Samstag, 26. September 2020

558. »Golem 2120«

Teil 558 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.
(Foto: wiki commons/ public domain/ Martin Pauer).
Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert.
Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein

Schon heute können Roboter präzise und effektiv schnell und fehlerfrei Arbeiten verrichten. Roboter können beispielsweise Autos zusammensetzen, freilich nicht aus eigenem Antrieb. Allerdings müssen sie vorher entsprechend programmiert werden. Erst dann wiederholen sie bestimmte Handgriffe präzise und fehlerfrei. Vollständig überholt sind Lochstreifen, die einen tumben Roboter im wahrsten Sinne am Fließband seine konkret definierte und vorgeschriebene Arbeit verrichten lassen. Kaum moderner ist das Programmieren eines Roboters mit einem auf einer Diskette verewigten Programm.

Der tschechische Autor Karel Čapek (*1890; †1938) gilt als Erfinder des Begriffs »Roboter«. In Čapeks Theaterstück »Rossumovi Univerzální Roboti« (»Rossums Universal Roboter«) tauchen künstliche Maschinenmenschen auf, die gezüchtet werden, um statt den Menschen Arbeiten in der Industrie zu übernehmen.

Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915.

Auch wenn in Gustav Meyrinks »Der Golem«, 1915 in Leipzig erschienen, der Ausdruck »Roboter« nicht vorkommt, so handelt es sich dennoch beim »Golem« um einen Roboter, der programmiert wird. Freilich wird der Vorgang des Programmierens von »Golem« nicht mit technischen Begriffen, sondern mit mysteriöser Magie erklärt.

Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), italienischer Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker, formulierte überaus weitsichtig: »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.«

Sir Arthur C. Clarke (*1917;† 2008) blies ins gleiche Horn (1): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.« Auch Gustav Meyrink bringt Magie ins Spiel (2): »Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.«

Gott schuf nach dem biblischen Schöpfungsbericht den Menschen aus Lehm und hauchte ihm seinen Odem ein. So wurde aus der leblosen Materie der lebendige Mensch. Auch der Golem wird aus Lehm kreiert, doch nicht göttlicher Adam erweckt ihn zum Leben, sondern »ein magisches Zahlenwort«. Der Golem erstarrte freilich wieder (3) »in derselben Stunde …, in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward.« Der Golem funktioniert also nur so lange er von einem »magischen Zahlenwort« am Leben erhalten wird. Das »magische Zahlwort« entspricht dem Computerprogramm des Roboters unserer Tage.

Gustav Meyrink schien für die Laufbahn eines staubtrockenen Mitglieds der guten Gesellschaft prädestiniert zu sein. 1883 machte er sein Abitur, von 1885 bis 1888 besuchte er die »Handelsakademie in Prag«. 1889 war er zunächst Mitinhaber, dann alleiniger Inhaber des »Prager Bank- und Wechslergeschäfts Meyer & Morgenstern«. Bilanzen und Steuerrecht waren aber nicht die Welt von Gustav Meyrink. Schon 1891 gründete er mit einigen Gesinnungsgenossen die »Loge zum blauen Stern«, als Dependance der 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) ins Leben gerufenen Theosophischen Gesellschaft. Meiner Meinung nach arbeitete er sich mit Begeisterung in die geheimnisvolle Welt des Mystischen und Mysteriösen ein. Sein Roman »Der Golem« ist meiner Meinung nach eine Fundgrube versteckten Wissens der anderen Art.

Ohne Zweifel war Gustav Meyrink ein Kenner der Kabbala. Die Kabbala (andere Schreibweise Kabbalah), zu Deutsch »das Überlieferte«, ist eine magisch-mystische Lehre des Judentums, deren Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen.

Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Über den Golem lässt Meyrink vernehmen (4): »Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen – den sogenannten Golem – verfertigt haben.«

Und weiter (5): »Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hintern den Zähnen stak.«

Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Wie alt die Urgeschichte vom Golem sein mag? Meyrink lässt eine seiner Hauptpersonen, Zwakh, zugeben (6): »Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen läßt.« 

Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...«
Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915.

Alexander Wöll (*1968), Slawist und Hochschullehrer, seit Anfang 2018 Professor für »Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas« an der Universität Potsdam, fragt (7): »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?« Prof Wöll: »Der Golem steht in Konkurrenz zu Adam. Adama bezeichnet auf hebräisch ›Erde‹, also ein von der Erde genommenes Wesen, dem durch Gottes Hauch Leben und Sprache verliehen wurde. Im Gegensatz dazu meint golem seit dem 12. Jahrhundert einen stummen, minderwertigen Menschen, der ›ohne Zeugungskraft und Trieb zum Weibe‹ – allein mit Hilfe eines sprachmagischen Rituals – künstlich aus einer noch unberührten Elementar-Erde, die vor aller organischen Schöpfung vorhanden ist, erschaffen wird. Als ungefährlicher Automatenmensch in einer arabisch-antiken Erzähltradition ist der Golem ein dienender Knecht und eine Art geistloser Homunculus, der im Gegensatz zum späteren Frankenstein nicht durch naturwissenschaftliche, sondern durch religiös-rituelle Kräfte belebt wird.« Was ist aber ein programmierter Roboter anderes als ein »Automatenmensch«?

Prof. Wöll hat sorgfältiges Quellenstudium betrieben und erkennt das erstaunliche Alter der ursprünglichen Golemsage: »Die Verbindung mit der Erschaffung aus den Buchstaben läßt sich auf drei Berichte aus dem 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Diese Quellen beziehen sich ihrerseits auf das 4. Jahrhundert v. Chr. und auf die beiden Personen Jeremiah und seinen Sohn Ben Sira. Diesen ältesten Belegen zufolge wird der Golem durch Buchstabenkombinationen belebt.«

Der Golem von Prag, so ist es überliefert, wurde zur Gefahr für die Menschen, wie Gustav Meyrink in seinem Roman vermeldet (8): »Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, was ihm in den Weg gekommen.

Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe. Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm übrig als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt wird.«

In »Hüter des Gesetzes«, Folge 3 der Kultserie »Orion«, übernehmen »Golem-Roboter« das Regiment auf dem Planetoiden Pallas. Sie sperren die menschlichen Bergarbeiter in unterirdische Schächte. Den Arbeitsrobotern des Types Alpha Ce Fe gelingt es schließlich, fast die gesamte Crew der Orion, die nach dem Rechten sehen will, gefangen zu nehmen und ebenfalls in die Unterwelt des Planetoiden zu schaffen.

Roboter, die sich gegen ihre menschlichen Erbauer erheben, werden in »Hüter des Gesetzes« (Erstausstrahlung am Samstag, dem 15. Oktober 1966 um 20:15 Uhr) spannend dargestellt. Aber ist so ein Szenario überhaupt denkbar? Im Film der TV-Kultserie gelingt es, die Roboter im wahrsten Sinne des Wortes auszuschalten, so wie der Rabbi in der Golem-Legende dem Amoklauf des künstlichen Menschen ein Ende setzt. Aber wird der Mensch immer dem Roboter überlegen sein? Das glaube ich nicht.

Roboter von heute lassen sich mühelos abschalten. Das wird auch noch einige Zeit der Fall sein. Sobald aber echte künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, wird es erschreckend schnell gehen, bis der Roboter im Vergleich zum Menschen über geradezu göttlich erscheinende Allmacht verfügen wird.
  
Foto 6: Symbolbild!
Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien).
Ein und derselbe steinerne »Roboter«
in vier Variationen, farblich bearbeitet.
Collage. Original: Foto links oben und rechts
unten!


Auch wenn es um die Zukunft von Mensch und Golem-Roboter geht, bietet »Unsere Erde wird überleben.« von James Lovelock (*1919) nicht von der Hand zu weisende Überlegungen (9). Lovelock entwickelt ein Szenario, dass manche als puren Horror empfinden müssen. Sieht James Lovelock (*1919) doch tatsächlich den Jetztmenschen als Steigbügelhalter des künftigen Erdenbürgers. Für uns »Normalos« wird es dann keine Zukunft mehr geben, allenfalls – wenn überhaupt – als »Haustiere« der »Cyborgs«. Der »Cyborg«, der »Golem 2120«, wird demnach unser Nachfolger. Oder: Wir sind die Eltern einer Kreation, die keine Eltern braucht.


Fußnoten
(1) Clarke, Sir Arthur C: »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«. Quelle: »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(2) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 32, 6.-2. Zeile von unten (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(3) Ebenda, Seite 32, 1. Zeile von unten und Seite 33 1.+2. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(4) Ebenda, Seite 52, 1.-4. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(5) Ebenda, 7.-10. Zeile von oben
(6) Ebenda, Seite 53., 4.+5. Zeile von oben
(7) Wöll, Alexander: »Der Golem. Kommt der erste künstliche Mensch und Roboter aus Prag?«, Beitrag zu Marek Nekula et. Al. (Herausgeber.):
»Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik.«, München 2001, S. 235-245. (Rechtschreibung unverändert übernommen!)
(8) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Leipzig 1915, Kapitel »Prag«, Seite 52, 12.-21. Zeile von oben (Rechtschreibung von 1915 unverändert übernommen!)
(9) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992

Zu den Fotos
Foto 1: Mini-Golem als Souvenir.(wiki commons public domain Martin Pauer). Ein Golem in 4 Variationen, farblich verändert. Original: Foto 1 links oben! Collage: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Der Ursprung der Geschichte.. «. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Kein richtiger Mensch«. Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »Abends vor dem Nachtgebet...« Ausriss aus Meyrinks »Golem« von 1915. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Symbolbild! Ein »Roboter« in Stein (Tiahuanaco, Bolivien). Ein und derselbe steinerne »Roboter« in vier Variationen, farblich bearbeitet. Collage. Original: Foto links oben und rechts unten!

559. »Jenseits allen Denkens«,
Teil 559 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4. Oktober 2020



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Sonntag, 20. September 2020

557. »Frankensteins Monster und der Golem«

Teil 557 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



»Ich selber begegnete dem ›Golem‹
das erste Mal in meinem Leben
vor ungefähr dreiunddreißig Jahren.« (1)

Fotos 1 und 2:
Das »Frankenstein-Monster«.
Charles Stanton Ogle (oben)
und Boris Karloff (unten).
Wir schreiben das Jahr 1818. Am 1. Januar erscheint der Roman »Frankenstein or The Modern Prometheus« (»Frankenstein oder Der moderne Prometheus«) anonym. Verfasst hat Mary Shelley(*1797; †1851)die mysteriös-unheimliche Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein. Der Schauerroman gilt als einer der bedeutendsten britischen Romane überhaupt.

Wir schreiben das Jahr 1910. »Frankenstein« wird von den »Edison Studios« verfilmt. Regie führte J. Searle Dawley (*1877; †1949). Charles Stanton Ogle überzeugte als wahrhaft monströse Kreatur aus dem »Labor« Baron Frankensteins. Der Stummfilm galt lange Zeit als verschollen. Bekannt waren zunächst nur wenige Standfotos des Monsters aus dem »Edison-Katalog« und eine knappe Handlungsbeschreibung. In den 1950er Jahren erwarb ein US-amerikanischer Filmsammler eine Kopie des Films, ohne auch nur zu ahnen, welchen filmischen Schatz er erstanden hatte. Erst Mitte der 1970er Jahre wurde die Existenz des Films bekannt. Fast drei Jahrzehnte mussten noch vergehen, bis der Film allgemein verfügbar wurde.

Wir schreiben das Jahr 1914. Henrik Galeen (eigentlich Heinrich Wiesenberg, *1881; †1949) dreht für die »Deutsche Bioscop GmbH Berlin«) den Stummfilm »Der Golem«. Regie führt neben Heinrich Galeen Paul Wegener. Für das Drehbuch zeichnen Paul Wegener und Heinrich Galeen verantwortlich. Paul Wegener agiert auch vor der Kamera: als Golem. Der Film gilt als verschollen. Nur sehr kurze Sequenzen wurden gerettet.

Wir schreiben das Jahr 1915. Die anfängliche Begeisterung der siegestrunkenen deutschen Soldaten weicht nach und nach der Ernüchterung. Der »Erste Weltkrieg« wird immer mörderischer. Das grausame Gemetzel fordert immer mehr Tote. U-Boote sollen die Entscheidung bringen, aber der Krieg weitet sich nur aus.

Im zweiten Kriegsjahr erscheint in einer billigen Feldausgabe, die unter deutschen Soldaten verbreitet wird, der Roman »Der Golem« von Gustav Meyrink (*1868; †1932). Die Erstauflage – immerhin 100.000 Exemplare stark – ist rasch vergriffen. Gustav Meyrink wird zum allseits bekannten Bestsellerautor. Heute gilt »Der Golem« als Klassiker der phantastischen Literatur.

Foto 3: Originalausgabe von
Meyrinks Golem (1915).
Wir schreiben das Jahr 1917. Auf blutigen Schlachtfeldern wird immer noch gestorben. Der Enthusiasmus der Kriegsfreiwilligen ist geschwunden. Paul Wegener schlüpft ein zweites Mal in die Rolle des Golems. Und wieder stammt das Drehbuch von ihm, wieder führt er Regie. »Der Golem und die Tänzerin« ist freilich weniger gruselig als humoriger Filmspaß.

Wir schreiben das Jahr 1920. Zwei Jahre nach Kriegsende ist der Frieden noch nicht eingekehrt. Der Versailler Friedensvertrag wir von vielen Deutschen als unerträgliche Schmach empfunden. Die NSDAP wird gegründet.

Im Kino läuft der bekannteste »Golem«-Streifen der Reihe an: »Der Golem, wie er in die Welt kam«. Der Stummfilmklassiker, ein expressionistischer deutscher Film von Paul Wegener und Carl Boese, basiert auf dem Sagenkreis um den legendären Prager Rabbiner Judah Löw. Der dritte »Golem«-Film erzählt die Vorgeschichte des ersten.

Wir schreiben das Jahr 1931. Der erste Tonfilm nach dem Roman »Frankenstein« kommt in die Kinos. Der Schwarzweißfilm mit Boris Karloff (*1887; †1969) als »Monster« in der Titelrolle hat wenig mit Shelleys Roman zu tun. Er basiert in erster Linie auf dem Bühnenstück von Peggy Webling. Nur einige Motive aus Shelleys Roman tauchen im Film auf. Die Kreatur machte Boris Karloff, eigentlich William Henry Pratt, weltberühmt. Im Roman wie in Bühnenstück und im Film geht es um die Erschaffung von Leben.

Im »Jüdischen Museum«, Berlin, wurde mir bewusst, wie präsent der Golem auch noch im 21. Jahrhundert ist. »Der Golem lebt« wurde in einem eigenen Ausstellungsraum thematisiert. Die Ausstellung war mehr als einen Besuch wert. So zahlreich waren die Ausstellungsstücke, dass man mehrere Tage im Museum hätte verbringen können. Unbedingt ist der Katalog zur Ausstellung (2) zu empfehlen.

Der Golem und eine zweite Kreatur aus der Literatur wurden zu Ikonen der Horrorfilme: Das »Frankenstein-Monster« und die »Golem-Kreatur« stehen für den uralten menschlichen Traum, wie Gott zu werden und selbst Leben zu schaffen. Der erste Schöpfer eines »Golems« indes war Gott selbst. Im Schöpfungsbericht des »Alten Testaments« heißt es kurz und bündig (3): »Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.«

Wie die Ausführungen des »Alten Testaments« schon früh von den Rabbinern verstanden und erklärt wurden, das wurde im »Talmud« zusammengefasst. Der »Jerusalemer Talmud« entstand um 400 n.Chr., der »Babylonische Talmud« (4) etwa 200 Jahre später. In gedruckter Form erschien der »Babylonische Talmud« erstmals erst anno 1523 in der Druckerei von Daniel Bomberg. Daniel Bomberg war Christ und arbeitete 1516 bis 1539 in Venedig.

Foto 4: Meyrinks Roman »Golem« von 1915.

Im Talmud erfahren wir höchst Erstaunliches über die Erschaffung des Golem namens Adam. »Adam und Eva in Judentum, Christentum und Islam« fasst die Fülle an Informationen kurz und bündig zusammen (5): »Der erste Adam war von einer vollkommenen Schönheit und überragte mit seiner Weisheit alle anderen Geschöpfe, sogar die Engel.« Der erste Adam wird als Riese von unvorstellbarer Größe beschrieben. Wie im knappen Vers im 1. Buch Mose wird Adam aus »Staub« erschaffen, allerdings stammt nach dem Talmud die tote Materie, aus der Gott den lebenden Adam erschaffen hat, »aus allen Teilen der Erde« (6): »Sein Oberkörper bestand aus Staub aus Babylonien, sein Kopf aus Staub aus Eretz Israel, dem wichtigsten Land, und seine Glieder aus Staub aus dem Rest der Welt. In Bezug auf sein Gesäß sagt Rav Aḥa: Sie wurden aus Staub hergestellt, der Akra De'agma am Stadtrand von Babylonien entnommen wurde.«

Und weiter heißt es (7): »Rabbi Yoḥanan Bar Ḥanina sagt: Der Tag ist zwölf Stunden lang, und der Tag, an dem Adam, der erste Mann, erschaffen wurde, wurde wie folgt aufgeteilt: In der ersten Stunde des Tages wurde sein Staub gesammelt. In der zweiten wurde eine undefinierte Figur geformt. Im dritten wurden seine Glieder gestreckt. In der vierten Stunde wurde eine Seele in ihn geworfen. In der fünften stand er auf seinen Beinen. In der sechsten nannte er die Kreaturen bei den Namen, die er ihnen gab. In der siebten Stunde wurde Eva mit ihm gepaart. In der achten stiegen sie empor ins Bett als zwei und als vier stiegen sie wieder herab, das heißt Kain und Abel wurden sofort geboren. In der neunten Stunde wurde ihm (Adam) befohlen, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Im der zehnten Stunde sündigte er. In der elften wurde er gerichtet. In der zwölften Stunde wurde er vertrieben und verließ den Garten Eden, wie es heißt: ›Aber der Mensch bleibt nicht zu Ehren. Er ist wie die Tiere, die umkommen.‹«

Nach der Genesis formte Gott Adam aus toter Materie (Staub, Erde) und hauchte ihm den göttlichen Atem ein. Nach der talmudischen Legende wurde Adam als »Golem« aus toter Materie kreiert, die aus allen Regionen der Erde stammte.

Der Begriff »Golem« (hebräische Schreibwiese: גולם golem) kann auf mannigfaltige Weise übersetzt werden. »Golem« steht auch für »formlose Masse« und »ungeschlachter Mensch«.

Foto 5: Meine Eintrittskarte
für die »Golem«-Ausstellung.
Wir schreiben das Jahr 2017. 27. Januar, 11:34. Ich löse meine Eintrittskarte für die Ausstellung »Golem« im »Jüdischen Museum«, Berlin (8). Buslinie 248 hat mich pünktlich ans Ziel gebracht. Mein Besuch in der Ausstellung »Golem« glich einer fantastischen Reise in die mystische Vergangenheit und in die fantastische Zukunft.

Was ist ein »Golem«? Ein »Golem« ist eine Kreatur, erschaffen aus toter Materie. Mit rituellen Beschwörungen und magischen hebräischen Buchstabenkombinationen wird das Leblose zum Leben erweckt. Wie in Goethes »Zauberlehrling« (*1749; †1832) wird Totes lebendig gemacht und soll dem Menschen dienen. Schon das »Monster«, kreiert vom Schweizer Viktor Frankenstein zu Ingolstadt, war so ein »Golem«, mit magischer »Wissenschaft« belebte abgestorbene Materie.

Wie aber wird tote Materie lebendig? Die Anhänger der drei großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam glauben an göttliches Schaffen, die der Ersatzreligion Darwinismus an den puren Zufall und Jünger der Kabbala an Magie. Kurioser Weise ist die »magische« (9) Erklärung erstaunlich zukunftsweisend!



Fußnoten
(1) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Kapitel »Punsch«, Leipzig 1915, Kapitel »Punsch«, Seite 55, 2. und 1. Zeile von unten
(2) Bilski, Emily D. und Lüdicke, Martina (Herausgeberinnen): »Golem«, Bielefeld und Bernlin 2016, 184 Seiten mit 100 farbigen Abbildungen
(3) 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 7 (»Lutherbibel 2017«)
(4) »Der Babylonische Talmud«, erste vollständige und zensurfreie Übersetzung ins Deutsche von Lazarus Goldschmidt, zwölf Bände, Erstpublikation im »Jüdischen Verlag«, Berlin 1930-36, Neuauflage im »Jüdischen Verlag«, Frankfurt 2002.
(5) Böttrich, Christfried und Ego, Beate und Eißler, Friedmann: »Adam und Eva in Judentum, Christentum und Islam«, Göttingen 2011, Seite 61
(6) »The William Davidson Talmud Sanhedrin« 38b סנהדרין ל״ח ב, aus dem Englischen übersetzt von Walter-Jörg Langbein. Zitat im englischen Original:
»His torso was fashioned from dust taken from Babylonia, and his head was fashioned from dust taken from Eretz Yisrael, the most important land, and his limbs were fashioned from dust taken from the rest of the lands in the world. With regard to his buttocks, Rav Aḥa says: They were fashioned from dust taken from Akra De’agma, on the outskirts of Babylonia.«
(7) Ebenda. Aus dem Englischen übersetzt von Walter-Jörg Langbein
(8) Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin, Tel.: 030-25993300. Die Ausstellung ist bereits beendet.
(9) Bitte beachten... »magische«, nicht magische!



Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Das »Frankenstein-Monster«. Charles Stanton Ogle (oben) und Boris Karloff. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 3: Originalausgabe von Meyrinks Golem (1915). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Meyrinks Roman »Golem« von 1915. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Meine Eintrittskarte für die »Golem«-Ausstellung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


558. »Golem 2120«
Teil 558 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. September 2020



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