Sonntag, 2. Dezember 2018

463 »Böse Drachen, gute Drachen«

Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche

Der »Bund Sankt Michael« informiert auf seiner Internetseite » Das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes« (1) über »Symbole und Zeichen des schützenden Dienstes im Christentum« (2). Da lesen wir, kurz und bündig: »Drachen und Schlangen sind Symbole für das Böse, das alles Wertvolle sowie den Menschen und seine Seele bedroht, sowie für allgemeine Lebensbedrohung.« Wenn der Drachen so negativ gesehen wird, warum wurden dann in der Krypta der Abdinghofkirche gleich acht Drachen an einem Säulenkapitell verewigt?

Der Drachen ist in der christlichen Theologie ein Symbol für das Böse, das zu bekämpfen gilt. Drachentöter werden in der sakralen Kunst sehr häufig gezeigt: als Heroen, die böse Untiere besiegen. Belege für die böse Natur der Drachen finden sich im Alten Testament! Was selbst eifrigen Bibellesern meist verborgen bleibt: Im Alten Testament finden sich versteckte Hinweise auf Drachen aus uralten, vorbiblischen Zeiten. Ein Drachen wird gar namentlich genannt. Und der muss als böse angesehen worden sein, denn sonst hätte ihn Gott ja nicht vernichtet. Laut Bibel war dieser Drachen älter als die Schöpfung! Und er war nach Ansicht der Bibelautoren, böse!

Foto 2: Zwei der acht Drachen...

Im Buch Hiob (3) wird dieser Sachverhalt kurz angesprochen: »Durch seine Kraft hat er (Gott) das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« In der babylonischen Mythologie ist Rahab ein Meeresdrachen namens Tiamat. Tiamat aber war eine der ältesten Gottheiten überhaupt, nämlich die große Meeresgöttin. Als »Tehom« tritt die Meeresgöttin auch im »Alten Testament« auf, allerdings nur im hebräischen Original, nicht in den Übersetzungen der christlichen Interpreten. Die Übersetzer wussten mit der uralten Göttin nichts anzufangen. Sie ließen sie hinter Umschreibungen verschwinden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« So, oder so ähnlich, werden für gewöhnlich die ersten Sätze des »Alten Testaments« übersetzt. Korrekter ist die berühmte »Elberfelder Bibel«: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe.« Auch die Schlachter-Übersetzung bietet Finsternis, die über der Tiefe lag... wie auch schon die legendäre lateinische Übersetzung fast zwei Jahrtausende früher von »abyssus«, also von »Abgrund« spricht. Im hebräischen Original finden wir »Tehom«. 

Das alttestamentarische »tehom« weist auf die babylonische Meeresgöttin Tiamat, Mutter aller Götter und Göttinnen, hin! Tiamat ist noch ein weiteres Mal im Schöpfungsbericht der Bibel verborgen. Wo es in Übersetzungen heißt »Und die Erde war wüst und leer!«, da steht im Hebräischen »Tohuwabohu«, »Tohu und Bohu«. Auch »Tohu« geht auf den Meeresdrachen Tehom zurück. Mit »Bohu« könnte das männliche Pendant Behom, der männliche Erdgott, gemeint sein.

Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe?

Uralt ist die Legende vom »Drachenkönig und seinen Söhnen« in China. Wann sie zum ersten Mal erzählt wurde, das vermag niemand zu sagen. Es gab sie schon sehr, sehr lange in China, ja eigentlich schon »immer«. Waren die neun Söhne des Drachenkönigs zunächst anonym, so bekamen sie in der Ming Dynastie ihre Namen. Damals, so überliefert es die Legende, wollte der Kaiser von seinem General wissen, wie denn die Namen dieser mysteriösen Wesen lauteten. Der General wusste es nicht, erfuhr aber, dass die Namen dem Volk durchaus vertraut seien. Also machte er sich auf die Suche und fragte das Volk aus.

Wann der Drachenkönig wohl zum ersten Mal auftauchte? Das war schon viel früher, nämlich vor 6000 Jahren. Im Jahr 1970 fand man in einem Grab in der Nähe der Stadt Chifeng in der Inneren Mongolei in einem Grab eine Darstellung des Drachenkönigs, den die Entdecker Zhu Long nannten. Der Name rührt daher, dass einige Archäologen in dem mysteriösen Wesen einen Drachen (Long), andere ein Schwein (Zhu) sahen. Weil die Archäologen sich nicht auf einen Namen einigen konnten, verknüpften sie beide Bezeichnungen zu einem, zu Zhu Long. Autorenkollege und Chinaexperte Alexander Knörr schrieb mir per Mail (4): »Später dann fand man in weiten Teilen Chinas ähnliche Grabbeigaben, die alle, wie auch der erste Fund, aus der Zeit der Hong Shan Kultur und deren Ablegern stammten (9.000 bis 6.000 Jahre alt).«

Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten?

Wikipedia schreibt (5): »Das in der Mythologie Chinas häufig vorkommende Wesen (Drachen!) ist, im Gegensatz zu den europäischen Drachen, eher mit einer Gottheit als mit einem (böswilligen) Dämon zu vergleichen.« 

Ein heute noch sehr beliebter Drachenkönigssohn hatte eine spezielle Aufgabe zu erledigen. Er war – und ist –  dafür zuständig, dass die Geldströme nicht versiegen und das Einkommen ständig wächst. In China sieht man ihn als Statuette in Restaurants und anderen Geschäften. Um sich den Drachenkönigssohn gewogen zu machen, legt man Münzen um diese Statuetten. Das soll das Einkommen des Spenders steigern. Chinaexperte und Buchautor Alexander Knörr (6): »Die Schildkröte steht im Chinesischen immer für langes Leben. Sie soll in diesem Fall dem Besitzer der Figur ein langes Leben schenken, und der Sohn des Drachenkönigs ein gutes Einkommen bescheren.«

Wer genau hinsieht, wird bei »meinem« »Schildkrötendrachen« Münzen und »Schiffchen« mit einer Kugel darin erkennen. Alexander Knörr erklärte mir (7): »Bei den Schiffchen handelt es sich um eine frühe Form des chinesischen Münzgeldes. Das sogenannte Barrengeld. Während man alle normalen Einkäufe mit den runden, eckigen oder schwertförmigen Cash-Münzen bezahlte (deswegen auch der Name Cash für Geld), nahm man für größere Anschaffungen kleine Silberbarren in dieser speziellen Form.«

Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen.

In der Welt der christlichen Symbolik haben Drachen wie die Schlange im Paradies eine negative Bedeutung, in der chinesischen Mythologie häufig eine positive. Wie sind die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu verstehen? »Paderborn.de« erklärt (9)»Das östliche Kapitell verfügt über den reichsten Schmuck. Das Tierkapitell zeigt acht Drachen mit geringeltem Hinterleib, Flügeln und einem kleinen Spitzbart am Kopf. Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Im Blog »Museum in der Kaiserpfalz« (10) lesen wir etwas anderes (11): »Um die Paderquellen ranken sich Sagen und Legenden, u. a. die der Wasserdrachen. Die Krypta in der Abdinghofkirche besitzt ein Tierkapitell mit acht Drachen, welche als Metapher für die heilende Kraft der Natur die Paderquellen beschützt haben sollen und den Quellkeller bewohnen.«

Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen.

Die Säule mit den acht Drachen befindet sich ganz in der Nähe des Altars. Sie ist, das ergab meine Messung, nur 1,80 Meter hoch. An allen vier Seiten der Bündelsäule befinden sich schmale Reliefstreifen (Breite jeweils etwa 50 cm, Höhe jeweils etwa 10 cm). Ganz eindeutig sind die acht Fabelwesen als Drachen zu erkennen. Geringfügige Beschädigungen stören den Gesamteindruck nicht. So sind einige kleine Risse auszumachen. Zu erkennen sind auch, wenn man genau hinschaut, kleine Ausbesserungen. So fehlen winzige Teile der Reliefs. Auch sind an manchen Stellen die Umrisse der Drachen nur noch zu erahnen, was meiner Meinung nach für ein sehr hohes Alter der Darstellungen spricht. Unverkennbar sind die spitzen Bärte der Drachen. Sollte es sich um männliche Drachen handeln? Betrachtet man die detailreichen in den Stein geritzten Zeichnungen sehr sorgsam, so erkennt man Hinweise auf »Schuppen«, passend zu reptilienhaften Drachen.

Sollten die Quellen von Paderborn in heidnischen Zeiten als heilsam gegolten haben? Gab es einst in Paderborn ein heidnisches Quellheiligtum? Der Sage nach (12) wurden die Quellen einst von keinem Geringeren als vom höchsten Gott der heidnischen Sachsen, von Wotan alias Odin, geschaffen. Übrigens: Es gibt eine seltsame Parallele zwischen Jesus und Wotan! Nach christlichem Glauben ließ sich Jesus kreuzigen und vollzog damit ein Selbstopfer. Nach christlichem Verständnis brachte sich Gott als letztes Opfer selbst dar. So wie Jesus am Kreuz hing, so hängte sich Odin alias Wotan an den. Weltenbaum Yggdrasil.

Im »Geschichtsforum« (13) lesen wir im Kapitel »Paderborner Ortsnamen« (14): »Es gibt einige sagenhafte Hinweise auf den Fund heidnischer Opfergaben und die Quelle unter dem Gebäude der Kaiserpfalz gilt als heilig. Aber die Analyse von Sagen und Märchen hat bekanntlich ergeben, dass so ziemlich jedes Gewässer in der/den westgermanischen Religion/en als Zugang zum Jenseits galt.«»Böse« Drachen im Christentum, »gute Drachen« bei den »Alten Chinesen«.

Und welche Bedeutung haben die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu Paderborn?

Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz.

Fußnoten
(1) https://bundsanktmichael.org/kultur/ (Stand 1.10.2018)
(2) https://bundsanktmichael.org/kultur/symbole-und-zeichen/ (Stand: 1.10.2018)
(3)  Buch Hiob Kapitel 26, Vers 12
(4) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 18.5.2016, 6 Uhr 45. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Long_(Mythologie) (Stand: 1.10.2018)
(6) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 29.1.2016
20 Uhr 29. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(7) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 12.5.2016, 15 Uhr 10. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(8) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 1.10.2018)
(9) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 1.10.2018) : »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, Stichwort »Krypta«
(10) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog
(11) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog/ganz-schoen-cool-der-unterirdische-quellkeller (Stand 1.10.2018)
(12) https://www.paderborn.de/veranstaltungen/events/sagen-legenden-erzaehlungen.php (Stand 1.10.2018)
(13) http://www.geschichtsforum.de/  (Stand 1.10.2018)
(14) http://www.geschichtsforum.de/thema/paderborner-ortsnamen.52493/ (Stand 1.10.2018)

Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz)

Zu den Fotos:
Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Foto/ Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 2: 2 der 8 Drachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz). Foto Walter-Jörg Langbein

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«,
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.12.2018



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Sonntag, 25. November 2018

462 »Mysteriöse Pflanzen und gefährliche Drachen«

Teil 462 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus

Betritt man die Krypta der Abdinghofkirche, so gewöhnen sich die Augen rasch an das diffuse Licht. Von der Decke hängen an jeweils vier Ketten Leuchterschalen. Friedrich Stuhlmüller, Goldschmied und Kirchenkünstler aus Hamburg (1), hat sie 1978 geschaffen. Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Sie zeigt den Kirchenmann im Ornat mit Mitra.

Der Bischof aus Stein blickt Richtung Altar. Säulen und Pfeiler tragen das Tonnengewölbe, unterteilen die überschaubare Krypta. Sie wird zu einem dreischiffigen Raum im frühromanischen Stil (Ende 10. Jahrhunderts bis um 1070). Die starken Säulen tragen den »Himmel« der Krypta seit über einem Jahrtausend. Die Bomben, die Paderborn in Schutt und Asche legten, konnten dem unterirdischen Raum unter der Abdinghofkirche nichts anhaben. Die Krypta überstand das Bombardement, anders als so mancher Bunker.

Langsam gewöhnen sich unsere Augen an das diffuse Licht. Der Raum wirkt größer als er ist. Seine Schlichtheit macht ihn irgendwie zeitlos. Sind 500 Jahre verstrichen, als die Krypta angelegt wurde oder 1000? Oder mehr? Irgendwie scheint der Lauf der Zeit bedeutungslos geworden zu sein, hier in der Unterwelt, nur wenige Meter vom Trubel, von der Hetze auf den Plätzen und Straßen. Den Lärm des Alltags haben wir hinter uns gelassen. Dem einen fällt es leichter, dem anderen schwerer, die Ruhe zuzulassen. So eine unterirdische Krypta ist da ein guter Lehrmeister.

Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche

Wir lassen die Ruhe auf uns wirken. Wir studieren die etwa in Augenhöhe angebrachten Verzierungen an den Säulenkapitellen. Einige sind nur geglättet worden. Vielleicht hatte man vor, Ornamentik anzubringen. An anderen Kapitellen erkennen wir immer wieder blattartige Muster. Es sind nicht nur Schmuckelemente, die mehr oder minder symmetrisch die Flächen füllen. Der großformatige Führer »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn« (2) spricht von »akanthusartige(r) Pflanzensymbolik«. Die Internetseite »Symbol Attribut Allegorie« führt aus (3) dass Akanthus-Blätter schon seit der Antike in Gebäuden als weit verbreitetes Motiv anzutreffen sind. Irgendwie gelangte das Symbol »Akanthusblatt« aus Griechenland nach Europa und wurde gern im sakralen Bereich eingesetzt (4) »und zwar bevorzugt für Kapitelle im Chor einer Kirche, denn dieser birgt die Reliquien der Heiligen, denen die Auferstehung verheißen ist«.

Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell

Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen

Bevor die Reliquien der Heiligen in den allgemein zugänglichen Bereich von christlichen Gotteshäusern gelangten, wurden sie in den Krypten verwahrt. So ruhte Bischof Meinwerk ursprünglich in seinem Sarkophag in der Krypta der Abdinghofkirche. Als das Abdinghofkloster anno 1803 aufgelöst wurde, brachte man die Reliquien Meinwerks in Sicherheit und transportierte den »Seligen« in seinem Sarkophag in die Busdorfkirche. Dort befindet er sich auch heute noch im »Hohen Chor«. Die Gebeine Meinwerks wurden 1936 im Dom zu Paderborn beigesetzt. Präziser: Geht man von der Krypta des Doms gen Westen, so gelangt man in den Vorraum zur Bischofsgruft. Dieser Vorraum wurde 1935 mit Mosaik ausgestaltet, zahlreiche christliche Symbole sind da zu sehen, von der Taube (»Heiliger Geist«) zum Kelch (»Abendmahl«).

F. 7: Meinwerks Grab
In der Mitte des in himmlischem Blau gehaltenen Vorraums zur Bischofsgruft wurden die Gebeine Bischof Meinwerks unter einer massiven steinernen Grabplatte beigesetzt. Es handelt sich bei dieser kunstvoll gestalteten Grabplatte um den Original-Deckel von Meinwerks Sarkophag.

Der Sarkophag selbst befindet sich heute in der Busdorfkirche von Paderborn: natürlich leer und abgedeckt mit einem schlichten Stein. Unter dem Dom zu Paderborn wartet »der selige Meinwere« auf die Auferstehung von den Toten.

Zum christlichen Auferstehungsglauben passt das Symbol des Akanthusblatts, das sich nicht nur an Säulenkapitellen in der Krypta der Abdinghofkirche findet, es ist auch am mysteriösen Paradiestor des Doms zu sehen. Die Akanthus-Pflanze ist im Mittelmeerraum beheimatet. Akanthus-Blätter zieren korinthische Säulenkapitelle etwa ab dem 5. Jahrhundert vor Christus. Wie gelangte das Blatt in christliche Baudenkmäler? Und wie wurde das Blatt zum Symbol für Auferstehung von den Toten?

»KUNSTDIREKT.NET« vermutet (4): »Akanthus: Die symbolische Bedeutung bezieht sich wahrscheinlich auf seine Stacheln; er zeigt an, daß eine schwierige Aufgabe vollendet gelöst wurde.« So kann man die Auferstehung von den Toten als schwierige Aufgabe verstehen, die vollendet gelöst werden muss, soll sie denn auch wirklich gelingen. Christlich ist diese Vorstellung allerdings nicht. Nach christlich-theologischem Weltbild kann der Mensch nur hoffen, dass er erlöst wird. Die Auferstehung wird ihm als ein Akt der Gnade geschenkt, selbst erarbeiten kann sich der Mensch nicht die Rückkehr aus dem Reich der Toten in das der Lebenden.

Foto 8: Christliches Symbol - der Pfau.

Christliches Symbol für die Auferstehung ist der Pfau, der im Vorraum zur Bischofsgruft im Dom zu Paderborn im kunstvollen Mosaik verewigt wurde. Ein stolzer Pfau blickt auf die letzte Ruhestätte Bischof Meinwerks herab. Christlichen Ursprungs ist der Pfau als Symbol aber nicht. Schon im »Alten Griechenland« hatte er religiöse Bedeutung. Er war der Göttin Juno heilig und wurde wegen seines Rades aus Federn, das der männliche Hahn schlägt, als Sonnensymbol angesehen. Die christliche Interpretation als Symbol für die Auferstehung geht auf den älteren Plinius (* 23 oder 24; † 25. August 79) zurück, der einst beschrieb, wie der Pfau im Herbst seine Federn verliert, die ihm im Frühjahr wieder wachsen. Gerd Heinz-Mohr schreibt in seinem »Lexikon der Symbole« (5): »Hier erblickten die Christen ein Symbol der Auferstehung des Leibes. Dazu kam die Erklärung des Kirchenvaters Augustinus, daß das Fleisch des Pfau unverweslich sei. In diesem doppelten Bezug stehen die überaus zahlreichen Darstellungen des Pfau auf Katakombenfresken, Sarkophagen, Reliefplatten, Grabstelen, Epitaphien, Mosaiken.«

Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Direkt vor uns: die erste Reihe mit Kirchenbänken. Links von uns: die interessanteste Säule in der Krypta der Abdinghofkirche. Wir interessieren uns für das Kapitell dieser einen Säule. Je zwei Drachen befinden sich an jeder der vier Seiten des Säulenkapitells (Kapitell, abgeleitet vom lateinischen »capitellum«, zu Deutsch Köpfchen). Drachen in einer christlichen Kirche entsprechen so gar nicht dem christlichen Verständnis! Denken wir an den Heiligen Georg, der in unzähligen Kathedralen, Domen und Kapellen als wackerer Drachentöter dargestellt wird. Denken wir an den Erzengel Michael, der sich wie St. Georg als Drachentöter hervortat. Unverkennbar: der Drache gilt da als Symbol des Heidentums, der teuflischen Gefährdung, also als böse.

Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell.

Christliche Heilige scheinen so manchen Drachen dahingemetzelt zu haben. Die Heilige Margareta von Antiochien (*unbekannt; † um 305 n.Chr.) war eine der wenigen weiblichen Drachentöter. Die Jungfrau und Märtyrerin rückte ihrem Drachen freilich nicht mit einem Schwert oder Spieß zuleibe wie ihre männlichen Kollegen. Sie ließ sich von so einem Untier verschlingen, machte das Kreuzzeichen im Inneren des Monsters, das daraufhin zerplatzte. Die Heilige Margareta überstand die blutige Prozedur im Gegensatz zum Drachen gänzlich unversehrt.

Margareta ließ sich nicht vom christlichen Glauben abbringen. Lieber wollte sie sterben. Sie wurde, wie einige Legenden überliefern, aufs Grausamste gefoltert und blieb dennoch standhaft, bevor sie Als Märtyrerin starb. Auf diese Weise überzeugte sie zahlreiche Heiden von ihrem Glauben. Sie ließen sich ebenfalls taufen, wurden Christen.

Wir müssen uns fragen: Wieso finden sich dann in der Krypta, also dem ursprünglich Allerheiligsten, wo die Reliquien der Heiligen ruhten, gleich acht Drachen, an den vier Seiten eines Säulenkapitells sichtbar für alle angebracht?

Foto 11: Die Abdinghofkirche
Am ehesten lassen sich die Drachen in der Krypta meiner Meinung nach mit Schlangendrachen in sumerischen Darstellungen vergleichen, die bereits Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends v.Chr. auftauchen. Es sind lokale Götter, die im dritten Jahrtausend v.Chr. in mesopotamischen Texten als Drachentöter beschrieben werden. Fazit: Götter wie Helden töteten Drachen, schon Jahrtausende vor Entstehung der biblischen Texte.

Die Verfasser des apokryphen »Evangeliums des Pseudo-Matthäus« waren offensichtlich enttäuscht vom Evangelium nach Matthäus, fällt doch die Schilderung der Flucht von Maria und Joseph nebst Baby nach Ägypten recht knapp aus. Was mochte sich auf der Flucht nach Ägypten abgespielt haben? Und siehe da: Der apokryphe Text ist sehr viel ausführlicher und inhaltsreicher. Es kam demnach zu einer dramatischen Begegnung mit gefährlichen Drachen. Maria und Josef mit dem Jesusbaby und drei weitere Knaben sowie ein Mädchen suchten auf der gefährlichen Reise Unterschlupf in einer Höhle. Auf einmal (7) »krochen mehrere Drachen hervor, und bei ihrem Anblick schrien die Kinder laut vor Entsetzen. Da sprang Jesus von Marias Schoß und richtete sich auf vor den Drachen, die aber beteten ihn an.« Auch hier gelten Drachen als gefährlich, aber sie unterwerfen sich dem Jesus-Baby.

Niemand vermag zu sagen, wieso an einem Säulenkapitell in der Krypta der Abdinghofkirche viermal zwei, also acht Drachen zu sehen sind. Und nirgendwo ist dokumentiert, was diese Drachen zu bedeuten haben!

Fußnoten
(1) Die Lebensdaten von Friedrich Stuhlmüller konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Er soll bis in die 1980er Jahre ein Atelier in Hamburg geführt haben. Kunstobjekte Stuhlmüllers erfreuen sich bei Sammlern großer Beliebtheit.
(2) Ev:-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn/ Pfarrer Dr. Eckehard Düker (Hrsg.): »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn«, Paderborn 2011, keine Seitenzählung.
(3) http://baseportal.de/cgi-bin/baseportal.pl?htx=/Peter_Eckardt/Symbole&_fullsearch~~franz+otto+erich+k%FChl+geb.+am+14.09.1904&fullsearch_range=259,500000
(4) http://www.kunstdirekt.net/Symbole/symbole/sonstige.htm Stichwort »Akanthus« (Stand 23.09.2018)
(5) Heinz-Mohr, Gerd: »Lexikon der Symbole«, Stichwort »Der Pfau«, München 1988, S. 236 f. (Hinweis Rechtschreibung wurde nicht der Rechtschreibreform angepasst!)
(6) Daniel-Rops, Henri: »Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments«, Zürich 1952, S. 51-63
(7) ebenda, S. 59 ff.

Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta

Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell.Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Meinwerks Grab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pfau - christliches Symbol für Auferstehung von den Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Abdinghofkirche hat so manches Geheimnis. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Drachenmotiv nach einem Fund in Worms. Rekonstruktion und Fotomontage Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Drachenmotiv, nach einem Fund in Worms

463 »Böse Drachen, gute Drachen«,
Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.12.2018


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