Sonntag, 22. Februar 2015

266 »Tod und Leben«

Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom anno 1939
Es regnet in Strömen, die Straße glänzt. Eine elegant gekleidete Dame hastet über das Pflaster. Ihr Schirm, den sie aufgespannt hat, wehrt sich wacker gegen den offenbar starken Wind. Im Hintergrund sind man – recht klein – weitere Passanten, die dem Regen trotzen. Rechts vorn steht ein Mann, vielleicht ein Polizist. Er blickt zur Dame. Und links im Bild erkennt man das Portal des Doms zu Bremen.

Die Aufnahme entstand am 16. April 1939. Seit einigen Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht. Noch ist Frieden im »Deutschen Reich«. Japan führte allerdings schon seit Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Sowjetunion um den Grenzverlauf. In Asien sterben Soldaten der »Kaiserlich Japanischen Armee« und der »Nationalrevolutionären Armee der Republik China«. Wer den »Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg« ausgelöst hat, das ist bis heute umstritten.

Zurück zum Dom von Bremen. Bereits anno 1638 stürzte der Südturm ein. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem »Handbuch und Führer« (1) fest: »Wenige Jahrzehnte später wurde die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.«

Bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahre 1901 mussten astronomische 2 800 000 Mark fast ausschließlich von der Bremer Bürgerschaft aufgebracht werden. Um den Dom zu sichern, mussten intensive Stützungsarbeiten am Fundament vorgenommen werden. Dabei wurden die als »verschollen« geltenden Gebeine von Erzbischof Liemar (verstorben 1101 n.Chr.) wieder entdeckt.

Am 16. April 1939 entstand ein Foto in Bremen. Es zeigt zur Linken den Dom, bevor er Jahre später unmittelbar vor Kriegsende massiv von den Alliierten bombardiert und wieder beschädigt, ja teilweise zerstört wurde. (Foto 1) Man erahnt die Figuren von David, Moses, Petrus und Paulus mehr als dass man sie wirklich erkennt. Und zu ihren Füßen nimmt man die metallenen Fassadenfiguren wahr. Sie stammen aus der Zeit der massiven Renovierungs- und Neubaumaßnahmen am Dom, wurden also gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, und zwar vom Bildhauer Küsthardt (2).

Schlange beißt Adler. Detail. Foto W-J.Langbein

Im Verhältnis zum rund tausendjährigen Dom sind sie also recht jung. Der Künstler, von dem keinerlei erklärende Kommentare zu den mysteriösen Monster- oder Fabeltieren vorliegen, war offensichtlich ein Kenner uralter Mythologie.

So verwendete er Symbole wie die Schlange, die das Christentum von sehr viel älteren Kulturen übernommen hatte. Die Schlange vom Dom zu Bremen ist freilich mehr Drachenmonster als das uns vertraute Reptil. Das Bremer Exemplar hat sogar Zähne im Maul, um bei Angriffen richtig zubeißen zu können. Bildhauer Küsthardt setzte die Schlange als das Symbol für das Böse ein, während die Schlange im Vorderen Orient allgemein sehr angesehen war und als personifizierte Weisheit und Erleuchtung verehrt wurde.

Schlange mit Zähnen. Detail. Foto W-J.Langbein

Die biblische Schlange versprach Adam und Eva die Unsterblichkeit der Götter. In Indien ließ sich der Schlangenkönig Vasuki herab, als Quirl zu dienen, wenn der mythische Milchozean geschlagen werden musste, um den Unsterblichkeitstrank herzustellen. Der Wunsch, wie die Götter zu werden, wurde zum Verhängnis von Adam und Eva. Bestraft wurde die Schlange, weil sie Eva verführt hatte. Gott nahm dem Reptil die Beine. Eva musste von nun an unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts schuften. In der christlichen Plastik vor dem Dom zu Bremen kämpft der Adler (Symbol für das Christentum) gegen die böse Schlange (Symbol für das Böse). Noch aber ist der Kampf nicht entschieden. Das Reptil ist zwar nieder gerungen, greift aber noch an, verbeißt sich in der Pranke des Adlers.

Das Quirlen mit der Schlange Vasuki

Wenn Sie den Dom zu Bremen besichtigen, nehmen Sie sich Zeit für die von den meisten Besuchern kaum beachteten metallenen Fassadenfiguren, die ebenerdig auf Besucher warten. Ein sehr plastisch dargestellter Kampf ist besonders interessant und rätselhaft. Suchen Sie die mittlere Figur, es ist Karl der Große. Sie finden den Regenten mittig zwischen David und Moses zur linken Seite und Petrus und Paulus zur rechten Seite. Auch Karl der Große steht, so wie seine »Kollegen« rechts und links auf kurzen Sandsteinsäulen. Die Säule von Karl dem Großen steht auf einem Podest mit einem so gar nicht christlich wirkenden Kampfgetümmel. Da ist wieder der Löwe, mit mächtigem, imposantem Haupt. Der König der Tiere hat sich im Hals eines undefinierbaren Monsters verbissen, das einen Schrei ausstößt. Noch ist dieses Wesen mit schuppigem Leib – ein Drache mag es sein – nicht besiegt.

Kampf auf Leben und Tod. Foto W-J.Langbein

Am Boden aber liegt eine seltsame Kreatur mit säulenartigem, zerbrochenem Leib. Mit einer Pranke stützt sich der Löwe auf dem Hals des besiegten und zerstörten Dings auf. Das Haupt des unterlegenen Wesens ist menschlich, doch ist das Gesicht von Stahlen umgeben.

Tür zum Dom. Foto W-J.Langbein
Niemand schien sich für die Portalfiguren zu interessieren, an denen doch jeder Besucher des Doms vorbeigehen muss. Lange Zeit hatte ich vergeblich nach Literatur zu den geheimnisvollen Tierfiguren vor dem Dom gesucht. Ich habe mir Kirchenführer, Reiseführer, Abhandlungen über Kirchen und Dome besorgt. Niemand ging auf die doch recht großen Tierplastiken ein. Nach langem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Ich fand in einem Antiquariat »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, 1921 in Bremen erschienen. Ernst Erhardt, Dombaumeister in Bremen von 1897 bis 1901 hat es verfasst. Erhardt geht, wenn auch nur kurz, auf die Metallfiguren ein, auch auf die interessanteste Darstellung an der Domfront (4):

»Die Karl den Großen tragende Säule ruht auf einem den Drachen überwältigenden Löwen, am Boden liegt ein zertrümmertes Götzenbild. Diese Darstellung deutet auf die durch Karl begonnene und durchgeführte Niederwerfung und Bekehrung der heidnischen Sachsen hin.« Ernst Erhardt bezeichnet das zertrümmerte Ding wohl richtig als besiegten Götzen, verzichtet aber auf Vermutungen, um welchen »Götzen« es sich wohl handeln mag. Eine Vermutung liegt mehr als nur nahe. Auf einer verzierten Säule saß einst ein Haupt mit Strahlen. Es dürfte sich bei dem »Götzen« also doch wohl um eine Sonnengottheit handeln.

Sterbendes Monster im Griff des Löwen. Foto W-J.Langbein

Dr. Ingrid Weibezahn fragt (5): »Was hat es aber mit dem Kopf mit Strahlenkranz auf sich, der zu Füßen von Karl dem Großen niedergestreckt liegt, hinter sich ein Ungeheuer, das von einem Löwen an der Kehle gepackt wird? Schon oft wurden wir von Dombesuchern mit Fragen zu dieser Szene bestürmt und konnten bisher nie eine passende Antwort geben.« Sie schildert in ihrem Artikel »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst« schließlich, wie sie dank eines Zufalls und mit detektivischem Spürsinn den »Götzen« identifizieren konnte.

Kurz gefasst: Vielleicht diente dem Bildhauer Küsthardt ein Gemälde von Alfred Rethel als Vorlage, das Karl den Großen zeigt, der soeben die Irminsul gestürzt hat. Vielleicht nahm sich der Künstler auch  ein Fresko aus dem Aachener Rathaus zum Vorbild. Wie dem auch sei: Die Irminsul wird als Statue mit einer Säule als Leib und einem Haupt mit Sonnen-Strahlenkranz dargestellt. Sie ist beim Sturz zerbrochen. Das Haupt liegt vor dem Leib, auch einige der »Sonnenstrahlen« sind abgeplatzt.

Zerbrochenes Götzenbild. Foto W-J.Langbein

Alfred Rethel (1816-1859) erinnert Dr. Ingrid Weibezahn an (5) »eine Überlieferung, nach der Karl der Große im Jahr 772 unweit der Eresburg im Sauerland ein Baum(?)heiligtum der Sachsen zerstört haben soll. Hier war nun der lang gesuchte ikonographische Zusammenhang: Ein Löwe als Symbol für die Stärke Karls (oder des Christentums, was hier quasi gleichbedeutend ist) zerfleischt ein heidnisches Ungeheuer, das Götzenbild mit dem Strahlenkranz (ein Bildnis des Germanengottes Baldur??) liegt bereits zerbrochen davor.«


Der Hinweis auf Baldur ist nicht nur interessant, sondern brisant! Baldur, auch Balder genannt, war der Sohn eines Gottes. Der Vater opferte den Sohn. Der Sohn stieg hinab in den Leib der Mutter Hel, in die Unterwelt. Aus der Unterwelt würde der göttliche Sohn zur Götterdämmerung wieder empor auf die Erde steigen. So wie Balders göttlicher Vater Odin, so opferte der biblische Gott-Vater seinen Sohn Jesus. Und so wie Balder hinab ins Totenreich stieg, so fuhr auch Jesus hinab ins Reich der Toten, nur um wieder aufzuerstehen. (6)

Haupt des Sonnengötzen. Foto W-J.Langbein

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es so etwas wie einen Urglauben gibt, der in mehr oder minder variierenden Versionen zum Grundstock verschiedener Religionen wurde. Es gibt zweifelsohne den immer wieder auftauchenden »Messias«, den Retter. So wie die Natur in der Trocken oder Winterzeit scheinbar »stirbt«, so akzeptiert der »Messias« seine Opferrolle bereitwillig. So wie die Vegetation, und somit die Voraussetzung für jegliches Leben dahinschwindet, so kündigt sich auch der Opfertod des Messias an. Natürlich haben unsere Vorfahren den Zusammenhang zwischen Sonne und Leben in allen möglichen Formen erkannt. Natürlich haben sie den Sonnenzyklus verstanden, sie wussten von den Sommersonnenwenden. Am 21. Juni – zur Sommersonnenwende – steht die Sonne in ihrem Zenit, um dann tagtäglich an Kraft zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass Balder als Sonnengott am 21. Juni getötet wird. Zur Wintersonnenwende wächst die Kraft der Sonne wieder, die »Wiederauferstehung« des Lebens – beginnend mit der kleinsten Pflanze – kündigt sich an. So ist es auch kein Zufall, dass fast genau zur Wintersonnenwende die Geburt von Jesus zelebriert wird.

Goldener Glanz der Sonne... Foto Walter-Jörg Langbein

So gab es die Opferung des Messias parallel zum »Sterben« der Natur und die »Auferstehung« des Messias parallel zum Wiedererstehen der Natur. Nach magischem Denken muss der Messias getötet werden, damit er zu neuem Leben erwachen kann… und mit ihm die Natur. Die Opferung des Messias hat seine Auferstehung zur Folge. Die Natur kann – nach magischem Denken – nur zu neuem Leben erwachen, wenn der Messias getötet wird, um wieder aufzuerstehen. Jesu Opfertod, Jesu Abstieg in die Unterwelt und neuerliche Auferstehung sind die christliche Version uralter Kulte um Sonnenkulte. Nach wie vor feiert man im Christentum zyklisch und alle Jahre wieder Geburt Jesu, Leben und Sterben Jesu, Auferstehung Jesu… Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder, Jahr für Jahr, so wie die Natur auch Jahr für Jahr »geboren wird«, »lebt«, »stirbt«, um wieder aufzuerstehen. Allerdings hat man im Christentum die Beziehung zwischen Messias und Natur vergessen oder verdrängt. Es geht offiziell nur noch um Leben und Auferstehung des Menschen, was durch Opfertod und Rückkehr des Messias ins Reich der Lebenden erst möglich wird.


Dank

Dr. Götz Ruempler, wohl einer der besten Kenner des Doms von Bremen, war äußerst hilfreich. Er nannte wichtige Quellen und schickte mir Fotokopien wichtiger Artikel. Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Ruempler! Ich möchte aber betonen, dass meine Gedanken zum Dom nicht mit Dr. Ruempler abgesprochen worden sind.

Paulus am Dom. Foto W-J.Langbein
Zu den Fotos:

(1) Das Foto entstand am 16. April 1939. Fotograf: unbekannt. Auf der Rückseite ist handschriftlich das Datum der Aufnahme vermerkt sowie der Hinweis »Portal des Doms u. Börse in Bremen (regnerisch)«.
(2) Das Quirlen mit der Schlange Vasuki wiki commons/ gemeinfrei

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Das Copyright liegt wie immer bei Walter-Jörg Langbein!

Fußnoten

1) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
3) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 5
4) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 5
5) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
6) Siehe hierzu Waddell, Augustine: »Tibetian Buddhism«, New York 1972

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«
Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.03.2015



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Sonntag, 15. Februar 2015

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«

Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

Es war ein verregneter Nachmittag im November gegen 15 Uhr. Düster hingen pechschwarze Wolken über dem Dom zu Bremen. Düster wirkte auch das massive Mauerwerk. Wie die Monstermauern einer mittelalterlichen Burg aus bösen Zeiten scheinen vor einem Jahrtausend massive Steine bis in den Himmel aufeinander getürmt worden zu sein. Setzten die Bauherren, die im 11. Jahrhundert den Bremer Dom St. Petri errichten ließen, eine alte Tradition fort? Wollten sie, um einige Beispiele zu nennen, so wie die Architekten von Babylon, Indien, Zentralamerika und Ägypten seit Jahrtausenden, Erde und Himmel miteinander verbinden? Wurde der Dom wie einst die Zikkurats von Babylon von christlichen Himmelsstürmern geschaffen?

Hoch oben auf der Spitze des Turms zu Babel begegneten sich vor Jahrtausenden Mensch und Gott. Im Tempel hoch oben zelebrierten Gott und Mensch die »Heilige Hochzeit«. In den ältesten Überlieferungen war es eine Göttin, die vom Himmel kam, um sich einen Irdischen als Gemahl zu erwählen. In christlichen Zeiten wurde eine derartige »heidnische« Überlieferung natürlich verabscheut, als blasphemische Unzucht verurteilt. Übersehen wird dabei allerdings, dass es diese uralte Tradition noch im »Neuen Testament« gibt (1): »Da komm die Taube vom Himmel herab und verbindet sich mit Jesus. Und es begab sich, als alles Volk sich taufen ließ und Jesus auch getauft worden war und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« Bei Markus lesen wir (2): »Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.

Wilhelm II als Karl der Große

Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.«  Selbst im Evangelium nach Johannes fehlt der Hinweis auf die himmlische Taube nicht (3): »Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.«

Die Taube war von Alters her das Sinnbild von Göttinnen wie der Venus. So lässt sich die heute merkwürdig anmutende Szene von der himmlischen Taube, die sich mit Jesus »verbindet« als Reminiszenz an den uralten Mythos der heiligen Hochzeit zwischen Göttin und auserwähltem Menschen verstehen. (4)

Löwe und Spieler. Foto Walter-Jörg Langbein

Tatsächlich fühlt man sich dem Himmel so nah, wenn man die 256 Stufen – vorbei an den vier Glocken des Geläuts – erklommen hat. 99 Meter über dem Boden erscheint einem die Hektik der Menschen weit unten auf dem Marktplatz wie das konfuse Treiben verwirrter Insekten. Anstrengend ist es, den quadratischen Südturm zu besteigen, doch der Blick nach unten und in die Ferne belohnt für die Mühen. Es lohnt sich auch, in den Bleikeller des Doms hinab zu klettern.

Adler und Eitelkeit. Foto W-J.Langbein

Der Name erklärt sich so: Einst wurden im gespenstischen Keller die Bleiplatten gelagert, die man für die Domdächer benötigte. Zufällig stieß man im unheimlichen Gewölbe auf die Mumien von neun (nach anderen Quellen sechs) Menschen. Seit 1984 befindet sich der »Bleikeller« in einem Nebengebäude des Doms zu Bremen.

Da liegt zum Beispiel Georg Bernhard von Engelbrechten (1658 bis 1730), der letzte schwedische Domverwalter. Einst glaubte man annehmen zu dürfen, dass das Gift der Bleiplatten zur Mumifizierung der Toten führte. Inzwischen weiß man aber, dass die Körper der Toten einfach nur auf natürliche Wiese austrockneten. Makaber-unheimlich mutet es an, wie ein Zimmermann, ein schwedischer General, eine schwedische Gräfin, ein englischer Major und ein Student scheinbar den ungebetenen Besucher in ihrer Gruft mustern. Es kommt dem leicht (?) beklommenen Eindringling so vor, als stützen sich die trockenen Mumien ab, um gleich aus den weit geöffneten Särgen zu klettern.

Löwe und Lüsternheit. Foto W-J.Langbein

Eine der Mumien könnte einem heutigen Horrorfilm entsprungen sein. Der männliche Tote hat den Mund wie zu einem Schrei weit aufgerissen. Man nahm lange Zeit an, dass es sich bei dem Mann um einen Dachdecker handelte, der beim Sturz vom Turm zu Tode kam. 1985 wurde die Mumie geröntgt. Es zeigte sich, dass die erstarrte Leiche keinen einzigen Knochenbruch aufwies, wohl aber eine Kugel in der Wirbelsäule. War der vermeintliche »Dachdecker« also ein Soldat, der vor Jahrhunderten erschossen wurde… oder ein Mordopfer?

Ich jedenfalls würde mich zu nächtlicher Stunde auf keinen Fall in jenen unheimlichen Keller wagen. Was dort zu sehen ist, ist wirklich makaber. Die sterblichen Überreste von sechs Menschen wurden in der Unterwelt des Doms zu Bremen gefunden. Wusste man vom natürlichen Mumifizierungsprozess, als man die Toten unter dem Dom beisetzte? Wollte man bewusst diese – etwas pietätlos formuliert –  Konservierung durch Eintrocknung der Leichen herbeiführen? So manche Frage ist bis heute nicht wirklich beantwortet worden! Hat man die Toten, sie stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten –  im Verlauf von Jahrhunderten nach und nach in die »Krypta« geschafft? Oder wurden sie aus Friedhöfen und Krypten geholt und nach und nach unter dem Dom zur letzten Ruhe gebettet?

Blick in den Bleikeller. Foto um 1900. Archiv Langbein

Wurden die Mumien zur Schau gestellt, um die Gläubigen an ihr künftiges Schicksal zu erinnern? Solle der Christ, angesichts der doch erschreckend aussehen Toten an christlichen Lebenswandel erinnert und zur Frömmigkeit angehalten werden?

Völlig unklar ist nach wie vor, wer die Toten auswählte, die in der Gruft unter dem Dom zu Bremen bestattet wurden. Ein System ist nicht zu erkennen. Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung kamen auf gruselige Weise zu besonderen »Ehren«. Dahingestellt bleiben muss, ob die Toten alle mit der Zurschaustellung einverstanden wären? Das Problem des pietätvollen Umgangs mit sterblichen Überresten von Menschen ist weltweit nicht gelöst. Genauer gesagt: Menschen, die schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Zeitliche segneten, finden sich in Vitrinen der unterschiedlichsten Museen, und das weltweit! Die eigene Großmuter oder den eigenen Urgroßvater möchte wohl kaum jemand so zur Schau gestellt sehen.

Und was hat es zu bedeuten, dass auch die Mumien eines Äffchens und einer Katze im Bleikeller von Bremen scheinbar für ewige Zeiten »konserviert« wurden? Der Stubentiger mag sich dort unten zu den Toten verirrt haben und zugrunde gegangen sein. Aber Affen gehörten zu keinem Zeitpunkt zur Population von Bremen. Waren beide Tiere Opfer experimentierfreudiger Menschen? Galt es den natürlichen Mumifizierungsprozess zu studieren? Oder waren Katze und Äffchen einst Haustiere, die seit Jahrhunderten mit ihren Menschen unter dem Dom zu Bremen auf den »Jüngsten Tag« warten?
Stolz, ja majestätisch präsentiert sich heute der Dom zu Bremen. Was viele Zeitgenossen heute nicht wissen:  Wie viele andere Gotteshäuser, so wurde auch der Dom zu Bremen offenbar von den Alliierten als kriegswichtiges Ziel angesehen.

Ziel alliierter Brandbomben... Foto W-J.Langbein

Anno 1944 wurden Brandbomben auf das altehrwürdige Gotteshaus abgeworfen, die allerdings – zum Glück – nur verhältnismäßig geringen Schaden anrichteten. Es barsten »nur« einige kostbare Scheiben der großen Kirchenfenster. Damit begnügten sich die Angreifer nur vorübergehend. Im März des Jahres 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. Mai 1945, explodierte an der Nordseite des Doms eine Sprengbombe, die große Teile einstürzen ließ. Das gesamte Gebäude war einsturzgefährdet. Schon 1945 wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um die sakrale Kostbarkeit wieder instand zu setzen. Wer denkt schon an diesen Teil der Geschichte Deutschlands, der vor dem Dom zu Bremen steht?

König David mit Harfe. Foto W-J.Langbein

Betrachten wir die Domfassade, dann fallen fünf steinerne Figuren auf. Kann man sie wie ein Buch lesen? Da blicken König David (Kennzeichen: Harfe) und Moses (Kennzeichen Gesetzestafeln und »Hörner«) vom linken Portal herab. Vom rechten Portal grüßen Petrus (Kennzeichen Schlüssel) und Paulus (Kennzeichen Schwert). In der Mitte thront Karl der Große, als steingewordene Propaganda. Bewusst wurde der Sachsenschlächter mit den Gesichtszügen Kaiser Wilhelms II. versehen. Auf diese Weise sollte der Monarch als »wiedergeborener« Karl der Große gepriesen werden.

Moses mit Gesetzestafeln. Foto W-J.Langbein

Zu Füßen der fünf Fassadenfiguren geben fünf Fassadenfiguren Rätsel auf. Die mächtigen Ungeheuer passen auf den ersten Blick nicht so recht zu einem christlichen Gotteshaus. Doch eine christliche Interpretation liegt nahe! Löwe und Adler symbolisieren das Christentum. Da brüllt ein mächtiger Löwe triumphierend über sein Opfer, das er mit mächtigen Pranken hält und zu Boden drückt. Der Mann hält Würfelbecher und Würfel in den Händen. Dargestellt werden soll offensichtlich der Sieg des Christentums über die Sünde der Spielsucht. Als Sieger wird ein Adler mit mächtigen Klauen und gewaltigem Schnabel dargestellt: über eine recht attraktive Frau. Sie hält einen Spiegel, als allegorische Darstellung der Eitelkeit und Zügellosigkeit. Nicht auf Anhieb zu verstehen ist der Löwe als Sieger über einen Bock.

Dr. Ingrid Weibezahn erklärt (5): »Mit dem Mann mit Würfeln und Würfelbecher ist wohl die Spielsucht, mit dem Bockskopf die Lüsternheit, mit der Schlange das Böse schlechthin und bei der Frau mit Spiegel die Eitelkeit gemeint«

Adler und Schlangenmonster. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein stolz dreinblickender Adler – Darstellung des siegreichen Christentums – hat eine gewaltige Schlange besiegt. Besiegt? Tatsächlich windet sich das nach wie vor kraftstrotzende Reptil noch in den mächtigen Klauen des Adlers. Es hat den Schlund weit aufgerissen und beißt mit scharfen Zähnen in eine der mächtigen Pranken des Adlers, die eher zu einem Löwen als zu einem Vogel passen. Und das Schlangemonster hat, im Gegensatz zu den in der Natur vorkommenden Artgenossen, Zähne im Maul. Die Schlange – in fast allen alten Kulturen unseres Planeten positives Symbol  – wurde erst im Christentum im sprichwörtlichen Sinne verteufelt.

Ausblick auf Folge 266... Foto W-J.Langbein
Fußnoten

(1) Evangelium nach Lukas, Kapitel 3,
Rätsel gelöst? Foto W-J.Langbein
Verse 21 und 22
(2) Evangelium nach Markus, Kapitel 1,
Verse 10 und 11
(3) Evangelium nach Johannes,
Kapitel 1, Vers 32
(4) Siehe hierzu auch – weniger deutlich –
Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 5.
Der Verfasser des Evangeliums lässt die
ursprünglich heidnische Taube weg.
(5) Weibezahn, Dr. Ingrid:
»Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«,
»Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11

266 »Tod und Leben«
Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.02.2015

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