem viele der Statuen bestehen. Deshalb lässt sich Basalt recht gut bemalen, im Gegensatz zu sehr viel grobporigerem Gestein.

Es geht nicht anders: der »kleine Riese« muss in seinem Häuschen gelegen haben. Gestanden haben kann er nicht bei einer Größe von 2,42 m und einer »Raumhöhe« von nur 1,40m bis 1,50 m. Vermutlich musste man die Behausung um den altehrwürdigen Moai herum gebaut haben. Durch die kleinen »Türchen« hat er sicher nicht gepasst. Und wie wurde er herausgeholt? Es gibt nur eine Lösung des Problems: Man hat ein Loch in die Wand geschlagen. 

Der »kleine Riese« heißt »Hoa haka nana ia«, zu Deutsch angeblich etwa »Gestohlener kleiner Freund«. Er wurde anno 1868 von J. Linton Palmer, seines Zeichens Arzt, entführt und nach Europa verschleppt. Er landete im Londoner »British Museum«, wo er bis heute ausgestellt wird. Eine Briefmarke zeigt das Haupt des gestohlenen »kleinen« Riesen. (Foto 8!) Seine Rückkehr zur Osterinsel wird bis heute vergeblich gefordert.  Die Chancen, dass der gestohlene Freund in seine Heimat zurückkehren darf, sind gering. (6)

Foto 8: Er wurde gestohlen.
Gering ist auch die Chance, dass Kunstwerke, die einst das »Zeremonialdorf« von Orongo zierten, jemals wieder den Osterinsulanern zurückgegeben werden. Sie wurden geraubt oder billig gekauft und verschwanden in Museen und Privatsammlungen. Anno 1882 ankerte das Kanonenboot »SMS Hyäne« vor der Osterinsel. So wie man sich das wilde Tier der »Hyäne« vorstellt, so verhielten sich die »zivilisierten« Menschen gegenüber der vermeintlich »Wilden« der Osterinsel. Sie versklavten die Menschen, raubten archäologische Kostbarkeiten und zerstörten rücksichtslos, was ihnen in den Weg kam. Wie schrieb Karl May (*1842;†1912) in seinem Roman »Und Friede auf Erden!«, erschienen anno 1904? (7) »Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

Fußnoten
(1) Veröffentlicht in Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 16-23
(3) Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000

Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst.

(4) Zu diesem Thema hielt ich am 19. August 2000, und zwar beim Jahrestreffen der dänikenschen A.A.S. in Berlin, einen Vortrag, betitelt »Das Geheimnis der amphibischen Götter«.
(5) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 331, Zwischenüberschrift »Orongo«. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Siehe hierzu…  Palmer, J. Linton: »A visit to Easter Island Or Rapa Nui, in 1868«, London 1870
(7) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Erstausgabe Freiburg 1904. Zitat aus Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe, 267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.
Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«. Foto Ingeborg Diekmann
Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Ein Eingang in eines der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Der gestohlene kleine Freund als Briefmarkenmotiv.
Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst. Foto Walter-Jörg Langbein.

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«,
Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.09.2018


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