Sonntag, 9. April 2017

377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem?«


Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mohammed und  Gabriel

Kürzlich war ich im Weserbergland im Bus unterwegs. Ich ließ die Landschaft an mir vorüberziehen, da und dort lag noch Schnee (1). Kinder rutschten auf Schlitten von abschüssigen Gärten. Mürrische Männer hackten Eis von Gehwegen, Frauen streuten Salz. Ein junger Mann setzte sich neben mich und begann Allah zu preisen. Dass ich seinen Redeschwall unbeeindruckt über mich ergehen ließ, schien ihn zu ärgern. »Du kennst doch den Erzengel Gabriel!«, fuhr er mich etwas unwirsch an.

»Nicht persönlich…«, wandte ich ein. »Scherze nur über solche Dinge! Das Lachen wird dir schon noch vergehen!«, gab der orientalisch anmutende Missionar grob zu bedenken. Er zupfte versonnen und selbstgefällig an seinem krausen Bart. »Wenn du dich nicht zu Allah bekennst, wirst du in der Hölle schmoren! Teufel werden dich in siedendes Öl werfen und mit Mistgabeln quälen!«

Foto 2: Die zur Rechten Jesu

Ich reagierte wohl anders als erwartet: »Ich bin müde, wollte eigentlich etwas schlafen…« Damit hatte ich ihm ein Stichwort frei Haus geliefert. »Du bildest dir wohl ein, einst zur Rechten von deinem Jesus zu sitzen? Du wirst schreien vor Schmerz, wenn du in der Hölle landest!« Schließlich begann der junge Mann mit missionarischem Eifer über Allah, Tag und Nacht und die Gnade des Schlafens zu schwadronieren. Er steckte er mir ein Zettelchen zu. Darauf stand zu lesen:

»Wer von euch einen schönen Traum hatte, soll wissen, er ist von Allah. Er soll dafür danken und ihn sofort anderen weitererzählen. Wenn ihr einen bösen Traum habt, ist er vom Teufel und man muss vor ihm fliehen und bei Gott Zuflucht suchen. Man soll ihn auch nicht weitererzählen, dann wird der Traum keinen Schaden zufügen können.« Eine Quelle war auch angegeben (2).

Fotos 3-6: Teufel und Engel.
»Überall ist er, der Teufel und seine Gesandten!«, gab mir der in meinen Augen reichlich aufdringliche Mann noch auf den Weg als ich ausstieg. »Auf Reklametafeln, im Freibad…« Ich stand noch einen Moment an meiner Bushaltestelle, der Bus entfernte sich. Mir kam das Tympanon im Westturm des Freiburger Münsters in den Sinn. Entstanden ist es wohl im späten 13. oder im frühen 14. Jahrhundert, also um das Jahr 1200. Es spiegelt den damaligen Volksglauben wieder, wonach es in der Welt nur so von bösen und guten Mächten wimmelt, die sich alle um den Menschen bemühen. Beide »Parteien« trachten nach der Seele von uns Menschen. Die einen wollen sie in die Hölle zerren, die anderen gen Himmel führen. Vertreter des Guten sind natürlich die Engel, die des Bösen die Teufel. Beide – Engel wie Teufel – tauchen im Figurengetümmel des Tympanons immer wieder auf. Erzengel Gabriel tritt an der Seelenwaage in der Erscheinung. Mit einfachen Mitteln ermittelt er, wer als Sünder bestraft, wer als guter Mensch belohnt wird. Er muss nicht in ein Buch des Lebens blicken, in welchem gute und böse Taten jedes einzelnen Menschen penibel dokumentiert sind.

Der Erzengel kann – so sieht es der unbekannte Künstler –  per Waage feststellen, welche Seele in den Himmel darf und welche ab ins Höllenfeuer muss. Der böse Teufel vom Tympanon wird – so zeigt es das sakrale Kunstwerk – bei einem plumpen Versuch zu tricksen ertappt. Er zerrt mit Gewalt an der Waagschale, in der eine Menschenseele hockt. Der Teufel möchte sich die Seele – salopp gesagt – unter den Nagel reißen.

Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein

Immer wieder habe ich die zahlreichen Figürchen und Figuren im Eingangsbereich des Freiburger Münsters betrachtet. Je länger ich versucht habe, die Aussagen der Darstellungen zu verstehen, desto klarer wurde mir: Eigentlich müsste man nicht Tage, sondern Wochen einplanen für einen Besuch des Freiburger Münsters, um sich auch nur einen Überblick zu verschaffen. Unklar ist, was die einzelnen Statuen und Statuetten aussagen sollen, vor allem auch, warum sie so angeordnet sind, wie wir sie vorfinden. Telefonisch befragt erklärte mir ein Mitarbeiter der katholischen Kirche von Münster:

»Vieles kennen, erkennen wir natürlich! Aber nicht alles! Wir wissen nicht bei allen Figuren, wer da dargestellt werden soll. Wir wissen schon gar nicht, ob die Anordnung der Figuren etwas aussagen soll. Wir wissen nicht, wie die Figuren ursprünglich angeordnet waren und ob sie aus welchen Gründen auch immer umgestellt wurden, auch nicht warum sie womöglich ursprünglich in ganz anderer Konstellation aufgestellt wurden!«

Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer.

Ich frage mich: Wussten die Menschen um das Jahr 1200 so viel mehr als wir heute über biblische Geschichten und Heiligenlegenden? Verstanden die, die nicht lesen konnten, ohne geschriebene Worte, was ihnen da vor Augen geführt wurde? Standen womöglich Mönche bereit, um zu erklären, was da zu sehen war? Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Aber es besteht die Gefahr, dass man Bilder völlig falsch interpretiert, wenn es keine erklärenden Worte dazu gibt. Wer – zum Beispiel – ist die mysteriöse Gestalt am Kopfende von Marias Bett im Stall von Bethlehem? Sie hält einen Kerzenständer mit mächtiger Kerze, während »Gottesmutter« Maria das erwachsen wirkende »Jesusbaby« herzt.

Foto 9: Figuren links vom Eingang.

Kunsthistoriker Guido Linke kommentiert in seinem detailreichen Werk »Freiburger Münster« (3): »Maria liegt im großzügig drapierten Kindbett. … Am Fußende sitzt der mit dem Judenhut angetane Joseph … Von den anbetenden Engeln hebt sich eine Gestalt am Kopfende des Bettes ab, die einen Kerzenleuchter trägt und durch eine Krone ausgezeichnet ist. Sie ist vielleicht als Personifizierung der das Licht der Welt anbetenden Kirche zu verstehen.«

Ist die Gestalt mit dem Kerzenständer ein Engel? Mir scheint ja! Das Haupt der Gestalt schmückt eine Krone. Ein Engel mit Krone? Wer soll das sein? Mir kommt die »Offenbarung des Johannes«, auch »Apokalypse des Johannes« genannt, in den Sinn. Da heißt es (4): »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen.«

Die »Elberfelder Bibel« (5) vermeldet einen scheinbar abweichenden Sachverhalt: »Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel: Und siehe, ein großer, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner und auf seinen Köpfen sieben Diademe hatte.« Krone oder Diadem? Eine Fußnote klärt auf: »Das Diadem, ein Stirnreif, war im Altertum das Zeichen der Königswürde.« »Hoffnung für alle« (6) erkennt »Kronen« auf den Häuptern des Drachen, ebenso die »Schlachter-Bibel« (7). Die »Neue Evangelische Übersetzung« (8) greift wiederum zum Terminus »Diadem« und erklärt in einer Fußnote: »Ein Diadem ist keine Krone sondern ein schmales Band aus Seide, Leinen oder Edelmetall, das oft mit Perlen oder Edelsteinen besetzt ist. Es symbolisiert königliche Würde und Macht.«

Foto 10: Figuren rechts vom Eingang.
Mir kommt beim Anblick des gekrönten Engels mit der Lichterkerze der Lichtbringer in den Sinn! Ich darf in Erinnerung rufen: Jesus will Satan wie einen Blitz vom Himmel stürzend gesehen haben (9): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.«  Vom »Neuen« zum »Alten Testament« Bei Jesaja heißt es über den Sturz des Königs von Babylon (10): »Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!« Jesaja bezeichnete den Herrscher von Babylon als gefallenen »Morgenstern«. Und den kannte man in der römischen Mythologie als Luzifer. Der König von Babylon trug als Zeichen seiner Würde ein Diadem oder eine Krone. Wenn wir im Stall von Bethlehem einen »Engel« sehen, der Licht bringt, kann das als Anspielung auf Luzifer gesehen werden, auf den teuflischen Lichtbringer? Wie der verteufelte König von Babylon alias Luzifer hat auch der Lichtbringer im Stall von Bethlehem eine Krone auf dem Haupt. Was aber hat Luzifer im Stall von Bethlehem zu suchen?

Jahrzehnte bereiste ich die Welt, besuchte mysteriöse Orte. Ich berichtete über erstaunliche Phänomene von Ägypten bis Vanuatu. In den vergangenen Jahren widmete ich Stätten viel Aufmerksamkeit, die ich Jahrzehnte lang leider vernachlässigt habe: Es geht mir um sakrale Bauten – von der kleinen Kapelle bis zur mächtigen Kathedrale. Ausführlich schildere ich, was es – zum Beispiel – im Münster zu Freiburg zu sehen gibt. Warum? Ich will keineswegs meine Meinung als die wahre propagieren. Ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, was mich immer wieder zum staunenden Nachdenken bringt.

Nach Vanuatu in der Südsee werden mir nur die wenigsten Leserinnen oder Leser folgen können. Doch jede Leserin, jeder Leser hat – wo auch immer in unserer Heimat – Kapellen oder Kathedralen vor der sprichwörtlichen Haustüre, die zu besuchen mehr als lohnenswert sind.


Fußnoten
1) Diesen Beitrag habe ich am 20. Januar 2017 geschrieben.
2) Sahih Al-Buchari, Band 9, Buch 87, Nr. 114
3) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 28, linke Spalte und rechte Spalte oben
4) »Offenbarung des Johannes«, Kapitel 12 Vers 3. Lutherbibel 2017
5) »Revidierte Elberfelder Bibel«, (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten
6) Ausgabe 2002
7) Genfer Bibelgesellschaft, Ausgabe 2000
8) © 2016 Karl-Heinz Vanheiden (Textstand 16 01)
9) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 10, Vers 18
10) »Prophet Jesaja« Kapitel 14, Vers 12


Fotos 11 und 12: Die 12 Apostel.

Zu den Fotos
Foto 1: Mohammed und  Gabriel (etwa 1307). Foto wikimedia public domain/  Mladifilozof
Foto 2: Die zur Rechten Jesu ... Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3-6: Teufel und Engel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Erzengel Gabriel an der Seelenwaage mit Teufeln. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der geheimnisvolle Lichtbringer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Figuren links vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Figuren rechts vom Eingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Collage aus zwei Fotos. Die 12 Apostel. Fotos Walter-Jörg Langbein

378 »Erich von Däniken zum 82.«
Teil  378 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 16.04.2017



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Sonntag, 2. April 2017

376 »Ochs‘ und Esel und das Blut des Pelikans«

Teil  376 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Freiburger Münster
Auf meinen Reisen im In- und Ausland begegneten mir immer wieder religiöse Darstellungen in Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Oft zierten sie den Eingangsbereich von Gotteshäusern aus alten Zeiten. Immer wieder bekam ich zu hören: »Diese Bildwerke waren für Menschen gedacht, die des Lesens unkundig waren. Ihnen sollte auf dem Weg der bildlichen Darstellung der christliche Glaube vermittelt werden!«

Diese Erklärungen leuchten natürlich ein. Freilich erschließt sich die Bedeutung steinerner Reliefs oder hölzerner Schnitzwerke nicht ohne weiteres von selbst. Man muss die Geschichten kennen, die dargestellt werden. Dann – und nur dann – weiß man zum Beispiel mit dem Tympanon über dem Haupteingang zum Münster von Freiburg etwas anzufangen.

Wenn da Ochs und Esel im Stall zu sehen sind, wie sie andächtig Heu fressen, während eine Frau auf einer Bettstatt liegend ein Baby liebkost, dann verstehen wir, worum es da geht: Um die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Wir erkennen das künstlerisch schön gestaltete Szenario in seiner Bedeutung, weil wir die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem kennen. Wäre sie uns unbekannt, so könnten wir mit der Bildergeschichte nichts anfangen. Mit Fantasie könnten wir sogar ganz unterschiedliche Aussagen hineininterpretieren.

Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon
Wir kennen die christliche Vorstellung, dass auf jeden Mensch nach seinem Tode das »jüngste Gericht« wartet. Die Guten gelangen in den Himmel, die Bösen kommen in die Hölle. Betrachten wir nun das Tympanon von Freiburg, so wissen wir, was da geschieht: Zur rechten Seite von Jesus schleppt ein Teufel Menschen an einer schweren Eisenkette in den Höllenschlund, das sind die Sünder, die für ihre Untaten büßen müssen. Denen zur rechten Seite Jesu geht es viel besser, das sind die Gerechten. Es müssen die Gerechten sein, sagt uns unser Wissen. Zufrieden sehen sie aus, in der Erwartung auf Belohnung für ein gutes Leben nach den Regeln des christlichen Glaubens.

In Cuzco zeigte mir ein Geistlicher den »Nebenraum« einer alten Kirche. Da verstaubte ein Ölgemälde von bemerkenswerten Ausmaßen vor sich hin. Zwei mal drei Meter mag es gemessen haben. Große Teile des Bildes waren unter einer Schmutzschicht nicht einmal mehr zu erahnen. Andere Partien hatte man »gereinigt«, so dass wieder einiges zu erkennen war. In der Mitte stand eine Art Kreuz. Zur linken Seite des »Kreuzes« hingen Menschen aufgehängt an den Ästen eines weit ausladenden Baumes. Zur rechten Seite hingegen hatte sich eine ganz andere Schar Menschen versammelt. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen auf der anderen Seite, die in Lumpen gehüllt waren, trugen sie sehr saubere, ordentliche Kleidung und sprachen fast  wie im »Schlaraffenland« allen möglichen Speisen zu.

Foto 3: Unterwegs in Cuzco
Was aber zeigte mir das Gemälde? Das »Jüngste Gericht« etwa, die Bestrafung der Sünder und Belohnung der Guten? Spielte das Geschehen im Jenseits, nach dem Tode, oder doch im Diesseits? Waren es auf der einen Seite die Inkas, die sich den Spaniern widersetzten und dafür aufgehängt wurden? Sollten dann die Menschen auf der anderen Seite die im Überfluss lebenden Inkas sein, die ihren Widerstand gegen die Eroberer aus Europa aufgegeben hatten und entsprechend belohnt wurden? Mit einem Geistlichen unterhielt ich mich kurz über das Werk. Es schien ihm Spaß zu machen. Mich zu irritieren. Dargestellt wurde womöglich etwas ganz anderes. Aber was? Schmunzelnd bot der Geistliche eine kurios anmutende Variante: »Das Geschehen spielt auf einem Kontinent, bevor er im Meer versank. Die Menschen hassten einander. Die einen lebten im Überfluss und stopften sich Taschen und Mäuler voll. Die anderen lebten in Armut und wurden für selbst kleine Vergehen mit dem Tode bestraft.«

Was mir das Gespräch mit dem Geistlichen von Cuzco verdeutlichte? Bilder ohne Worte können oft nicht nur auf eine Weise interpretiert werden. Ein Maler mag eine ganz bestimmte Aussage im Sinn gehabt haben, als er sein Werk schuf. Wer das Bild aber betrachtet, ist auf seine Fantasie angewiesen. Er erkennt, was er zu kennen meint.

Foto 4: Der Engel mit der Waage
Wenden wir uns wieder dem Tympanon in der Turmvorhalle zu. Wir picken uns eine kleine Szene heraus. Da stehen zwei Gestalten. Der eine ist unschwer als Engel zu erkennen. Er hält eine Waage. In der einen Waagschale sitzt ein Kind. In der anderen hockt ein kleines Wesen. Das Kind ist schwerer als das Wesen auf der anderen Seite, sinkt nach unten, ist also schwerer. Das Wesen ist offenbar leichter, freilich hängt sich ein Teufel an seine Waagschale und versucht, sie nach unten zu ziehen. Was ist dargestellt? Ein Engel entscheidet, ob eine Seele in den Himmel oder in die Hölle kommt. Wer als zu leicht befunden wird, hat verloren. Geht es um das »schwere Kind«, um die Seele eines Menschen? Sitzt in der anderen Waagschale ein Teufel, zerrt ein zweiter Teufel an der Waage, weil er die Seele des Kindes für sich beansprucht? Rechts neben der Waage steht ein Teufel, der zum Engel blickt. Warum faltet der Teufel die Hände wie zum Gebet?

Foto 5: Blick auf das Tympanon
Guido Linke ist Kunsthistoriker. Er lebt in Freiburg. Sein Spezialgebiet ist die historische Bauforschung.  Er kann sich kompetent zum Tympanon äußern. Ich darf zitieren (1):

»In der Mitte des Streifens ist der Erzengel Michael bei der Seelenwägung zu sehen (Foto 4). In einer Waagschale sieht man ein Menschlein, während zwei Teufelchen die andere Schale herabzusenken versuchen. Daneben steht der ob seiner zusammengelegten Hände fälschlich so genannte ›betende Teufel‹. Tatsächlich betet er nicht, er ringt die Hände, da er sieht, dass die Waagschale sich zum Guten neigt und ihm diese Seele wohl entkommen wird.«

Die Turmvorhalle des Freiburger Münsters bietet im Tympanon eine Folge von Szenen in mehreren Etagen, wobei wir die Bedeutung der meisten Bilder zu kennen meinen. Aber liegen wir mit unserer Voreingenommenheit richtig? Oder interpretieren wir in die Darstellungen hinein, was wie für richtig halten? Könnte es sein, dass die Künstler der Gotik da und dort ganz andere Vorstellungen hatten? Weil die einzelnen Teilszenen oftmals förmlich ineinander übergehen und zudem auch nicht chronologisch geordnet sind, können wir uns durchaus auch täuschen!

Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«

Im Zentrum steht das Kreuz. Es ist kaum größer als Jesus, der Gemarterte. Und es ist ganz anders gestaltet als wir das sonst aus Kirchen kennen. Der senkrecht stehende Balken ist nicht zu sehen, wird vom Körper Jesu verdeckt. Der sonst waagrecht angebrachte Querbalken erinnert an eine Irminsul, also an einen Lebensbaum. Es kommt mir so vor, als habe man Jesus an einem Baum gekreuzigt, die Arme an zwei massive Äste genagelt. Ich meine, man sieht zahlreiche Ansätze von kleinen Ästen und Zweigen, die man abgesägt hat. Über dem Haupt Jesu ist etwas auszumachen. Vor Ort in Freiburg hielt ich es für die Dornenkrone Jesu. Beim Betrachten meiner Fotos erkenne ich aber, dass es sich bei dem goldenen Flechtwerk um ein Vogelnest handelt. Ganz klar sind zwei Jungvögel im Nest zu sehen, darüber könnte ein großer Vogel verewigt worden sein.

Foto 7: Jesus und das Nest
Guido Linke erklärt (2): »Der Gekreuzigte überragt die Beistehenden und sprengt die Streifenordnung des Tympanons. Der Schädel Adams zu seinen Füßen zeigt ihn als Überwinder des Todes. Auf dem oberen Ende des Kreuzes, das mit Astansätzen als Lebensbaum gestaltet ist, sieht man ein Vogelnest. Hier wird die mittelalterliche Tierfabel vom Pelikan als christologisches Symbol eingesetzt. Nach dem Lehrbuch des Physiologus erweckt der Vogel seine toten Jungen mit seinem Blut zum Leben, indem er sich die Brust aufreißt. Ebenso habe Christus am Kreuz durch das Opfer seines Blutes für die Menschheit den Tod überwunden.«

Tatsächlich gibt es mittelalterliche Legenden, die in ihren Aussagen voneinander abweichen. Da heißt es zum Beispiel, dass »Mutter Pelikan« sich die eigene Brust aufriss, um ihre Jungen mit ihrem Blut zu füttern, sobald sie keine Nahrung mehr für die Kleinen finden konnte. Da heißt es aber auch, dass »Mutter Pelikan« mit ihrem Blut ihre toten Jungen zu neuem Leben erwecken konnte. In der christlichen Symbolik wurde Jesus zum Pelikan, der sich opfert, um die Toten aus dem Totenreich ins Leben zu holen.

Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut
In Cuzco erklärte mir »mein« Geistlicher, das Kreuz des Christentums sei vergleichbar mit einem wichtigen Maya-Symbol. Es stehe für die Unterwelt (Reich der Toten), die Welt der Lebenden und den Himmel.  Es wurzelt in der Unterwelt, Stamm und Querbalken symbolisierten die Welt in der wir leben und der darüber hinausragende senkrechte Teil verweise auf den Himmel. Ich musste an Exkursionen ins Land der Mayas denken. Auf Reisen erfuhr ich lebhafter und mehr als aus Büchern über die alte Mythologie der Mayas (3). Wichtig war ihnen der Ceibabaum. Die Maya von Yucatán verstanden ihn als Weltachse. Seine Wurzeln, die sich tief ins Erdreich graben, versinnbildlichten die Unterwelt, sein mächtiger Stamm entspricht der Welt der Lebenden und seine Krone dem Himmel. Dieses kosmische Symbol erkenne ich auch in alten Gotteshäusern des Christentums: Die Krypta steht für die Unterwelt, das Reich der Toten, das Kirchenschiff mit den Gläubigen bildet die Welt der Lebenden ab und der Turm ragt in den Himmel.

So können christliche Symbole und Bilder weit über die Grenzen einer Konfession hinaus gedeutet und verstanden werden. Die Frage ist nur, ob die Vertreter aller Religionen dazu bereit sind, die Gemeinsamkeit mit anderen Religionen zu sehen. Das könnte zu einer Verständigung zwischen den Religionen führen. Aber ist eine solche Verständigung überhaupt erwünscht? Da habe ich meine Zweifel. Gerade in unseren Tagen sieht es ganz so aus, als ob sich – speziell im Islam – radikalere Interpretationen durchsetzen, die die eigene Sichtweise zur allein gültigen erklären.


Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt

Fußnoten
1) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 29, rechte Spalte unten und Seite 30, linke
     Spalte oben
2) ebenda, Seite 31, linke Spalte oben
3) Siehe hierzu Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/
     Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994

Zu den Fotos
Foto 1:  Das Freiburger Münster - Turm. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Unterwegs in Cuzco. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4 Der Engel mit der Waage. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick auf das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Jesus und das Nest. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«


377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem«,
Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 09.04.2017


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