Sonntag, 1. März 2015

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«

Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905
Was haben ein Maya-Tempel in Mexiko und ein romanischer Dom des christlichen Abendlandes gemeinsam?

Der berühmte »Tempel der Inschriften« von Palenque, Mexiko, wurde 690 vollendet. Auf einer Stufenpyramide thront ein Tempel. Unter der Pyramide befindet sich eine Grabkammer, die erst 1952 geöffnet wurde.

Majestätische Dome wie das jener in Bamberg wurden als »Gottesburgen« angelegt. Aber wo? Sehr häufig wählte man Stätten aus, die schon in vorchristlichen Zeiten als »heilig« angesehen wurden. Unter den Gotteshäusern wurden in der Romanik (10./ 11. Jahrhundert) Krypten angelegt, vergleichbar mit der Gruft unter dem Tempel der Inschriften.

Die christlichen unterirdischen Kammern waren streng genommen Kirchen unterhalb von Kirchen. Die Grabkammer von Palenque dürfte bei den Mayas als nicht minder heilig gegolten haben.

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque, Mexiko

In Palenque steigt man auch heute noch in die Krypta unter dem Tempel der Inschriften, so wie man auch in christlichen Gotteshäusern in Krypten gelangt. In Palenque ist klar zu erkennen, dass die unterirdische Kammer als letzte Ruhestätte für König Pakal gedacht war. Dort steht auch heute noch der kolossale Sarg des Herrschers. Die Krypten unter christlichen »Gottesburgen« dienten ursprünglich als geschützter Ort für »heilige Gebeine«. Ein Dom verstärkte durch Reliquien seine besondere Bedeutung – und Kraft. Leider lassen viele Besucher den Respekt vor den sakralen Stätten vermissen, beim Abstieg in die Krypta von Palenque sehr viel mehr als in christlichen Gotteshäusern.

Mit »heiligen Reliquien« wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Heute kann man Reliquien im Internet erwerben… oder staunend in altehrwürdigen Domen bestaunen. Anno 965, so wird überliefert, kehrte Erzbischof Adaldag von einer sehr erfolgreichen Pilgerreise nach Rom zurück. Vom Papst hatte der Kirchenmann damals sehr begehrte Reliquien zum Geschenk erhalten, nämlich die Knochen der Heiligen Kosmas und Damian. Die beiden christlichen Ärzte sollen im dritten Jahrhundert Wunder bewirkt haben, sehr zum Verdruss der Konkurrenz, und das vollkommen unentgeltlich. Besonders die Transplantation eines Beines soll unzählige Patienten vom christlichen Glauben überzeugt haben. Der römische Präfekt befahl den Tod der beiden Brüder. Sie überlebten ab diverse Versuche, sie hinzurichten. So konnten sie weder ertränkt, noch verbrannt werden. Sie ließen sich weder steinigen noch mit Pfeilen erschießen. Alle diese tödlichen Anschläge auf ihr Leben verpufften wirkungslos, bis sie schließlich enthauptet wurden.

Eingang zur »Unterwelt«

Anno 965, so wird überliefert, kamen die besonderen Reliquien nach Bremen, wurden in der Krypta des Doms eingemauert und offenbar vergessen. Erst 1334 wurden sie auf mysteriös-wundersame Weise wieder entdeckt. Romanische Krypten waren unter Kirchen angelegte Räume zur Aufbewahrung von Reliquien. Nach und nach verloren aber die alten Reliquien an Bedeutung. Der Reliquienkult aber lebte weiter, allerdings verehrte man anstatt der Märtyrer aus frühchristlicher Zeit neuzeitlichere Heilige, und das nicht mehr in den Krypten, sondern im Kirchenschiff selbst. Dort bekamen die »neuen Heiligen« eigene Altäre, in denen oftmals die verehrten Knochen für das Volk der Gläubigen zur Schau gestellt wurden. Damit verloren die Krypten ihre Bedeutung. Sie gerieten teils in Vergessenheit, teils wurden sie für recht weltliche Zwecke missbraucht. In der Ostkrypta des Doms zu Bremen wurden Bleibarren gelagert. Die Bremer waren weitsichtig. Man benötigte das Blei fürs  Domdach. Da Brände oder Stürme regelmäßig das Dach beschädigten oder zerstörten, legte man ein Bleilager in der einstigen Krypta an. Die hieß dann profan nicht mehr Krypta, sondern Bleikeller, Bleikammer oder Bleigewölbe.

An der Decke: Mumifizierte Hühner....
Nach meinen Recherchen wurden die Mumien erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts zufällig entdeckt. Von da an wurde der einstige Bleikeller zum Mumienkeller... und zur Touristenattraktion.  Im frühen 19. Jahrhundert zeigten tüchtige Kaufleute aus Bremen Interesse an der einstigen Bleikammer. Sie wollten sie als Lager für ihre Waren verwenden. Mit brachialer Gewalt wurde von außen ein Eingang in die Krypta geschlagen, um so den Kaufleuten den direkten Zugang zur gemieteten Räumlichkeit  zu ermöglichen. Die Kirche vermietete also den einst von Gebeinen von Heiligen »bewohnten« Raum gegen Bares an Kaufleute. Anno 1823 wurden die Mumien umgesiedelt, sie wurden in die »Kohlenkammer unter dem Konferenzzimmer« geschafft. Anno 1984 wurden die Mumien ein weiteres Mal in ihrer schon lange nicht mehr beschaulichen Ruhe gestört. Weil manche Besucher der Mumien offenbar  die Stille des Gotteshauses  störten, siedelte man die Mumien samt »Bleikeller« ein – bisher – letztes Mal um, nämlich in ein Nebengebäude des Doms.

Heute ist die Ostkrypta wieder ein »Ort der Stille« geworden, was ja dem Charakter des altehrwürdigen Gotteshauses mehr entspricht als ein Gruselkabinett der Mumien. Pietätvoll ist man mit den sterblichen Überresten nicht immer umgegangen. Nach meinen Recherchen sind die Mumien nicht mehr vollständig. Touristen sind ja dafür bekannt, dass sie gern Erinnerungsstücke mit in die Heimat zurück nehmen. So wurden den bedingt durch die geringe Luftfeuchtigkeit eingetrockneneten Toten ganze Haarbüschel ausgerissen und Finger abgebrochen. Einer dieser Finger und eine mumifizierte Kinderhand fanden ihren Weg nach Weimar, ins Goethehaus, als Geschenk für den Dichterfürsten.  Vergeblich hoffte man in Bremen, auf diese Weise die Neugier Goethes zu wecken. Der aber blieb Bremen fern und schenkte die makaberen Gaben seinerseits seinem Sohn August. Erst seit Ende der 1960-er Jahre sind die Mumien vor Zugriffen durch Besucher geschützt, in ihren »Schneewittchen- Särgen«.

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...

Heute ist die Ostkrypta wieder ein Ort der Andacht geworden. Das ist meiner Meinung nach auch wirklich gut so. Die mysteriöse Krypta war ja auch nie als Ausstellungsraum für Mumien gedacht, sie sollte niemals eine Art Gruselkabinett werden. Unzählige Besucher standen schaudernd vor den offenen Särgen mit den erstarrten Mumien, genossen in gruseliger Atmosphäre frei erfundene Geschichten über die Toten. Dabei wurden die eigentlichen Geheimnisse der Krypta übersehen. Erstaunliche Kunstwerke aus der Zeit der frühen Gotik – 12. Jahrhundert – fanden keine Beachtung. Unter dem Putz warteten die wahrscheinlich ältesten Malereien Bremens darauf, wieder entdeckt und fachgerecht restauriert zu werden. Wurde bis heute wirklich alles Verborgene wieder sichtbar gemacht?

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru

Unterwegs zu den großen Mysterien unseres Planeten begegneten mir immer wieder Monstermauern und Mumien. Es scheint so, als hätten alle großen Kulturen in grauer Vorzeit spielerisch mit gewaltigen Steinblöcken umgehen können. Die Kolosse wurden in Peru wie in der Türkei, auf der Osterinsel wie in Ägypten, in Bolivien wie in der Südsee bearbeitet, transportiert und oft wie Bauklötze im Riesenformat zu »Tempeln« oder wahren »Monstermauern« aufeinander getürmt. Nicht selten sehen die Steinriesen wie gegossen aus, so als habe man die Verschalungen eben abgenommen.

Mumien der Chachapoyas, Peru
 Und immer wieder begegneten mir Mumien, in den Hochanden Perus bei den Chachapoyas, den Wolkenmenschen… in Ägypten. Altehrwürdige Mumien der Chachapoyas waren aus den Begräbnisstätten an nur unter Lebensgefahr erreichbaren Steilwänden geholt worden. Sie warteten in einer Art Lagerraum in Pappkartons auf den letzten »Umzug« in ein Museum.

Die Mumien vom Dom zu Bremen sind im Vergleich dazu würdevoller untergebracht. Vor allem liegen sie nun hinter Glas und sind so vor Berührung durch pietätlose Besucher geschützt. Die Ostkrypta bietet wirklich Rätselhaftes, vor allem auf den Säulenkapitellen! Vorchristliche, also heidnische Symbole finden sich in großer Zahl. Immer wieder sehe ich, besonders im Altarbezirk der Ostkrypta an der Südwand, den Drudenfuß. Für die Druden war er heilig, die Tempelritter haben ihn übernommen und in großen Kathedralen verewigt. Der Drudenfuß – Pentagramm – gilt als magisches Zeichen. Er soll das Böse abwehren. Was ist nur schöne Ornamentik, was Symbolik? Verschmilzt da ein Ewigkeitssymbol mit dem Drudenfuß? Was haben die kleinen maskenhaften Gesichter zu bedeuten, die in Kapitelle neben rätselhafte Symbole in den Sandstein gemeißelt wurden? Sollen die Fratzen das Böse darstellen, das durch den Drudenfuß ferngehalten wird? Oder sind Seelen Verstorbener gemeint?

Schlangendrache gegen Fenriswolf

Mich interessieren besonders seltsame Tierdarstellungen. Da kämpft ein Wolf gegen ein Schlangenwesen. Hilft uns die nordische Mythologie weiter. Der Fenriswolf war das erste Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Ein weiteres Kind war die Midgardschlange. Aus der Midgardschlange wurde ein geflügelter Drache. Was hat es zu bedeuten, dass in der Krypta der Kampf zwischen den Geschwistern Fenriswolf und Midgardschlange gezeigt wird? Stellen sie das Böse da, im Gegensatz zum häufig in der Krypta dargestellten Sonnensymbol? Was hat die doppelköpfige Schlange zu bedeuten?

Die alten Kirchen und Dome Deutschlands mussten im Verlauf der letzten tausend Jahre immer wieder restauriert, oft weitestgehend neu aufgebaut werden. Was Brandkatastrophen und alle möglichen Kriege überstanden hatte, das wurde bis zum Ende des »Zweiten Weltkriegs« Ziel von Angriffen aus der Luft. Alliierte Streitkräfte verwüsteten auch Gotteshäuser. Die unterirdischen Krypten überstehen die sinnlos wütenden Kräfte der Zerstörung seit vielen Jahrhunderten. Die Ostkrypta des Doms zu Bremen sieht heute wohl genauso aus wie vor einem Jahrtausend. In dieser »Unterwelt« atmet man den Geist der Ewigkeit. Könnte man nur die Symbole in dieser Unterwelt wie ein Buch lesen....

Anmerkung

Die Geschichte der »Dom-Mumien« ist teils widersprüchlich überliefert, teils spekulativ oder frei erfunden. Die historischen Hintergründe, die die Geschichte der »Dom-Mumien« immer wieder massiv beeinflusst haben, sind zu komplex, um in einem Artikel hinreichend gewürdigt zu werden. Wirklich exakt-konkretes Wissen über die »Dom-Mumien« gibt es weitestgehend keines. Um die unheimliche Attraktion für Besucher interessanter zu machen, wurde viel erfunden.

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«...
Fotos

Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905 -
Vermutlich handkolirierte Aufnahme, um
1905. Archiv Walter-Jörg Langbein

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque,
Mexiko - Foto Walter-Jörg Langbein

Eingang zur »Unterwelt« -
Archiv Walter-Jörg Langbein

An der Decke: Mumifizierte Hühner.... Aufnahme um 1900. ArchivWalter-Jörg Langbein

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...:
historische Aufnahme, Archiv Walter-Jörg Langbein

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Mumien der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Schlangendrache gegen Fenriswolf - Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«... - Foto Walter-Jörg Langbein

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«,
Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.03.2015


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Sonntag, 22. Februar 2015

266 »Tod und Leben«

Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom anno 1939
Es regnet in Strömen, die Straße glänzt. Eine elegant gekleidete Dame hastet über das Pflaster. Ihr Schirm, den sie aufgespannt hat, wehrt sich wacker gegen den offenbar starken Wind. Im Hintergrund sind man – recht klein – weitere Passanten, die dem Regen trotzen. Rechts vorn steht ein Mann, vielleicht ein Polizist. Er blickt zur Dame. Und links im Bild erkennt man das Portal des Doms zu Bremen.

Die Aufnahme entstand am 16. April 1939. Seit einigen Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht. Noch ist Frieden im »Deutschen Reich«. Japan führte allerdings schon seit Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Sowjetunion um den Grenzverlauf. In Asien sterben Soldaten der »Kaiserlich Japanischen Armee« und der »Nationalrevolutionären Armee der Republik China«. Wer den »Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg« ausgelöst hat, das ist bis heute umstritten.

Zurück zum Dom von Bremen. Bereits anno 1638 stürzte der Südturm ein. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem »Handbuch und Führer« (1) fest: »Wenige Jahrzehnte später wurde die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.«

Bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahre 1901 mussten astronomische 2 800 000 Mark fast ausschließlich von der Bremer Bürgerschaft aufgebracht werden. Um den Dom zu sichern, mussten intensive Stützungsarbeiten am Fundament vorgenommen werden. Dabei wurden die als »verschollen« geltenden Gebeine von Erzbischof Liemar (verstorben 1101 n.Chr.) wieder entdeckt.

Am 16. April 1939 entstand ein Foto in Bremen. Es zeigt zur Linken den Dom, bevor er Jahre später unmittelbar vor Kriegsende massiv von den Alliierten bombardiert und wieder beschädigt, ja teilweise zerstört wurde. (Foto 1) Man erahnt die Figuren von David, Moses, Petrus und Paulus mehr als dass man sie wirklich erkennt. Und zu ihren Füßen nimmt man die metallenen Fassadenfiguren wahr. Sie stammen aus der Zeit der massiven Renovierungs- und Neubaumaßnahmen am Dom, wurden also gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, und zwar vom Bildhauer Küsthardt (2).

Schlange beißt Adler. Detail. Foto W-J.Langbein

Im Verhältnis zum rund tausendjährigen Dom sind sie also recht jung. Der Künstler, von dem keinerlei erklärende Kommentare zu den mysteriösen Monster- oder Fabeltieren vorliegen, war offensichtlich ein Kenner uralter Mythologie.

So verwendete er Symbole wie die Schlange, die das Christentum von sehr viel älteren Kulturen übernommen hatte. Die Schlange vom Dom zu Bremen ist freilich mehr Drachenmonster als das uns vertraute Reptil. Das Bremer Exemplar hat sogar Zähne im Maul, um bei Angriffen richtig zubeißen zu können. Bildhauer Küsthardt setzte die Schlange als das Symbol für das Böse ein, während die Schlange im Vorderen Orient allgemein sehr angesehen war und als personifizierte Weisheit und Erleuchtung verehrt wurde.

Schlange mit Zähnen. Detail. Foto W-J.Langbein

Die biblische Schlange versprach Adam und Eva die Unsterblichkeit der Götter. In Indien ließ sich der Schlangenkönig Vasuki herab, als Quirl zu dienen, wenn der mythische Milchozean geschlagen werden musste, um den Unsterblichkeitstrank herzustellen. Der Wunsch, wie die Götter zu werden, wurde zum Verhängnis von Adam und Eva. Bestraft wurde die Schlange, weil sie Eva verführt hatte. Gott nahm dem Reptil die Beine. Eva musste von nun an unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts schuften. In der christlichen Plastik vor dem Dom zu Bremen kämpft der Adler (Symbol für das Christentum) gegen die böse Schlange (Symbol für das Böse). Noch aber ist der Kampf nicht entschieden. Das Reptil ist zwar nieder gerungen, greift aber noch an, verbeißt sich in der Pranke des Adlers.

Das Quirlen mit der Schlange Vasuki

Wenn Sie den Dom zu Bremen besichtigen, nehmen Sie sich Zeit für die von den meisten Besuchern kaum beachteten metallenen Fassadenfiguren, die ebenerdig auf Besucher warten. Ein sehr plastisch dargestellter Kampf ist besonders interessant und rätselhaft. Suchen Sie die mittlere Figur, es ist Karl der Große. Sie finden den Regenten mittig zwischen David und Moses zur linken Seite und Petrus und Paulus zur rechten Seite. Auch Karl der Große steht, so wie seine »Kollegen« rechts und links auf kurzen Sandsteinsäulen. Die Säule von Karl dem Großen steht auf einem Podest mit einem so gar nicht christlich wirkenden Kampfgetümmel. Da ist wieder der Löwe, mit mächtigem, imposantem Haupt. Der König der Tiere hat sich im Hals eines undefinierbaren Monsters verbissen, das einen Schrei ausstößt. Noch ist dieses Wesen mit schuppigem Leib – ein Drache mag es sein – nicht besiegt.

Kampf auf Leben und Tod. Foto W-J.Langbein

Am Boden aber liegt eine seltsame Kreatur mit säulenartigem, zerbrochenem Leib. Mit einer Pranke stützt sich der Löwe auf dem Hals des besiegten und zerstörten Dings auf. Das Haupt des unterlegenen Wesens ist menschlich, doch ist das Gesicht von Stahlen umgeben.

Tür zum Dom. Foto W-J.Langbein
Niemand schien sich für die Portalfiguren zu interessieren, an denen doch jeder Besucher des Doms vorbeigehen muss. Lange Zeit hatte ich vergeblich nach Literatur zu den geheimnisvollen Tierfiguren vor dem Dom gesucht. Ich habe mir Kirchenführer, Reiseführer, Abhandlungen über Kirchen und Dome besorgt. Niemand ging auf die doch recht großen Tierplastiken ein. Nach langem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Ich fand in einem Antiquariat »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, 1921 in Bremen erschienen. Ernst Erhardt, Dombaumeister in Bremen von 1897 bis 1901 hat es verfasst. Erhardt geht, wenn auch nur kurz, auf die Metallfiguren ein, auch auf die interessanteste Darstellung an der Domfront (4):

»Die Karl den Großen tragende Säule ruht auf einem den Drachen überwältigenden Löwen, am Boden liegt ein zertrümmertes Götzenbild. Diese Darstellung deutet auf die durch Karl begonnene und durchgeführte Niederwerfung und Bekehrung der heidnischen Sachsen hin.« Ernst Erhardt bezeichnet das zertrümmerte Ding wohl richtig als besiegten Götzen, verzichtet aber auf Vermutungen, um welchen »Götzen« es sich wohl handeln mag. Eine Vermutung liegt mehr als nur nahe. Auf einer verzierten Säule saß einst ein Haupt mit Strahlen. Es dürfte sich bei dem »Götzen« also doch wohl um eine Sonnengottheit handeln.

Sterbendes Monster im Griff des Löwen. Foto W-J.Langbein

Dr. Ingrid Weibezahn fragt (5): »Was hat es aber mit dem Kopf mit Strahlenkranz auf sich, der zu Füßen von Karl dem Großen niedergestreckt liegt, hinter sich ein Ungeheuer, das von einem Löwen an der Kehle gepackt wird? Schon oft wurden wir von Dombesuchern mit Fragen zu dieser Szene bestürmt und konnten bisher nie eine passende Antwort geben.« Sie schildert in ihrem Artikel »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst« schließlich, wie sie dank eines Zufalls und mit detektivischem Spürsinn den »Götzen« identifizieren konnte.

Kurz gefasst: Vielleicht diente dem Bildhauer Küsthardt ein Gemälde von Alfred Rethel als Vorlage, das Karl den Großen zeigt, der soeben die Irminsul gestürzt hat. Vielleicht nahm sich der Künstler auch  ein Fresko aus dem Aachener Rathaus zum Vorbild. Wie dem auch sei: Die Irminsul wird als Statue mit einer Säule als Leib und einem Haupt mit Sonnen-Strahlenkranz dargestellt. Sie ist beim Sturz zerbrochen. Das Haupt liegt vor dem Leib, auch einige der »Sonnenstrahlen« sind abgeplatzt.

Zerbrochenes Götzenbild. Foto W-J.Langbein

Alfred Rethel (1816-1859) erinnert Dr. Ingrid Weibezahn an (5) »eine Überlieferung, nach der Karl der Große im Jahr 772 unweit der Eresburg im Sauerland ein Baum(?)heiligtum der Sachsen zerstört haben soll. Hier war nun der lang gesuchte ikonographische Zusammenhang: Ein Löwe als Symbol für die Stärke Karls (oder des Christentums, was hier quasi gleichbedeutend ist) zerfleischt ein heidnisches Ungeheuer, das Götzenbild mit dem Strahlenkranz (ein Bildnis des Germanengottes Baldur??) liegt bereits zerbrochen davor.«


Der Hinweis auf Baldur ist nicht nur interessant, sondern brisant! Baldur, auch Balder genannt, war der Sohn eines Gottes. Der Vater opferte den Sohn. Der Sohn stieg hinab in den Leib der Mutter Hel, in die Unterwelt. Aus der Unterwelt würde der göttliche Sohn zur Götterdämmerung wieder empor auf die Erde steigen. So wie Balders göttlicher Vater Odin, so opferte der biblische Gott-Vater seinen Sohn Jesus. Und so wie Balder hinab ins Totenreich stieg, so fuhr auch Jesus hinab ins Reich der Toten, nur um wieder aufzuerstehen. (6)

Haupt des Sonnengötzen. Foto W-J.Langbein

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es so etwas wie einen Urglauben gibt, der in mehr oder minder variierenden Versionen zum Grundstock verschiedener Religionen wurde. Es gibt zweifelsohne den immer wieder auftauchenden »Messias«, den Retter. So wie die Natur in der Trocken oder Winterzeit scheinbar »stirbt«, so akzeptiert der »Messias« seine Opferrolle bereitwillig. So wie die Vegetation, und somit die Voraussetzung für jegliches Leben dahinschwindet, so kündigt sich auch der Opfertod des Messias an. Natürlich haben unsere Vorfahren den Zusammenhang zwischen Sonne und Leben in allen möglichen Formen erkannt. Natürlich haben sie den Sonnenzyklus verstanden, sie wussten von den Sommersonnenwenden. Am 21. Juni – zur Sommersonnenwende – steht die Sonne in ihrem Zenit, um dann tagtäglich an Kraft zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass Balder als Sonnengott am 21. Juni getötet wird. Zur Wintersonnenwende wächst die Kraft der Sonne wieder, die »Wiederauferstehung« des Lebens – beginnend mit der kleinsten Pflanze – kündigt sich an. So ist es auch kein Zufall, dass fast genau zur Wintersonnenwende die Geburt von Jesus zelebriert wird.

Goldener Glanz der Sonne... Foto Walter-Jörg Langbein

So gab es die Opferung des Messias parallel zum »Sterben« der Natur und die »Auferstehung« des Messias parallel zum Wiedererstehen der Natur. Nach magischem Denken muss der Messias getötet werden, damit er zu neuem Leben erwachen kann… und mit ihm die Natur. Die Opferung des Messias hat seine Auferstehung zur Folge. Die Natur kann – nach magischem Denken – nur zu neuem Leben erwachen, wenn der Messias getötet wird, um wieder aufzuerstehen. Jesu Opfertod, Jesu Abstieg in die Unterwelt und neuerliche Auferstehung sind die christliche Version uralter Kulte um Sonnenkulte. Nach wie vor feiert man im Christentum zyklisch und alle Jahre wieder Geburt Jesu, Leben und Sterben Jesu, Auferstehung Jesu… Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder, Jahr für Jahr, so wie die Natur auch Jahr für Jahr »geboren wird«, »lebt«, »stirbt«, um wieder aufzuerstehen. Allerdings hat man im Christentum die Beziehung zwischen Messias und Natur vergessen oder verdrängt. Es geht offiziell nur noch um Leben und Auferstehung des Menschen, was durch Opfertod und Rückkehr des Messias ins Reich der Lebenden erst möglich wird.


Dank

Dr. Götz Ruempler, wohl einer der besten Kenner des Doms von Bremen, war äußerst hilfreich. Er nannte wichtige Quellen und schickte mir Fotokopien wichtiger Artikel. Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Ruempler! Ich möchte aber betonen, dass meine Gedanken zum Dom nicht mit Dr. Ruempler abgesprochen worden sind.

Paulus am Dom. Foto W-J.Langbein
Zu den Fotos:

(1) Das Foto entstand am 16. April 1939. Fotograf: unbekannt. Auf der Rückseite ist handschriftlich das Datum der Aufnahme vermerkt sowie der Hinweis »Portal des Doms u. Börse in Bremen (regnerisch)«.
(2) Das Quirlen mit der Schlange Vasuki wiki commons/ gemeinfrei

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Das Copyright liegt wie immer bei Walter-Jörg Langbein!

Fußnoten

1) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
3) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 5
4) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 5
5) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
6) Siehe hierzu Waddell, Augustine: »Tibetian Buddhism«, New York 1972

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«
Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.03.2015



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