Sonntag, 31. Juli 2016

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«

Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm
Fischkutter tuckeln aufs Meer hinaus. Wir sehen abgearbeitete, arm gekleidete Fischer. Aber die Augen der Menschen strahlen. Freudig werden wir begrüßt, wo wir Pause machen.

Hier sind wir Bleichhäutigen die Exoten. Immer wieder begegnen uns Schulklassen, die uns höflich und mit strahlendem Lächeln auf »Gruppenfotos mit Bleichgesichtern« bitten. Wir verstehen nicht, was sie sagen, aber ihre Gesten. 

Durch Meere aus Reisfeldern fahren wir, vorbei an Palmenhainen, von Kanchipuram nach Mahabalipuram. Der Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm (Foto 1) hat uns mächtig beeindruckt. Was erwartet uns in Mahabalipuram?

Auf den ersten Blick ist es nur ein ärmliches Fischerdorf. Was für ein Kontrast zur einstigen Metropole Kanchipuram. Aber warum wurde hier das größte Flachrelief der Welt mit der vom Himmel kommenden Göttin Ganga in den Stein gemeißelt? 400 Wesen – von der Maus bis zur Göttin – haben Künstler verewigt.

Wahre Künstler der Steinmetzkunst haben die fünf »Rathas« von Mahabalipuram geschaffen. Die kleinen Tempel werden auf das 7. Jahrhundert datiert, vielleicht sind sie auch älter. Jedenfalls gelten sie als die ältesten freistehenden Sakralbauten Indiens. Rathas sind aus der indischen Mythologie bekannt. Übersetzen lässt sich die Bezeichnung »Rathas« mit »himmlische Wagen«. Jedes einzelne dieser himmlischen Gefährte wurde aus dem massiven Stein gehauen. Jeder einzige besteht aus einem einzigen Monolithen. Und jeder einzelne wurde von innen ausgehöhlt und außen hat man komplexe Verzierungen eingemeißelt. Da stehen Menschen – oder sollen es Göttinnen und Götter sein? – in Türen.

Foto 2: Rathas von Mahabalipuram

Foto 3: Ratha mit Tonnendach
Einer der Fünf, der größte, trägt ein »Tonnendach« (Foto 3). Offenbar wurde er nicht mehr vollendet. Seine »Türen« sind erst nur angedeutet, auf die Gestalten darin hat man verzichtet. Immer wieder habe ich die fünf in Stein nachgebildeten »Tempelwagen« umrundet. Mir kamen die Worte von Professor Dr. Dileep Kumar Kanjilal (* 1. August 1933 in Kalkutta) in den Sinn. Der Gelehrte, wohl einer der besten Sanskritkenner Indiens, hat ein wichtiges Werk über die Flugapparate im alten Indien verfasst, es trägt den Titel: »Vimana in Ancient India«. Es basiert auf einer Reihe von seinen Vorlesungen. Julia Zimmermann hat das Werk von Prof. Kanjilal ins Deutsche übertragen. Leider erschienen sowohl das Original (1) von Prof. Kanjilal als auch die Übersetzung von Julia Zimmermann nur als Privatdrucke in bescheidenen Auflagen (2).

Prof. Kumar Kanjilal ist zur Überzeugung gelangt, dass die ältesten Tempel Indiens Nachbildungen von Raumschiffen waren, die in prähistorischen Zeiten zur Erde kamen. Im »vedischen Zeitalter« (vorsichtig datiert: 1500-1000 v.Chr.) wurden in heiligen Büchern Flugmaschinen beschrieben und in Stein als Rathas verewigt. Sind also die fünf Rathas von Mahabalipuram nichts anderes als steingewordene Abbildungen von »himmlischen Streitwagen«? Bis heute steht eine vollständige Untersuchung der ältesten Epen Indiens im Hinblick auf die Beschreibung von Weltraumtechnologie aus. Das darf und kann nicht verwundern, bedankt man die ganze Bibliotheken füllenden Texte. Die meisten davon liegen noch nicht in Übersetzungen in heutige Sprachen vor. Und viele der »Übersetzungen« wiederum sind keine Wort für Wort vorgenommenen Übertragungen in eine heutige Sprache, sondern Nacherzählungen.

Foto 4: Tiere in Stein, Himmelswagen in Stein

Prof. Kumar Kanjilal zum Verfasser (3): »Betrachten Sie die Rathas nicht nur als kleine Räume der religiösen Versammlung. Sie sollen vielmehr an eine fantastische Vergangenheit erinnern!« Mag sein, dass wir im christlichen Europa bei »Gotteshaus« nur an ein praktisches Gebäude denken, dass Gläubigen ein Dach für ihre Zusammenkünfte bietet.

Foto 5: Noch ein steinerner Ratha
Was die »fünf Rathas« von Mahabalipuram angeht, so führte ich vor Ort einige interessante Gespräche mit Archäologen, die sich leider weigerten, ihre Aussagen auf Band bannen zu lassen. Sie gaben mir aber in angeregten Unterhaltungen zu verstehen, dass so gut wie nichts wirklich als gesichertes Wissen angesehen werden kann. So mag es sein, dass die »fünf Rathas« keine »Tempel« im eigentlichen Sinn waren, sondern nur Modelle. Jedes einzelne der fünf Gebäude ist in einem anderen Stil gebaut worden. Vielleicht haben hier auch nur werde »Tempelbaumeister« geübt?

Festzustehen scheint die Vorgehensweise (4) der indischen Baumeister vor mindestens 1300 Jahren. Sie wählten ein wahres Steinmonster aus, erklommen es und begannen, sich von oben nach unten vorarbeitend, einen steinernen Himmelswagen aus dem Monolithen heraus zu meißeln. Schließlich wurde er innen komplett ausgehöhlt.

Nach einem glühend heißen Tag zu so manchem Tempel des südlichen Indien sind wir am Meer angelangt. Unsere Reiseleiterin deutet mit dem Arm hinaus. In der Dunkelheit der Nacht ist die Koromandelküste zu hören und zu sehen. Im seit Jahrtausenden unveränderten Gleichklang der Wellen ahnt man, was Ewigkeit ist. Und die weiße Gischt der Wogen zeichnet den Verlauf des Strandes in die Finsternis. Gegen Himmel und Meer zeichnet sich der »Shore Temple«, der »Küstentempel«, ab. Er hieß einst (5) bei den Seefahrern »Sieben Pagoden«. Wie kann ein einzelner Tempel direkt am Strand so genannt werden?

Foto 6: Wer schaut da raus?
Vor Ort gab’s auf diese Frage immer die gleiche Antwort: Der heute einmalige Küstentempel war einst ein kleines Teilstück eines »kilometerlangen« Komplexes von insgesamt sieben Tempeln. Sechs dieser Kultbauten wurden im Verlauf der Jahrhunderte vom Meer verschlungen!

Ähnliche Geschichten habe ich schon wiederholt auf meinen Reisen gehört. So soll es auf dem Grund des Titicacasees uralte Ruinen geben. Von Süd- nach Nordamerika: Auf dem Grund des »Rock Lake«, östlich von Madison in Wisconsin, USA, wollen Taucher Pyramiden entdeckt haben. Erstmals gab es 1900 »Sichtungen« der künstlich geschaffenen Objekte. Claude und Lee Wilson waren mit dem Boot auf dem See unterwegs und erkannten – klimatische Besonderheiten hatten den Wasserspiegel erheblich sinken lassen –  »rechteckige Strukturen«, die eindeutig künstlich waren. In den folgenden Jahrzehnten wurde es zur Gewissheit. Taucher bestätigten künstliche Bauten auf dem Grund des Sees!

Mich beeindruckt besonders ein Bericht von Victor S. Taylor aus dem Jahr 1936 (6): »Vier Pyramiden auf dem Grund des Rock Lake entdeckt. Womöglich indianischen Ursprungs, vielleicht von den Azteken gebaut.« 1937 suchte und fand Tieftauchspezialist und Rekordtaucher Max Gene Nohl. Er fuhr mit einem kleinen Boot den See ab, schleppte eine primitive Suchvorrichtung hinter sich her, die aus einem langen Seil und einem massiven Eisengewicht bestand. Präzise notierte er einen besonderen Fund auf dem Grund des Rock Lake: »Die Pyramide hat die Gestalt eines gekippten Kegels. Oben befindet sich eine kleine, quadratische Plattform, Kantenlänge 1,4 Meter. Kantenlänge am Boden 5,43 Meter. Höhe 8,83 Meter. Offenbar besteht die Konstruktion aus glatten, in Mörtel gesetzten Steinen. Sie ist weitgehend von einem grünlichen Schaum überzogen, der sich aber leicht wegkratzen lässt, zum Teil treten die Steine offen zutage, sind dem Wasser direkt ausgesetzt.«

Foto 7: Startbereit?
Zurück nach Mahabalipuram. Der Küstentempel soll kärglicher Rest einer eins riesigen Anlage mit sieben Tempeln gewesen sein? Einheimische, vorwiegend Fischer, erzählen Seltsames, ja manchmal Fantastisches. Darf man ihre Hinweise als pure Fantasiegebilde abtun, nur weil sie manchmal neugierigen Touristen gegenüber gern arg übertreiben? Darf man sachliche Hinweise auf sechs versunkene Tempel als Lügengeschichten abtun, weil sie einem nicht ins Konzept von der Vergangenheit unseres Planeten passen?

Mark Twain formulierte (8): »Die Wirklichkeit ist seltsamer als Dichtung, aber das liegt daran, dass die Dichtung sich an Wahrscheinlichkeiten halten muss, die Wirklichkeit nicht.«

Fakt ist: Auch der letzte der sieben Tempel wäre wohl längst vom Meer zerstört worden. Selbst die normale Brandung hätte ihn im Verlaufe der letzten Jahrzehnte vollkommen ausgelöscht, wenn nicht mit massivem Aufwand und unter Einsatz gewaltiger Mengen von Material Schutzmaßnahmen ergriffen worden wären. Und neueste Forschungsergebnisse beweisen: Sechs Küstentempel sind tatsächlich vom Meer verschlungen worden!

Foto 8: Der mysteriöse Küstentempel um 1915
Fußnoten

1) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Sanskrit Pustar Bhandar, Calcutta, o.J.
2) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Übersetzung aus dem Englischen von Julia Zimmermann, Bonn 1991, Archiv Langbein, Artikel-Nr. 1317b
3) Das Gespräch fand am 16. Juni 1979 statt, und zwar am Rande der Weltkonferenz der »Ancient Astronaut Society« in München. Prof. Kanjilal hielt einen vielbeachteten Vortrag. Auch ich referierte auf der Tagung. Mein Thema: »Die Sache mit den (biblischen) Urtexten«.
4) Malarvannan, Apoorva: »The Life of Mahabalipuram/ Pulsing Stories Trapped in Stone«, eBook Version 1.0 – Amazon Edition, publication date September 21 2014, Pos. 618, Pos. 674 u.a.
5) ebenda, Pos. 220
6) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, siehe Unterkapitel »Ein Paradoxon wird entdeckt« und »Wer suchet, der findet …«, Seiten 16-2. Zitat S. 17, Zeilen 6-8 von oben
7) ebenda, Seite 18
8) Twain, Mark: »Unterwegs: Aus Querkopf Wilsons Neuem Kalender«, Eulen Spiegel Verlag, S. 116

Foto 9: Der letzte Küstentempel muss geschützt werden.
Zu den Fotos

Foto 1: Der Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Rathas von Mahabalipuram. Foto wikimedia commons/ Kiwiodysee
Foto 3: Ratha mit Tonnendach. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tiere in Stein, Himmelswagen in Stein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Noch ein steinerner Ratha. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wer schaut da raus? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Startbereit? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der mysteriöse Küstentempel um 1915. Foto gemeinfrei
Foto 9: Der letzte Küstentempel muss geschützt werden. Foto Walter-Jörg Langbein

342 »Die Göttin und die sieben Tempel«,
Teil 342 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 7.08.2016


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Sonntag, 24. Juli 2016

340 »Die Göttin und die Inka«

Teil 340 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Komplex Inga Pirca

Bei meinem ersten Besuch in Inga Pirca regnete es mehr als nur in Strömen. Es schüttete sintflutartig vom Himmel. Die mysteriöse Mauer der wohl schönsten archäologischen Stätte Ecuadors erschien in düster-geheimnisvollem Licht. Nur gaben meine beiden Kameras schon nach wenigen Sekunden ihren Geist – zum Glück nur vorübergehend – auf. Zwei Tage später waren sie wieder einsatzbereit. Fotos von Inga Pirca gelangen mir dann erst bei späteren Besuchen.

Inga Pirca wird – ich meine etwas schmeichelhaft-übertrieben – gelegentlich das »Machu Picchu« von Ecuador gegriffen. Erbaut wurde die Anlage von den Cañari, nicht von den Inka. Trotzdem heißt die mysteriöse guterhaltene »Ruinenstätte« bis heute »Inka-Mauer«, eben »Inga Pirca« (Kechuansprache). Die Inka »eroberten« Inga Pirca, erwiesen sich aber als sehr human. Und das, obwohl ihnen die Kultur der Besiegten äußerst fremd war.

Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen
Das Volk der Cañari verehrte den Mond. Es war matriarchalisch orientiert. Ganz anders die Inka. Sie verehrten die Sonne, typisch für das Patriarchat. Bei meinem ersten Besuch vor Ort erfuhr ich, dass man bei archäologischen Ausgrabungen die letzte Ruhestätte einer Königin der Cañari ausfindig gemacht habe. 

Die ohne Zweifel äußerst beliebte Regentin – oder war es nur eine Fürstin – war nicht ohne Begleitung vom Diesseits ins Jenseits gewandert. Ihr hatten sich zehn Frauen angeschlossen, die mit Gift Selbstmord begangen hatten. Das geschah vor etwa 1.200 Jahren.

Die Inka »eroberten« Inga Pirca nach Art der Österreicher, nach dem Motto »Du glückliches Österreich, heirate!« Allerdings wohl erst, als der erhoffte schnelle Sieg über das kleine Völkchen nicht auf Anhieb gelang. Die vornehmen und selbstbewussten Inka-Adeligen heirateten Cañari-Prinzessinnen und besiegelten damit eine ganz besondere Allianz. Die Cañari blieben autonom. Sie behielten ihren Glauben, setzten ihr religiöses Leben fort. Sie behielten ihren Glauben an die Mond-Göttin. Das Brauchtum blieb unbeanstandet von den Inka das alte. Allerdings nahmen die Cañari die Sprache der Inka an. Sprachlich orientierten sich die zahlenmäßig weit unterlegenen Cañari den Inka an. Die Inka konnten sich von nun an auf die Cañari als treue Verbündete verlassen. Sie hatten in Inga Pirca einen strategisch äußerst wichtigen Stützpunkt und die Cañari konnten sich auf den militärischen Schutz der Inka voll und ganz verlassen.

Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Wasser spielte eine immense Rolle im religiösen Leben der Cañari. Ich bewunderte einen kurios anmutenden Stein, der eine ganze Reihe von Löchern aufwies. Waren sie natürlichen Ursprungs? Keineswegs. Sie waren sorgsam – und wie man mir vor Ort versicherte – nach wissenschaftlichen Berechnungen gebohrt worden. Wann? Vor 1.200, vielleicht 1.500 Jahren? Bei dem seltsamen Löcherstein handelt es sich um einen Mondkalender der Cañari. Die Löcher wurden mit Wasser aufgefüllt, darin spiegelten sich Mond und Sterne. So wurden die für die Cañari wichtigen Daten des Mondjahrs bestimmt. So gab es ein wirklich tolerantes Miteinander zwischen den Inka und den Cañari. Die einen huldigten weiter dem Mond und der Mondgöttin, die anderen verehrten weiter die Sonne und Götter des Patriarchats. Beide hatten ihre eigenen Zeremonien und Feiertage – und es gab gemeinsame Festivitäten.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erschienen die Inka unter Führung von Túpac Yupanqui. Gemeinsam baute man an einem »Groß Inga Pirca«, hatte wohl einen geschlossenen Gesamtkomplex im Sinn. Dazu kam es aber nicht. Das geplante Zentrum wurde nicht fertig gestellt werden. Leider kamen schon im frühen 16. Jahrhundert die ersten Spanier nach Ecuador. Pizarro tauchte 1532 mit seiner blutdurstigen Bande auf.1534 erschien Pizarros Leutnant Sebastian de Benalcazar in Quito auf. 1535 dürften Inka wie Cañari von Inga Pirca abgeschlachtet worden sein: die vermeintlich »Wilden« von den »Zivilisierten«. Die herrliche, im Aufbau befindliche Metropole zweier friedlich miteinander lebenden Religionen wurde zerstört.

Foto 4: Inka oder Präinka?

Wie groß Inga Pirca bereits war, als es von den Spaniern zerstört wurde, wir wissen es bis heute nicht. Es müssten im Umfeld der Ruinen weitere, tiefere Grabungen vorgenommen werden. Wieder einmal fehlt das Geld. Sehr gut erhalten ist der Sonnentempel, den angeblich die Inka angelegt haben. Die imposante Mauer des oval angelegten Gebäudes sieht man von weitem. Und von nahem erkennt man die unglaubliche Präzision, mit der teils massive Steine zugeschnitten und mörtellos auf-, an- und ineinander gefügt wurden.

Vom Mondtempel der Cañari ist so gut wie nichts erhalten. Es wurden lediglich nur noch Grundmauern ausfindig gemacht, die man für Reste von Bauten der Mondanbeterinnen hält. Einen kreisrunden Mondtempel hat es auch gegeben. Aber ordnet man da wirklich alle Bauten, Ruinen und Fundamente richtig zu? Ich halte es für durchaus möglich, dass es schon vor den Cañari und natürlich somit vor den Inka ein noch älteres Heiligtum gab, geschaffen von unbekannten Steinmetzen und Meistern der Baukunst, und das zu einer sehr viel früheren Zeit. Wie dem auch sei: Die Spanier machten Inga Pirca zum Steinbruch. Sie benötigten sehr viel Baumaterial für die Errichtung ihrer monumentalen Kirchen. Es grenzt schon an ein Wunder, dass überhaupt etwas von Inga Pirca übrig geblieben ist. Ein betagter grauhaariger Priester, mit dem ich in Quito sprach, behauptete: 

Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten

»Es gelang einem Inka-Fürsten die Spanier davon zu überzeugen, dass ihr Tempel von Inga Pirca nicht mehr dem heidnischen Sonnengott, sondern inzwischen dem biblischen Gott geweiht sei.« Angeblich ließ man deshalb den ovalen Tempelbau stehen. Belegen lässt sich diese kühne These nicht. Fakt ist aber – was den wenigsten Bibellesern bekannt sein dürfte – dass das »Alte Testament« eine Vielzahl von Bibelversen enthält, in denen der Gott des »Alten Testaments« als Sonne gepriesen wird.

Ein biblisches Gebet, wir finden es in Psalm 84 (1), konnte jeder »heidnische« Inka sprechen, ohne auch nur einen Millimeter von seinem Glauben abzufallen. Er hätte wohl nur den Namen seines Sonnengottes »Tayta Inti« für »Jahwe« eingesetzt: »Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. Denn Gott Jahwe ist Sonne und Schild; Jahwe gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Jahwe Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!«

Foto 6: Wasser war der Cañari heilig
Noch zu Zeiten des streng monotheistischen Jahwekults wurden im Heiligen Land auch andere Götter verehrt. Es gab mächtige Konkurrenz, zum Beispiel Baal. Prophet Elia kämpfte gegen den Baalskult. Baals-Tempel wurden immer wieder von Jahweanhängern zerstört, von Baal-Gläubigen neu errichtet, um von der Jahwe-Konkurrenz wieder zerstört zu werden. Schließlich absorbierte der Jahwekult Baal.  Ursprünglich war es Gott Baal, der »am Himmel daherfährt« oder der »auf den Wolken reitet«.

Der Himmels-Baal kann sehr wohl auf einen patriarchalischen Sonnengott zurückgehen, war vielleicht sogar selbst einer. Derlei Baals-Namen wurden im monotheistischen Judentum  einfach auf Jahwe übertragen. Bei Mose lesen wir (2): »Es ist kein Gott wie der Gott Jeschuruns (=Jahwe), der am Himmel daherfährt dir zur Hilfe und in seiner Hoheit auf den Wolken.«

Auch der Psalmist hat offensichtlich einen Sonnengott im Sinn, wenn er Jahwe wie folgt preist (3): »Lobe Jahwe, meine Seele! Jahwe, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich. Du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.«

Foto 7: Spiegel der Sterne

Religiöse Bilder ähneln sich, auch wenn das Fundamentalisten nicht wahrhaben wollen. Nach dem christlichen Glauben opfert sich der göttliche Jesus zum Wohle der Menschen und starb am Kreuz. Aztekengott »Nanauatzin«, zu Deutsch »Wolkenschlange« opferte sich ebenfalls, nur nicht am Kreuz, sondern im Feuer. Jesus stieg auf zum göttlichen Vater, der im »Alten Testament« gern mit der Sonne verglichen wird. Nanauatzin stieg empor und wurde selbst zum Sonnengott Tonatiuh, zu Deutsch »Sonne«. Als Sonnengott wurde er im tonnenschweren Kalenderstein der Azteken verewigt.

Wasser spielte eine zentrale Rolle in der Religion, in der Welt der Cañari. Es spiegelte die Sterne und ihren Lauf. Es spendete Leben, kam also von der Göttin. Es regnete vom Himmel und ließ Leben gedeihen. Es stieg wieder in den Himmel empor. Über den Göttinnen-Wasserkult der Cañari wissen wir leider kaum noch etwas. Wenn nur die Steine reden könnten, in die immer wieder komplexe Systeme von Wasserbecken geschlagen wurden. Wasserreservoirs waren das nicht, dazu fassen sie viel zu wenig Wasser.

Foto 8: Rituelles Sitzbad.
Einzelne aus dem Stein gemeißelte »Wannen« mögen als rituelle Sitzbäder gedient haben, vielleicht für die Priesterinnen zur Vorbereitung auf die heiligen Handlungen zu Ehren der Mondgöttin.

Mir scheint, dass es den Erbauern dieser Systeme in erster Linie darauf ankam, Spiegel aus Wasser zu schaffen – für die Sterne, für die Göttin. Das Wasser floss von »Becken« zu »Becken«. Man hat sich sehr große Mühe gegeben, bohrte zum Teil Röhren von »Becken« zu »Becken«, legte zum Teil offen liegende kleine Kanälchen an. Allein das schon erforderte erhebliche Fähigkeiten in Sachen Steinbearbeitung!

Uralt ist der philosophisch-religiöse Gedanke, dass sich Himmel und Erde entsprechen. 1908 wurde in Chicago das esoterische Werk »Kybalion« (4+5) veröffentlicht. Inhalt: Die »sieben hermetische Prinzipien«. Das »Prinzip der Analogie« besagt: »Wie oben, so unten; wie innen, so außen; wie der Geist, so der Körper.« Nach den hermetischen Prinzipien entsprechen die Verhältnisse im Makrokosmos des Universums dem Mikrokosmos des Individuums. Das Große spiegelt sich im Kleinen, das Kleine im Großen.

Foto 9: Der Aztekenkalender

Was mich auf vielen meiner Reisen mehr als verblüfft hat: Angeblich soll uraltes Wissen – so auch das der Cañari – allen mörderischen Maßnahmen zum Trotz – bis in unsere Tage überlebt haben. Das haben mir immer wieder christliche Priester auch in Ecuador mitgeteilt. So sollen die Cañari gewusst haben, was zum Beispiel erst im 20. Jahrhundert durch Bücher wie das »Kybalion« publik wurde. Gehört das Wissen um hermetische Gesetze dem wirklich wertvollen Weltkulturerbe an? Und sind uralte Bauwerke wie »Inga Pirca« steinernes Zeugnis des Urglaubens der ältesten Völker der Welt?


Foto 10: W-J.Langbein vor Ort
Fußnoten

1) Psalm 84, Verse 10-13
2) 5. Buch Mose Kapitel 33, Vers 26
3) Psalm 104, Verse 1-4
4) »Drei Eingeweihte«/ Atkinson, William Walker: » Kybalion - Die 7 hermetischen Gesetze: Das Original«, Hamburg 2011
5) Atkinson, William Walker: »Kybalion 2 – Die geheimen Kammern des Wissens«, Hamburg 2013

(Anmerkung: Zum Thema Kybalion gibt es umfangreiche Sekundärliteratur, auch online aus dem Internet zu beziehen. Dabei unterscheiden sich die Textquellen zum Teil erheblich. Ein fundiertes abschließendes Urteil abzugeben, das ist letztlich unmöglich.)

Zu den Fotos

Foto 1: Komplex Inga Pirca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka oder Präinka? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten (Vordergrund)
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wasser war der Cañari heilig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Spiegel der Sterne. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Rituelles Sitzbad. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Der Aztekenkalender mit dem Sonnengott im Zentrum. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Autor Walter-Jörg Langbein vor dem Sonnentempel der Inka. Foto Willi Dünnenberger

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«,
Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.07.2016


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