Sonntag, 10. Juli 2016

338 »Die Göttin auf dem Berg«

Teil 338 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick auf den Staffelberg

Meine ersten Erkundungen führten mich in jugendlichen Jahren zum Staffelberg bei Staffelstein. Als Kind hoffte ich, den einen oder den anderen »Querkeles«-Zwerg beobachten zu können. Aus der eher schmuddeligen und häufig von Besuchern verunreinigten Höhle hatten sich die kleinen Wesen wohl längst zurückgezogen. Meine Urgroßmutter hatte mir so manche Sage erzählt, von den Staffelberg-Zwergen, wie emsig sie einst den Menschen halfen und ihnen schwere Arbeiten abnahmen. In Sagen wird auch überliefert, dass die Querkele heilkundig waren und bei der Pflege von Kranken halfen.

Die Leibspeise der Querkele waren die fränkische Spezialität schlechthin, nämlich rohe Kartoffelklöße. Gelegentlich stibitzten sie den einen oder den anderen Kloß. Die klugen Hausfrauen gingen stillschweigend darüber hinweg. Eine geizige Frau indes versuchte, derlei harmlosen Mundraub zu unterbinden. Das kränkte die Querkele sehr und sie zogen sich aus den Behausungen der Menschen zurück. Ob sie sich noch am Staffelberg aufhielten? 

Als Bub durchstöberte ich manches Mal die bewaldeten Hänge des Staffelbergs. Ich kroch durch Gestrüpp, krabbelte manche Böschung hinauf. Ich bekam aber weder irgendwelche Spuren der kleinen Wesen, noch einen Querkele selbst zu sehen. Besonders intensiv erkundete ich die Westflanke des Staffelbergs, dem sich der Würzburger Weihbischof Söllner anno 1654 nur ehrfurchtsvoll zu nähern wagte. »Dieser Berg ist ein heiliger Berg. Ich bin nicht würdig, ihn mit Schuhen zu besteigen.«, soll der Kirchenmann einst gesagt haben.

Besonders interessant fand ich die Erkundung des Staffelbergs von Staffelstein aus. Von der Victor-von-Scheffel-Straße aus ging‘s am Friedhof vorbei, steil hinauf auf den Staffelberg. Leider fand ich kein einziges Querkele. Über die Reste der einstigen Wallanlage, von den Kelten vor rund zwei Jahrtausenden angelegt, kroch ich suchend umher. Eingänge zu Höhlen fand ich keine.

Foto 2: Der Eremit Valentin vom Staffelberg

Auf einer meiner jugendlichen Erkundungstouren begegnete mir ein freundlicher, bärtiger älterer Herr, der mit einer spitzen Metallstange im Boden stocherte. Der Mann hätte wohl Karl May als Vorbild für eine seiner Fantasiegestalten dienen können. Er trug eine Art Kutte, er ähnelte darin Valentin Mühe, der von 1913 bis 1925 als Eremit Valentin auf dem Staffelberg lebte. 1925 erkrankte er schwer und verließ den Staffelberg. Ausschlaggebend für seinen Entschluss, seine bescheidene Klause zu verlassen, mag auch die üble Verschmutzung des einst heiligen Bergs gewesen sein. Besonders an hohen kirchlichen Feiertagen wie Ostern strömten die Menschen in Scharen auf den Berg und Bruder Valentin verzweifelte, weil er seinen Berg nicht ausreichend schützen konnte. 1925 verliert sich jede Spur des frommen Mannes.

Der Mann mit der Kutte erklärte mir, dass er nach einem »Brunnenschacht der Kelten« suche. Er habe schon das »gesamte Plateau« überprüft, aber keinen Hinweis gefunden. Vielleicht habe man ja die Adelgundis-Kapelle über dem Brunnenschacht gebaut. Tatsächlich soll bereits um das Jahr 800 ein kleines Gotteshaus auf den Resten eines »heidnischen Kultbaus« errichtet worden sein. 1419 wird die »Adelgundiskapelle« erstmals urkundlich erwähnt. Ob es sich dabei um die Kapelle aus dem Jahr 800 handelte, bleibt unklar.

Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg.

Sicher ist, dass es vor rund zwei Jahrtausenden auf dem Staffelberg das keltische Oppidum Menosgada gegeben hat, eine stark befestigte Anlage, geschützt durch ein komplexes System aus Wällen, die den gesamten Staffelberg umschlossen. Dank archäologischer Ausgrabungen konnte die Schutzmauer um das Plateau des Staffelbergs in einem kleinen Teilstück rekonstruiert werden, und das bis in kleinste Details! Vermutlich waren es keltische »Adlige«, die im 5. Und 6. Jahrhundert auf der Hochfläche – 350 Meter lang und 125 Meter breit – siedelten. Die imposante Schutzmauer war immerhin fünf Meter breit und drei Meter hoch. Paul und Sylvia Botheroyd merken in ihrem beachtenswerten Werk »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten« an (1): 

»Im Nordosten ließen sie die Mauer sogar doppelt anlegen. Die Häuser der Siedlung waren teilweise an die Mauer angebaut; der Herr hatte den Funden nach Töpfer und Schmiede in seinen Diensten stehen – Keramik, Bronzenadeln und – anhänger und einige sehr hübsche Fibeln, eine als Pferdchen gearbeitet, gehören dazu. Das Eingangstor zu dieser Burg dürfte an der Stelle gelegen haben, wo der moderne Weg das Plateau erreicht.«

Damit nicht genug! Weiter unten am Staffelberg wurde eine weitere Stadtmauer errichtet – 3000 Meter lang. Ein fast fünfzehn Meter breiter Erdwall wurde aufgeschüttet, riesige Mengen Holz wurden für eine sechs Meter hohe Bohlenwand benötigt. Bevor anrückende Feinde Wall und Holzbohlenwand angehen konnten, mussten sie erst einen zehn Meter breiten Graben überwinden. Übrigens war der Graben über weite Strecken nicht einfach nur ausgehoben, sondern in den Fels geschlagen worden. Der Arbeitsaufwand für das Oppidum auf dem Staffelberg war immens!

Darf man davon ausgehen, dass es innerhalb der Keltenstadt auch ein Heiligtum gegeben hat? Konkrete Hinweise oder gar definitive Spuren hat man freilich in der Keltenmetropole auf dem Staffelberg nicht gefunden. Wilfried Menghin weist in seinem empfehlenswerten Werk »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland« darauf hin (2), dass die mysteriösen Viereckschanzen, auch »Keltenschanzen« genannt, wie die Keltenstädte gleichen Einflüssen unterliegen. Er spricht von »religiös-architektonischem Einfluss«.

Foto 4: Oppidum Manching

Die Befestigungsanlagen der Kelten auf Bergen wie dem Staffelberg sind um einiges älter als die »Vierecksschanzen«. So sind keltische Befestigungsanlagen auf dem Staffelberg schon ab etwa 600 v.Chr. nachweisbar. Auch auf dem »flachen Land« schufen die Kelten Oppida. Das Oppidum von Manching (bei München, unweit von Ingolstadt gelegen) wurde einige Jahrhunderte vor den Schanzen gebaut und erreichte enorme Ausmaße für die damalige Zeit. In der zweiten Hälfte des 2. Vorchristlichen Jahrhunderts lebten bis zu 10.000 Menschen in der Anlage. Die mächtige Stadtbefestigung – eine »Monstermauer« mit einer Länge von über sieben Kilometern! Eine Rekonstruktion der zentralen Siedlungsfläche des Oppidums Manching im Keltenmuseum zu Manching lässt staunen, wie zivilisiert die Kelten schon gewesen sein müssen. Ihre Städte waren präzise geplant und wie auf dem Reißbrett gebaut. »Primitive« waren da nicht am Werk!

Foto 5: Das Heidetraenk Oppidum

Das »Heidetränk Oppidum«, bei Oberursel im Taunus gelegen, gilt als eine der wichtigsten Anlagen dieser Art von ganz Europa. Dieses bedeutsame Oppidum, etwas jünger als die wehrhaften Keltensiedlungen vom Staffelberg oder Manching, ist kaum von Keltenschanzen (etwa Herlingsburg!) zu unterscheiden.

Nach Erkundung mehrerer Oppida und Keltenschanzen komme ich zur Überzeugung, dass die mysteriösen »Schanzen« kleinere Abbildungen der älteren Keltenstädte (Oppida) sind. Umstritten ist, ob es sich bei den Keltenschanzen ausschließlich um landwirtschaftliche Höfe von Kelten oder ausschließlich um Tempelanlagen handelte. Vermutlich gibt es für geschätzte 20.000 bis 40.000 Keltenschanzen nicht eine einheitliche Erklärung. Bei manchen mag es sich um kleine befestigte Tempel, bei anderen um ebenfalls befestigte Höfe mit Wohngebäuden, Stallungen und Tempeln gehandelt haben. »Eingefriedete heilige Bezirke« weisen nach Ausgrabungen »tiefe Kultschächte«, »Opferfeuerstellen« und »hölzerne Umgangstempel« auf.

Foto 6: Der Staffelberg...

Der Mann mit Kutte, der mir an einem Steilhang des Staffelbergs begegnete, stocherte mit einer Metallstange im Boden herum. Warum er das tat? Ich fragte natürlich. Auf diese Weise wolle er, erklärte er mir geduldig, die verfüllte Öffnung eines »Opferschachts« finden. Vergeblich. Ob es je im Oppidum vom Staffelberg einen »Opferschacht« gegeben hat? Intensive Ausgrabungskampagnen wären erforderlich, doch es fehlt das nötige Geld!

Sollte die Überlieferung der Wahrheit entsprechen, wonach die Adelgundis-Kapelle auf den Resten eines heidnischen Tempels gebaut wurde? Das kleine Gotteshaus ist der Heiligen Adeldgundis geweiht. Die heilige Aldegundis soll tatsächlich gelebt haben (* um 630 in Coulsore, Frankreich; † 684, 695 oder 700). Sie gehört zu den Nothelferinnen und ist für Katholiken himmlische Anlaufstelle bei Krankheit und Todesgefahr. Ihr Gedenktag ist der 30. Januar. Am 1. Februar wird die Heilige Brigitte von Irland gefeiert. Zufall?

Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (3).

Und jetzt wird es spannend. Weiter: »Die irische Brigid ist ursprünglich eine uralte, vermutlich schon vorkeltisch verehrte Feuer-, Sonnen- und Muttergöttin. Das sonnenüberflutete Bergplateau hoch über dem Maintal wäre an sich ein passender Ort für die Verehrung einer lichten Gottheit.«

Wer also hinauf auf das Plateau des Staffelbergs wandert, der tritt eine weite Reise in die Vergangenheit an: zu den Kelten und zur Göttin auf dem Berg, die schon lange vor den Kelten verehrt wurde.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit zwischen der heidnischen Brigid und der christlichen Maria. Die heidnische Göttin gilt auch als die »Lichtjungfrau«, als »die vom Strahlenkranz Umgebene«. Brigid löst als Göttin des Frühlings die Mächte der winterlichen Kälte ab. Und Maria hat am 2. Februar auch einen ganz besonderen, christlichen Feiertag: »Mariä Lichtmess«. Nach mosaischem Gesetz darf ein neugeborener Knabe frühestens nach vierzig Tagen in den Tempel gebracht und vorgezeigt werden. Warum erst nach 40 Tagen? Weil nach dem Gesetz des Alten Testaments eine Frau nach der Geburt eines Buben 40 Tage als unrein galt (4). Durch die Geburt eines Mädchens allerdings wurde sie nach diesem Verständnis mehr beschmutzt, und galt doppelt so lang als »unrein«.

Das ist der biblische Ursprung des Fests von Mariae Lichtmess am 2. Februar, als Ersatz für das heidnische Frühlingsfest. Am 2. Februar beginnt nach dem uralten Bauernkalender das neue Jahr. Das erstarrte Leben erwacht wieder. Ist nicht das Ziel jeder Religion, die Angst vor dem Tod zu nehmen, vor der ewigen Kälte eines schwarzen Nichts?

Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein
Fußnoten

Foto 9
1) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
2) Menghin, Wilfried: »Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und Geschichte in Deutschland«, Lizenzausgabe, Augsburg 1994, S. 127
3) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
4) 3. Buch Mose Kapitel 12, Verse 2-4: »Sag zu den Israeliten: Wenn eine Frau niederkommt und einen Knaben gebiert, ist sie sieben Tage unrein, wie sie in der Zeit ihrer Regel unrein ist. Am achten Tag soll man die Vorhaut des Kindes beschneiden und dreiunddreißig Tage soll die Frau wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben. Sie darf nichts Geweihtes berühren und nicht zum Heiligtum kommen, bis die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist.«
5) 3. Buch Mose Kapitel 12, Vers 5: »Wenn sie ein Mädchen gebiert, ist sie zwei Wochen unrein wie während ihrer Regel. Sechsundsechzig Tage soll sie wegen ihrer Reinigungsblutung zu Hause bleiben.«



10. Juli 2016: Während ich letzte Vorbereitungen für meine Reise nach Bad Segeberg am 13. Juli 2016 treffe , flattert mir eine hochaktuelle Meldung auf den Schreibtisch: Archäologen haben im Allgäu eine sensationelle Entdeckung gemacht! In Jengen, im Ostallgäu gelegen, wurden 4000 Jahre alte Gräber entdeckt. Bei Ausschachtungen für eine Tiefgarage  stieß man auf mehrere Skelette, Schmuck und Objekte aus Bronze. Unklar ist, wann mit den Bauarbeiten begonnen werden kann. Vorher müssen sorgsame archäologische Untersuchungen vorgenommen werden. Zuständig ist der aus Kaufbeuren stammenden Archäologe Marcus Simm.


 Zu den Fotos

Foto 1: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eremit Valentin in seiner Klause. Foto Archiv Langbein
Foto 3: Befestigungsmauer Staffelberg. Foto commons Janericloebe
Foto 4: Oppidum Manching. Foto wikimedia commons Mößbauer
Foto 5: Heidetraenk Oppidum. wikimedia commons Rabalotoff
Foto 6: Der Staffelberg... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Heiligenhäuschen der Adelgundis vom Staffelberg. Foto wikipedia commons Janericloebe.
Foto 8: Der heilige Berg bei Staffelstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Rätselhafte keltische Münze, etwa 2.-3. Jahrhundert vor Christus


339 »Karl May und die Pyramide«,
Teil 339 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.07.2016


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Sonntag, 3. Juli 2016

337 »Dreizehn Schanzen«

Teil 337 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

(Text wurde am 12. Juli leicht ergänzt.)

Foto 1: Lageplan Großeichenhausen
Bad Saulgau, Landkreis Sigmaringen, Oberschwaben: Am Namen des am 1.1.2000 zum Kurort ernannten Städtchens scheiden sich die Geister. Die einen meinen: »Die Ortsbezeichnung Saulgau geht auf die Kelten zurück und lässt sich wohl mit ›Ort der Quellgöttin Sul‹ übersetzen.« Andere widersprechen da energisch. »Anno 819 wird Saulgau als ›Sulaga‹ in einer Urkunde erwähnt. ›Sulaga‹ bedeutet im Althochdeutschen ganz profan ›bei den Wälzlachen‹!«

Verweist nun der Name Saulgau auf eine Quellgöttin? Oder auf die einträgliche schwefelhaltige Thermalquelle, in der sich womöglich schon in graue Vorzeit Wildschweine, später schließlich Kelten und heute heilsuchende Kurgäste suhlen? Vielleicht errichteten die Kelten um 100 v.Chr. der Quellgöttin Sul ein Heiligtum, wo schwefelhaltiges Wasser aus der Erde sprudelte? Tatsächlich beherbergte der Himmel der Kelten zahlreiche Göttinnen, von Andraste, Schutzgöttin der Bären und des Krieges bis Sul, zuständig für Feuer und wärmende Heilquellen.

Die Diskussion um die Bedeutung des Ortsnamens Bad Saulgau verdeutlicht, wie unklar  die Bedeutung von Keltenschanzen ist. Welchem Zweck dienten sie? Wir wissen es nicht wirklich. Das liegt daran, dass Keltenschanzen bis heute so gut wie überhaupt nicht untersucht worden sind. In der Regel beschränkt sich die »Erforschung« einzelner, weniger der mysteriösen Anlagen auf eine mehr oder minder oberflächliche Beschreibung (1). Selbst wer die Schanzen angelegt hat, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Das wurde auf der »14. Niederbayerischen Archäologentagung« (21.-23. April 1995) von Deggendorf deutlich. Archäologische, definitive Beweise für die Kelten als Urheber gibt es nicht. Noch unklarer ist ihr Zweck!

Foto 2: Keltenschanze Großeichenhausen
Waren es Bauernhöfe mit Häusern und Brunnenschächten? Oder waren es doch Kultanlagen mit Tempelchen und Opferschächten? Waren es Viehpferche? Dienten sie als Weiden für Kühe, Pferde, Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen? Tatsächlich fanden sich im Bereich von »Keltenschanzen«, die gelegentlich auch den Römern oder den Schweden zugesprochen werden, Tierknochen. Was aber hat das zu bedeuten? Tierknochen können auf kultische Nutzung der Anlagen ebenso hinweisen wie auf landwirtschaftliche Viehhaltung. Oder traten auf Bauernhöfen vor Jahrtausenden dann und wann Viehseuchen auf? Befürchtete man eine Ausdehnung der Seuche durch Ansteckung und hat die befallenen Tiere getötet und die Kadaver in tiefen Löchern vergraben? Andere Interpreten halten die Schächte für ehemalige Brunnen, in die nach und nach Abfall, eben auch Tierknochen, geworfen wurden? Aber müssten dann nicht viel mehr Gebrauchsgegenstände wie Töpfereiwaren in solchen Schächten gefunden werden?

Foto 3: Keltenschanze Großeichenhausen

Nach wie vor wird die »Brunnen-Theorie vertreten (2), »obwohl offensichtlich in einer ganzen Reihe von Schächten niemals Wasser vorhanden war«. Es ist richtig: Brunnen wurden, zum Beispiel in Städten, immer wieder mit Abfall verfüllt. Allerdings hat man in den »Keltenschanzen« offenbar immer wieder wie zu 35 Meter tiefe Schächte ausgehoben, um sie umgehend wieder zuzuschütten. Warum? Brunnen können es dann nicht gewesen sein.

Wenn bei einigen wenigen intensiven Grabungen in tiefen Schächten Tierknochen entdeckt wurden, was hat das zu bedeuten? Klaus Schwarz hat sich um die Erfassung der Keltenschanzen in Bayern große Verdienste erworben. Sein »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen dokumentiert, wo es einst Schanzen gab, die längst zerstörten worden und verschwunden sind. Er zeigt weiter auf, wo noch spärliche Reste von derlei Anlagen und wo noch relativ gut erhaltene Schanzen zu finden sind (4). Und er beschreibt genau, was war und was ist (5). Klaus Schwarz war es, der umfangreiche Ausgrabung im Bereich der »Viereckschanze« von Holzhausen, im Münchner Umland, vorgenommen hat. Seiner Überzeugung nach war (6) die Anlage von sakraler Bedeutung. Im Geviert der Schanze befanden sich mindestens ein Tempel und drei Opferschächte, in denen die Knochen von Opfertieren und Kultobjekte gefunden wurden. Er hat keinen Zweifel: Keltenschanzen waren Heiligtümer.

Foto 4: Keltenschanze Großeichenhausen

Unklar ist auch, wie viele »Keltenschanzen« es einst gab. Bis anno 1995 hatte man mit Hilfe der Luftbildarchäologie innerhalb von fünfzehn Jahren 40.000 »Keltenschanzen« ausfindig gemacht, und das allein in Bayern. Bedenkt man diese ungeheuerliche Vielzahl von Anlagen, dann kann man erahnen, was es für gewaltige Anstrengungen bedurfte, sie alle zu bauen. Gigantische Mengen an Erdreich müssen bewegt worden sein, allein schon beim Aushub der Gräben und beim Auftürmen der Wälle. Immer wieder stellt sich die Frage: Wozu geschah das alles? Nach Abwägung einer Fülle von Informationen stellt Gernot L. Geise zutreffend fest (7): »Die Archäologie tappt bezüglich der Schanzen nach wie vor im tiefsten Dunkel, das hat sich bis heute nicht geändert.«

Sehr aufschlussreich ist eine Hinweistafel, die vom Landratsamt München aufgestellt wurde. Überschrift: »Viereckschanze zwischen Großeichenhausen und Gumpertsham«. Der Text: »Im Gegensatz zu den auf freiem Feld liegenden Keltenschanzen /zum Beispiel im Lanzenhaarer Feld bei Deisenhofen) wurde diese Viereckschanze (aus dem letzten Jahrhundert v. Chr. Geburt) später vom Wald überwachsen. Sie ist Teil einer Gruppe von dreizehn Schanzen im Gebiet östlich der Isar zwischen Oberhaching, Eichenhausen und Wolfratshausen.« Keinen Zweifel lässt der Informationstext über Sinn und Zweck der Anlage aufkommen. Wir lesen weiter: »Es handelt sich um einen rechteckigen Kultbezirk von 100 m Länge und 85 m Breite in einem leicht nach Nordosten geneigten Gelände, umgrenzt von einem steil geböschten, 4 m hohen Wall und umlaufenden Spitzgraben. Der Eingang der Schanze liegt in der Mitte der Ostseite. (E.Keller)«

Foto 5: Lageplan der Keltenschanze

Stephan Gröschler schreibt auf seiner vorzüglichen Internetseite »Kraftvolle Orte« (8) : »Auch die Viereckschanze Großeichenhausen ist ein sehr charakteristische Schanze mit deutlichen Überhöhungen, relativ tiefen Gräben außen und einem breiten Tor. Die Nordecke ist sehr zugewachsen und schlecht zu erreichen, aber die entschädigt die restliche Schanze. In der Mitte steht ein Holzklotz, symbolisch für einen kleinen Altar, und die Ausstrahlung ist sehr positiv. Und gerade der Schnee hat diesen Eindruck verstärkt und aus dieser friedlich anmutenden und ruhigen Viereckschanze einen noch schöneren, kraftvollen Ort gemacht.«

Die »Viereckschanze Großeichenhausen« hat zwei »Schächte« aufzuweisen. Nach Geise »hat der erste einen Durchmesser von etwa drei Metern bei 17 Metern Tiefe … Der zweite Schacht hat einen Durchmesser von 2,50 Metern bei elf Metern Tiefe.«

Großeichenhausen ist wirklich einen Besuch wert. Die Viereckschanze erreichen Sie bequem zu Fuß. Fahren Sie von Neukolbing Richtung Gumpertsham und parken Sie am Ortsanfang. Ein Feldweg führt Sie in nördlicher Richtung in den Wald hinein, der Waldweg führt Sie ans Ziel. Linker Hand sehen Sie die Informationstafel und die Viereckschanze.

Wenn Sie ein paar Tage Zeit haben, sollten Sie unbedingt auch die Keltenschanze von Holzhausen besuchen. Ein Orientierungspunkt ist Gerblinghausen. In unmittelbarer Umgebung gibt es über zehn Keltenschanzen. Und wenn Sie eine günstig gelegene, gastliche Unterkunft suchen, empfehle ich Ihnen wärmstens den gemütlichen Ferienhof »Zum Dammerbauer« direkt in Holzhausen. Von hier aus erreichen sie zwei Keltenschanzen in wenigen Minuten! (9)

Zu den Fotos: Alle Fotos hat Hedi Stahl, Gerblinghausen, aufgenommen. Ich bedanke mich sehr herzlich für die Genehmigung, ihre Fotos in meinem Blog zu verwenden! DANKE! Copyright für alle Fotos: Heidi Stahl

Fußnoten

1) Siehe hierzu Walter Irlingers Aufsatz »Forschung zu den spätkeltischen
     Viereckschanzen« in »Schöne Heimat, Erbe und Auftrag«, Heft 3/ 1996, 
     Herausgeber ist der Bayerische Landesverein für Heimatpflege e.V.
2) Geise, Gernot L.: »Keltenschanzen und ihre verborgenen Funktionen«,  
    Hohenpeißenberg, 10. Auflage 2014, Seite 112
3) ebenda, Seite 113
4) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und  
     Karten«, München 1959
5) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns/
     Textband«, München 2007
6) »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte
     vom Klaus Schwarz/ Zusammengestellt und kommentiert von Günther
     Wieland«, Rahden/ Westfalen 2005, S. 11
7) Geise, Gernot L.: »Keltenschanzen und ihre verborgenen Funktionen«,  
    Hohenpeißenberg, 10. Auflage 2014, Seite 115
8) »KRAFTVOLLE ORTE Kraftvolle, mystische und geheimnisvolle Orte (in 
     Bayern)« www.kraftvolle-orte.de, siehe »Kelten- und Viereckschanzen  
     Viereckschanze Großeneichenhausen«
(9) Ferienhof »Zum Dammerbauer«, Dinghartinger Straße 3, 
     82064 Strasslach-Holzhausen

Literatur zum Themenkreis »Kelten«
Teil 3

Ritter, Thomas: Spuren ins Dunkel/ Erfahrungen an den Grenzen unseres
Foto 6: Kirchlein von Großeichenhausen

     Wissens, Schleusingen 2001
      (Kelten, Keltische Kontakte S. 94 fff.)
Röber, Dr. Ralph (Leitung der Redaktion): Die Welt der Kelten/ Zentren der  
     Macht Kostbarkeiten der Kunst, Ostfildern 2012
Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Rosenheim,
     Chiemsee, Traunstein, Bad Reichenhall, Berchtesgaden/ Führer zu vor- und
     frühgeschichtlichen Denkmälern, 2. Auflage, Mainz 1971
     (Keltenschanzen: Siehe z.B. S. 248ff., 250 ff., 256f., 257 ff., S. 258-283)
Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Rosenheim,
     Chiemsee, Traunstein, Bad Reichenhall, Berchtesgaden/ Führer zu vor- und
     frühgeschichtlichen Denkmälern, 2. Auflage, Mainz 1971
Rohrecker, Georg: Druiden – Wilde Frauen – Andersweltfürsten/ Das keltische
     Erbe in Österreichs Sagen, Wien 2002
     (Sagen zur Verteuflung von Glaube und Lebenseinstellung der Kelten, S.
     165-195)
Rohrecker, Georg: Die Kelten Österreichs/ Auf den Spuren unseres versteckten
     Erbes, Wien 2003
Rohrecker, Georg: Heilige Orte der Kelten in Österreich/ Ein Handbuch, Wien 
     2005
Rohrecker, Georg: Kelten, Götter, Heilige/ Mythologie der Ostalpen, Wien
     2007
Rohrecker, Georg: Die Kelten/ Auf den Spuren unseres versteckten Erbes,
     Wien 2011
Schwarz, Klaus und Wieland, Günther: Die Ausgrabungen in der
     Viereckschanze 2 von Holzhausen, Rahden/ Westf. 2005
Schwarz, Klaus: Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und  
     Karten, München 1959
Schwarz, Klaus: Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband,  
     München 2007
Seabrook, Lochlainn: The book of Kelle/ An Introduction to Goddess-Worship
     and the Great Celtic Mother-Goddess Kelle, Franklin, 2. Auflage, 2010
     Seabrook, Lochlainn: Britannia Rules/ Goddess-Worship in Ancient Anglo-
     Celtic Society, 2. Auflage, Franklin 2010
Sharkey, John: Die Keltische Welt/ Religion und Gesellschaft, Frankfurt 1982 Shiels, Tony 'Doc': Monstrum/ A Wizard's Tale, London 1990
     (Kapitel 6, S.85-93, Celtic Connections)
Spence, Lewis: The Magic Arts in Celtic Britain, North Hollywood 1996
Verhart, Leo: Den Kelten auf der Spur/ Neue archäologische Entdeckungen
     zwischen Nordsee und Rhein, Mainz 2008
Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der
     Spur, Stuttgart 1999
Wood, Dr. Phil. Juliette: Die Lebenswelt der Kelten/ Alltag, Kunst und
     Mythen eines sagenhaften Volkes, Augsburg 1998, (Großformat!)

Zu den Fotos: Alle Fotos hat Hedi Stahl, Gerblinghausen, aufgenommen. Ich bedanke mich sehr herzlich für die Genehmigung, ihre Fotos in meinem Blog zu verwenden! DANKE! Copyright für alle Fotos: Heidi Stahl

338 »Die Göttin auf dem Berg«,
Teil 338 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.07.2016

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