Sonntag, 27. August 2017

397 »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«

Teil  397 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Walter-Jörg Langbein als »Prediger« in der Kirche von Kirchbrak

Vor wenigen Tagen wurde ich 63. Ein Studienkollege rief mich an, um mir zu gratulieren. »Vielleicht hättest Du doch Pfarrer werden sollen!«, meinte er beiläufig. »Vielleicht hättest Du doch Dein Studium so kurz vor dem Examen nicht abbrechen sollen! In ein paar Jahren würdest Du als Rentner aus dem Kirchendienst austreten… Bereust Du Deinen Schritt?«

Seit Jahrzehnten werde ich immer wieder gefragt, wieso ich denn nicht Pfarrer geworden sei. Es mag sich vielleicht pathetisch anhören, aber das geschah aus dem Respekt vor dem christlichen Glauben. Ich bin der Meinung, dass sich jeder Kirchgänger darauf verlassen können muss, dass ›sein‹ Pfarrer voll und ganz hinter den Worten steht, die er von der Kanzel predigt. Ich bin der Überzeugung, dass jeder Kirchgänger davon ausgehen können muss, dass Gottesdienst nicht als eine Art »Theateraufführung« dargeboten wird. Vielmehr muss jeder Gläubige die Wahrhaftigkeit »seines« Geistlichen in Glaubensfragen voraussetzen können.

Es mag sein, dass meine Anforderungen an die Geistlichkeit zu hoch sind. Während meines Studiums der evangelischen Theologie habe ich so manchen Mitstudenten kennengelernt, der nicht nur zweifelte, sondern der alles andere als ein gläubiger Christ war. Ich jedenfalls wusste, dass ich nicht in den Dienst der Kirche treten konnte, ja meiner Überzeugung nach nicht durfte. Mir war klar, dass ich nicht predigen wollte und konnte, wovon ich nicht vollkommen überzeugt war.

Foto 2: Evangelische Johannes Kirche Michelau

Ich gebe es ja zu, in Gedanken stelle ich mir manchmal vor, als Pfarrer vor einer Gemeinde zu stehen, zum Beispiel in der »Johannes Kirche« in meinem fränkischen Heimatdorf Michelau. Als Geistlicher würde ich vielleicht dem einen oder dem anderen Geheimnis manches Gotteshauses intensiver auf den Grund gehen können. Ich hätte Zugang zu Krypten, die der Öffentlichkeit womöglich nicht zugänglich sind. Vielleicht würde ich unterirdische Gänge erforschen können,  in die man von Krypten oder Kellern aus gelangt. Tatsächlich gibt es auch heute noch geheimnisvolle Gangsysteme unter Gotteshäusern, von denen wir so gut wie nichts wissen.

Die eigentliche Aufgabe eines Geistlichen freilich ist die Seelsorge. Ich weiß, ich würde den Menschen, die sich hilfesuchend an mich wenden, keinen überzeugenden Trost in schweren Lebenslagen spenden können. Den Trost des Glaubens kann nur vermitteln, wer selbst wirklich glaubt. Alles andere ist Lüge.

Foto 3: Piscator Bibel 1684.

Vor wenigen Tagen wurde ich 63. Mein Leben wäre vermutlich einfacher verlaufen, wäre ich evangelischer Geistlicher geworden. Aber ich habe keinerlei Zweifel: Der Lebensweg, den ich für mich gewählt habe, war der richtige. Mein Studium der evangelischen Theologie war alles andere als vergebens. Ich denke dabei vor allem an die diversen Seminare mit Prof. Ernst Bammel (1923-1996). Prof. Bammel wurde anno 1953 Privatdozent an der Universität Erlangen und 1984 Professor an der Universität Münster (»Wissenschaft des Judentums und neutestamentliche Theologie«). Der sympathische Gelehrte war auch im europäischen Ausland tätig. In den 1960er und 1970er Jahren nahm er mehrere Gastprofessuren in Cambridge wahr.

Sehr gern denke ich an mehrere Seminare, die ich bei Professor Bammel besuchen durfte. Was ich bis heute nicht verstehe: Seine Veranstaltungen waren alles andere als überfüllt. Wer sich wissenschaftlich mit Jesus und seiner Welt auseinandersetzen will, der kommt doch nicht an außerbiblischen jüdischen Quellen vorbei. Bei Prof. Bammel übersetzten wir Ende der 1970er Texte aus der »Qumran-Bibliothek« ins Deutsche, und zwar aus dem Hebräischen. In kleiner Runde erörterten wir interessante Themen. Intensiv beschäftigten wir uns zum Beispiel mit der Frage, ob Jesus in rabbinischen Texten erwähnt wird.  Prof. Bammel übersetzte mit uns auch Texte des Propheten Hesekiel, in Sachen »Herrlichkeit des Herrn« Und siehe da: Eine möglichst wortgetreue, möglichst wortwörtliche Übersetzung von Hesekiels Schilderungen seiner Begegnungen mit dem »Herrn« muten noch technischer an als die gängigen Übersetzungen.

Foto 4: Piscator Bibel 1684.
Hinter vorgehaltener Hand machte mich Prof. Bammel 1977 auf die Bibelübersetzung von Johannes Piscator (1546-1625) aufmerksam, die zeitweise in Deutschland verboten war. Die Piscator-Bibel war freilich in Erlangen, wo ich studierte, absolut Tabu. In Erlangen galt nur die Bibel-Version von Martin Luther etwas. Luther wurde damals in Erlangen geradezu wie ein Heiliger verehrt, der nicht kritisiert werden durfte. Professor Bammel ließ keinen Zweifel aufkommen. Für ihn war Piscator, wie er mir unter vier Augen anvertraute, der bessere Bibelübersetzer, sehr viel wortgetreuer als Luther. Hinweis: Abbildungen 4 bis 7 zeigen Ausschnitte aus der Piscator-Bibel aus dem Jahre 1684. Ich habe bewusst Textpassagen aus Hesekiel gewöhlt. Prophet Hesekiel war im Jahre 597 vor Christus mit vielen seiner  Landsleute auf  Befehl  von König Nebukadnezar nach Babylon deportiert worden. Er lebte in Tel-Abib am Flusse Chebar in Chaldea. Er war verheiratet und gehörte zur Oberschicht der Bevölkerung. Dank des Bibeltextes können wir datieren: 593 oder 592 begann er als etwa Dreißigjähriger seine Aufzeichnungen zu notieren. Rund zwanzig Jahre führte er Buch über phantastische Geschehnisse. Detailfreudig beschrieb er seine kosmischen Kontakte.

Diese Kontakte mit Außerirdischen waren real. Der Priester beschrieb echte Begebenheiten die er hatte, keine Träume, keine Visionen. Das wird deutlich, wenn man – wie der Verfasser – den Bibeltext im hebräischen Original liest. Offensichtlich wollte Hesekiel in besonderem Maße hervorheben, dass er konkrete Erlebnisse hatte, so phantastisch sie auch erscheinen mussten. Deshalb wandte er einen sprachlichen Trick an und verdoppelte alle wichtigen Zeitwörter. Seine Leserinnen und Leser verstanden, was damit ausgesagt wurde: Hesekiel war Zeuge, nicht Träumer oder Visionär. So heißt es (1): »Da geschah ein Geschehen.« Vers 4: »Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her....«

Foto 5: Piscator Bibel 1684.
NASA-Ingenieur Josef Blumrich rekonstruierte anhand der genauen Texte Hesekiels ein Raumschiff. Josef Blumrich, 1913 in Österreich geboren, 1959 in die USA ausgewandert, verstarb 2002. Der Raumfahrt-Ingenieur wurde für seine »außergewöhnlichen Leistungen« für die Raumfahrt ausgezeichnet. Blumrich, »Leiter der Abteilung für Projektkonstruktion«, war von seiner Frau auf Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft« aufmerksam gemacht worden. Eher missmutig hatte er in dem Weltbestseller geblättert. Als er bei Däniken las, Hesekiel habe Kontakte mit Außerirdischen gehabt, beschloss er empört den Laien zu widerlegen. Er machte sich als Experte in Sachen Raumfahrt an die Arbeit. Je tiefer er in die Materie einstieg, desto überzeugter wurde er davon, dass Hesekiel tatsächlich kosmische Kontakte hatte.

Der Ingenieur: »Die Hauptmerkmale des Raumschiffes zeigen uns einen Flugkörper von überraschend sinnvollem Aufbau. Wir erkennen in der auffälligen Form des Hauptkörpers die aerodynamischen und gewichtlichen Vorteile. Wir sehen, wie sehr sie für die Anbringung von Hubschraubern geeignet ist. All diese Eigenschaften fügen sich lückenlos und widerspruchsfrei an- und ineinander. Sie sind unverkennbare Anzeichen für eine sehr überlegte und gekonnte Planung und Entwicklungsarbeit.«

Hesekiel rekonstruierte: Hesekiel sah und beschrieb ein Zubringer-Raumschiff, das zwischen einer Weltraumstation in der Erdumlaufbahn und der Erde hin- und herpendelte. Es hatte in etwa die Form eines Brummkreisels. Nach unten lief es spitz zu und endete in einem atomar betriebenen Raketenmotor. An der Oberseite befand sich eine durchsichtige Kuppel. Von hier aus steuerte der Kommandant das Vehikel. Besagte Kuppel konnte aber, versehen mit eigenem Antrieb, vom Hauptkörper losgelöst und zu Naherkundungsflügen verwendet werden. Zusätzlich waren an der Unterseite vier Hubschraubereinheiten angebracht.

Foto 6: Piscator Bibel 1684.
Beim Flug vom Erdorbit zur Erde wurde zunächst der atomare Hauptantrieb benutzt. Dabei waren die vier Hubschraubereinheiten hochgeklappt. Beim Eindringen in die Atmosphäre fungierte der spitz zulaufende untere Teil des Flugvehikels als Hitzeschild. Stand die Landung bevor, dann wurde der Raketenantrieb abgeschaltet. Die Hubschraubereinheiten klappte man die Helikopter nach unten und nahm sie in Betrieb.

Unter diesen Einheiten waren Räder angebracht, auf denen das Shuttle nach der Landung hin- und herrollen konnte (2): »Da stand je ein Rad auf der Erde bei den vier Gestalten. Die Räder waren anzuschauen wie ein Türkis und waren alle gleich, und sie waren so gemacht, dass ein Rad im anderen war. Nach allen vier Seiten konnten sie gehen, sie brauchten sich nicht umzuwenden.«

Hesekiel war keineswegs nur passiver Beobachter. Er wurde auch als Passagier mit an Bord genommen und erlebte Flüge im erdnahen Raum (3): »Und der Geist hob mich empor, und ich hörte hinter mir ein Getöse wie von einem großen Erdbeben, als sich die Herrlichkeit des Herrn erhob von diesem Ort.«

Nach seinem ersten Flug stand er unter Schock. Fast verschämt gibt er zu (4):«Und ich kam zurück zu den Weggefährten, die am Fluss Chebar wohnten, nach Tel-Abib und setzte mich zu denen, die dort wohnten, und blieb unter ihnen sieben Tage ganz verstört.«

Diese Reaktion ist nur zu verständlich. Selbst für einen heutigen Zeitgenossen wäre ein Flug im Raumschiff vom Typ Hesekiel ein überwältigendes Erlebnis. Für Hesekiel indes muss so ein Flug einem unvorstellbaren Mysterium geglichen haben. Er gewöhnte sich aber rasch an Flüge im Raumschiff. Sie wurden erstaunlich schnell zur Routine für ihn (5).

Foto 7: Piscator Bibel 1684.

Im Jahre 573/572 vor Christus fand ein dritter Flug statt. Dieser Flug ist - für den heutigen Forscher - zweifelsohne der interessanteste. Hesekiel wurde nämlich in ein unbekanntes Land verfrachtet. Wo auch immer das Raumschiff landete - im Tempelkomplex von Jerusalem war es jedenfalls nicht. Der lag nämlich zu Hesekiels Zeiten noch in Schutt und Asche, wurde erst 538 vor Christus wieder aufgebaut. Und doch erwecken heutige Bibelübersetzungen den falschen Eindruck, Hesekiel sei nach Jerusalem verfrachtet worden -  durch die Luft, per Raumschiff-Express. Fakt ist: Hesekiel wusste nicht wo er war. Er schreibt von »einem sehr hohen Berg«, ohne einen Namen zu nennen. Er sah »etwas wie eine Stadt« (6), wieder ohne einen Namen zu nennen. Jerusalem war’s jedenfalls nicht, sonst hätte Hesekiel die Metropole seines Heimatlandes beim Namen genannt!


Fortsetzung zu diesem Text folgt!
Und zwar am 19.11.2017:
Teil 2 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
als Teil  409 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein.
Die nächste Folge meiner Sonntagsserie
erscheint bereits am 3.9.2017.


Fußnoten
1) Hesekiel, Kapitel 1 Vers 3
2) Hesekiel, Kapitel 1, Verse 15-17
3) Hesekiel Kapitel 3, Verse 12 und 13
4) Hesekiel Kapitel 3, Vers 15
5) Hesekiel Kapitel 8, Verse 1 folgende und Kapitel 40, Verse 1 folgende!
6) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 2


Foto 8: So soll Hesekiels Raumschiff nach Blumrich ausgesehen haben.

Zu den Fotos

Foto 1: Walter-Jörg Langbein als »Prediger« in der Kirche von Kirchbrak
Foto 2: Evangelische Johannes Kirche Michelau/ Foto wikimedia commons Michael Sander
Foto 3: Piscator Bibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Piscator Bibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Piscator Bibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Piscator Bibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Piscator Bibel 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: So soll Hesekiels Raumschiff nach Blumrich ausgesehen haben. Foto Däniken/ Archiv Langbein

398 »Marias Himmelfahrt und Adams UFO«,
Teil  398 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 03.09.2017


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 20. August 2017

396 »Heimat, deine Kelten!«

Teil  396 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Geoglyphen in der Atacamawüste
Zwei Monate habe ich mit Freunden Südamerika bereist. Von Quito aus hatten wir mysteriöse Stätten besucht: in Ecuador, Peru, Bolivien und Chile. Wir kletterten auf  Pyramiden aus Stein, auf Pyramiden aus Erde (»Mounds«), wir standen vor riesigen Scharrzeichnungen und Geoglyphen an Erdhängen, flogen im Kleinflugzeug über Riesenbilder in trostloser Wüste. Wir standen vor Steinkolossen, die vor Ewigkeiten mit unbekannten Werkzeugen millimetergenau bearbeitet worden waren. Wir krochen durch dichten Urwald, auf der Suche nach vergessenen Pyramiden, wir erstiegen den Kegel eines erloschenen Vulkans. Und schließlich machte ich einen Abstecher zur Osterinsel. Tagelang erkundete ich mit einem französischen Ehepaar das Eiland. Wir tasteten uns durch muffige Höhlen, klettern auf heute verbotenen Wegen zu im Erdreich versinkenden Steinkolossen und suchten nach verwaschenen Gravuren in formlosen Klumpen  vor Ewigkeiten erkalteter Lavamassen.

Nach zwei aufregenden Monaten in fernen Welten traten wir die Heimreise ein. Unser Gepäck war aufgegeben, die letzten Briefe und Karten waren verschickt. Geduldig warteten wir, bis wir aufgefordert wurden, »unser« Flugzeug zu betreten. Ich weiß nicht mehr, was für eine Maschine es war, die uns von Quito nach Amsterdam bringen sollte. Es war ein Flugzeug der KLM. Als ich von einer freundlichen Stewardess begrüßt wurde, fühlte ich mich – 9548 Kilometer von zuhause entfernt – daheim, in der Heimat.

Was ist das, Heimat? Als Kind sagte mir der Begriff nichts. Als Jugendlicher wollte ich so schnell wie möglich die Heimat verlassen und die Welt bereisen. Aber als ich schließlich in der fernen Fremde nach uralten Geheimnissen suchte, spürte ich die Sehnsucht nach der Heimat. Meine Heimat ist das Frankenland. Michelau in Oberfranken, da bin ich geboren. Das ist und bleibt meine Heimat, auch wenn ich schon seit Jahrzehnten im preußischen Exil lebe.

Foto 2: Staffelberg, historische Ansichtskarte

Befremdet stelle ich fest, dass der Begriff »Heimat« in zunehmendem Maße verpönt wird. Der Duden führt »verpönt« auf der »Liste der rechtschreiblich schwierigen Wörter«. »Heimat« gilt in zunehmendem Maße als bestenfalls reaktionär. Aber braucht nicht jeder Mensch »Heimat«? Es ist eine Art Schizophrenie, die zu bedauernd und zu bemitleiden, die in der Ferne die Heimat verlassen müssen, und sich gleichzeitig geradezu zu schämen, die eigene Heimat als Heimat zu bezeichnen.

Was wissen wir über unsere Heimat? Kennen wir ihre Geheimnisse, ihre Mysterien? An der Pazifikküste Perus erzählten mir eines Abends peruanische Freunde vom mysteriösen Riesenfisch im »La Raya«-Berg. Ich revanchierte mich mit der Sage vom Riesenfisch im Staffelberg. Und ich erzählte, wie ich in meiner Jugend gemeinsam mit meinem Vater (1) den Staffelberg erkundet habe. Wir suchten und fanden immer wieder Reste einer komplexen Wallanlage, die vor rund 2200 Jahren von den Kelten angelegt worden ist. Auf dem Hochplateau hatten die Kelten einst eine wehrhafte Festung angelegt.

Foto 3: Staffelberg, historische Ansichtskarte  von 1926

Heimatforscher Konrad Radunz über den Staffelberg (2): »Seine überragendste Bedeutung erhält der Berg aber wohl durch die Tatsache, daß er über Jahrtausende hinweg von Menschen besiedelt war und in verschiedenen Epochen der Vorzeit auch befestigt war.« Weiter schreibt Radunz (3): »Während der Besucher des Berges heute von seiner landschaftlichen Schönheit angezogen wird, war es früher das Sicherheitsbedürfnis des Menschen, das ihn vor Zeiten veranlasste, die Hochfläche des Berges aufzusuchen.«


Foto 4: Frater Heinrich vor Klause und Kapelle. Historische Ansichtskarte

Die ältesten Funde, die man auf dem Plateau des Staffelbergs machte, sind rund 12000 Jahre alt! Besiedelt wurde der Tafelberg in der Jungsteinzeit, also von etwa 5500 bis 3800 Jahren. Zu einer regelrechten Festung bauten die Kelten den Staffelberg aus. Wie imposant die Verteidigungsanlage um das Plateau einst war lassen die Spuren einer einst 4,50 dicken Mauer erahnen. Freilich gehen die Ursprünge dieses Befestigungssystems in weit ältere Zeiten zurück, nämlich (4) »bis in die ausgehende Steinzeit, ca. 1800 v.Chr.«

In den 1960er Jahren erkundete ich – mit meinem Vater Walter Langbein sen., aber auch allein – den Staffelberg. So manches Mal kletterte ich querfeldein bis zum Plateau empor und stieß immer wieder auf Spuren der alten Wälle. Freilich war der Staffelberg nicht nur, und das über einen Zeitraum von Jahrtausenden, von militärischer Bedeutung. Konrad Radunz weist auf »die religiöse Bedeutung des Staffelberges« hin (5):

»Während die ehemals überragende Bedeutung des Staffelbergs im Bereich der Besiedlung, Verteidigung und wahrscheinlich auch der Administration in vollkommene Vergessenheit geraten ist, lebt die religiöse Überlieferung im Volke unvermindert nach. Abgesehen von zahlreichen Sagen, die sich heute noch um den Berg ›ranken‹ und auf eine starke mythische Bedeutung der ehemaligen Siedlung schließen lassen, besitzt der Berg heute noch eine starke religiöse Ausstrahlungskraft.«

Foto 5: Adelgundiskappe und Klause. Historische Ansichtskarte

Heutige Besucher des Staffelbergs blicken vom Plateau hinab ins Maintal, das Viktor von Scheffel anno 1859 besungen hat: »Zum heil´gen Veit von Staffelstein komm` ich emporgestiegen und seh´ die Lande um den Main zu meinen Füßen liegen. Vom Bamberg bis zum Grabfeldgau umrahmen Berg und Hügel die breite, stromdurchglänzte Au – ich wollt´, mir wüchsen Flügel. Vallerie …« Die schlichte Kapelle findet kaum Beachtung, die einstige Klause lädt zu einem kleinen Imbiss und zu gutem fränkischen Bier ein.

Die »Adelgundiskapelle« freilich kann uns an vorchristliche, ja keltische Zeiten erinnern. Sigrid Radunz gibt in ihrer Broschüre »Der Staffelberg« eine interessante Legende wieder (6) : »Wie die Kapelle auf den Staffelberg kam«. Sie schreibt: »Man weiß nicht genau, wann die erste Kapelle auf dem Staffelberg errichtet wurde, doch man erzählt sich, daß die Stelle auf der dieses Gotteshaus heute steht, durch ein Wunder bestimmt wurde. Ursprünglich wollte man nämlich die Kirche auf dem Alten Staffelberg bauen. Jede Nacht aber trugen Engel die Bausteine und alles Material, das auf dem Bauplatz lag, auf den Staffelberg. Selbst als die Wände schon ein Stück emporgemauert waren, fand man am nächsten Tag dieses Mauerwerk auf dem Plateau des Staffelberges. Schließlich entschloß man sich, der Kapelle den Platz zu geben, den der Himmel für sie ausersehen hatte.« Die Frage, die sich uns stellt: Warum hatte »der Himmel« nachhaltiges Interesse daran, dass die Adelgundiskapelle just dort errichtet wurde, wo sie heute steht?

Foto 6: Blick auf den Staffelberg.
Ein Rabe, so heißt es in einer anderen Legende (7) griff beim Bau der Adelgundiskapelle ein: »Als besondere Schwierigkeit beim Bau der Kapelle erwies sich, daß man Baumaterialien wie Sand und Wasser erst vom Tal auf den Berg transportieren mußte. Da fiel einem Maurer auf, daß häufig ein Rabe zur Baustelle kam, der aus seinem Schnabel Sand rieseln ließ. Der neugierige Arbeiter folgte unbemerkt dem Vogel und beobachtete, daß dieser in das Querkelesloch flog. Als der Mann nachforschte, fand er am Boden der Höhle Dolomitensand.«

Einst wurde auf dem Staffelberg die Statue der »Heiligen Adelgundis« verehrt. Auf ihrem Haupt saß ein Rabe. Nach christlicher Interpretation stellte der Vogel freilich den Heiligen Geist dar, auch wenn er weniger einer Taube als einem Raben ähnelt. Ein Kelte freilich würde die Statue auf seine Weise interpretieren. Für ihn wäre die Heilige Adelgundis mit dem Vogel eine keltische Göttin, etwa Badb, Morrigan, Macha oder Nemain.

Der Name der Göttin Badb lässt sich mit »Kampfesmut« übersetzen, Adelgundis bedeutet »edle Kämpferin«. Sollte es sich also bei Adelgundis um die keltische Göttin Badb in christlichem Gewand handeln? Bleiben wir am Ball, besser gesagt an der Göttin. Die keltische Göttin Morrigan – Attribut Rabe – erscheint als weibliche Trinität, als Fruchtbarkeitsgöttin Anu, als Muttergöttin Badb und als Todesgöttin Macha, kurz als heidnische Dreifaltigkeit! In keltischen Gebieten des »Imperium Romanum« gab es den Typus der Muttergottheiten, Matronen genannt. Häufig traten die himmlischen Damen als Trinität auf (Foto 7, weiter unten!).

Die keltische Göttin Macha, Attribut Rabe, spielt eine wichtige Rolle in der Mythologie Irlands. Ihr Name geht auf die indogermanische Wurzel »magh« zurück, zu Deutsch »kämpfen«. Ist also Adelgundis, zu Deutsch »edle Kämpferin«, die christliche Version der keltischen Göttin Macha? Da verwundert es mich nicht, dass auch Nemain, Attribut, eine Göttin des Kampfes war! Ist es ein Zufall, dass der Adelgundis, der »edlen Kämpferin« ein rabenartiger Vogel beigestellt wird, so wie den keltischen Göttinnen Badb, Morrigan, Macha und Nemain?

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (8).

Der Rabe ist offensichtlich sehr wichtig in der keltischen Welt der Göttinnen und Götter (9): Der germanische Gott Odin (Wotan), Gott der Weisheit und der Schlachten, konnte sich gelegentlich in einen Raben verwandeln. Außerdem führte er immer »Munin« und »Kunin« mit sich, zwei Raben, die er jeden Tag ausschickte um zu erfahren, was in der Welt Wichtiges geschah. Odin war der höchste Gott der Germanen und deshalb waren ihnen die Raben heilig. Sie verehrten sie als Göttervögel.

Foto 7: Keltische Matronen-Göttinnen.

»Heimat, deine Kelten«… Besinnen wir uns unserer kulturellen Wurzeln. Was wissen wir über unsere Heimat? Erkunden wir unsere Heimat! Gibt es auch bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Spuren der Kelten? Gibt es auch bei Ihnen in Kapellen und Kirchen Hinweise auf »Heilige«, die als keltische Göttinnen in christlichem Gewand identifiziert werden können? Es lohnt sich zu recherchieren, zum Beispiel in altehrwürdigen Gotteshäusern, aber auch in Museen und Bibliotheken. Sagen aus alten Zeiten enthalten oft verschlüsselte Hinweise auf eine Vergangenheit, die vielleicht schon bald verdrängt und vergessen sein wird!

Fußnoten
1) Walter Langbein sen. (1924-2005)
2) Radunz, Konrad: »Der Staffelberg, eine antike Befestigung am Obermain«, »Heimatbeilage zum Amtlichen Schulanzeiger des Regierungsbezirks Oberfranken«, Bayreuth im Juli 1971, Nr. 36, Titelseite, Zeilen 11 – 13 von unten
3) ebenda, Seite 2, Zeilen 1-3 von unten und Seite 3, 3. Zeile von unten
4) ebenda, Zeile 10 von unten
5) ebenda, Seite 23, Zeilen 1-7 von unten
6) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg«, Lichtenfels 1983, Seite 19 unten und S. 20 oben
7) ebenda, S. 20: »Der hilfreiche Rabe«
8) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
9) »Planet Wissen«/ Harald Brenner, ARD, http://www.planet-wissen.de,  Stand 23.10.2014


Zu den Fotos
Foto 1: Geoglyphen in der Atacamawüste, Chile. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Staffelberg, historische Ansichtskarte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Staffelberg, historische Ansichtskarte  von 1926. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Frater Heinrich vor Klause und Kapelle. Historische Ansichtskarte, Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Adelgundiskappe und Klause. Historische Ansichtskarte , Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Keltische Matronen-Göttinnen. Foto wiki commons/ Mediatus


Walter-Jörg Langbein
397 »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  397 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.8.2017


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)